"Die Bäume wachsen nicht in den Himmel". Diese Börsenweisheit wird meist herangezogen, wenn die Kurse permanent steigen und anscheinend kein Halten kennen. Doch irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht, und die Märkte konsolidieren. In der Kapitalmarktforschung wird die Theorie, dass sich die Märkte nach Übertreibungsphasen wieder korrigieren, als Mean Reversion (Rückkehr zum Mittelwert) bezeichnet.

André Kostolany verglich das Verhältnis von Wirtschaft und Börse zueinander mit dem Spaziergang eines Mannes mit seinem Hund. Der Mann, der in diesem Bild die Wirtschaft darstellt, geht langsam vorwärts und der Hund bzw. der Börsenkurs rennt vor und zurück. Das Herrchen stellt quasi den Mittelpunkt dar, an dem sich der Hund orientiert. Die so genannte Mean-Reversion-These in der Behavioral Finance funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Danach kehren die Finanzmärkte wieder zu einer mittleren Bewertung zurück. Sie bewegen sich quasi in einem mittleren Band um ihren langfristigen Trend. Auf extreme Kursentwicklungen folgen Kurskorrekturen. Die konstant auftretenden Wellen von Überoptimismus bzw. -pessimismus sorgen damit für Übertreibungsphasen nach oben oder unten, wobei die jeweiligen Kurse irgendwann wieder zum Mittelwert zurück tendieren.

Vor allem in einer Gemengelage, wie sie in den letzten Wochen und Monaten zu beobachten ist, rücken Mean-Reversion-Strategien vermehrt in den Fokus. Die Kurse schwanken stark und erschweren eine Positionierung und Risiko-Management-Maßnahmen - wie die Wahl der Stop-Loss-Marke - deutlich. Wenn sich die Kurse dann zudem noch ohne die Untermauerung wirklich relevanter und harter Fakten nicht nachvollziehbar überschlagen, entsteht die undurchsichtige Mixtur, die die Investoren stark verunsichert. Beispielsweise sind die Spekulationen um die Zypern-Krise oder den Einbruch beim Goldpreis in ihrer Meinungsvielfalt sehr breit gefächert. Den Rückgang des Goldkurses betreffend, reichen die vehement verteidigten Argumente seitens verschiedener Experten in den Medien, von vermeintlichen Verschwörungstheorien, bei denen die Zentralbanken den Markt gezielt manipulieren, bis hin zu rein technischen Gründen, wie etwa sehr dünnen Handelsvolumina, wobei fundamentale Gründe angeblich nicht die geringste Rolle spielen. Der Anleger sieht sein Erklärungsbedürfnis in einer solchen Nachrichtenkonstellation nicht ausreichend befriedigt. Bekanntlich mag die Börse ja keine Unsicherheit. In solchen Phasen wird gerne Ausschau nach neuartigen Anlagemöglichkeiten gehalten.

Seit dem Lehman-Schock 2008 sind die Investoren verstärkt auf der Suche nach innovativen Strategien, die nicht alleine abhängig von steigenden Märkten sind, sondern auch von Kursrückgängen profitieren können. Die Möglichkeit verschiedener Anlageklassen in Übertreibungsphasen ebenfalls auf fallende Kurse setzen zu können, macht "Mean-Reverting-Strategies" gefragt. Zahlreiche Strategien und Handelsmodelle auf unterschiedlichste Basiswerte, zu denen zum Beispiel auch die so genannten Volatilitäts-Strategien gehören, haben die Rückkehr zum Durchschnitt zur Grundlage. Fonds, die mit derartigen Herangehensweisen werben, weisen gerne auf den börsenpsychologischen Hintergrund hin. Meistens wird beim Interessenten auch eine Art Bauchgefühl angesprochen, das mit dem Glauben an ein universelles "Gesetz des Ausgleichs" verbunden ist. Jedoch sollten die potentiellen Schwachpunkte von Mean-Reversion-Prozeduren nicht außer Acht gelassen werden.

Dazu zwei konkrete Beispiele: Ein beliebter Orientierungswert für die Strategie ist die 200-Tage-Linie als Gleitender Durchschnitt. Wenn ein Handelsmodell darauf ausgerichtet ist, vom aktuellen Stand der 200-Tage-Linie aus gesehen, zu shorten (auf fallende Kurse zu setzen), wenn der Abstand nach oben über 10 Prozent liegt und entsprechend long zu gehen (auf steigende Kurse zu setzen), falls der Abstand nach unten die 10 Prozent übersteigt, könnte das bereits eine sehr einfache Mean-Reversion-Strategie darstellen. Der Goldpreis hat diese 10-Prozent-Grenze nach unten Mitte April erreicht. Der Kurs ist daraufhin gleich erneut abgesackt, und der Abstand lag bei seinem Jahrestief von 1351 Dollar bei ca. 18,5 Prozent. Ein gutes Beispiel dafür, dass etwas, das schon weit gefallen ist, dennoch weiter fallen kann.

Der DAX hat die 200-Tage-Linie Anfang Juli bei ca. 6150 Punkten nach oben durchbrochen und seitdem liegt der Index stets darüber. Bei den etappenweisen Höchstkursen lag der Abstand im September 2013 bei ca. 10,3 Prozent, im Januar bei ca. 12,5 Prozent und während des Jahreshöchstkurses von 8058 Punkten bei ca. 12,3 Prozent. Für einen Short eingestellten Kurzfrist-Trader, dessen Anlagehorizont auf ein paar Wochen, gar auf wenigen Tagen liegt, hätte diese Strategie lukrativ sein können. Jedoch für einen mittel- bis langfristig orientierten Trader, der mit seinem Verkauf wartet bis die Linie wieder nach unten durchbrochen wird, hätte die Strategie für einige Fehlsignale bzw. Verluste gesorgt. Die große Gefahr bei Mean-Reversion-Modellen kann darin liegen, dass nicht immer hinreichend berücksichtigt wird, dass sich der Durchschnittswert mit einem Aufwärtstrend ebenfalls nach oben verschiebt.

Für komplexe systemtheoretische Gebilde wie die Börse bzw. die Globalwirtschaft, die sich zudem mit enormer Dynamik verändern, scheint die Berechenbarkeit der Kurse mit einer auf Mittelwerte orientierten Formel womöglich sehr gewagt. Der in den 90er Jahren umjubelte LTCM-Hedgefonds (von 1994 bis 1997 lagen die Gewinne zwischen 17,1 und 42,8 Prozent) ist das bekannteste Exempel dafür. Im Zuge der Russland-Krise 1998 schrumpfte das Vermögen des Fonds von sieben Milliarden Dollar auf vier Milliarden Dollar. Die FED musste einen privaten Rettungsplan organisieren, um einen "unermesslichen Schaden" abzuwenden. Die "läppischen" 3,6 Milliarden Dollar, die ein Bankenkonsortium aufbrachte, um 90 Prozent der Vermögenswerte zu erwerben, ringen, verglichen mit den heutigen Zuständen, wohl allenfalls ein Schmunzeln ab.

Grundsätzlich hat der Mean-Reversion-Gedanken seine Bewandtnis und ist nicht völlig zu kritisieren. Beobachtungen auf ihrer Basis als alleinige Entscheidungsgrundlage heranzuziehen, kann mit hohen Risiken verbunden sein. Doch sie als einen Faktor unter vielen zu sehen und in einen weiter reichenden Kontext einzubinden, kann hingegen sehr hilfreich sein. Wenn der DAX beispielsweise in einigen Tagen / Wochen das Allzeithoch knacken sollte, begeisterte bis euphorische Stimmung herrscht, die Mainstream-Medien nur positive Nachrichten dominieren und negative Meldungen schlichtweg ignoriert werden sowie die Märkte technisch überkauft sind, dann kann ein Abstand zur 200-Tage-Linie, der beispielsweise bei über 12 Prozent liegt, ein zusätzliches und wichtiges Argument sein, von demnächst fallenden Kursen auszugehen.

Fazit: Allgemein sollte der Mean-Reversion-Ansatz zwar berücksichtigt, aber nicht überbewertet werden. Denn ein Durchschnittswert lässt sich im Nachhinein mathematisch immer berechnen. Viel wichtiger ist in diesem Zusammenhang die Feststellung des Ökonomen John Maynard Keynes, der sagte: "Die Märkte können länger irrational bleiben, als Du solvent."