Noch gut kann ich mich an einen längeren Vortrag meines Chemielehrers Mitte der 1980er Jahre in der Oberstufe erinnern. Das, worüber er damals referierte, sorgte bei den meisten Schülern und Schülerinnen nicht nur für ein mulmiges Gefühl im Magen, sondern verbreitete schlichtweg Angst. Thema seiner Ausführungen war das Rohöl und seine immer mehr zunehmende Knappheit. Stichwort: Peak Oil. Die Abhängigkeit der modernen Menschheit von Erdölprodukten jeglicher Art sei allumfassend. Nicht nur als Treibstoff, sondern auch in der Medizin und beispielsweise beim Handwerk. Mit dem Ende des Öls würde die Menschheit mehr oder weniger zurückfallen ins Mittelalter, denn kein Energieträger verfüge über eine so hohe Energiedichte wie Erdöl. Es sei schlicht unmöglich, Autos, moderne Schiffe oder schwere Maschinen mit etwas anderem als Öl zu betreiben oder gar einen Jumbo-Jet ohne Kerosin mit einem alternativen Treibstoff in die Luft zu bringen. Die Menschheit ginge viel zu verschwenderisch mit diesem wertvollen Stoff um, denn schließlich würde das schwarze Gold maximal noch bis zum Jahr 2020 reichen, mahnte unser Pauker seinerzeit.

Tatsächlich ist etwas ganz anderes passiert. Die Weltölreserven – also diejenigen Vorkommen, die mit den bestehenden Techniken wirtschaftlich gefördert werden können – sind seit den 1960er Jahren beständig gestiegen und das, obwohl sich Ölverbrauch und -nachfrage weltweit ebenfalls beständig erhöht haben.

Doch auch wenn in den letzten Jahren beständig neue, riesige Ölvorkommen auf der Welt gefunden wurden [1-3], zweifelt kaum jemand an der Hypopthese von der Endlichkeit des Erdöls und seinem kurz bevorstehenden Peak.

Kommen wir an dieser Stelle zum jüngsten Werk des höchst geschätzten Autorenkollegen Frederick William Engdahl. Er vertritt in seinem neuen Buch „Es klebt Blut an euren Händen“ eine völlig andere Meinung. Er hält den Mythos vom Öl als begrenzt vorhandene und rasch zur Neige gehende Energiequelle für eine Erfindung der wenigen britischen und amerikanischen Unternehmen, die den Ölmarkt beherrschen und sieht Parallelen zu den Gewürzkriegen im Mittelalter. Auch damals wurde versucht, die Herkunft der Gewürze geheim zu halten und Ammenmärchen  über ihre angebliche Knappheit wurden verbreitet. Zudem setzte man Lügen über immense Schwierigkeiten hinsichtlich der Gewinnung und Ernte von Pfeffer & Co. in die Welt.

Siehe auch:

Peak Oil oder Oil forever?

 

Äußerst eindrucksvoll, unterhaltsam und angenehm zu lesen, beschreibt Frederick William Engdahl in seinem neuen Buch die Geschichte des letzten Jahrhunderts bis heute und schildert detailliert, wie die anglo-amerikanische Elite mit Hilfe von der Peak-Oil-Theorie und verbrecherischen Kriegen ihre Macht auf der Welt sichert und erhält. Doch gibt er meinem ehemaligen Lehrer Recht: Den Ersatz von Erdöl durch andere, alternative Energieträger hält er für eine utopische Wunschvorstellung.

In seinem Buch untersucht der Autor in seiner unnachahmlich sachlichen Schreibweise den Konflikt der USA insbesondere mit China und weist nach, dass es bei fast allen großen Kriegen des letzten Jahrhunderts letztlich um den Zugriff auf die Erdölfelder und Kontrolle sowie Macht über das schwarze Gold ging. F. W. Engdahl konfrontiert den Leser unbarmherzig mit geschichtlichen Fakten und beleuchtet intensiv die Gründe der zahlreichen Ölkriege in den letzten Jahrzenten.

Insbesondere verurteilt er die amerikanischen Regierungsadministrationen als Dienstleister der mächtigen anglo-amerikanischen Erdölkonzerne, wobei nicht nur die beiden Bush-Administrationen angeklagt werden. Vielleicht mag der ein oder andere bei Engdahl einen Hang zum Totschlagargument „Verschwörungstheorie“ ausmachen, doch sprechen die historischen Tatsachen, die der Autor konsequent entschleiert und miteinander verknüpft, dagegen. Engdahl versteht es auf hervorragende Weise, das verbrecherische Handeln insbesondere der amerikanischen Regierungen offen zu legen und weist außerordentlich ausführlich nach, dass die meisten Feldzüge im letzten Jahrhundert einzig und allein wirtschaftliche Hintergründe hinsichtlich eines weltweiten Kampfs um die Energie- und Rohstoffquellen hatten.    

Und hierbei – so schreibt der Autor – verdienen nicht nur die Öl-Multis gewaltige Summen. Von den Kriegsverbrechen profitieren ebenso die verantwortlichen Politiker als ausführende Organe der wahren, unsichtbaren Macht im Hintergrund, die die politischen  Geschehnisse in Wahrheit bestimmen.

Alles in allem handelt es sich bei „Es klebt Blut an euren Händen“ um ein bestechendes, äußerst spannendes und in seiner Logik großartiges Werk Frederick William Engdahls. Und auch, wenn dem einen oder anderen der Titel zu reißerisch erscheinen mag – die Sentenz „Es klebt Blut an euren Händen“ trifft den Nagel und damit die Historie und ihre wahrhaftige Realität punktgenau auf den Kopf. 

[1] Norwegische Küste: Rohstoffjäger finden riesiges Ölfeld in der Nordsee

[2] Neue Felder entdeckt Ölindustrie erntet Früchte des Booms

[3] Gigantisches Ölfeld entdeckt

Es klebt Blut an euren Händen

von F. William Engdahl

FinanzBuch Verlag

ISBN 978-3-89879-706-1

304 Seiten

24,99 €

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