Billig kaufen, teuer verkaufen. Am besten im Crash zu Schnäppchenpreisen einsteigen und in der Euphorie bei übertrieben hohen Kursen wieder aussteigen. Was so einfach klingt, ist allerdings äußerst schwierig, weil wir uns der Marktstimmung nur sehr schwer entziehen können. Die Anhänger der so genannten „Contrarian-Strategie“ versuchen es jedoch trotzdem, indem sie bewusst das Gegenteil dessen tun, was die Masse tut.

Joseph Kennedy, der Vater von John F. Kennedy, ließ sich Anfang September 1929 im New Yorker Bahnhof die Schuhe putzen. Er unterhielt sich mit dem Schuhputzer, der begann, ihm Aktientipps zu Eisenbahngesellschaften zu geben. Der Legende nach marschierte Kennedy daraufhin gleich zu seiner Bank und verkaufte all seine Aktien – und strich einen sehr ansehnlichen Gewinn ein. Nur wenige Wochen später nahm die Große Depression mit dem Crash am „Schwarzen Freitag“ (der eigentlich ein Donnerstag war…) ihre Anfänge. „Wenn sogar schon der Schuhputzer Dir Aktientipps gibt, ist es Zeit zu verkaufen!“, dachte er sich. Für ihn war es ein unmittelbares Zeichen dafür, dass die Masse vom Aktienfieber ergriffen war. Denn wenn das Gros der Anleger investiert ist, gehen dem Markt die Käufer aus. Durch diesen Käufermangel steigen die Kurse auch nicht weiter und sind zum Fallen prädestiniert.

Nach dem gleichen Prinzip ergeben sich auch Kaufgelegenheiten in einem Crash. In panischen Börsenphasen, wie an den Tagen des Lehman-Debakels im September 2008, sorgt der Ausverkauf bzw. der berühmte "Sell-Off" für immense Kursstürze. Die Massenangst an den Börsen führt dazu, dass die Papiere panikartig abgestoßen werden. Somit gewinnt der dramatische Kursverfall an Eigendynamik, der heutzutage übrigens durch die automatischen Handelssysteme enorm verstärkt wird. Da die meisten Anleger, die ihre Aktien um jeden Preis loswerden wollten, nicht mehr investiert sind, sind kaum noch Verkaufswillige am Markt übrig, die den Kurs weiter drücken könnten. Dadurch kühlt die stürmische Panikphase ab, und der Markt ist wieder auf eine allmähliche Konsolidierung vorbereitet. Damit ergeben sich wieder günstige Kaufchancen.

Die Contrarian-Strategie hat ihre Stärken in Übertreibungsphasen. Sie hat diesbezüglich zwei bewährte Faustregeln zu bieten:

Im ersten Fall treibt die Herde den Kurs nach oben, während kaum oder keine negativen Nachrichten in den Mainstream-Medien auftauchen. Wenn die Nachrichtenlage in gleichem Maße positiv bleibt, aber der Kurs nicht weitersteigt, steht nicht selten eine Trendwende bevor.

Im zweiten Fall stürzen die Indizes ab, während sich die Medien mit Schreckensszenarien überschlagen. Wenn die Berichterstattungen genauso negativ bleiben, aber die Märkte nicht weiter fallen, wächst die Wahrscheinlichkeit für eine Konsolidierung.

In den letzten Wochen und Monaten ließ sich folgendes Muster erkennen, das aufgrund der zunehmenden Volatilität insbesondere für kurz- und mittelfristig orientierte Anleger diese antizyklische Vorgehensweise interessant macht. Jedes Mal, wenn man im Börsen-Mainstream den Eindruck bekam, dass die Euro-Krise nicht mehr existent sei, und die Kurse in Begeisterung neue Fünfjahres- oder Allzeithochs erreichten, setzten schlagartige und heftige Rücksetzer ein. Die Märkte haben sich zwar immer wieder gefangen, was nicht zuletzt der immensen Liquiditätsmengen geschuldet war, doch je mehr sich die Folgen der Austeritätspolitik im Euro-Raum ausweiten, desto schwieriger wird es, die Situation schönzureden. Die Märkte haben die Krise momentan wieder auf dem Schirm. Wenn sie bald erneut aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden sein sollte und die Börsen in Jubelstimmung geraten, dann heißt es wieder einmal: Au contraire!