In welche Investmentprodukte von der Aktie bis zum Zertifikat können Anleger eigentlich nachhaltig investieren? In fast alle. Die Tücken liegen aber im Detail.

Die nachhaltigen Investmentfonds in Deutschland haben im vergangenen Jahr mit einem Volumen von 32,4 Milliarden Euro eine neue Rekordmarke erreicht. Doch nicht nur boomende Öko-Fonds, sondern auch zahlreiche andere Geldanlageformen kommen für ethisch motivierte Anleger zur Vermögensvermehrung in Frage. Investoren müssen allerdings immer genau prüfen, wie nachhaltig diese Anlageformen wirklich sind.  

Beginnen möchte ich meine dreiteilige Serie mit einigen Bemerkungen zum Girokonto, Sparbuch und Tages-/Festgeldkonto. Bereits diese wenig spektakulären Investmentformen entpuppen sich als keineswegs ethisch neutral oder gar harmlos. Denn für welche Zwecke das Geld von einer Bank zur Verfügung gestellt wird, entzieht sich in der Regel der Kenntnis und dem Einfluss der Kunden. Eine Ausnahme bilden hier einige „grüne“ Institute, angeführt von der Bochumer GLS Bank, die entweder transparent machen, für welche wirtschaftlichen Projekte Kredite vergeben werden oder explizit ökologische und soziale Kriterien bei der Anlage berücksichtigen. So vermittelt etwa die kirchliche Genossenschaft Oikokredit aus Mainz die Anlagegelder ihrer Mitglieder als faire Kredite an Unternehmen und Genossenschaften in arme Länder. Als Investor können Sie so von vornherein verhindern, dass mit Ihrem Geld zum Beispiel die Rüstungsindustrie, Kinderarbeit oder Atomkraftprojekte unterstützt werden.

Staatsanleihen im Nachhaltigkeits-Check

Auch wenn Sie ethisch in Staatsanleihen investieren wollen, können Sie vorab eine kritische Auswahl treffen, indem Sie zum Beispiel keine Länder berücksichtigen, die Kriege führen, grundlegende Menschenrechte missachten oder den Klimaschutz gering schätzen. Auch Länder mit hohen Korruptionsraten und niedrigen Umweltstandards scheiden aus. Denn schließlich sollen nachhaltige Investments ja Moral und Rendite miteinander in Einklang bringen. Dies ist allerdings leichter gesagt als getan: Was bei der Auswahl von Aktien und Firmenanleihen in der Regel ganz gut funktioniert, klappt bei Schuldverschreibungen, die von der öffentlichen Hand und anderen staatlichen Körperschaften ausgegeben werden, nur in eingeschränktem Maße.

Einen ganzen Staat unter dem Aspekt von Ethik und Moral zu bewerten, ist deutlich vielschichtiger als die Analyse einer Aktiengesellschaft. Diesem Problem wollen zum Beispiel die Münchener Ratingagentur Oekom Research und die Zürcher Kantonalbank dadurch begegnen, indem sie regelmäßig Länder auf den Prüfstand stellen und eine Fülle von Quellen – wie z.B. Statistiken der Vereinten Nationen und Regierungsstellen, aber auch Untersuchungen von Menschenrechtsorganisationen – auswerten. Ich frage mich allerdings, ob die in aufwendiger Fleißarbeit gewonnen Daten wegen der Verschiedenheit der Länder überhaupt miteinander vergleichbar sind. Denn mal sind die zur Verfügung stehenden Zahlen und Fakten veraltet, mal werden sie von staatlichen Statistikämtern manipuliert. Galt früher etwas als „amtlich“, dann war dies in der Regel ein Prädikat für Gründlichkeit, Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit. Doch heute handelt es sich bei den meisten dieser Statistiken um komplexe Zahlenwerke, hinter denen von Anlegern nur schwer zu durchschauende politische Interessen stehen. Vor allem bei der Datenqualität von Schwellenländern habe ich immer wieder gravierende Mängel und Defizite feststellen müssen. Im Übrigen lassen sich in der Praxis komplexe Umwelt- und Sozialstandards nicht so ohne weiteres in verlässliche Zahlen oder Noten übertragen.

Ohnehin kann sich seit der Schuldenkrise kaum noch ein Staat – von Schweden und Norwegen einmal abgesehen – ein grünes Etikett auf die Nationalflagge kleben. Denn zum ethisch-moralischen Anspruch gehört schließlich auch, dass ein Land verantwortungsbewußt mit seinen Schulden umgeht. Doch diese Anforderung können inzwischen selbst die beiden EU-Schwergewichte Deutschland und Frankreich nicht mehr erfüllen, weil beide Länder für einen Großteil der Gelder des Euro-Rettungspakets bürgen. Und die Vereinigten Staaten von Amerika scheiden als Kandidat für eine Positivliste ohnehin aus, weil sie noch immer nicht die Todesstrafe abgeschafft haben. Damit bleibt – so paradox es klingt – sogar der größte Staatsanleihemarkt der Welt nach moralischen Kriterien außen vor. Einige Ethikfonds schließen Investitionen in Staatsanleihen sogar generell aus, da Länder immer auch in Rüstung investieren.

Aktien mit gutem Gewissen kaufen

Wenn Sie sich an nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen beteiligen wollen, kommt eine Aktienanlage in Frage. Gerade die Branche Erneuerbare Energien hat im vergangenen Jahrzehnt viele Erfolgsgeschichten geschrieben. Ein Beispiel dafür war lange Zeit die Solarworld AG, deren Anteilsscheine zwischen Februar 2003 und November 2007 um mehr als 14.000 Prozent in die Höhe katapultiert wurden. Wahrlich eine „nachhaltige“ Kurssteigerung! Wer Aktien kauft, muss aber wissen: Das Geld kommt nur bei einem Börsengang oder einer Kapitalerhöhung den Unternehmen direkt zugute. Bei „normalen“ Orders erhält hingegen der Verkäufer der Papiere den Erlös. Die positiven Auswirkungen auf ein Unternehmen sind hier also indirekter.

Dennoch können Sie als ethisch motivierter Anleger ohne schlechtes Gewissen in Hunderte von Aktien investieren. Sie müssen sich allerdings intensiver als bei einigen anderen Investmentformen überlegen, welche Geschäftsbereiche und Firmenphilosophien Sie ausschließen wollen und welche Ihnen wichtig sind. Danach sollten Sie ihre Vorstellungen mit den realen Nachhaltigkeitsaktivitäten der Aktiengesellschaft vergleichen. Dabei können vor einem Börsengang publizierte Verkaufsprospekte und regelmäßig neben dem Geschäftsbericht veröffentlichte Nachhaltigkeitsberichte dienlich sein. Als besonders verantwortungsbewusst gelten Unternehmen, die ihre Umweltbelastungen kontinuierlich senken, indem sie eine stringente und damit glaubwürdige Klimaschutzstrategie verfolgen, selbst bei Zulieferern die Einhaltung von Arbeitnehmerrechten einfordern und verwendete Rohstoffe – wie etwa bei der Verschrottung von Altautos – wiederverwerten.

Was die Aktienanlage betrifft, lauern vor allem bei einer Beteiligung an Startups bzw. Neuemissionen besondere Gefahren. Nicht selten engagieren sich die Unternehmen in vergleichsweise noch jungen Branchen und nutzen neue, noch nicht ausreichend erprobte Technologien – ein Nährboden für wirtschaftliche Rückschläge. Zudem sind viele innovative Firmen oft wenig liquide und für Anleger wegen ihrer Marktenge schwer zu handeln. Ein weiteres Risiko besteht darin, dass manche Branchen sehr stark von politischen Entscheidungen abhängig sind. Dazu noch ein Beispiel aus der Solarindustrie: Gern rechtfertigt die schwarz-gelbe Koalition die Einspeisevergütung für Solarstrom mit dem Aufbau einer Zukunftsindustrie. Doch die Sonnenbranche hat nach meiner Einschätzung ihre besten Zeiten schon hinter sich. Längst bieten chinesische Produzenten Solarzellen und Solarmodule in gleicher Qualität erheblich billiger an. Für die Volksrepublik war das deutsche Solar-Fördersystem bislang ein sehr willkommenes „Entwicklungsprogramm“. Ein ethisch motivierter Investor sollte sich daher immer fragen, ob ein Unternehmen auch ohne Subventionen wettbewerbsfähig sein kann.

(wird in Teil 2 und 3 fortgesetzt)