Wir haben den Tag der Entscheidung. Diesen Satz hörte man in den vergangenen Wochen mehr als nur einmal. Vergeblich, wie sich immer wieder herausstellte, denn eine Lösung im Schuldenstreit zwischen Troika (oder auch Institution wie sie heute genannt wird) und der griechischen Regierung konnte bisher nicht final gefunden werden. Es wird nahezu schon zu einem leidigen Thema, denn in der Wirtschafts- und Finanzbranche gibt es kaum ein anderes, das derart präsent die Märkte beeinflusst. Die französische Großbank BNP Paribas hatte die Wahrscheinlichkeit eines Austritts Griechenlands aus der Währungsunion des Euro jüngst erst auf 50% hochgestuft.

Was passiert, wenn Griechenland austritt?

Die Risiken eines Grexit sind vorhanden und würden die griechische Bevölkerung, als auch die dort ansässigen Unternehmen mit voller Härte treffen. Würde man zur Drachme zurückkehren, so gehen erste Erwartungen dahin, dass die neue-alte Währung gegen den EURO und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gegen alle anderen wichtigen Währungen (USD, GBP, CHF, JPY) extrem abwerten wird. Schätzungen gehen dabei von 30-60% aus. Dadurch würde sich gleichermaßen die Verschuldung extrem erhöhen (denn schließlich muss ein Staat in der eigenen Währung bilanzieren, sodass die Verschuldung bei ausländischen Gläubigern im gleichen Maße ansteigen würde).

Ein weiterer absoluter Negativeffekt sind die verringerten Importe. Was man heute im wirtschaftlich schwachen Griechenland mit Euros aus dem Rest der Währungsunion importieren kann, würde dann schlagartig um die genannten 30-60% teurer werden. Der Zukauf von Technologie oder Maschinen würde sich um diesen Teil verteuern und die Qualität und Leistungsfähigkeit der griechischen Wirtschaft massiv einschränken. Es sind also die starken Euro-Länder, die es Griechenland derzeit ermöglichen günstig im Ausland einzukaufen. Betrachtet man also den Aktienmarkt, so kann man davon ausgehen, dass Unternehmen, die auf Importe angewiesen sind massive Probleme bekommen könnten diese zu finanzieren. Genau dieses Spiel kann man jedoch auch andersherum spielen. Sollte der Grexit eintreten werden für uns Euro-Europäer griechische Produkte mit einem Schlag deutlich günstiger. Der Urlaub in Griechenland oder der Import von dort produzierten Gütern verbilligt sich, sodass die Nachfrage im Ausland steigen dürfte. Ein Blick auf die wichtigsten griechischen Unternehmen zeigt den Anteil der Umsätze, die diese Unternehmen im Ausland generieren.

Das Gedankenspiel

Unternehmen die einen hohen Anteil ihrer Umsätze im Ausland kreieren, würden ihren Absatz massiv steigern, da die Produkte z.B. für Euro-Europäer deutlich günstiger werden. Dabei muss nur beachtet werden, dass diese Unternehmen auch in griechischer Drachme bilanzieren (sollte die neue Währung die Drachme werden) und nicht allzu stark auf Importe aus dem Ausland angewiesen sind. Maschinenbauer hätten es hier sicherlich etwas schwerer als beispielsweise Dienstleistungsunternehmen. Eine ähnliche Argumentation und auch die damit verbundenen Auswirkungen haben wir in den Bilanzen unserer DAX30-Unternehmen sehen können. Diese konnten durch den niedrigeren EUR/USD-Kurs deutlich dynamischeres Absatzpotential im Export generieren.

Der Chart macht den negativen Trend des Athex (in orange) auf 5-Jahres-Sicht trotz der erlebten Aktienmarktrallye deutlich. Dieser hat fundamental natürlich seinen Grund, führt jedoch auch dazu, dass wir langfristig die Möglichkeit haben noch Schnäppchen zu definieren.

Der lange Atem

Es muss natürlich beachtet werden, dass Aktienmärkte und die darin enthaltenen Unternehmen vorerst deutlich nachgeben würden. Der ganz lange Atem wäre hier demnach entscheidend und ein Investment käme sowieso erst dann in Frage, wenn sich die gesamte Lage beruhigt hat und auch wirtschaftliche Auswirkungen ersichtlich werden. Zum derzeitigen Zeitpunkt handelt es sich also lediglich um ein Gedankenspiel, welches jedoch gleichermaßen spannend wie interessant erscheint. Zum aktuellen Zeitpunkt sollte man den griechischen Markt, auch wenn dieser an positiven Tagen überdurchschnittlich zulegt, eher meiden. Die Möglichkeit diesen vorherzusagen oder auch nur annähernd einzuschätzen, wie sich das politische Geflecht entwickelt, dürfte trotz aller Bemühungen schwer fallen. Deswegen sollte man heute noch die Füße still halten, sich auf andere fundamental wertvolle Aktientitel konzentrieren, sich jedoch der unterbewerten Lage in Griechenland bewusst sein und bei mehr Klarheit genau analysieren und im Idealfall agieren.

Ihr Andreas Meyer

Quelle: www.am-capital.de, Unternehmensseiten, www.bloomberg.com  

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