Damals im Juni im großen Interview mit CK*wirtschaftsfacts, freue ich mich sehr darüber, James Rickards als weiteren Gastautor für unsere Rubrik gewonnen zu haben. Ich möchte mich nicht nur bei ihm, sondern vor allem auch bei dem in Baltimore/USA ansässigen Verlag Agora Financial bedanken, der mir grünes Licht für eine Kooperation gegeben hat. Jims heutiger Beitrag setzt sich nochmals ein wenig mit den Themen auseinander, um die es damals auch in unserem Interview ging – nämlich der faktischen Insolvenz der Federal Reserve auf Basis eines mark-to-market Bewertungsansatzes und den daraus resultierenden Folgen.

Mit freundlicher Genehmigung von James Rickards und The Daily Reckoning / Agora Financial 

Der US-Dollar ist die dominierende Weltreservewährung. Alle Märkte, inklusive Aktien, Bonds, Rohstoffe und alle anderen Devisenmarktsegmente werden durch die Preisentwicklung des Greenbacks direkt beeinflusst. Der Wert des US-Dollars – und somit faktisch sein “Preis“ – wird bestimmt durch die Zinssätze. Wenn die Federal Reserve die Zinssätze manipuliert, so manipuliert und verzerrt deren Offenmarktausschuss gleichzeitig auch jeden nur erdenklichen Markt in der Welt.

Die Fed mag eine gewisse legitime Rolle als Notkreditgeber der letzten Instanz und Interventionsmacht spielen, die durch die Schaffung von Liquidität für eine Preisstabilisierung an den Märkten sorgt. Allerdings ist an dieser Stelle zu betonen, dass sich die Funktion als Notkreditgeber der letzten Instanz in eine Funktion als all umfängliches Bailoutvehikel verwandelt hat. Im selben Atemzug hat sich die Fed´sche Funktion zur Schöpfung von Liquidität in eine massive Manipulation der Zinsmärkte und Zinssätze verwandelt.

Die Ursünde: Humphrey-Hawkins Full Employment Act

Die Ursünde in Bezug auf eine derartige Machtausweitung zugunsten der Federal Reserve geht auf den Humphrey-Hawkins Full Employment Act (Gesetz zur Vollbeschäftigung) aus dem Jahr 1978 zurück, der durch den damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter unterzeichnet wurde. Eben auf jenem Gesetz beruht das so genannte “Doppelmandat” der Federal Reserve, welches es der Fed erlaubt, sowohl die Beschäftigungsentwicklung als auch die Preisstabilität im Hinblick auf ihre Zinspolitik einzubeziehen.

Dieses Doppelmandat räumt der Fed Spielraum ein, um die US-Arbeitsmärkte und – in weiterem Sinne – auch die US-Wirtschaft als Ganzes zu managen, anstatt ihre Geldpolitik auf geradlinige Liquiditätsoperationen zu begrenzen. Fed-Vorsitzende Janet Yellen ist als starke Fürsprecherin dieses Doppelmandats bekannt und hatte zuletzt wiederholt mit Nachdruck auf die Beschäftigungsziele der Fed aufmerksam gemacht, die der Fed als Richtwert für die eigene Zinspolitik dienen sollen.

Auf Basis des durch Yellen hofierten Doppelmandats und dem Einsatz der einzigartigen Hebelwirkungsrolle des US-Dollars ist die Fed-Vorsitzende de facto zu einer globalen Zentralplanerin avanciert. Wie alle anderen Zentralplaner in der Geschichte zuvor, wird auch Janet Yellen scheitern. Janet Yellens größte Schwäche leitet sich aus der Tatsache ab, dass sie keiner praktischen Anwendung von Regeln folgt. Anstelle dessen stützt sie sich auf abwegige Wirtschaftsmodelle, die mit der zugrundeliegenden Realität nichts zu tun haben.

Diese Vorgehensweise spiegelt sich anhand von zwei in der Vergangenheit durch Yellen gehaltenen Reden wider. Im Juni 2012 beschrieb sie ihr so genanntes “optimales Modell der Kontrolle” und im April 2013 beschrieb sie ihr Modell der “Kommunikationspolitik”.

Janet Yellens Theorie der “optimalen Kontrolle

Ihre Theorie der “optimalen Kontrolle“ stützt sich auf die Annahme, dass konventionelle Zins- und Währungsstrategien – zu denen zum Beispiel die Taylor-Regel zählt – oder auch ein Preisstandard im Rohstoffsektor im aktuellen Marktumfeld zugunsten einer Geldpolitik aufgegeben werden sollten, aus der insbesondere niedrige Zinssätze resultieren – und zwar über einen längeren Zeitraum als gewöhnlich.

Yellen favorisiert die Nutzung ihrer Kommunikationspolitik, um Märkten und Privatanlegern die Intentionen und Ziele der Federal Reserve unter ihrem Modell der “optimalen Kontrolle“ zu vermitteln. Dahinterstehende Idee ist, dass die Marktteilnehmer die Message im Laufe einer bestimmten Zeit schon verstehen werden, um daraufhin Entscheidungen über deren Kreditaufnahme, Investitionen und Ausgaben zu treffen, die einzig und allein auf dem Versprechen von langfristig niedrigen Zinssätzen basieren.

In der Theorie sollen eine zunehmende Gesamtnachfrage, eine höhere Beschäftigung und ein anziehendes Wirtschaftswachstum die Folge sein. Wenn es irgendwann einmal so weit sein sollte, kann die Fed dann damit beginnen, ihre geldpolitische Unterstützung sukzessive zurückzufahren, um einer stark anziehenden Inflation vorzubeugen. Doch die Schwächen und Fabrikationsfehler sind in Yellens zugrundeliegenden Modellen äußerst zahlreich. Ich möchte an dieser Stelle nur einige davon aufzählen:

Sechs bedeutende Fabrikationsfehler im ökonomischen Modell der Federal Reserve


1) Yellens hauseigenes Modell – wiederholt darauf hinweisend, die Zinsen über einen prolongierten Zeitraum auf niedrigem Niveau zu halten – zielt darauf ab, die ökonomische Entwicklung früher und schneller zu verbessern als unter dem Einsatz von alternativen geldpolitischen Strategien. Doch falls sich die Wirtschaft unter Einsatz von Yellens verfolgter Strategie frühzeitiger erholen sollte, wird sie auch die Zinsen zu einem früheren Zeitpunkt anheben. Und somit basiert diese gesamte Vorgehensweise auf nichts anderem als einer Lüge. Die Marktteilnehmer sollen im Hinblick auf Yellens Niedrigzinsversprechen mitspielen, obwohl sie intuitiv spüren, dass dieses Versprechen negiert wird, falls sich das wirtschaftliche Umfeld verbessern sollte. Diese Situation führt zu Konfusion.

2) Menschen und Marktteilnehmer sind keine Roboter, die gedankenlos und unbekümmert alles tun, was Yellen will. Im Angesicht der in Yellens Modell eingebetteten Widersprüche und Gegensätze, entschließen sich viele Leute stattdessen zu einer Hortung von Bargeld und dem Verbleiben an der Seitenlinie, um nicht durch diese Lockvogeltaktik auf Basis eines sich aus der “optimalen Kontrolltheorie“ Yellens ableitenden Versprechens ausgetrickst und aufs Kreuz gelegt zu werden. Der daraus resultierende Mangel an Investitionen und Konsum ist genau das, was die Wirtschaft darben lässt. Von Ökonomen wird dieses Marktumfeld als “Systemunsicherheit” bezeichnet. Exakt hierin liegt einer der Hauptgründe für die zeitliche Länge – wenn nicht gar der Ursprung – der Großen Depression von 1929 bis 1941.

3) Um im Angesicht der Nullzinspolitik der Fed Geld zu verdienen, engagieren sich die Banken in versteckten außerbilanziellen Transaktionen, zu denen unter anderem auch Vermögenswert-Swaps zählen, und durch welche die allgemeinen Systemrisiken substanziell gesteigert werden. Im Zuge eines Vermögenswert-Swapgeschäfts, tauscht eine Bank einen minderwertigen Vermögenswert gegen einen höherwertigen Vermögenswert mit einem institutionellen Investor, wobei diese Transaktion zu einem späteren Zeitpunkt wieder in die andere Richtung abläuft. Die Bank nutzt den höherwertig eingestuften Vermögenswert danach als Sicherheitsleistung im Zuge eines Folgegeschäfts mit einer anderen Bank. Faktisch wurde ein Zweiparteien-Geschäft auf diese Weise zu einem Dreiparteien-Geschäft ausgeweitet, in dessen Zuge sich die Risiken enorm vergrößern und die Kreditexponierung in der gesamten Welt wächst.

4) Yellens Nullzinspolitik geht für die Sparer mit einem massiven Diebstahl Hand in Hand. Würde man einen gewöhnlichen Zinssatz von rund 2% – im Vergleich mit dem aktuellen Satz von nahe 0% – in Bezug auf alle im US-Bankensystem befindlichen Spareinlagen zugrunde legen, errechnet sich ein $400 Milliarden schwerer Vermögenstransfer pro Jahr auf Kosten der Sparer und zugunsten der Banken. Diese Situation hält nun schon seit fünf Jahren in Folge an, so dass sich die kumulierten Subventionen zugunsten des amerikanischen Bankensystems auf Kosten der Ottonormalbürger nun bereits auf über $2 Billion belaufen. Natürlich werden auf diese Weise die Investitionen beeinträchtigt, während Sparer bestraft und Rentner in unangemessene Risikoinvestments wie Aktien gezwungen werden. Yellen unterstützt diese Bankensubventionen und den damit einhergehenden Diebstahl an den Sparern.

5) Die Fed ist nun insolvent. Indem sie sich für einen Ankauf von hochgradig volatilen Langfriststaatsanleihen anstelle von sicheren Kurzfriststaatsanleihen entschieden hat, hat die Fed ihr Eigenkapital auf mark-to-market Basis vernichtet. Selbstverständlich bilanziert die Fed diese Staatsanleihen “zum Anschaffungspreis“ und weist diese Posten nicht auf einer mark-to-market Basis aus. Würde sie dies tun oder wäre sie irgendwann dazu gezwungen, wäre sie schlichtweg bankrott. Und eben jene Tatsache wird weitaus schwerer zu verheimlichen sein, wenn den Zinssätzen erst einmal „erlaubt“ wird, zu steigen. Die faktische Insolvenz der Fed wird im Laufe der nächsten Jahre zu einer bedeutenden politischen Angelegenheit avancieren und könnte letztendlich einen Finanzbailout der Fed durch die Steuerzahler erfordern. Yellen ist eine maßgebliche Befürworterin der geldpolitischen Strategien, die eine Insolvenz der Fed zum Resultat hatten.

6) Sowohl die Marktteilnehmer als auch die geldpolitischen Entscheider sind abhängig von den Marktpreisen, um Entscheidungen über deren zukünftige wirtschaftliche Strategien treffen zu können. Doch was geschieht eigentlich, wenn diese Marktpreissignale, von denen wirtschaftliche Entscheider abhängig sind, zuvor massiven Manipulationen auf Basis der vorherrschenden Geldpolitik anheim gefallen und nun völlig verzerrt sind? In einem ersten Schritt werden diese Preissignale durch Marktmanipulationen verzerrt, um in einem zweiten Schritt aus den daraus resultierenden “Preisen” abhängig zu sein, und um daraus dann wiederum seine weitere geldpolitische Strategie abzuleiten. Dies entspricht nichts anderem als einem Blinden, der andere Blinde an der Hand führt.

Allgemein vorherrschende Psychologie nur noch schwer in andere Richtung zu lenken

Die Fed ist darum bemüht, die Psychologie der Verbraucher sowohl durch ihre Kommunikationspolitik als auch ihre Niedrigzinsstrategie in Richtung steigender Ausgaben zu beeinflussen. Dieses Unterfangen erweist sich innerhalb eines kurzen Zeitraums jedoch als extrem schwierig. Wenn man die allgemein vorherrschende Psychologie einmal in eine Richtung beeinflusst und verändert, erweist es sich in der Folge als äußerst schwierig, diese Psychologie plötzlich in die entgegensetzte Richtung zu lenken.

Falls man bei der Fed damit fortfahren sollte, die Inflationserwartungen an den Märkten zu schüren, könnten diese Erwartungen ab einem bestimmten Zeitpunkt schnell außer Kontrolle geraten, so wie dies in den 1970iger Jahren der Fall gewesen ist. Dies bedeutet, dass die Inflation – anstatt sich irgendwo bei der Marke von 3% einzupendeln – auch schnell auf 7% oder mehr klettern könnte.

Bei der Federal Reserve gibt man sich davon überzeugt, das Thermostat wieder zurückschalten zu können, falls dies geschehen sollte. Allerdings werden die Board-Mitglieder die Erfahrung machen, dass sich der Faktor Psychologie nicht wieder so leicht umkehren lässt, so dass das Risiko und die Gefahr einer außer Kontrolle geratenden Inflationsentwicklung bestehen. Eine Lösung könnte herbeigeführt werden, wenn der US-Kongress der Federal Reserve das Doppelmandat wieder aberkennen würde, so dass die Fed zu ihrer ursprünglichen Funktion als Notkreditgeber der letzten Instanz und als Anbieter von kurzfristiger Liquidität zurück kehren könnte. Zentralplanung scheiterte in den Fällen von Joseph Stalin und Mao Zedong. Und sie wird ebenfalls im Fall von Janet Yellen scheitern.

Gastbeitrag für CK*wirtschaftsfacts / © 2014 The Daily Reckoning, Agora Financial

 

James Rickards war im Jahr 1998 federführender Unterhändler des durch die Fed auf dem Höhepunkt der Asienkrise orchestrierten LTCM-Bailouts. Er diente dem Pentagon und der CIA als Berater in Finanzstrategien und ist nicht nur renommierter Buchautor und gern gesehener Fernsehgast, sondern betreibt mit Tangent Capital auch sein eigenes Finanzunternehmen.

 

Ein besonderer Dank geht an The Daily Reckoning und den Verlag Agora Financial in Baltimore/USA, die diese Kooperation überhaupt erst möglich gemacht haben.

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