Da es fast alle Anlageformen in einer nachhaltigen Variante gibt, dürfen natürlich auch Zertifikate bei einer Darstellung von Geldanlageformen unter ethischen Gesichtspunkten nicht fehlen. Doch wie lässt sich der Öko-Gedanke in diese strukturierten Produkte eingliedern?

Hier finden Sie die beiden vorangegangenen zwei Teile der Serie:

Geldanlageformen ethisch betrachtet - Teil 1: Einfache Zinsprodukte, Staatsanleihen, Aktien (Michael Heimrich)

Geldanlageformen ethisch betrachtet - Teil 2: Investmentfonds und fondsgebundene Lebens- und Rentenpolicen (Michael Heimrich)

Wenn von einem nachhaltigen Zertifikat die Rede ist, kann sich das Produkt zum Beispiel auf einen Nachhaltigkeitsindex beziehen. Zu den bekanntesten Indizes zählen der Dow Jones Sustainability (DJSI) und der FTSE4Good. Je nachdem, wie sich ein solches Nachhaltigkeitsbarometer während der Laufzeit des Zertifikats entwickelt und welche Zertifikateform gewählt wurde, gestaltet sich der Rückzahlungsbetrag. Besonders wichtig: Sie müssen vor Ihrer Anlageentscheidung die Auswahlmethode der Aktien für einen Index und das Werteverständnis des Indexanbieters sorgfältig analysieren.

Auf dem Markt angeboten werden häufig auch Basket-Zertifikate. Sie beziehen sich auf  verschiedene Aktien, die von dem Emittenten – in der Regel eine Bank – als nachhaltig eingestuft werden. Hier ist der Gestaltungsfreiraum sehr groß, so dass sich daher neben den von mir in der vorigen Woche an dieser Stelle besprochenen Investmentfonds auch Zertifikate zu „grünen“ Themen – etwa zum Klimawandel – konstruieren lassen. Wie nachhaltig solche Produkte dann letztlich sind, hängt natürlich wieder von den angewendeten Nachhaltigkeitskriterien ab.

Zertifikate: Mehr Schein als Sein

Apropos Klimawandel. Dass sich hinter manchem Zertifikat zum Thema Erderwärmung oft mehr Schein als Sein versteckt, würde ich fast schon als natürlichen Effekt bezeichnen. Ein Finanzprodukt zum Thema Klimawandel lässt sich schließlich von einem Finanzprofi rasch entwickeln und mit dem Stempel einer Investmentbank versehen. Viele Anleger verzichten nach meinem Eindruck anschließend leider häufig darauf, das „grüne“ Produkt noch einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen. Das sehr wichtige Kriterium der von Unternehmen tatsächlich für den Klimaschutz geleisteten Aktivitäten und daraus abgeleiteten Umsätze wird aus Bequemlichkeit oft schlicht ignoriert, obwohl dieses Merkmal die zentrale Grundlage für die Investitionsentscheidung sein müsste. Denn in den Zertifikaten werden häufig Firmen abgebildet, die sich zwar medienwirksam den Kampf gegen den Klimawandel verschreiben, den Löwenanteil ihrer Erlöse jedoch mit alles andere als klimafreundlichen Geschäften erzielen. Beispiele für solche Tricks gibt es reichlich. Ich denke hier in erster Linie an große Energiekonzerne.

Kritisch anzumerken ist auch, dass Zertifikate lediglich von realen Basiswerten abgeleitet werden. Eine direkte Förderung von Unternehmen, die nachhaltig arbeiten, ist also ausgeschlossen. Vielmehr profitieren Sie als Anleger lediglich davon, wenn die „grünen“ Unternehmen sich positiv entwickeln. Schon aus diesem Grunde sollten Sie sehr gut abwägen, ob Sie Zertifikate tatsächlich als nachhaltige Anlageform betrachten wollen. Diese Investmentprodukte sind im Übrigen eigentlich Wetten auf künftige Preisentwicklungen. Wetten sind im Prinzip noch nicht ethisch bedenklich. Sie sollten aber auch nicht unbedingt unterstützt werden, da sie zu Turbulenten an den Finanzmärkten führen können, die häufig in einer Kettenreaktion wieder zu unerwünschten gesellschaftlichen Entwicklungen beitragen. Ethische Geldanlage will aber Kapitalströme gezielt lenken, um ein verantwortungsvolles Wirtschaften zu fördern. Mit Zertifikaten ist das im Großen und Ganzen aber nicht möglich.

Derivate und Hedgefonds – „jein“ und nein!

Beim Stichwort „Zertifikate“ ist der Sprung zu Derivaten und Hedgefonds nicht mehr sehr groß. Bei Derivaten dient der überwiegende Teil – Experten sprechen gar von mehr als 95 Prozent – ausschließlich der Spekulation. Solche Spekulationen oder Wetten sind insofern problematisch, weil sie nicht nur die Finanzmärkte aus dem Gleichgewicht bringen und Krisen begünstigen, sondern auch die Preise der Basistitel beeinflussen können. Derivate vergleiche ich deshalb gerne mit einem Elefanten in der Wohnung. Sie können nie genau wissen, was er so alles anstellen wird. Besonders dramatisch hat sich die Derivatespekulation zuletzt wieder in Form stark steigender Nahrungsmittelpreise gezeigt. Einerseits erfüllen solche Produkte eine wichtige Funktion in der Absicherung gegenüber wirtschaftlichen Risiken, andererseits können sie im Extremfall die Hungersnot in Problemländern verschärfen. Wo genau die Grenze zwischen Absicherung und Spekulation verläuft, lässt sich jeweils nur im Einzelfall bestimmen. Unbestreitbar ist jedoch, dass Spekulationen, die unbeteiligten Menschen schaden, ethisch verwerflich sind.

Hedgefonds-Anbieter in den USA und in Großbritannien ködern verantwortlich handelnde Anleger inzwischen sogar mit sogenannten SRI (Socially Responsible Investment)-Hedgefonds. Die mit einer Reihe von meist schwer zu durchschauenden Anlagestrategien ausgestatteten Produkte zielen jedoch ausschließlich auf Gewinnmaximierung ab und verfolgen keine ethisch und moralisch motivierten Interessen. Die Abkürzung SRI bringt lediglich zum Ausdruck, dass die Unternehmen, die Gegenstand von Hedgefonds-Aktivitäten sind, vom Fondsmanager als sozial und ökologisch verantwortlich handelnd eingestuft werden. Genau genommen wird damit die Idee des ethischen Investierens von den Füßen auf den Kopf gestellt: Anstatt verantwortungsbewußte Firmen zu fördern, können diese Unternehmen Gegenstand von Hedgefonds-Strategien – etwa Leerverkäufen – werden, bei denen die Kurse stark unter Druck gesetzt werden. Sozial und ökologisch eingestellten Firmen werden also durch ihre gezielte Auswahl für SRI-Hedgefonds paradoxerweise für ihre nachhaltigen Aktivitäten bestraft statt in ihrem Tun bestärkt. Aber auch weil Hedgefonds im Hinblick auf ihre Anlagestrategien kaum einer Kontrolle oder Regulierung unterliegen und ihren Sitz häufig in Steueroasen haben, sind sie mit der Idee einer ethisch orientierten Geldanlage nicht vereinbar.

Direktanlagen mit hoher Wirkung

Bei Direktinvestitionen, zu denen auch Geschlossene Investmentfonds zählen, wird unmittelbar in ökologische oder soziale Projekte investiert. Klassische Beispiele hierfür sind Direktbeteiligungen an Windparks, Solar- und Biomasseanlagen, an ökologischem Landbau, Wald oder Sozialeinrichtungen. Solche Investments haben aus ethischer Sicht in der Regel eine hohe Wirkung, werden dabei doch sozial und ökologisch wichtige Projekte unmittelbar gefördert und dadurch oft erst möglich gemacht. Gleichzeitig sind sie aber nicht nur Geldanlagen, sondern unternehmerische Beteiligungen und deshalb mit einem entsprechend hohen Risiko behaftet. Sowohl über die finanziellen Risiken als auch über die ethische Qualität von Direktinvestitionen muss ebenso wie bei Derivaten einzeln geurteilt werden. Hier ein Beispiel für ein Investment, das nur auf den ersten Blick ethisch korrekt ist: Immer mehr Anleger investieren in Sachwerte wie Agrar- und Waldflächen. Doch nachhaltig Geld verdienen lässt sich nur mit großen Monokulturen. Diese führen jedoch nicht nur zu Bodenerosion, sondern verschlechtern obendrein die Klimabilanz.

Mikrokredite – kleines Geld ganz groß?

Abschließend möchte ich noch auf Mikrokredite – das sind Kleinstkredite von einem Euro bis unter 1000 Euro – eingehen, die an Kleingewerbetreibende überwiegend in Entwicklungsländern vergeben werden. Seit einigen Jahren werden finanzielle Mittel für solche Darlehen nicht mehr allein von kirchlichen Initiativen, sondern in zunehmendem Maße über Mikrokreditfonds oder Mikrokreditanleihen gesammelt. Wie bei allen guten Ideen, die in verhältnismäßig kurzer Zeit von vielen Akteuren übernommen werden, sollten Sie deshalb auch bei den Initiativen für Minidarlehen sehr genau darauf achten, wo die Grenze zwischen berechtigten Renditezielen der Investoren und Wucherzinssätzen für die Kreditnehmer verläuft. Ein Negativbeispiel: Kürzlich wurde bekannt, dass indische Frauen Verzweiflungstaten begangen haben, weil sie ihre Mikrokredite nicht mehr bedienen konnten. Da zudem unter dem Begriff „Mikrokredite“ mittlerweile auch Kreditgeschäfte angeboten werden, die mit der ursprünglichen „Hilfe zur Selbsthilfe“-Idee nur noch wenig gemein haben (ich denke hier etwa an die Vergabe reiner Verbraucherkredite), muss bei einem Investment in Minidarlehen die soziale Förderwirkung genau geprüft werden. Sie müssen recherchieren, ob den Kleinstkreditnehmern wirklich nur seriöse Darlehen mit einer zumutbaren Tilgungsfrist für ein aussichtsreiches wirtschaftliches Projekt gewährt werden.

Aus ethischen Perspektive ist die Idee der Mikrokredite grundsätzlich zu befürworten, weil Minidarlehen einen hohen Fördereffekt haben und bisherige Erfahrungen zeigen, dass mit ihnen die Lebenssituation von wirtschaftlich benachteiligten Menschen – vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern – signifikant und nachhaltig verbessert werden kann. Allerdings will ich nicht verschweigen, dass trotz Mikrokrediten am Boden der Einkommenspyramide bisher weder Reichtum entstanden noch Armut besiegt worden ist. Am Rande möchte ich noch anmerken, dass sich Investments in Mikrokredite als Beimischung zu anderen Anlageformen in Zeiten fallender Börsenkurse als ein stabilisierender Faktor erwiesen haben. Und dass die Finanzmärkte eines Tages wieder in gefährliches Fahrwasser geraten werden, ist so sicher wie die Unsicherheit.