Anmerkung von Cashkurs.com: Das geführte Interview fand vor den Wahlen in Griechenland statt, liefert aber dennoch interessante Eindrücke zu Chanos‘ Einschätzung über die Zukunft des Landes in Europa:

Da die Griechen momentan zu den Wahlurnen strömen, will ich Ihnen einen kurzen Einblick geben auf das was in der Krise passiert ist und was die Zukunft bringen wird. 

Jim Chanos, bekannter Hedgefonds-Manager, Präsident und Gründer von Kynikos Associates, ist Halb-Grieche väterlicherseits. Schon seit den 70er Jahren ist er immer wieder in das Land seiner Vorfahren gereist und war zudem immer auch aktiv in der griechischen Community in den Vereinigten Staaten. Als ein Langzeit-Beobachter des Geschehens in Griechenland ist er im Jahre 2010 umso mehr involviert worden, als er Teil einer Gruppe war, die sich mit dem damaligen Premierminister Papandreou getroffen hatte, um diesem ein „Pro Bono“ Ratschlag zu geben. Seitdem beobachtete Chanos das Geschehen mit zunehmender Sorge vom Rande aus. Im folgenden Interview diskutiert er, wie Griechenland in die momentane Situation geraten konnte, die bevorstehenden Wahlen und wofür sich das Land in Zukunft wappnen muss.

LP: Sie sind erst kürzlich von einer Reise nach Griechenland, in der Sie Familie und Freunde besucht haben, zurückgekehrt. Wie schätzen Sie die Stimmung im Land ein?

Jim Chanos: Die Stimmung im Land war sehr düster und sehr bedrückend - vor allem außerhalb der Ferienorte, natürlich, die doch weitaus internationaler sind, als viele der inländischen Gebiete. Ich kam in das Land, kurz nachdem man sich endlich darüber einig war, das dritte Memorandum zu unterzeichnen. Es herrschte eine allgemeine Stimmung von Resignation und der Uneinigkeit darüber, was man noch tun könnte. Das Gefühl der Leute, mit denen ich sprach – egal ob sie aus der Oberklasse kamen oder Leute aus Restaurants und Tavernen waren – war stets, dass die Troika sie aufgrund des maroden Bankensystems fest im Griff haben würde. Ich persönlich glaube, dass diese Stimmung ziemlich deutlich rüberkam. Und wirklich, die meisten Menschen hatten nicht das Gefühl, dass es eine echte Chance geben würde aus diesem ganzen Chaos mit Hilfe einer alternativen Währung zu kommen. Bis heute sind wir nicht sicher, ob sie das wirklich so geplant hatten – einigen Berichten zufolge hätte man das wahrscheinlich auch nicht mal bewerkstelligen können – Ich glaube aber, dass das Land von einem allgemeinen Gefühl der Resignation und Verzweiflung geprägt ist und dass die Menschen sich große Sorgen über das Langzeitwachstum und das Wohlergehen des Landes in der Zukunft machen. Darüber hinaus machen sich die Menschen wegen der unklaren Perspektive für ihre Kinder berechtigte Sorgen.

LP: Die meisten Menschen in und außerhalb Griechenlands werden mir mit Sicherheit zustimmen, wenn ich sage, dass die Verhandlungen mit der Troika ein Fiasko gewesen sind. Wie schätzen Sie ein, was passiert ist? Wem muss man die Schuld geben?

Jim Chanos: Es ist wichtig zu verstehen, dass, obwohl Syriza mit großer Wahrscheinlichkeit einige Fehler gemacht hat – und ich bin mir sehr sicher, dass die die meisten Menschen die Meinung vertreten, dass man nicht im Sinne und zum Wohle der Bevölkerung gehandelt hat – die Partei generell nicht an diesem Chaos Schuld ist.

Nachdem das erste Memorandum unterzeichnet und dann von der PASOK und von Papandreou beschlossen wurde, und das darauffolgende von Samaras und der New Democracy Partei ebenfalls vereinbart wurde, waren das im Grunde genommen dieselben Übereinkünfte wie zuvor. Jedoch konnte diese Vereinbarung von Anfang an nicht wirklich eingehalten werden, da, wie wir es jetzt wissen, kein wirklich neues Geld in irgendeiner sinnvollen Weise nach Griechenland geflossen ist. Wann immer neues Geld in das Land kam, war es lediglich dafür vorgesehen, die Banken am Laufen zu halten. Es ging mehr oder weniger zur Vordertür rein und kam aus der Hintertür wieder heraus.

Im Allgemeinen hatte Griechenland nach Eintreten des Sparprogramms durchaus akzeptable Arbeit geleistet und sich Mühe gegeben. So hatten sie die Ausgaben verringert und die Steuern erhöht. Ich weiß, dass viele Menschen davon überzeugt sind, dass die Griechen einfach nur Weltklasse Steuerflüchtlinge sein. Tatsächlich aber - und vor allem hinsichtlich der eingetriebenen Steuern in Bezug auf das prozentuale Wachstum des BIP Griechenlands, rangiert das Land jedoch ein Stück weit über einer Reihe von anderen europäischen Ländern, da viele der Steuern indirekt sind. Die Griechen hätten diese Steuern nicht umgehen können, selbst wenn sie das vorgehabt hätten. So hatten sie die Ausgaben ebenfalls drastisch gesenkt. Können Sie sich vorstellen, was in den Vereinigten Staaten los gewesen wäre, wenn man die Ausgaben um 20 oder 30 Prozent und die Sozialversicherungsbeiträge gesenkt hätte? Wir hätten Aufstände in den Straßen, und zwar weitaus schlimmere als die in Griechenland.

Dieses Land musste also wirklich viel Leid ertragen. Der Anfang vom Ende hatte sich eigentlich schon vor einem Jahr, im August und September unter Samaras abgezeichnet. Zu dieser Zeit hatte sogar er verstanden, dass man für das zweite Abkommen mehr Handlungsfreiraum und Zeit benötigen würde. Griechenlands Wirtschaft hatte eigentlich im Jahre 2013 wieder begonnen Fahrt aufzunehmen. Mit dem Beginn 2014 ging es jedoch wieder steil bergab. Worüber sich alle Parteien – seien es die zentral-linken, die zentral-rechten, oder die sehr linken – einig sind, ist, dass es im Grunde viele Investitionsprojekte gab, die in großem Maße dazu hätten beitragen können, unmittelbar Rendite für die Wirtschaft und Investoren zu schaffen. Sie hatten jedoch einfach keinen Zugriff auf Kapital. Kein privater Investor wollte den ersten Schritt machen, angesichts der Geschehnisse rund um die Verhandlungen und der Unsicherheit bezüglich der Währung. Um zusätzlich zu den Bemühungen für etwas Entspannung und Handlungsspielraum zu sorgen, versuchten die Griechen Investitionen und Risikokapital zu bekommen. Die Antwort kam unmittelbar und auf brutale Weise.

Schäuble und Merkel warfen Samaras im September 2014 unverzüglich „den Wölfen zum Fraß vor“. Meiner Meinung nach, löste dieser Umstand das Auflösen der Neuen Demokratie Koalition (dem rechten mittleren Flügel der Regierung) aus und führte mehr oder weniger zu der Wahl von Syriza im Januar. Dann kommt Syriza ins Spiel und hat das Gefühl eine Pflicht gegenüber dem Volk zu haben. Die Menschen fordern einen Wandel. Varoufakis, unter der Leitung von Tsipras, nähert sich der Troika im Februar an und stellt klar: „Wir brauchen eine Verschnaufpause. Die vorherige Regierung hatte das gefordert und wir wollen das Gleiche. Wir sehen die Zahlen. Wir wollen im Rahmen der Vereinbarungen an uns arbeiten, aber ihr müsst uns mehr Zugeständnisse geben, ansonsten wird das nicht funktionieren“.

Wie unserer griechisch-amerikanischen Community in Washington erst kürzlich mitgeteilt wurde, war die Troika zum Anfang der Verhandlungen durchaus empfänglich für das, was Varoufakis forderte. Sie sagten, in Ordnung, wir werden darüber nachdenken. Aber sobald die ganze Geschichte an die Öffentlichkeit kam – der Tag, der einem diesbezüglich einfällt ist der 20. Februar in diesem Jahr – wurde das Gesuch ohne Nennung von wirklichen Gründen abgelehnt. Sie müssen spuren, Sie werden das vorangegangene Abkommen akzeptieren. Es gibt hier keinen weiteren Spielraum. Die Tsipras-Regierung, Syriza, verfasste eine Reihe von Gegenangeboten im März, welche auch offene Punkte wie zum Beispiel ein 13. Monat an Rentenzahlungen beinhalteten, die einige Leute aus dem rechten Lager als absolut vernünftig bewerteten. Die Gegenangebote wurden sofort abgelehnt. An diesem Punkt wurde mir und den anderen klar, dass es hier nicht mehr um wirtschaftliche Fragen oder um Finanzen ging.

Hier ging es ganz klar um politische Angelegenheiten. Griechenland sollte als Exempel dienen, damit Ländern wie Italien, Spanien, Portugal und Frankreich – die - und da lassen Sie uns das deutlich sagen - eine schlechte Wirtschaftsphase von dem entfernt sind, was Griechenland momentan ist – unmissverständlich klar gemacht wurde zu spuren und sich an die Regeln zu halten. Es gibt keinen Spielraum. Kein Nachlassen. Die Bestrafungen gehen weiter. All das war seit den Verhandlungen im März mehr als deutlich. Immer, wenn es eine Art von Vorschlag gegeben hatte, wurde gesagt, dass es um Persönlichkeiten ging. Entweder war es das oder etwas anderes. Griechenland hatte nie eine Chance, weil, und da bin ich mir zu hundert Prozent sicher, das Bankensystem des Landes von der ELA am Leben gehalten wurde. Das meiste Geld für die Anzahlungen der griechischen Banken kam ja auch von der EZB. Sie hätten das Bankensystem in nur einer Minute lahm legen können, was sie ja auch im Juli mehr oder weniger getan haben. Das war schon im Februar 2015 so bestimmt worden, glaube ich. Die Einladung zunächst verhandeln zu wollen und dann die abrupte Kehrtwendung ließ mich verstehen, dass das eine politische Entscheidung war.

Deutschland hatte sich entschlossen, Griechenland außer Rand und Band geraten zu lassen. Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen. Wenn man im Euro bleiben will, muss man das Sparpaket annehmen.


Dieser Betrag wurde mit freundlicher Genehmigung von www.valuewalk.com für Cashkurs übersetzt. Den Originalbeitrag finden Sie in englischer Sprache unter:

http://www.valuewalk.com/2015/09/jim-chanos-on-what-lies-ahead-for-greece/99999/