Zwischen 65 und 80 Prozent befragter Autofahrer halten ihre Fahrkünste für überdurchschnittlich gut. Dass das rechnerisch nicht aufgeht und sich ein erheblicher Teil der Befragten zwangsläufig überschätzen muss, liegt auf der Hand. Vom psychologischen Blickwinkel aus betrachtet, ist das jedoch nicht außergewöhnlich. Menschen tendieren generell dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu optimistisch zu beurteilen. Diese Einstellung wird in der Behavioral Finance als Overconfidence-Bias bzw. Selbstüberschätzung bezeichnet und ist für den Anleger meist unvorteilhaft.

Vermessene Illusionisten

Stellen Sie sich vor, dass Sie im Begriff sind ein Lotterielos zu kaufen. Wären Sie bereit, für das Los mehr zu bezahlen, wenn Sie es selber ziehen dürften? In Versuchen, die unter realen Bedingungen durchgeführt wurden, haben die meisten Befragten zugestimmt. Derartig irrationale Einstellungen werden in erster Linie dem Kontrollbedürfnis zugeschrieben, der zu den elementaren Grundbedürfnissen des Menschen zählt. Genau genommen, handelt es sich um die Kontrollillusion, die Folgendes besagt: Im Umgang mit unsicheren Ereignissen, die in keinem ursächlichen Verhältnis zueinander stehen und von uns nicht beeinflusst bzw. gesteuert werden können - also Zufälle -, wird das Gefühl entwickelt, man könne die Situationen trotzdem steuern und im Griff haben. Um auf die Lotterie zurückzukommen, wird mehr für das Los gezahlt, wenn man es selbst auswählen darf,  obwohl sich damit an der Gewinnwahrscheinlichkeit nichts ändert und der Ausgang ohnehin zufallsabhängig ist.

Das Kontrollverlangen spielt auch für die Marktteilnehmer im Börsengeschehen eine große Rolle. Da die Anleger gemeinhin die Kurse nicht direkt beeinflussen können, geben sie sich schon mit der Illusion zufrieden, dass sie Kontrolle durch Vorhersage oder durch Kenntnis der Einflussgrößen erlangen könnten, indem sie ihr Handeln danach ausrichten. Wenn sich die Kontrollillusion auf die Vorhersagbarkeit von Ereignissen bezieht, so spricht man von einer Selbstüberschätzung. Hierbei ist sich der Anleger einer bestimmten Informationsbewertung viel zu sicher, was ihn zu dem Irrglauben bewegt, Kontrolle ausüben zu können. Die Wunschvorstellung, die Situation im Griff zu haben, sorgt dafür, sich wohler zu fühlen. Um sein eigenes Wohlbefinden zu steigern, bedient sich die Psyche verschiedener Effekte. Folgende Phänomene, die ebenfalls im Zusammenhang mit der Kontrollillusion stehen, dienen in erster Linie der Selbstbestätigung.

Talent oder Pech

Wenn wir mit unseren Entscheidungen richtig liegen, schreiben wir das gerne unseren persönlichen Talenten zu. Doch wenn sich die getroffene Entscheidung als falsch herausstellt, wird das Misslingen anderen widrigen Umständen zugeschrieben. So sieht der Anleger eine positive Performance durch seine Fähigkeiten begründet. Doch wenn die Resultate negativ sind, ist jemand (wie beispielsweise der Finanzberater) oder etwas Anderes (z.B. eine plötzliche Naturkatastrophe) dafür verantwortlich – da hat man einfach mal Pech gehabt. Wenn Verluste erlitten werden, lassen sich dann bei den zahlreichen Einflussfaktoren an den Märkten immer genügend Gründe finden. Diese Wahrnehmungsverzerrung dient dazu, das Selbstwertgefühl zu schützen oder zu erhöhen und wird als „selbstwertdienliche Attribution“ bezeichnet.

Das kann doch kein Zufall sein

Einigen Anlegern gelingt manchmal alles mühelos. Sie fahren eine Serie von Gewinnen ein und das Gefühl Verluste zu erleiden, kennen sie nicht mehr. Wenn sie in einer solchen Situation aus übertriebenem Selbstbewusstsein heraus die Bereitschaft entwickeln immer größere Risiken einzugehen, wird dieses Wahrnehmungsstadium Gelernte Sorglosigkeit genannt. Die einsetzende Risikofreude wiederum führt häufig zu leichtsinnigen und vielen unnötigen Fehlern bei den Anlageentscheidungen. Die zunehmende Nonchalance, die mit der selbstwertdienlichen Attribution einhergeht, trägt zur Entstehung einer Kontrollillusion bei. Deren Ausprägung ist dann desto stärker, je länger die der eigenen Unfehlbarkeit zugeschriebene Erfolgsserie bzw. Glücksträhne anhält.

Wusste ich es doch die ganze Zeit…

„Knew-it-all-along“ bzw. “Wusste ich es doch immer” sagen sich Menschen meist, wenn sie ihre Erinnerung an eine früher gemachte Prognose nachträglich angleichen, nachdem die jeweilige Situation bereits stattgefunden hat und die tatsächlichen Informationen dazu inzwischen verfügbar sind. Diese Neigung, die Tatsachen in punkto Erinnerung zu verdrehen und sich quasi selbst zu täuschen, ist der so genannte Hindsight-Bias (Rückschaufehler). Ein wirtschaftshistorisches Beispiel für diesen Effekt bietet der legendäre Financier und Spekulant der 1920er und 30er Jahre, Bernard Baruch. Der Berater der US-Präsidenten Woodrow Wilson und Franklin D. Roosevelt schrieb in den Fünfzigern seine Memoiren, und erinnerte sich darin, vor dem drohenden Crash 1929 gewarnt zu haben. Doch seine Aufzeichnungen und Veröffentlichungen in der Zeit vor der großen Depression zeigen, dass darin keine solchen Warnungen enthalten waren; ganz im Gegenteil: er war im gleichen Maße bullisch, wie das vom Aktienfieber erfasste Gros der Masse. Ähnlich geht es vielen Anlegern, die während der Dotcom-Blase dem Herdentrieb am Neuen Markt verfallen waren oder von der US-Immobilienkrise überrollt wurden. Um sich nicht die damaligen Fehleinschätzungen eingestehen zu müssen, spielt das Gedächtnis dem Anleger einen Streich, und erfindet die Vergangenheit einfach neu.

Mangelnde Medienkompetenz (der Anderen…)

Das letzte Phänomen, auf das wir an dieser Stelle eingehen werden, ist der so genannte Third-Person-Effekt (Dritt-Personen-Effekt). Dabei handelt sich um die Überzeugung vieler, dass die Massenmedien sie weniger beeinflussen als das bei Anderen der Fall ist. Dieser Wahrnehmungseffekt, der nicht unbedingt direkt der Behavioral Finance, sondern eher der Kommunikations-, Sozial- und Medienpsychologie zuzuordnen ist, stellt soziale Vergleiche mit vermeintlich weniger medienkompetenten Menschen an, um das Selbstwertgefühl zu schützen bzw. zu erhöhen. Die Selbsteinschätzungen gehen teils soweit, dass sich einige für unbeeinflussbar, gar medienallmächtig halten. Auf das Verhalten der Anleger bezogen, heißt das, dass sie auf Meldungen in den Medien reagieren, weil sie glauben, dass sie die anderen Marktteilnehmer Einfluss ausüben und bestimmte Kursbewegungen auslösen werden.

Fazit

Die beschriebenen psychologischen Phänomene zielen darauf ab, unserem Kontrollbedürfnis bzw. unserem Drang nach Selbstbestätigung oder Selbstschutz Befriedigung zu verschaffen. Wenn sich herausstellt, dass Fehlentscheidungen getroffen wurden oder die bisherigen Annahmen und Überzeugungen falsch sind, entsteht ein mentaler Konflikt, die so genannte Kognitive Dissonanz. Um diese Unlustgefühle zu vermindern oder aufzulösen, bedient sich unser Geist häufig der Verdrängung oder „kreativer Informationsumgestaltung“. Kontrollillusion oder Selbstüberschätzung verleiten uns, leichtsinnig Risiken einzugehen und hindern uns vor allem daran, unsere Entscheidungen zu hinterfragen. Die Fähigkeit zur Selbstkritik und ihre Anwendung sind Grundvoraussetzungen, um psychologisch bedingte Anlagefehler zu erkennen, uns ihrer bewusst zu werden, und um ihnen somit entgegenwirken zu können. Als wie überdurchschnittlich wir unsere Leistungen, Fähigkeiten und Begabungen auch beurteilen mögen, werden wir den Börsenkursen nicht unseren Willen aufzwingen können; denn bekanntlich haben nicht wir immer Recht, sondern der Markt…

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