Bei dem Erwerb einer Staatsanleihe durch eine Bank liegt der Vorgang „Ankauf eines Vermögenswertes durch eine Bank“ vor (siehe hier: Analyse Geldmengenänderungen). Dabei entsteht normalerweise Giralgeld, doch im Falle der Staatsanleihe erst, wenn der Staat eine Überweisung tätigt. Dieser Vorgang bedarf einer näheren Erklärung.

Fortsetzung von:

Die Staatsanleihe – ein ganz besonderes Konstrukt Entstehen, Wirkung, Verwendung und Vergehen (Teil 1) (Helmut Reinhardt)

Der geldtechnische Ablauf der Giralgeldentstehung bei Staatsanleihen

Im Gegensatz zu den Nichtbanken verfügt der Staat über ein Konto bei der Zentralbank. Die Bieterbanken überweisen den Betrag der erworbenen neuen Staatsanleihen zwei Tage nach der Auktion auf das Staatskonto. Bezahlt wird mit der Barreserve. Vom Staatskonto werden die Überweisungen an die vielen verschiedenen Konten bei Banken getätigt, die unter anderem auch bei den Bieterbanken liegen. Das zunächst überwiesene Zentralbankgeld wird noch am gleichen Tag wieder an die Banken zurück überwiesen.

Abb 1: Ablauf der Geldströme und Geldentstehung bei Emission von Bundesanleihen

Schritt 1:

Die Bieterbanken überweisen Zentralbankgeld an das Staatskonto.

Schritt 2:

Der Staat begleicht offene Rechnungen.

Ergebnis a:)

Das Zentralbankgeld kehrt zurück auf die Zentralbankkonten der Geschäftsbanken

Ergebnis b:)

Zeitgleich mit der Überweisung des Zentralbankgeldes und Verbuchung der Bezahlung offener Rechnungen bei Nichtbanken entsteht  Geschäftsbankgiralgeld bei Gutschrift auf dem Girokonto der Nichtbank.

Der Transfer von Zentralbankgeld auf das Staatskonto hat Vorteile bei den sich anschließenden Überweisungen, die vom Staatskonto auf die Zentralbankkonten der verschiedenen Banken erfolgen.

Zunächst entfällt die Notwendigkeit der Girokontenführung bei vielen verschiedenen Geschäftsbanken. Weiterhin wäre es sehr aufwendig für die Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH als Beauftragte des Bundes, die vielen verschiedenen Überweisungen von zahlreichen Girokonten bei verschiedenen Geschäftsbanken zu veranlassen. Eine umfangreiche Verwaltung wäre notwendig, um den Ausgleich zwischen den Konten zu bewerkstelligen.

Das Staatskonto bei der Zentralbank vereinfacht den Ablauf für die Finanzagentur GmbH erheblich. Es muss nicht nachgeschaut werden, auf welchem Konto noch welcher Restbetrag vorhanden ist, auf welchen Konten Beträge zusammengefasst werden, damit größer Beträge mit einer Überweisung durchgeführt werden können. Ein zusätzlicher Vorteil besteht in der zeitlich sofortigen Ausführung von Überweisungen, ohne dass die üblichen Überweisungslaufzeiten entstehen.

Wird das Verfahren in einer Bilanz- und Geldmengengrafik dargestellt, wird sichtbar, dass neues Giralgeld entsteht und die Barreserve (Zentralbankgeld) der Geschäftsbanken zunächst abnimmt, um sich dann wieder zu erhöhen.

Abb 2: Bilanzänderungen in der Gesamtbilanz aller Banken

Schritt 1:

Die Bieterbanken überweisen Zentralbankgeld an das Staatskonto.

Schritt 2:

Der Staat begleicht offene Rechnungen.

Ergebnis a:)

Das Zentralbankgeld kehrt zurück auf die Zentralbankkonten der Geschäftsbanken

Ergebnis b:)

Zeitgleich mit der Überweisung des Zentralbankgeldes und Verbuchung der Bezahlung offener Rechnungen bei Nichtbanken entsteht  Geschäftsbankgiralgeld bei Gutschrift auf dem Girokonto der Nichtbank.

Buchungssatz innerhalb der Zentralbank:

Zentralbankkonto Staat an Zentralbankkonto Geschäftsbank.

Buchungssatz innerhalb der Geschäftsbank:

Zentralbankkonto an Girokonto Nichtbank.

Am Tagesende stehen dem geschaffenen Giralgeld die Staatswertpapiere gegenüber. Es entsteht das gleiche Bild wie beim Ankauf von Vermögenswerten:

Abb 3: Bilanzänderungen in der Gesamtbilanz aller Banken vor und nach einer Auktion von Staatsanleihen

Nach der Auktion und seiner vollständigen Abwicklung hat sich die Geldmenge M1 erhöht. Liquide Zahlungsmittel stehen den Wirtschaftsteilnehmern zur Verfügung, die das Giralgeld aus den Staatsüberweisungen durch die Geschäftsbanken erhalten haben. Die Geldmenge M0, das Interbankengeld als auch das Bargeld ist unverändert, nur das Giralgeld ist um den Zuteilungsbetrag angestiegen.

Abb 4: Veränderung der Geldmenge nach der Auktion

Für Bieterbanken verursacht die Emission neuer Staatsanleihen keinerlei Probleme, solange es sich um Papiere mit gutem Rating (AAA bis AA-) handelt, da diese Staatswertpapiere keine Erhöhung des Eigenkapitals erfordern.

Zwei Regeln begrenzen die Möglichkeit zur Kreditvergabe und somit die Möglichkeit zur Giralgeldschöpfung einer Geschäftsbank:

1. Die Erfüllung der Mindestreservevorschrift.

2. Die Erfüllung der Eigenkapitalanforderung.

Im Falle einer Unterschreitung der Mindestreservevorschrift von zwei Prozent im EZB-Raum können Staatsanleihen bei der Zentralbank in Pension gegeben und in Barreserve gewandelt werden. Die Staatsanleihen verbleiben im Eigentum der Banken und stellen für die Zentralbank lediglich eine hinterlegte Sicherheit (Pfand) dar.

Solange also eine Staatsanleihe bei einer Bank liegt, kann diese ihren Nutzwert ausüben, womit nicht der Zins gemeint ist, sondern die Möglichkeit, die Anleihe bei Bedarf im Zuge eines Wertpapierpensionsgeschäft als Quelle neuen Zentralbankgeldes einzusetzen.

Es bleibt festzuhalten, dass jegliche Neuverschuldung durch Staaten die Geldmenge M1 (Geld, das der Wirtschaft zur Verfügung steht) erhöht. Doch Staatsanleihen sind mit einer Laufzeit versehen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass die Tilgung einer Staatsanleihe am Laufzeitende die Geldmenge M1 wieder absinken lässt. Beim Vergehen einer Staatsanleihe läuft somit in umgekehrter Folge der Vorgang der Entstehung ab.

Das Staatskonto wird mit Zentralbankgeld durch Überweisungen von Kommunen und Ländern als auch von den Finanzämtern aufgefüllt. Bei diesem Vorgang reduziert sich das Geschäftsbankgiralgeld als auch die Barreserve der jeweiligen Bank. Bei Tilgung einer Staatsanleihe wird das Zentralbankgeld an die Geschäftsbanken zurückgeführt, zeitgleich buchen die Banken das Staatspapier aus. Demnach wird mit diesem Vorgang Geschäftsbankgiralgeld aus dem System entfernt. Die Höhe der Barreserve (Zentralbankgeld) bleibt hingegen konstant.

Da es zur Zeit und wohl auch in nächster Zukunft kaum einem Staat gelingen wird, Staatsschulden abzubauen, werden abgelaufenen Staatsanleihen stets erneuert.

Eine fällige Anleihe wird einfach durch eine Neuemission ersetzt, was nichts anderes als einen Schuldscheinwechsel bedeutet. Zusätzliches Geld erhält der Staat nur durch eine Erhöhung der Neuverschuldung. Als passender Vergleich kann ein Hypothekenkredit herangezogen werden, dessen Zinsbindungsfrist ausläuft. Durch den Abschluss eines Kredits über die Restsumme erhält der Schuldner ebenfalls kein neues Geld (z.B. für Konsumzwecke), sondern handelt es sich viel mehr nur um eine Kreditverlängerung. In der Finanzfachsprache wird dieser Vorgang auch „prolongieren“ genannt.