Wir alle kennen diese berühmten Börsenweisheiten. Sie können witzig, philosophisch, altmodisch oder unterhaltsam sein. Manche schaffen es sogar alle diese Eigenschaften in einem Spruch zu vereinen. Einer der ersten, der diese Weisheiten populär machte, war der Börsenguru André Kostolany. Dieses ungarisch-amerikanische Börsenoriginal vermittelte der Öffentlichkeit erstmals das Finanzmarktgeschehen auf eine unterhaltsame Art und Weise. Dafür nutzte er unter anderem seine Börsenweisheiten. Doch was steckt hinter diesen Weisheiten? Sind es nur amüsante Sprüche ohne nennenswerten Hintergrund, oder kann man diese Börsenweisheiten auch bei realen Investments erfolgreich anwenden?

„Die Börse hängt nur davon ab, ob es mehr Aktien gibt als Idioten - oder umgekehrt.“

André Kostolany

Dieses berühmte Zitat von Kostolany ist vielen bekannt. Doch beinhaltet es keine anwendbare Weisheit, mit der ein Anleger direkt etwas anfangen könnte, außer darüber nachzudenken oder sich zu amüsieren. Sie werden sicherlich auch ein paar dieser sogenannten Börsenweisheiten kennen; genug davon gibt es ja. Meist werden diese lediglich zur Kenntnis genommen, jedoch nicht weiter über deren Sinn nachgedacht. Oft ist dies allerdings auch nicht erforderlich, denn viele dieser alten Weisheiten hatten einst eine solide Grundlage, welche heutzutage jedoch kaum noch einen praktischen Nutzen hat.

„Aktien kaufen und Baldrian trinken. Wenn sie wieder aufwachen haben sie Geld verdient“

„Wer viel Geld hat, kann spekulieren. Wer wenig Geld hat darf nicht spekulieren. Wer kein Geld hat, muss spekulieren“

André Kostolany

Aber es existieren auch Weisheiten an der Börse, die nachweislich einen praktischen Nutzen haben können. Werden diese als eine Art „Richtlinie“ betrachtet, können sie jedem Investor helfen das eingesetzte Geld zu vermehren. Als beispielsweise vor wenigen Monaten die Kurse der Automobilhersteller entgegen dem Aufwärtstrend an der Börse fielen, war dies eine große Chance für antizyklische Anleger. Mit Investments in die stark konjunkturabhängige Autobranche konnten hohe Kursgewinne über die letzten sechs Monate erzielt werden. Antizyklische Investments sind eine wichtige Anlagestrategie und werden mit folgender Börsenweisheit beschrieben:

„Man muss einer Börsentendenz entgegen gehen, nicht nachlaufen“

Es gibt noch weitere brauchbare alte Börsensprüche, die ihre Gültigkeit und praktische Anwendbarkeit bis heute bewiesen haben. Ein weiteres Beispiel ist die Weisheit: „Kaufe das Gerücht und verkaufe die Fakten – buy the rumor and sell the fact!“. Oder die eisern zu befolgende Regel der Anlage-Disziplin an der Börse: „Gewinne laufen lassen, Verluste schnell realisieren.“

„The first cut is the cheapest“

Es existieren also einige Börsenlehren, die auch heute noch als Investment-Leitfaden genutzt werden können. Doch der wohl wichtigste Leitfaden der Börse ist der Satz:  

„Sell in May and go away“

Empirische Studien haben längst belegt, dass das Winterhalbjahr von Ende Oktober bis April an den Börsen viel besser läuft, als die Sommermonate von Mai bis Oktober. Hätte ein Anleger in den letzten 50 Jahren jährlich seine Aktien Ende April verkauft und dieses Kapital im Oktober wieder an den Börsen angelegt, so hätte er aus 10.000 US-Dollar sage und schreibe 544.000 US-Dollar gemacht. Hätte er allerdings umgekehrt gehandelt, wäre sogar ein Verlust für diesen Investor angefallen. Es gibt gute Gründe, die unabhängig der Marktpsychologie, das Phänomen steigender Kurse erklären.

Grundsätzlich liegen die Wurzeln dieser dauerhaft wiederkehrenden Marktbewegungen im Mittelalter. Der Rhythmus unserer modernen Volkswirtschaft basiert auf dem jahrhundertealten Kreislauf - Säen im Frühjahr und Ernten im Herbst. Dieser Rhythmus ist der internationalen Wirtschaft erhalten geblieben. So beginnt in Großbritannien das offizielle Fiskaljahr traditionell am 6. April eines Jahres. Auch viele Unternehmen beginnen auf der Insel deshalb ihr Geschäfts- und Fiskaljahr im April. Die Steuerrückerstattungen und Mitarbeitertantiemen werden dann noch gerne im April an den Börsen der Welt reinvestiert.

In den USA beginnt das Steuerjahr bereits am 15. Oktober eines jeden Jahres und am 15. April wiederum wird dort der Lohnsteuerausgleich angewiesen. Aufgrund der steuerlichen Abzugsfähigkeit bestimmter Investments ist der April ein sehr umsatzstarker Monat an den Börsen. Gegen Jahresende ist auch in Kontinentaleuropa ein deutlicher Umsatzanstieg zu verzeichnen, da neue Investment- und Werbebudgets verteilt werden und steuerrelevante Börsenaktivitäten zunehmen. Im Sommer dagegen fürchten Investoren in der Regel die niedrigen Handelsumsätze an den Börsen, die auch aufgrund der Sommerferien unausweichlich sind. Jedoch keine Regel ohne Ausnahme. Im Jahre 2009 wäre es zum Beispiel denkbar schlecht für Investoren gelaufen, hätten diese im April ihre Aktien bei 4769 Dax Punkten verkauft, denn zum Jahresende waren  ansehnliche 5957 Punkten zu verzeichnen.

Im Jahr 2010 hat sich der DAX im Verhältnis zum Stand am Jahresbeginn kaum verändert. Investoren hätten somit nachträglich noch Gelegenheit sich aus dem Aktienmarkt ohne größeren Einbruch bisher unbeschadet zu verabschieden. Ob das Börsenjahr 2010 allerdings wieder der Regel entspricht, ist ungewiss. Einiges jedoch spricht für die Regel, wie die immer noch ungewissen Konjunkturaussichten der Weltwirtschaft nach dem Auslaufen der staatlichen Konjunkturpakete.

Wenn Sie der oben aufgeführte Börsenweisheit folgen, dann vergessen Sie bitte nicht diese zu vervollständigen: „Sell in May and go away, but remember to come back in September”.

Oliver Roth

Chefhändler

Close Brothers Seydler Bank AG

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