Historisch betrachtet, haben technologische Fortschritte sich auf die wirtschaftlichen Entwicklungen, das gesellschaftliche Zusammenleben sowie auf politische Systeme und Einstellungen ausgewirkt. Vor allem seit dem Beginn der industriellen Revolution gegen Anfang des 19. Jahrhunderts gewannen die Erfindungen an Schlüsseltechnologien an bis dahin beispielloser Dynamik. Der russische Wissenschaftler Nikolai D. Kondratieff beschrieb in einer Abhandlung, dass diese Innovationen in Abständen zwischen 40 und 60 Jahren auftreten. Bisher gab es fünf dieser so genannten Kondratieff-Zyklen – und die sechste ist bereits ausgelöst.

Der russische Wirtschaftswissenschaftler Nikolai D. Kondratieff veröffentlichte 1926 ein Essay mit dem Titel „Die langen Wellen der Konjunktur“. Die darin vorgestellte Theorie der langen Konjunkturwellen wurde später von dem österreichischen Ökonomen Joseph Alois Schumpeter als „Kondratieff-Wellen“ bezeichnet. Schumpeter prägte in diesem  Zusammenhang den Begriff „Basisinnovation“. Demnach ist nicht nur die reine Erfindung ausschlaggebend, sondern auch die durchgreifende, ökonomisch nutzbare technische Innovation. Bisher gab es folgende fünf Kondratieff-Wellen, wie in Folgendem kurz dargestellt:

1.     Die erste hat um 1800 mit der Dampfmaschine die „industrielle Revolution“ eingeleitet. Diese Zeitperiode wird gelegentlich auch als „Dampfmaschinen-Kondratieff“ bezeichnet. Übrigens wird eine zweite wichtige Innovation in diesem Zusammenhang oft vernachlässigt, nämlich der mechanische Webstuhl. Die Revolutionierung der Textil- und Bekleidungsindustrie nimmt ebenfalls eine bedeutende Rolle ein.

2.     Mit dem als „Eisenbahn-Kondratieff“ bezeichneten Zyklus begann gegen Mitte des 19. Jahrhunderts die so genannte zweite industrielle Revolution. Hierbei verhalf die Erfindung der Dampflokomotive zu bis dahin ungeahnten Möglichkeiten, da nun viel größere Mengen an Waren relativ schnell befördert werden konnten. Eine weitere bedeutungsvolle Innovation zu jener Zeit war der (Morse-Schreib-)Telegraph, da damit sehr viel schneller kommuniziert werden konnte.

3.      Der dritte Zyklus begann gegen Ende des 19. Jahrhunderts und wurde durch die elektrotechnische und chemische Industrie geprägt. Die einsetzende Elektrifizierung ermöglichte die infrastrukturelle Bereitstellung von elektrischem Strom. Die damit einhergehende Innovation der drahtlosen Funkübertragung verhalf der Kommunikationstechnologie zu einem erneuten Schub. Bis zum zweiten Weltkrieg entstanden u.a. der Elektromotor und das Radio. Ford leitete eine Epoche ein, in der sich die Effizienz der Massenproduktion durch den Fließbandeinsatz extrem steigerte.

4.     Um Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die Grundlagen für Computerprozessoren der heutigen Form gelegt und erste Industrieroboter eingesetzt. Der vierte Kondratieff-Zyklus wurde durch die Kunststofftechnik, die Petrochemie, das Fernsehen, die Kernenergie und die Raumfahrt geprägt. Dem Automobil kommt eine besondere Rolle zu, da sie nun für den Massenmarkt hergestellt wurden und die individuelle Mobilität damit einen sprunghaften Aufschwung erfuhr.

5.     Gegen Ende des 20. Jahrhunderts gab das Zeitalter der Informations- und Kommunikationstechnologie den Anstoß für den fünften Kondratieff-Zyklus. Das Internet und der Mobilfunkt verbreiteten sich in unserer globalisierten Welt rasch. Mobile Telefone und Laptops schafften es, sich binnen weniger Jahre als Alltagsgegenstände zu etablieren. Die weltweite Verbreitung war im Vergleich zu den vorherigen Zyklus-Technologien in einem sehr rasanten Tempo zu beobachten.

Nun stellt sich die Frage, wann der sechste Kondratieff-Zyklus beginnt und welche Technologien sie ausmachen werden. Der renommierte Kondratieff-Forscher und angesehene Vordenker der Informationsgesellschaft Leo A. Nefiodow veröffentlichte 1996 ein Buch mit dem Titel: „Der sechste Kondratieff – Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information“. Hierbei geht er von der These aus, dass das Schlagwort für den sechsten Zyklus „Psychosoziale Gesundheit“ lauten wird. Übrigens sieht er auch die Umweltzerstörung als eine psychisch-geistige Störung und Erkrankung in diesem Zusammenhang an. Um investmentbezogen von diesem sechsten „Gesundheits-Kondratieff“ zu profitieren, nennt er als Branchen unter anderem die Biotechnologie, die Medizintechnik, die Pharmazeutik und Krankendienstleistungen. Daneben erwähnt er u.a. auch Alternative Energien.

An einer (nicht-repräsentativen) Umfrage, die wir im März dieses Jahres auf einer Finanzmesse durchgeführt haben, wurden insgesamt 42 Besucher gefragt, welche Technologien ihrer Meinung nach sich in den nächsten Jahren zu Megatrends entwickeln bzw. eine bedeutende Rolle an den Märkten spielen werden. Welche Antworten hätten Sie gegeben? Falls zu Ihren Antworten die Gebiete Alternative Energien, Pflege und Gesundheit, Umweltschutz und/oder Elektroautos zählen, dann stimmen mit 35 Personen (bzw. 83 %) überein. Die restlichen sieben Teilnehmer haben überdies noch die Nanotechnologie, die Unterhaltungselektronik (Online- und Konsolenspiele), 3 D-Technologien sowie 3 D-Drucker genannt.

Der sechste Kondratieff-Zyklus wird voraussichtlich nicht nur auf der Erfindung neuartiger Basisinnovationen beruhen, sondern vor allem auf der Weiterentwicklung bereits vorhandener Technologien. Für den geduldigen Anleger, der langfristige Investitionen in Zukunftsmärkte vornehmen möchte, kann sich beispielsweise ein Blick auf Aktien in Bezug auf Spracherkennungs-Software, gestikulare Bedienung von Computern durch Sensoreneinsatz oder Heim- und Service-Roboter lohnen. Möglicherweise werden sogar neue wissenschaftliche Erkenntnisse für neue Innovationsschübe sorgen, die wir uns momentan gar nicht vorstellen können. Wenn es beispielsweise gelänge Quantencomputer zu bauen, könnte dieser Berechnungen in unvorstellbarer Schnelligkeit vornehmen und für eine Revolution in der Welt der Informatik sorgen. Ob es sich beim Quantencomputer nur um ein theoretisches Modell handelt, oder ob er eines Tages auch tatsächlich praktisch genutzt werden kann, wird sich noch zeigen.

Bei Anwendung einer einfachen linearen Extrapolation sollte der nächste Kondratieff- Zyklus gegen 2030 beginnen. Aufgrund immer kürzer werdender Innovationszyklen wird diese Prognose wohl nicht zutreffen. Schon heutzutage sehen wir, wie das „Internet der Dinge“, selbstparkende Autos oder sprachgesteuerte mobile Endgeräte Einzug in unseren Alltag gefunden haben. Der Anleger, der in derartige Wachstumsbranchen in Aktienform investieren möchte, sollte die Grundsätze des klassischen Value-Investings auch hierbei anwenden: der Geschäftszweig sollte weitgehend konjunkturunabhängig sein, das Unternehmen eine gesunde Finanzstruktur und eine gute Wettbewerbsposition aufweisen, und der Aktienkurs sollte günstig, oder zumindest „fair“, bewertet sein. 


Fazit: Auch wenn sie noch nicht so hoch schlägt, befindet sich die sechste Welle schon im Entstehen. Die Chance, sie zu erkennen und in bevorstehende Megatrends zu investieren, ist für den weitsichtigen Langfristanleger gegeben.