Nicht, dass ich die Münze tatsächlich loswerden möchte, doch das Experiment ist immer wieder interessant und zieht verblüffende Gebaren und Verhaltensweisen nach sich. Ich spreche von einer 2012er 10-Euro-Gedenkmünze „Deutsche Nationalbibliothek“ Spiegelglanz, die ich immer in meinem Portemonnaie bei mir trage. Von Zeit zu Zeit lege ich sie vorzugsweise in Bäckereien oder bei Tankstellen auf den Verkaufstresen, um vorgeblich damit bezahlen zu wollen. Einfach nur so. Aus Spaß an der Freud.

Skurrile Reaktionen und negative Energie

Obwohl die Münze recht hübsch ausschaut, sind die Reaktionen der VerkäuferInnen auf mein Bezahlangebot in den meisten Fällen äußerst skurril. Ich studiere dann die Situation und Verhaltensweisen meiner Mitmenschen ganz genau. Sie reichen von hilflosem, schallendem Gelächter bis hin zu extrem ängstlich erschrockenen Abwehrhaltungen mit nach vorn ausgestreckten Händen. Manche Gesichter verzerren sich dabei krampfhaft in besorgniserregender Form oder werden teils auch ganz rot vor Aufregung ob dieser merkwürdigen Münze. Und immer spürt man auch plötzlich eine merkwürdig negative Energie, die sich im Verkaufsraum breit macht und auch andere Kunden erfasst. Die Luft wird richtig dick und unangenehm. Jetzt heißt es, standhaft zu bleiben. Schließlich tut man nichts Illegales. Im Gegenteil! Rechtlich befindet man sich auf der sicheren Seite. Doch scheue, peinlich berührte, sowie irritierte Blicke streifen mich - diesen komischen Kauz - dann. Manche der Kunden rümpfen die Nase oder drehen sich schnell weg. Entweder um mich oder - ich halte das für wahrscheinlicher - die Münze nicht betrachten zu müssen. „Was für ein Idiot!“ wird der ein oder andere bestimmt zusätzlich denken.

Schwein gehabt

Ich habe trotzdem Spaß dabei! Und Freude empfinde ich immer dann, wenn mir nicht sofort mit der Polizei gedroht wird, sondern die ein oder andere Verkaufskraft Interesse an meinen Ausführungen zum 10-Euro-Silbertaler zeigt. Wobei das eher ziemlich selten vorkommt. Doch neulich hatte ich Schwein! Eine Kundin direkt hinter mir  outete sich als Angestellte der Sparkasse und kam mir zur Hilfe. Sie begutachtete die Münze aufmerksam und übernahm dann meine Aufklärungsarbeit. „Sie können diese Münze bedenkenlos annehmen“, sprach sie. „Sie ist echt! Jede Bank und Sparkasse tauscht sie um. Es ist eine Euro-Gedenkmünze. Sie ist wirklich echt!“, versuchte sie die Verkäuferin zu überzeugen. Die Dame mittleren Alters wirkte wohl mehr als weniger glaubhaft und mit einem doch skeptischen Blick reichte mir die Frau hinter der Theke mein Wechselgeld.

Beim Verlassen des Geschäfts hörte ich Getuschel. Eine Verschwörungstheorie! Oh, ja! „Die arbeiten bestimmt zusammen.“, hörte ich einen ziemlich jungen Mann seinen Freund zuflüstern. „Das ist wie in „Better Call Saul“, sagte der andere. „Jau, Trickbetrüger!“ Trotz allem war die junge Angestellte sichtlich erleichtert, als ich ein paar Stunden später wieder in der Bäckerei auftauchte, den Zehner gegen Baumwolle zurücktauschte und den Silbertaler Spiegelglanz wieder in meiner Geldbörse verschwinden ließ.

Wohlgemerkt sprechen wir von einer 10-Euro-Gedenkmünze. Von einem - zumindest in der Bundesrepublik Deutschland - gesetzlichen Zahlungsmittel, das vom deutschen Staat ausgegeben wird. Natürlich muss man Verständnis für die teils merkwürdigen Reaktionen haben, denn die meisten der Gedenkmünzen werden von Liebhabern - die auch über den Silbergehalt der Münzen Bescheid wissen - gesammelt und kommen deshalb nur sehr selten in den Geldumlauf. Sie sind also der Allgemeinheit eher unbekannt. Zudem wäre man schön blöd, würde man einen 2012er Spiegelglanz Zehner tatsächlich zum Bezahlen verwenden. Schließlich lag der Ausgabepreis dieser Münze bei 19,75 Euro, was auch einem Silbergehalt in Höhe von 62,5 Prozent geschuldet ist.

Neuerungen oder Unbekanntes im Geldwesen sind äußerst unbeliebt

Doch zeigt mein Experiment - probieren Sie es einmal selbst aus! - dass Neuerungen oder Unbekanntes im Geldwesen in breiten Bevölkerungskreisen äußerst unbeliebt sind. Nicht nur in Deutschland. Vertreter von Regiogeld-Initiativen aus Italien, Österreich und Kanada berichteten mir in der Vergangenheit von ähnlichen Erlebnissen. Beim Geld mögen die meisten Menschen halt keine Veränderungen. Und auch heute noch bin ich überzeugt, dass eine Volksabstimmung zur Einführung des Euro in Deutschland negativ verlaufen wäre. Doch gefragt wurden die Bürgen bekanntlich nicht. Heute ist es andersherum. Vorschläge zu einer Rückkehr zur D-Mark oder ein Austritt Deutschlands aus der Eurozone werden im Mainstream beinahe schon als rechtes Gedankengut verteufelt. Man hat sich an den Euro gewöhnt. Alles andere ist komisch.

Die Menschen halten beim Geld gerne an alten - im Falle des Euros noch nicht ganz so alten Gewohnheiten fest. Dabei spielt diese merkwürdige, für mich unerklärliche negative Energie eine große Rolle. Manche Kollegen sprechen hierbei auch von einer Geld-Hirn-Schranke. Man mag sich nicht mit Geld beschäftigen. Es zu besitzen reicht, solange es sich um „normales“ Baumwoll-/Münzgeld oder virtuelle Sichtguthaben auf dem Bankkonto handelt. Meiner Erfahrung nach kommt es äußerst selten vor, dass VerkäuferInnen meine 10-Euro-Münze wertneutral und entspannt in die Hand nehmen und betrachten. Die meisten wollen sie nicht einmal anfassen. Deutlich stärker ist Widerwille und Hass spürbar. Die Situation wird als unangenehm, gar als Angriff empfunden. Man sieht in mir einen Störenfried, der nicht bezahlen, sondern nur Ärger machen will.

Alles Mögliche denkt man sich dann aus, um ja diese Münze nicht annehmen zu müssen. Neulich gar behauptete eine Backwarenverkäuferin, dass sie Anweisung von „ganz, ganz oben“ hätte, diese 10-Euro-Dinger auf keinen Fall anzunehmen. Ganz strikt verboten sei das. Und das, obwohl sie vorher zugegeben hatte, niemals zuvor von einer 10-Euro-Münze gehört zu haben. Meine Erwiderung, dass von ganz, ganz, ganz oben nach §3 des Münzgesetzes (MünzG) eine gesetzliche Annahmepflicht bestehe und sie de jure verpflichtet sei, diese Gedenkmünze bis zu einem Betrag von 200 Euro         

anzunehmen, ließ ihr dann alles aus dem Gesicht fallen. „Betrüger“, schimpfte sie mich und die Polizei wollte sie auch noch rufen.

Doch ich bin ja kein Unmensch. Bedruckte Baumwolle nehmen sie alle gern und der Taler bleibt bei mir.