Link: Investieren in Silber (Teil 1) – Die ersten wichtigen Schritte (Frank Meyer)

Im zweiten Teil meiner Sommerserie zum Silber betrachten wir den Markt. Mit seinen rund 22 Milliarden USD ist er ein Zwerg und in etwa so groß wie Linde, die Deutsche Post oder Metro. Während sich die Welt auch ohne diese drei Unternehmen wohl weiterdrehen würde, stünde sie ohne Silber aber still, denn das weiße Metall ist ein Tausendsassa in der Industrie, die 54 Prozent des Angebots aufsaugt. Doch wieviel von diesem „Zeug“ gibt es? Und wo steckt es?

Laut CPM-Group, einer der ganz Großen im Rohstoffbereich, wurden in der Menschheitsgeschichte rund 44 Mrd. Unzen gefördert, wovon die Hälfte verbraucht wurde oder als verloren gilt. Im Boden sollen noch etwa 18 Milliarden Unzen liegen, so die Experten. Wo aber sind die restlichen geförderten 22 Mrd. Unzen? Sie sind über die gesamte Welt verstreut – ob als Besteck, Geschirr, Kunstgegenstände oder sakrale Objekte, vor allem aber als Schmuck. Fast jeder hat zu Hause etwas Altsilber. Lohnt sich ein Verkauf? Eher nicht.

Für Investoren kommen nur Barren und Münzen in Frage. In dieser Form lassen sich oberirdisch 1,2 Milliarden Unzen ausmachen. (596 Mio. Unzen in Barren, 588 Mio. Unzen in Münzen) Nehmen wir mal an, die Zahlen würden stimmen. Der Marktwert von rund 22 Mrd. USD entspräche einem Pro-Kopf-Anteil von 3,20 USD für jeden Erdenbürger – oder umgerechnet 2,53 Euro.

Und sollte es nicht reichen, gibt es ja noch die als „sicherer Hafen“ bezeichneten Anleihen – weltweit immerhin 14.000 USD pro Nase. Kleiner Scherz!

Zwei Studien haben sich mit den abbaubaren Silbervorkommen beschäftigt. Eine 350-seitige Studie, für die Bundesregierung im Jahr 2007 erstellt, weist weltweite Reserven in Höhe von 270.000 Tonnen Silber aus. Bei einer jährlichen Förderung von knapp 20.000 Tonnen, ginge das weiße Metall im Jahr 2024 zur Neige. Unter Reserven ist mit herkömmlichen Mitteln abbaubares Silber gemeint. Stiegen die Preise, würde sich auch der Abbau von Erzen mit geringerer Konzentration lohnen. Das Silber geht nicht so schnell zur Neige, denn neben den Ressourcen sind es noch Reserven. Um diese zu heben wären technischer Fortschritt und höhere Preise zwingend nötig.

Doch wieviel Silber ist überhaupt entdeckt? Darüber gibt ein Blick in die Ressourcen Auskunft, also auf die Menge, die theoretisch abgebaut werden kann. Belegbare Zahlen liefert hier U.S. Geological Survey (USGS) aus dem Jahr 2009, eine Organisation, die direkt dem US-Innenministerium unterstellt ist. Demnach gibt es weltweit noch 570.000 Tonnen Silber im Boden. Sollte es abgebaut werden können, reichte das Metall noch bis ins Jahr 2039. Im Vergleich zu anderen Metallen geht Silber als erstes zur Neige.

Der größte anzapfbare Speicher wäre demnach der Schmuck. Ab welchem Punkt aber würde man ihn verkaufen? Natürlich dann, wenn es sich lohnen würde. Wie hoch müssten die Preise sein, um die über die Welt verstreuten Mengen in die Schmelzöfen wandern zu lassen? Keine Ahnung. Würden Sie einen zehn Gramm schweren Ring für zehn Euro verkaufen? Ich weiß, Sie kämen nie auf die Idee, wenn eine Straßenbahnkarte die Hälfte des Gewinns auffrisst. Doch schon bei diesem Preis müsste der Silberpreis bei 30 Euro pro Unze stehen, sich also verdoppeln. Glauben Sie, die Leute rennen bei einem Euro pro Gramm los? Ich nicht. Momentan kann man das meiste Altsilber von der Angebotsseite streichen. Es ist zwar irgendwo, aber in unpassender Form.

Echt und unecht

Der Silbermarkt ist ein zweigeteilter Markt. Einerseits wird das physische Metall als Rohstoff gehandelt. Große Händler und  Produzenten sichern sich über Terminmärkte ab, um Kosten bzw. Einnahmen kalkulierbar zu halten - ein ganz normales Geschäft und äußerst sinnvoll, wenn nicht die Spekulanten mit viel Geld einen kleinen Markt komplett verzerren würden.

In den letzten Jahrzehnten hat sich neben dem realen Silbermarkt ein weit größerer Papiersilbermarkt etabliert, der ein eigenes Leben führt. So kommt derzeit auf eine echte physische Unze die hundertfache Menge an Papiersilber. Papiersilber ist der Begriff für Zettel, die vorgeben, mit echtem Silber etwas zu tun zu haben. Haben sie aber nicht – nur in der Fantasie. Die Zettel vermehrten sich in den letzten Jahren wie Blattläuse im Sommer und werden meist im nicht regulierten grauen Derivatemarkt (OTC) gehandelt. Der normale Menschenverstand denkt sofort an Wahnsinn, Mengen zu handeln, die es gar nicht gibt. Solange aber niemand „Haltet den Dieb!“ ruft, Aufsichtsbehörden wegschauen, vielleicht sogar absichtlich und die Spieler nicht auf echte Lieferung bestehen, kann dieses Spiel noch eine ganze Weile weiter laufen.

Wahrscheinlich, wenn es auf dem realen Markt eng wird und er sich vom Papier abkoppelt. Eigentlich ist der Papiersilbermarkt ein Schneeballsystem, in dem die Letzten von den Hunden gebissen oder gefressen werden, nämlich dann, wenn ein großes Geschrei um die realen Silberbestände losbricht.

In den letzten Jahren wuchs der Derivatemarkt in immer gigantischere Höhen, während der physische Markt stagnierte. Und wenn die großen Jungs im Derivatemarkt etwas bewegen möchten, setzen sie den Hebel am Terminmarkt an. Echtes Silber besitzen sie ohnehin nicht. Dann stürzen plötzlich die Silberpreise ab, ohne dass es irgendwelche Nachrichten gab. Große Jungs mit großem Geld bekommen das in einem kleinen Markt spielend hin. Bislang jedenfalls. Wer Silber aus strategischen Gründen kauft, sollte besser darauf achten, dass er echtes Silber besitzt und keine Ansprüche darauf, die im Fall der Fälle nicht eingelöst werden.

Verzerrte Preise – verzerrter Markt

Künstlich niedrig gedrückte Preise durch irrwitzige Shortpositionen weniger Spieler auf einem kleinen Markt über eine lange Zeit hatte in den letzten Jahrzehnten eine verheerende Wirkung auf die Minenindustrie. Sie konnte bei steigenden Kosten oft kaum mehr rentabel arbeiten. Also hat man es gelassen. Die Förderkosten waren meist höher als der Gewinn beim Verkauf Und so blieben nur große Produzenten übrig, die Silber billig fördern konnten. Zudem lasteten auf den Preisen die permanenten Verkäufe aus den Lagern der Regierungen über Jahrzehnte hinweg. Als die US-Regierung die Silbermünzen aus dem Umlauf zogen, hatte sie Milliarden Unzen übrig, die sie in den Markt verkaufte. Und so lag über eine lange Zeit eine ganze Branche brach und kommt jetzt langsam wieder in Schwung.

Doch was war damals los in den USA? Lassen Sie uns hier einen kurzen Moment verharren und staunen, was US-Präsident Lyndon B. Johnson am 23. Juli 1965 seinem Volk zu sagen hatte. Man müsse mit Silber sparsam umgehen, so der Inhalt seiner Rede. Es für Münzen zu benutzen, wäre Verschwendung...

"Und jeder von Ihnen weiß, diese Änderung ist notwendig, aus einem sehr einfachen Grund - Silber ist ein seltenes Metall. Unser Silberverbrauch steigt mit unserer steigenden Bevölkerungszahl und mit unserer wachsenden Wirtschaft. Es ist nun einmal Tatsache, dass der Silberverbrauch aktuell doppelt so hoch liegt wie die Menge des jährlich geförderten Silbers. Und in Anbetracht dieser weltweiten Silberknappheit wie auch unseres schnell steigenden Bedarfs an Münzen, konnte es nur eine wohl überlegte Vorgehensweise geben: Wir mussten unsere Abhängigkeit vom Silber bei der Herstellung unserer Münzen reduzieren.

Wären wir diesen Schritt nicht gegangen, hätten wir schon innerhalb sehr kurzer Zeit eine chronische Münzknappheit riskiert.   So mancher stellt sich die Frage, ob jetzt unsere Silbermünzen verschwinden werden. Die Antwort ist ein sehr entschiedenes Nein.

Unsere derzeitigen Münzen werden nicht verschwinden, und sie werden nicht einmal zu Raritäten werden. Wir schätzen, dass es von ihnen jetzt 12 Milliarden gibt - ich wiederhole, mehr als 12 Milliarden Silver Dimes, Quarters und Half Dollars - die sich noch im Umlauf befinden. Wir werden eine weitere Milliarde herstellen, bevor wir die Produktion einstellen. Und diese Münzen werden zusammen mit den neuen Münzen ganz gewöhnlich genutzt werden.  Da die Lebensdauer einer Silbermünze um die 25 Jahre beträgt, gehen wir davon aus, dass wir unsere herkömmlichen Münzen noch für sehr lange Zeit haben werden.

Sollte irgendjemand auf den Gedanken kommen unsere Silbermünzen zu horten, dem will ich Folgendes sagen: Das Finanzministerium verfügt über reichlich Silber, und es kann und wird dafür eingesetzt werden, den Silberpreis dort zu halten, wo auch der Wert unserer derzeitigen Silbermünzen liegt. Diejenigen, die sie aus dem Umlauf nehmen, um am Wert ihres Silbergehaltes zu profitieren, werden daran keinen Gewinn machen."  (Quelle: http://www.presidency.ucsb.edu/ws/?pid=27108

… und dann kam es anders. Wie so oft. Der Preis stieg. Die Lager sind inzwischen leer. Aus den 12 Milliarden Unzen wurden Münzen, moderner Fortschritt, Schmuck und Fotos. Man sollte sich die Worte des US-Präsidenten noch einmal Zeile für Zeile durchlesen. Inzwischen besitzen nur noch China und Mexiko einige Millionen Unzen in ihren Regierungsbeständen. Die US-Regierung saß 1940 auf 3,3 Mrd. Unzen. 2004 wurden die restlichen 20 Mio. Unzen an die US-Mint zur Produktion von Münzen überreicht. Das gelagerte Silber reichte in den 50er Jahren noch für 100 Monate, in den 80er Jahren für 60 Monate. Heute ist dieser Vorrat auf 16 Monate geschrumpft.

Angebot & Nachfrage

Dem Markt werden nach Schätzungen des Silver Instituts in diesem Jahr 22.000 Tonnen aus der Produktion zur Verfügung gestellt. Dazu kommen 5.155 Tonnen recyceltes Silber. Zusammengerechnet besteht der Markt in diesem Jahr aus 28.000 Tonnen Silber.

2010 wird die Industrie voraussichtlich 11.000 Tonnen nachfragen, 6.700 Tonnen die Schmuckproduzenten, 2.600 Tonnen die Fotoindustrie 4.600 Tonnen die ETF`s und 2.500 Tonnen die, die Münzen prägen – so zumindest die offiziellen Zahlen. Dabei erweist sich die Investorenseite als immer stärkerer Staubsauger.

2009 brach wegen der Wirtschaftskrise die Nachfrage der Industrie auf den niedrigsten Stand seit 2003 ein. Zugleich stieg jedoch die Investmentnachfrage an. So wuchsen die Silbereinlagen aller ETF´s um 132 auf knapp 400 Millionen Unzen. Die Produktion von Münzen und Medaillen kletterte im letzten Jahr um 21 Prozent auf den Rekord von 78,7 Mio. Unzen. Barclays schätzt, dass in den weltweiten börsengehandelten Fonds inzwischen 12.680 Tonnen Silber lagern. Von den in der US-Mint geprägten „American Eagle“ wurden dieses Jahr bislang 17,7 Millionen Stücke verkauft.

In diesem Jahr wird aus einem Viertel des Silbers, was dem Markt zur Verfügung Anlagesilber – immerhin 7.000 Tonnen. sagen Berechnungen. Diese Menge klingt gewaltig, ist sie aber nicht, entspricht der Haufen einem Wert von 3,9 Milliarden US-Dollar und entspricht dem, was die US-Regierung täglich an neuen Schulden macht.

Fazit

Der Silbermarkt ist vergleichbar groß mit einer handelsüblichen Badewanne auf einem großen Meer der Finanzen. Die Plätze sind momentan fast alle schon belegt - zur Hälfte von industriellen Interessen, zu anderen Hälfte von Schmuckherstellern, Fotoindustrie und inzwischen auch von Investoren. Sollten sich die weiter oben aufgeführten Daten herumsprechen, und das werden sie, könnte es passieren, dass noch mehr Investoren in diese fast schon zu enge Wanne einsteigen werden. Was dann passiert, überlasse ich Ihrer Fantasie. Dabei ist noch gar nicht bedacht, wenn die Leute aus dem Finanzteich bei hoher See diese schippernde Badewanne als Rettungsboot entdecken. Dann ist so eine Seefahrt nur für die lustig, die einen Sitzplatz ergattert haben.