Link Teil 1

In meinen vorherigen Beiträgen Eine kurze Geschichte der Ökonomie und In einem Land vor unserer Zeit ... bin ich bereits auf das bestehende Tauschparadigma in der Volkswirtschaftslehre eingegangen und möchte diese Reise in die Historie des Geldes und seiner Entstehung nun fortsetzen.

Diskutieren wir weiter die Inhalte, die uns die Geschichte vom Goldschmied Fabian vermitteln will. Der Film zeigt zu Beginn recht fröhliche Menschen – den Zeichnungen nach wird die Zeit des Mittelalters abgebildet – die gänzlich ohne Geld auskommen bis denn der kluge Herr Fabian den rechtschaffenen Bürgern seine neue Gelderfindung in Form von Goldmünzen vorstellt und den Bürgerrat überzeugt, diese als alleiniges Tauschmittel zu verwenden.

Tatsächlich handelt es sich bei dieser Darstellung wohl um eines der erfolgreichsten Märchen der Volkswirtschaftslehre, welches durchgreifend und äußerst effektiv im allgemeinen Gedankengut und Geschichtsverständnis implantiert und verankert wurde. Warum auch immer... Die Existenz von Geld zu diesen Zeiten wird schlichtweg verneint und die haltlose Behauptung aufgestellt, die Menschen hätten ihre erwirtschafteten Überschüsse tagtäglich zum Markt gebracht, um diese gegen andere Waren und Dienstleistungen zu tauschen. Natürlich ist diese Darstellung der geschichtlichen Entstehung von Geld ein völliger Nonsens. Nicht nur, dass bereits im Mittelalter in den vielen kleinen Wirtschaftskreisläufen unzählige verschiedene Gelder in Form verschiedenster Münzen und Materialien verwendet wurden, nein – obendrein gab es auch immer schon über längerfristige Zeiten funktionierende Kreditsysteme wie zum Beispiel das Kerbholz im 18. Jahrhundert. Doch gab es auch anderswo schon viel früher hoch entwickelte Geld- und Kreditsysteme. Beispielsweise im 9. Jahrhundert, nachdem die Waräger-Normannen aus Schweden das Gebiet um Kiew eroberten und später zusammen mit der herrschenden Klasse der Slawen einträglichen Handel mit dem oströmischen Reich und Konstantinopel betrieben. [2]

Des Weiteren wurden schon vom 12. Jahrhundert an – beispielsweise in Großbritannien – Bargeldgeschäfte durch Krediteinrichtungen ergänzt. Auch die heute weit verbreitete Mentalität des Kaufes auf Pump war schon damals gang und gäbe. Das direkte Verleihen für Konsumzwecke war weit verbreitet. Auch reichere Leute borgten Geld bis Pachtzahlungen oder Zahlungen für Wolle und andere landwirtschaftliche Produkte eingetroffen waren. Bauern liehen sich gerade bei schlechten Ernten untereinander Geld und Kaufleute gaben Anleihen aus, die durch Ländereien und Gebäude besichert waren, um Handelskapital zur Verfügung zu haben. Die Geschichte des Geldes beinhaltete also auch immer schon die Funktion des Vorfinanzierungsmittels. Es handelt sich hierbei um eine der wichtigsten Aufgaben des Kreditwesens, nämlich der Überbrückung von Zeit zwischen Erschließung, Produktion und dem abschließenden Konsum der verschiedenen Erzeugnisse von Landwirtschaft, Industrie und dem Dienstleistungssektor. [3]

Geht man noch weiter in der Geschichte zurück, muss man feststellen, dass es natürlich auch schon in der Antike Geld und Kredit gegeben hat. Die Frankfurter Lichtenbergprofessur für Münze und Geld in der griechisch-römischen Antike veröffentlichte erst kürzlich eine höchst interessante Forschungsstudie zum Münzwesen im Mittelmeerraum. [4]

Seit 600 v. Chr. war das Münzwesen in Südeuropa bekannt und die Römer begannen mit der Münzprägung im 4. Vorchristlichen Jahrhundert. Durch die rasche Expansion des römischen Reichs wuchs auch der Geldbedarf als Vorfinanzierungsmittel für militärische Macht. Das römische Münzsystem wurde schnell in allen eroberten Gebieten eingeführt. Auch wenn bald darauf einheimische Parallelwährungen in den besetzten Ländern das römische Münzsystem kopierten – Kleinstädte und selbst Stammesgesellschaften begannen ihre eigenen Münzen zu prägen – war das römische Geld alleiniges Steuertilgungsmittel. Es wurde vorwiegend von Händlern und Bauern benutzt, die Waren an die großen Heere der Römer lieferten, um die Soldaten mit Lebensmitteln und Gebrauchsgütern zu versorgen. [5]

Wie sonst hätte man eine Versorgung und entsprechende Infrastruktur herstellen können? Wie sonst hätte man die Bevölkerung dazu bringen können, ihre Besatzer zu unterhalten?

Geld war zu dieser Zeit schlichtweg ein Mittel, das den Händlern und Bauern als Steuertilgungsmittel aufgezwungen wurde, um den riesigen militärischen Machtapparat am Laufen zu halten. Ein perfekter Kreislauf! Soldaten erhielten ihren Sold in römischen Silberdenar, die gegen die Lieferung von Waren und Dienstleistungen zu den Bauern und Händlern flossen, die ausschließlich mit diesem Geld ihre Steuern bezahlen durften und konnten. Ein System, das auch heute noch weitestgehend in Form eines monopolistischen Geldwesens seine Gültigkeit hat. Alternative Ansätze – beispielsweise Regionalwährungen, Tauschkreise aber auch Vertreter der Österreichischen Schule – arbeiten daran, dieses Geld-Macht-Monopol des Staates und seine heutige Abhängigkeit von privat finanzierenden Banken zu brechen.       

Oftmals wird das alte Ägypten der Pharaonen als Beispiel für eine Kultur genannt, in der Tauschhandel betrieben wurde. Dieser Irrtum geht wahrscheinlich auf Wandmalereien zurück, auf denen beispielsweise der Tausch von landwirtschaftlichen Erzeugnissen dargestellt wurde. Doch exixtierte auch schon 2600 v. Chr. in dieser Hochkultur ein Währungsstandard in Form von Shât und der Gewichtseinheit Deben [6]:

Belgische Nationalbank: Währungspraktiken im alten Ägypten

[...]Es wurde oft behauptet, dass die ägyptische Wirtschaft auf dem Tauschhandel basiert hätte, da zum einen Geld als solches (das gleichzeitig Rechnungseinheit, Zahlungsmittel und Wertaufbewahrungsmittel ist) nicht existierte und zum anderen einige gemalte Szenen zeigten, dass auf dem Markt Waren getauscht wurden. Tatsächlich lässt sich auf ihnen zum Beispiel erkennen, dass Gemüse gegen einen Fächer getauscht wird. Zahlreiche Forscher sind sich jedoch einig, dass solche Szenen nicht typisch für das gesamte Handelssystem sind, denn es hätte nicht allein auf Tauschhandel basieren konnen. Diese Szenen sind daher als Einzelfälle auf lokaler Ebene zu werten [...] Die wichtigste Funktion der Rechnungseinheit lässt sich an den Buchungsunterlagen erkennen, die uns noch vorliegen. Darin steht nämlich geschrieben, dass es sich bei den verwendeten Einheiten um Gegenbuchungen handelt, die eine wertmäßige Beziehung zwischen den Gütern herstellen. In einem Text von ca. 2600 Jahren vor unserer Zeitrechnung ist von einer Urteilsbegründung die Rede, die nähere Rückschlüsse auf diese Rechnungseinheiten zulässt; er beweist insbesondere, dass es bereits im Alten Ägypten (2750-2150 v. Chr.) einen Währungsstandard gab, nämlich den shât: „Ich habe dieses Haus entgeltlich vom Schreiber Tchenti erworben. Ich habe dafür zehn shât gegeben, und zwar einen Stoff (im Wert von) drei shât, ein Bett (im Wert von) vier shât, ein Stoff (im Wert von) drei shât“. Darauf erwidert der Verteidiger: „Du hast diese Zahlungen (von zehn shât) gänzlich durch „Umwandlung“ von Gegenständen, die diesen Wert haben, vorgenommen“  (1). So wurden völlig unterschiedlich geartete Gegenstände durch die Bezugnahme auf den shât vergleichbar gemacht.

Will man verstehen, warum überhaupt Geld entstanden ist, muss man in der Menschheitsgeschichte bis in die Steinzeit zurückblicken. [76]] Die Menschen lebten damals zunächst in kleinen Gruppen von zehn bis dreißig Personen und schlossen sich später zu immer größer werdenden Stammesgesellschaften zusammen. In kleinen Gruppen war ein Zusammen- und Überleben nur möglich, wenn alle Mitglieder an einem Strang zogen und ihr bestmögliches in die Gruppe einbrachten, wobei natürlich auch das Prinzip der Arbeitsteilung und Spezialisierung verfolgt wurde. Und auch wenn es kein Geld in physischer Form gab, kann und muss man davon ausgehen, dass Leistungen sehr wohl über die Gehirnfestplatten der Menschen verrechnet wurden. Nichts anderes als das, was heute unsere Hochleistungsrechner für den gesamten Planeten übernehmen. Das bedeutet schlichtweg, dass es schon immer in irgendeiner Weise Geld gegeben hat, auch wenn die Datenspeicher aufgrund der Menge von Informationen bedingt durch wachsende Gesellschaften angepasst werden mussten. Geld ist demnach ein uraltes Prinzip der Verrechnung und Kompensation. Verändert hat sich über die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte nur seine Form, nicht sein ursprünglicher Sinn, den Menschen als Informationsspeicher, Vorfinanzierungs- und Aufteilungsmittel zu dienen. Die Perversität des heutigen Geldsystems liegt demnach auch nicht in der jetzigen Erscheinungsform des Geldes als FIAT-Money, sondern in seinem Missbrauch in Form gehorteter Billionenvermögen als Machterhaltungs-, Druck- und Kriegsmittel zur Ausbeutung der Bevölkerung durch eine verschwindend geringe Minderheit.

Fußnoten und Verweise:

[1] Tagesausblick Dirk Müller 11.11.2011 (siehe Kommentare)

[2] Zeitspurensuche: Münzen und Zahlungsmittel

[3] Die wahre Geschichte der Wikinger-Normannen-Engländer - Ein Geschichtsbuch mit Reisetipps von Urs Pape ISBN 978-3866836709

[4] Handbuch der europäischen Wirtschaftsgeschichte und Sozialgeschichte, 6 Bde., Bd.2:  

Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Mittelalter von Wolfram Fischer, Jan A. van    Houtte und Hermann Kellenbenz (S. 253 ff)

[5]  Geld im Wandel, Goethe Universität Frankfurt a.M., Ausgabe 2-2012

[6] Siehe auch: Eigentum, Zins und Geld: Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft (1996)

Gunnar Heinsohn und Otto Steiger Das Kapitel vom Tauschparadigma ab S.39

und David Graeber: Schulden: Die ersten 5000 Jahre ISBN 978-3608947670

[7] Preise in der Antike

[8] Die Steinzeit von Almut Bick ISBN 978-3806225891

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