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Zentralbanken und Zentralbankgeld

Münzgeld – Schlagschatz - Seignorage

Geldschöpfung in früheren Zeiten: Die Geldmenge M1 und der Wechsel

Auch heute noch bestreiten manche Geld- und Finanzexperten aus verschiedenen Lagern den Prozess der Giralgeldschöpfung durch Geschäftsbanken und behaupten, eine Bank könne nur Geld verleihen, welches zuvor bei eben dieser Bank eingezahlt wurde. Der Grund für diese falsche Annahme dafür dürfte darin liegen, dass eine Bankbilanz immer nur isoliert zu einem bestimmten Zeitpunkt betrachtet und ausgewertet wird, wobei man in der Tat zu dieser nicht korrekten Schlussfolgerung kommen kann.

Eine Bank ist durchaus in der Lage, Giralgeld direkt mit einem Kredit zu erschaffen, falls sich ein solventer Schuldner findet, der dem Kredit entsprechende Sicherheiten hinterlegen kann. Mit dem Kredit entsteht eine sogenannte „täglich fällige Einlage“, auch „Sichteinlage“ genannt. Für die Schaffung von Giralgeld durch Banken ist folglich keine vorherige Einzahlung von Bargeld durch Nichtbanken nötig. Es ist daher sinnvoller, den Begriff „Giralgeld“ an Stelle von „Einlagen“ zu verwenden. Die Giralgeldschöpfung durch Geschäftsbanken lässt sich anhand von Buchungssätzen nachweisen, die sehr gut in einer Bilanz dargestellt werden können. Buchungssätze und Bilanzen haben in der Regel den Vorteil, unbestechlich und widerspruchsfrei zu sein, (auch wenn man heutzutage den Bewertungen vieler „Wert“papiere in Bankbilanzen nicht mehr über den Weg trauen sollte.)

Das alleinige Betrachten einer Bankbilanz zu einem bestimmten Zeitpunkt kann den heutigen Giralgeldschöpfungsprozess nicht abbilden. Wird jedoch die Bilanz vor der Kreditvergabe mit der Bilanz nach der Kreditvergabe verglichen, wird der Vorgang der Giralgeld-Schöpfung durch Banken sichtbar.

Abb 5: Bilanzänderung bei einer Kreditvergabe und Geldmengenänderung 

Man bezeichnet das durch Kredite neu geschaffene Giralgeld als Sichteinlage. Diese Sichteinlage ist durch eine Kreditvergabe entstanden und war nicht die Voraussetzung für die Kreditvergabe. Durch die Kreditvergabe hat sich das Vermögen der Bank (Aktiva) um die neue Kreditforderung erhöht. Gleichzeitig sind die Verbindlichkeiten (Passiva) in Höhe des neu geschaffenen Giralgeld gewachsen. Die Bank ist durch die Geldschöpfung nicht reicher geworden, allerdings hat sich die Bilanzsumme der Bank erhöht, weshalb man diesen Vorgang auch als Bilanzverlängerung bezeichnet. Jede Kreditvergabe hat gleichzeitig eine Erhöhung der Geldmenge M1 zur Folge.

Die Deutsche Bundesbank bestätigt erst seit kurzem diesen Vorgang in ihren Schriften. Im Jahr 2009 wurde in der Ausgabe „Geld und Geldpolitik“ – die kostenlos bei der Deutschen Bundesbank angefordert werden kann - das Kapitel der Geldschöpfung geändert. Die oben beschriebene Giralgeld-Schöpfung der Banken ist erst mit dieser Ausgabe aufgenommen worden. Der Inhalt der vorherigen Ausgaben, der kaum etwas mit den heutigen Realitäten zu tun hatte, wurde zu Recht vollständig entfernt. In ihm hatte man noch die sogenannte multiple Geldschöpfung als Kern ausgewiesen. 

Hier geht's zur Ausgabe "Geld und Geldpolitik" der Deutschen Bundesbank.

Und auch bei Wikipedia wurde bis vor wenigen Monaten die heute realitätsfremde „multiple Geldschöpfung“ als Quelle neuen Geldes angegeben. Leider kann ich nicht sagen, wann genau dieser Artikel geändert und ergänzt wurde, doch freut es mich, dass die heutige Wirklichkeit immer mehr erkannt und auch veröffentlicht wird:

Wikipedia zur Geldschöpfung

[...]Echte Geldschöpfung hingegen ist es, wenn die Menge des Buchgeldes zunimmt, indem bei einer Bank eingezahltes Bargeld (das sichtbar gemachtes Zentralbankgeld ist) das Zentralbankgeldguthaben dieser Geschäftsbank erhöht und je nach Mindestreservesatz zur Gewährung eines Vielfachen (bei einem Mindestreservesatz von 2 % des 50fachen) an Krediten verwendet wird. Dieser Vorgang wird als multiple Geldschöpfung bezeichnet.

Die (übliche) Art der Erklärung der multiplen Geldschöpfung durch Geschäftsbanken wird immer realitätsferner, weil die Nachfrage der Bankkunden nach Bargeld relativ immer mehr sinkt. Die bargeldlosen Zahlungsmöglichkeiten im täglichen Leben nehmen deutlich zu. Die Geschäftsbanken können somit auch immer mehr Giralgeld durch Kreditvergabe erzeugen, ohne Zentralbankgeld (Bargeld) abgeben zu müssen. Somit ist auch die Annahme, dass wirklich Bargeld bei Geschäftsbanken eingelegt wird bzw. die Voraussetzung für Kreditvergabe ist, immer weniger realistisch. Spareinlagen werden vorwiegend vom Girokonto direkt auf das Sparkonto getätigt. Damit nimmt aber die Möglichkeit der Zentralbanken, die Geldmenge zu steuern, immer weiter ab.[...]

Die Grenzen der Giralgeldschöpfung

Natürlich kann eine Bank nicht beliebig Kredite vergeben. Zwei Regeln begrenzen die Geldschöpfungsmöglichkeiten einer Bank:

1. Die Erfüllung der Mindestreservevorschrift.

2. Die Erfüllung der Eigenkapitalanforderung.

Ausser diesen beiden Regeln gibt es keine weiteren Beschränkungen für den formalen Vorgang der Giralgeldschöpfung. Die Annahme, dass Bargeld in Höhe der Kreditvergabe vorhanden sein muss, ist ebenso falsch, wie die Vorstellung, dass Banken über entsprechende Zentralbank-Guthaben verfügen müssen. Ebenfalls bedarf es keiner vorher getätigten Einlage durch Nichtbanken, damit eine Bank einen Kredit vergeben darf und kann.

Abb. 6: Grenzen der Giralgeldschöpfung

Sowohl die Höhe des Eigenkapitals als auch die bei einer Bank vorhandene Barreserve begrenzen die Giralgeldschöpfung. Die Höhe der Barreserve wird durch die Geldpolitik der Zentralbank beeinflusst, wobei Zentralbanken heute stets dafür sorgen, dass den Banken ausreichend Zentralbankgeld zur Verfügung steht. Zentralbanken können auf wirtschaftliche Entwicklungen nur reagieren, jedoch nicht mehr aktiv agieren und Einfluss nehmen, da sie die Kontrolle über die Geldmenge fast vollständig verloren haben.

Berechnungsgrundlage für die Höhe der Mindestreserve (MR) ist das bei einer Bank vorhandene Giralgeld (Sichteinlagen). Der Mindestreservesatz im EZB-System wurde auf zwei Prozent festgelegt. Die MR muss nicht täglich erfüllt sein, es gilt eine durchschnittliche Deckungspflicht innerhalb einer festgelegten Zeitperiode. Zurzeit beträgt diese einen Monat. Die Unterschreitung der MR ist möglich, wird aber möglichst vermieden, da ansonsten seitens der Zentralbank Sanktionen drohen. Die Mindestreservesätze anderer Währungssysteme betragen für das Federal Rerserve System (USA) 10 Prozent, die  russische Nationalbank hat 3,5 Prozent festgelegt und bei der chinesischen Volksbank werden 16,5% gefordert. Diese Angaben beziehen sich auf das Jahr 2010.

Die Eigenkapitalunterlegung wird aus einer Formel ermittelt, in welche die Kredithöhe, das Risikogewicht und eine festgelegte Eigenkapital-Anforderung eingeht.

Eigenkapitalunterlegung = Kreditbetrag x Risikogewicht in Prozent x EK-Anforderung

Die EK-Anforderung ist im Jahr 2010 im Eurosystem auf acht Prozent festgelegt. Das Risikogewicht wird anhand von Ratings ermittelt. Dafür existieren verschiedene Ansätze. Als Beispiel ist der Standardansatz dargestellt.

Beispiele mit einem Kreditbetrag von 10.000 Euro bei einer EK-Anforderung in Höhe von acht Prozent:

Für Staatsanleihen beträgt die EK-Unterlegung bei entsprechendem Rating 0 Euro. Hier liegt der Grund, warum Banken Staatsanleihen sehr gerne als Aktiv-Posten in ihren Bilanzen halten. Als griechische Staatsanleihen im diesem Jahr durch Ratingagenturen auf unter AA- zurückgestuft wurden, hatte das unter anderem zur Folge, dass gleichzeitig die Risikogewichtung stieg und damit die Eigenkapitalanforderung der Banken, die in diese Staatspapiere investiert waren.

... wird fortgesetzt ...

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