Wer sich am Aktienmarkt engagieren möchte, sollte es tunlichst vermeiden von vornherein die bekannten Anfängerfehler zu begehen und somit viel Lehrgeld bezahlen zu müssen. Dies war auch bei mir der Fall und sicherlich können auch viele von Ihnen ein Lied davon singen. Bevor man an der Börse und hier im Speziellen am Aktienmarkt loslegt, sollte man sich Gedanken machen was die passende Anlagestrategie ist. Dabei kann der Zeithorizont, die Risikoneigung oder persönliche Erfahrungen (z.B. gewisse Branchenkenntnisse) eine wichtige Rolle spielen. Die Strategien, die man bei Aktien verwenden kann lassen sich somit in zwei Überkategorien einteilen. Zum einen ist dies die technische Analyse und zum anderen die fundamentale Analyse.

Die technische Analyse

Die technische Analyse basiert auf Grundsätzen, die sich anhand unterschiedlichster Indikatoren am Kursverlauf ablesen lassen. Somit kann man kurzfristige Kursschwankungen z.B. anhand des durchschnittlichen Kursverlaufs der letzten 200 Tage erkennen, oder anhand mathematischer Berechnungen (RSI oder die Stochastik sind hier Stichworte) den aktuellen Zustand von Aktien einstufen. Da dies jedoch nicht der Schwerpunkt ist, den ich bei der Aktienanalyse ansetze, ist auch mein Wissen darüber begrenzt, weswegen es vermessen wäre hier weitere Ausschweifungen vorzunehmen. Ausführliche Informationen gerade mit dem Schwerpunkt der technischen Analyse werden jedoch auch in der Cashkurs-Familie angeboten. Unter www.cashkurs-livetrading.com ist es mein Kollege Mario Steinrücken, der JEDEN Tag anhand dieser Methoden, mit zahlreichen Hintergrundinformationen durch den Börsenalltag führt.

Die fundamentale Analyse

Somit zurück zur Fundamentalanalyse. Dabei geht es primär darum, Aktien auf Basis ihrer fundamentalen Daten zu bewerten. Diese umfassen sowohl quantitative Auswertungen in Form der Bilanz als auch qualitative Auswertungen in Form von subjektiven Einschätzungen in Bezug auf Geschäftsmodell, Branche oder auch Konkurrenz. Nun haben wir die Möglichkeit die fundamentale Analyse nochmals in unterschiedliche Kategorien zu unterteilen. Dabei sind für einen ersten Blick vor allem die Schlagworte Value, Dividende, Growth oder auch Blend entscheidend, sodass diese in Kürze erklärt werden sollen.

Value-Investing

Dies ist wohl eine der bekanntesten aber auch ältesten Aktienstrategien überhaupt. Der Begründer des Value-Investings ist Benjamin Graham. Dieser ist als Urvater seiner Zeit auch Lehrmeister Warren Buffetts an der Columbia University in New York gewesen. Beim Value-Investing versucht man sich daran unterbewertete Aktien aufzuspüren. Dies bedeutet demnach eine große und von Unternehmen zu Unternehmen individuelle Analyse der Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung. Ziel ist es Aktien ausfindig zu machen, die an der Börse derzeit günstiger gehandelt werden, als es ihr eigentlicher Wert in Form der Bilanz zulässt. Warren Buffett, den ich aus später genannten Gründen nicht zu den absoluten Value-Invesotren zählen würde, beschreibt den Ablauf so, „den 1US$ für lediglich 50 Cents einzukaufen“. Hat man ein solches Schnäppchen anhand unterschiedlicher Methoden ausfindig gemacht muss man nun auf lediglich darauf hoffen, dass sich der Börsenkurs irgendwann wieder dem wahren Wert des Unternehmens annähert. Historisch ist dabei erwiesen, dass der Börsenkurs immer wieder um den wahren inneren Wert (Intrinsic Value) tendiert. Diesen wahren inneren Wert kann man anhand unterschiedlichster Kennzahlen und Berechnungen ermitteln. Diese einzeln aufzuführen würde den Rahmen sicherlich sprengen, jedoch findet man in den zahlreichen Aktienanalysen hier bei Cashkurs spannende Parameter, die dabei erste Anlaufpunkte bilden können. So sind das Kurs-Buchwert-Verhältnis, Kurs-Gewinn-Verhältnis, Kurs-Umsatz-Verhältnis oder auch das Discounted-Cashflow-Modell erste interessante Werkzeuge. 

Aus subjektiver Betrachtung geht es beim Wort „Value“ also im deutschen „Wert“ darum nach wertorientierten Maßstäben zu agieren. Beim Kauf eines Unternehmensanteils sollte man daher herausfinden, welche Werte im Unternehmen stecken und wie diese Einzuschätzen sind. Dies können Fabriken oder Maschinen sein, Patente oder Know-How wie aber auch bekannte Marken und der damit verbundene Schutz vor neuen Konkurrenten. Versuchen Sie also sich vor Augen zu führen, ob es sich um ein Unternehmen handelt, bei dem man wahre Werte kauft und diese aktuell nicht zu teuer bezahlen muss.

Der Anlagestil ist dabei als eher konservativ und vor allem langfristig einzustufen. Häufig kann es einige Zeit dauern, bis der Markt erkennt, dass eine Unterbewertung auftritt. Aber Vorsicht: Nur weil ein Unternehmen unterbewertet ist, gilt dies nicht automatisch als Schnäppchen, welches man haben muss. Schließlich gibt es oftmals auch Gründe für eine Unterbewertung. Diese müssen demnach ganz genau unter die Lupe genommen und individuell eingeschätzt werden.

Klassische Value-Unternehmen findet man derzeit zum Beispiel in der Ölindustrie.

Growth

Bei der Growth-Strategie, zu Deutsch für Wachstum, geht es darum Unternehmen ausfindig zu machen, die zukünftig ein ordentliches Wachstum aufweisen oder von denen man vermutet, dass sie dieses tun werden. Dabei ist vor allem das Umsatzwachstum wie im zweiten Schritt auch das Gewinnwachstum entscheidend. Jedoch versuchen Sie anfangs immer auf den Umsatz zu achten. Gerade Aktiengesellschaften, die sich in einem starken Wachstum befinden legen einen geringeren Wert auf Gewinne. Schließlich ist ein erhöhter Umsatz immer auch mit Investitionen verbunden, was den Profit zu Beginn schmälert. Erst wenn ordentliche Umsatzgrößen erreicht sind, kann die Stellschraube der Profitabilität mit ins Spiel kommen. Geht es nun also um Umsatz, gibt es einige Parameter, die die Beachtung beim Filtern finden sollten. So kann bzw. muss es sich beinahe schon um eine Branche handeln, die attraktive Zukunftschancen bietet. Andernfalls wird es schwierig neue Umsätze zu kreieren. Weiterhin und/oder alternativ kann es natürlich sein, dass ein Unternehmen noch auf eine jüngere Vergangenheit zurückblickt und aus diesem Grunde Aufholbedarf aufweist. Ebenso ist es möglich, dass ein Konzern größere Wachstumsanstrengungen verfolgt als die Konkurrenz oder sich im Rahmen der Diversifikation um neue Märkte bemüht. Es gibt also zahlreiche Ansätze, die ein Unternehmen auf seinem Wachstumspfad verfolgen kann und die gilt es zu analysieren. Wichtige Kennzahlen, die dabei vor allem in der Bilanz untersucht werden müssen, sind Ausgaben für Forschung und Entwicklung bzw. Investitionen in Wachstum. Eine wichtige Zahl, die Unternehmen den Investoren dafür oftmals bereitstellen, wird CAPEX genannt. CAPEX steht dabei für Capital Expenditure, zu Deutsch Investitionsaufwand. Diesen kann man dazu sehr einfach ins Verhältnis zum Umsatz setzen und vergleicht in der Folge anhand dessen Gesellschaften aus einer Branche. Wer hat also die größten Anstrengungen in Sachen Forschung und Entwicklung bei wie viel Aufholbedarf und wer investiert am meisten in neue Projekte.

Der Ansatz ist dabei eher mittelfristig ausgeprägt und bringt auch ein gewisses Risiko mit sich, da eine geplante Wachstumsstrategie natürlich nicht immer aufgehen muss. Der Wandel der Gesellschaft und Branche ist dabei natürlich immer mit ins Kalkül zu ziehen.

Klassische Wachstumsunternehmen kommen vor allem aus dem Pharma- oder Technologiesektor. Im TecDax schwirren dabei zahlreiche dieser Kandidaten. Weiterhin kennen wir Google oder Apple, die zwar bereits ordentlich bewertet sind, jedoch alle Male zu diesen Kandidaten zählen.

Blend

Die Blend-Strategie ist als ideale Mischung zwischen Value und Growth zu verstehen. Zu dieser Strategie würde ich daher auch einen der bekanntesten Investoren überhaupt – Warren Buffett – zählen. Dieser sucht unterbewertete Unternehmen, die jedoch gleichermaßen, auf sehr langfristige Perspektive hin, ein Wachstum aufweisen. Seine Unternehmen müssen eine Daseinsberechtigung haben und auch in 5, 10 oder 20 Jahren noch Nachfrage nach ihren Produkten haben. Solche langfristigen Wachstumskandidaten nun auch noch zu einem günstigen Preis zu bekommen ist nicht ganz einfach, wenn man diese jedoch gefunden hat, ist ein hochinteressanter und spannender Kandidat ausgemacht.

Dividendenstrategie

Heutzutage gibt es ganze Finanzprodukte, die darauf abzielen nur die dividendenstärksten Unternehmen in einen Index aufzunehmen. Oftmals wird unterstellt, dass Aktien mit einer hohen Dividendenausschüttung in vielen Fällen auch beim Aktienkurs besser performen, als Gesellschaften, die eher wenig an die Aktionäre weitergeben. Nach eigenen Studien aus dem Jahre 2013 musste auch ich feststellen, dass diese Aktien im Schnitt 3,5-4% besser abschnitten. Zum Verständnis: Die ausgezahlte Dividende wird am Tag der Ausschüttung automatisch vom Aktienkurs abgezogen. Somit kommt das Geld auf der einen Seite in bar hinein, wird auf der anderen jedoch im Depot direkt vermindert. Also ein Nullsummenspiel. Der Mehrwert wird dadurch erzeugt, dass man das Cash direkt zur Verfügung hat und jedes Jahr mit einer kontinuierlichen Rendite rechnen kann. Einen umfassenden Beitrag zum Thema Dividende haben wir bereits hier veröffentlicht.

Nun gibt es also Strategien, die sich darauf berufen nur dividendenstarke Titel aufzunehmen. Stark ist dabei z.B. eine Dividende von über 3%. Der Anleger muss allerdings darauf achten, dass das Unternehmen auch in der Vergangenheit bereits kontinuierlich hohe Dividenden ausgeschüttet hat. Ein weiteres wichtiges Merkmal sollte sein, dass die Dividende stetig erhöht wurde. Sind diese Kriterien erfüllt, werden solche Kandidaten sehr ehrfürchtig oftmals auch als „Aristokraten“ verschrien.

Mit einer ordentlichen Dividendenrendite hat man jedes Jahr einen sichergestellten Cash-Flow. Problematisch wird dies nur dann, wenn der Anleger zu proaktiv auch den Kursverlauf verfolgt.

Dividendenstrategien sind als eher langfristig einzustufen. Die Gefahr besteht dabei, dass man aufgrund der Diversifikation etwas eingeschränkt ist, da z.B. Titel aus Wachstumsbranchen gerade zu Beginn so gut wie keine Dividende ausschütten (Beispiel Google).

Turnaround, Spin-Off, Event-Driven etc.

Neben diesen großen Ansätzen gibt es auch immer wieder spezielle Strategien, die vor allem bei Hedgefonds oder Private-Equity-Gesellschaften Anwendung finden.

Bei Turnarounds beispielsweise schaut man nach absolut verprügelten Kandidaten, die z.B. durch ein miserables Missmanagement abgestürzt sind. Diese wiederum werden nun umstrukturiert und komplett neu aufgestellt. Dadurch ergeben sich Chancen, die es gilt zu nutzen und die Aufholjagd kann dann umso steiler bergauf gehen. Kann, muss aber nicht. Ein gutes Management mit aussichtsreichen Ideen und dem notwendigen Kapital sind dafür Voraussetzung.

Ein Spin-Off wiederum kann für beide Seiten gewinnbringend sein. Dabei wird z.B. eine Abteilung aus einem Unternehmen ausgegliedert und selber an die Börse gebracht. Dadurch entsteht die Chance, dass das neu gegründete Unternehmen bereits über ein funktionierendes Geschäftsmodell verfügt und die notwendigen Kunden hat. Für das bereits bestehende Unternehmen entstehen dadurch finanzielle Möglichkeiten und eine stärkere Konzentration auf das Kerngeschäft. Ein attraktives Beispiel ist dabei Osram, das sich vor einigen Jahren vom Siemens-Konzern abgespaltet hat.

Event-Driven findet vor allem bei Hedgefonds große Beliebtheit. Dabei setzen kurzfristig und sehr spekulativ veranlagte Anlagevehikel auf Unternehmensereignisse. Dies können z.B. künftige Übernahmen oder Fusionen sein, oder auch Unternehmen, die in notleidenden Situationen stecken. Solche Ereignisse treiben den Aktienkurs erfahrungsgemäß sehr zügig, wodurch den Fondsmanagern ein schneller Profit in Aussicht gestellt wird. Unter den Heuschrecken versteht man dann vor allem die Investoren, die versuchen solche Situationen selber hervorzurufen. Ein großer Investor steigt in ein Unternehmen ein und treibt das Management zu einem entscheidenden Ereignis, das den Aktienkurs positiv beeinflusst. Ein Aktienrückkauf, die Erhöhung von Dividende oder der Verkauf einzelner Töchter können dabei Beispiele sein. Für Privatanleger ist natürlich gerade letzteres ungeeignet (ganz zu schweigen von den moralischen Gesichtspunkten), da dafür ein großes Investmentvermögen zur Verfügung stehen muss.

Fazit

Wenn man sich also den Aktienmärkten zuwenden möchte, sollte man sich im Vorfeld klar sein, mit welcher Strategie man vorgehen will. Die Ansätze zu mischen ist natürlich nicht immer von Nachteil, jedoch sollte man sich im Besonderen vor jedem einzelnen Investment darüber im Klaren sein mit welchem Ansatz man vorgehen will. Von einem kopflosen Investieren nach Empfehlungen oder netten Ratschlägen würde ich daher absehen und mir den jeweils zu mir passenden Ansatz zusammen basteln. Somit ist der langfristige Erfolg auf jeden Fall wahrscheinlicher und wenn nicht, ja dann ist es an uns, die Fehler in der eigenen Strategie zu suchen und niemand anders dafür verantwortlich zu machen. Auch dieser Prozess der Einsicht kann oftmals hilfreiche Aufschlüsse geben.

Weiterhin viel Erfolg!

Ihr Andreas Meyer

Quelle: www.am-capital.de

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