In dieser vierteiligen Berichtsreihe zum Jahresende möchte ich mich ganz den aktuellen Geschehnissen und Entwicklungen in Kenia und Ostafrika widmen. Nicht nur Al-Shaabab und der militärische Konflikt mit somalischen Milizen, sondern auch die wirtschaftlichen Neuerungen und Entwicklungen stehen im Zentrum dieser Berichtsreihe. Dabei wird es vor allem einmal mehr darum gehen, aufzuzeigen, auf welch clevere Weise die Chinesen den schwarzen Kontinent durchdringen und dem Westen in einer ehedem „angestammten Region“ mehr und mehr die Butter vom Brot nehmen.

Am Tag des Anschlags auf die Shoppingmall Westgate in Kenias Hauptstadt Nairobi führte Julia Jentsch mit mir im September 2013 unter anderem ein ausführliches Gespräch über

  • eine sich zuspitzende geopolitische Lage in Kenia und Ostafrika,
  • eine in den Startlöchern befindliche Ölförderung am Lake Turkana,
  • die innenpolitischen Wirren im Nachbarland Südsudan,
  • diverse Planungen zu neuen Pipelinebauten und Öltransportrouten sowie
  • meinen persönlichen Ausblick in Bezug auf die Frage, wie sich die Dinge in der Region in absehbarer Zukunft weiter entwickeln könnten.

Das entsprechende Video sei hier zur Auffrischung nochmals eingestellt:

Nun, aus heutiger Perspektive stimmten meine damaligen Prognosen mit den sich seither entwickelnden Ereignissen doch recht gut überein. Bei allem assymetrischen Terror, durch den Kenia in den letzten zwei Jahren heimgesucht wurde, darf und sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass sich die heimischen Opferzahlen bis dato in einem doch noch recht überschaubaren Rahmen bewegen.

Doch es sind die fortdauernden Nadelstiche, Bombenanschläge, Überfälle, Granatattacken sowie Angriffe anderer Art, die der kenianischen Wirtschaft und der lokalen Bevölkerung den Nerv zu rauben beginnen.

Damit ließ sich durchaus rechnen. Meine damals in obigem Video zum Besten gegebene Prognose, nach der es Kenia schwer fallen dürfte, sich auf einen Terror beziehungsweise heimischen Krieg dieser Art einzustellen, geschweige denn damit fertig zu werden, hat sich leider bewahrheitet.  

Dieser Terror, der sich vornehmlich gegen eine Zivilbevölkerung richtet, die sich nur schlecht oder überhaupt nicht gegen potenzielle Granat- und Maschinengewehrüberfälle zu schützen weiß, die hauptsächlich den in Somalia beheimateten Shaabab-Milizen zugeschrieben werden, hat ganz gewiss einen hohen Tribut gefordert. Denn immerhin leistet der Tourismussektor den zweitgrößten Beitrag zum BIP des Landes.

Laut meiner damaligen Aussage werde man Kenia wirtschaftlich richtig treffen, wenn dieser Terror erst einmal zum Sonnen- und Badeparadies der Hunderte Kilometer langen Küste gewandert sein würde. Eben jene damals geäußerten Vermutungen sind heute leider längst zur Realität geworden.

Die assymetrische Kriegsführung durch somalische Milizen, die einen Abzug der Kenya Defense Force aus dem Süden Somalias fordern, wirkt sich in der jetzigen Hochsaison doch recht verheerend auf den Tourismussektor des Landes aus. Bild © Roman Baudzus

Die westliche Medienberichterstattung ging in den vergangenen Monaten recht ausführlich auf dieses Thema ein, wenn auch – wie so oft, wenn sich die Dinge um den afrikanischen Kontinent drehen – in ziemlich überspitzter und reißerischer Art und Weise.

Nach Gesprächen mit kenianischen Quellen wurde ich mir einmal mehr darüber bewusst, dass die Dinge alles andere als einfach liegen. Daher lassen sich die aktuellen Entwicklungen auch keineswegs auf vereinfachende Art und Weise auf einen Nenner bringen. Wie im Orient, so sind auch die Pfade in Afrika oftmals zu verschlungen, um mit Exaktheit zu bestimmen, aus welcher Richtung der Wind tatsächlich am Wehen ist.

Selbstverständlich erhitzt die alltägliche Gefahr durch Al-Shaabab die Gemüter im Lande und unter Kenias Bevölkerung. Allerdings – und auch auf diesen Aspekt wies ich damals hin – darf und sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass sich bereits mehrere Hunderttausend Flüchtlinge aus Somalia hier in Kenia aufhalten, die vor dem anhaltenden Zerfall ihres Staates und den innenpolitischen Wirren am Horn von Afrika in diverse Anrainerstaaten – so vor allem auch nach Kenia – geflüchtet waren.

Es ist der alte Distriktdoktor Mingu, der mir an diesem sonnigen und herrlichen Dezembertag einen Besuch abstattet, und den ich auf meiner Terrasse zu einem kalten Getränk einlade. Mingu scheint stets bestens über die aktuellen Entwicklungen und ins Kraut schießenden Gerüchte informiert zu sein.

Beim Anzünden einer Zigarre warnt mich der Alte, mich durch die Medien nicht in die Irre führen zu lassen. Denn Kenias Tageszeitungen und Gazetten hätten kein Interesse daran, das Kind wirklich beim Namen zu benennen. Längst sei es doch so, dass eine Mehrzahl der hierzulande verübten Anschläge durch Kenianer selbst anstatt durch Somalis ausgeführt würden.

Die Furcht ist groß, dass die Fährverbindung Likoni, die Mombasa mit der Südküste verbindet, oder Supermärkte wie Nakumatt Ziel neuer Anschläge der Shaabab-Milizen zu werden drohen. Bilder © Roman Baudzus

Dementsprechend wurden die Sicherheitsvorkehrungen in dieser Weihnachtssaison erhöht. Bilder © Roman Baudzus

Insbesondere an der muslimisch geprägten Küste wimmele es doch von willfährigen Gehilfen des Terrors, die bereit seien, sich durch Al-Shabaab mit harten US-Dollars kaufen zu lassen, um diverse Terrorakte zu planen und selbst durchzuführen. Ethnische und religiöse Konflikte, die in Kenia seit dessen Unabhängigkeit im Jahr 1963 nie eine bedeutende Rolle gespielt hätten, drohten ganz plötzlich in den Vordergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen zu rücken.

Dies gelte vor allem für einen Teil der sich mehr und mehr radikalisierenden Muslime an der Küste und den mit großer Mehrheit dem christlichen Glauben anhängenden Einwohnern im Rest beziehungsweise Innern des Landes. Wie viele der in Kenia gestrandeten Flüchtlinge aus Somalia Al-Shaabab im Geiste nahe stünden und sich durch die in der Heimat nun in der Defensive befindliche Miliz zur Ausführung von Terrorakten instrumentalisieren ließen, sei kaum zu ermessen.

Hinzu gesellt sich die Tatsache, dass sich die gewaltsamen Zusammenstöße zwischen einem Teil der zunehmend frustrierten Küstenbevölkerung, die sich radikalen Muslim-Predigern zuwendet, und den nationalen Polizeikräften häufen. Die Vertreter des Obersten Rats der Küstenmuslime pochen weiter auf eine Unabhängigkeit der kenianischen Küste vom Rest des Landes. Alle politischen Anstrengungen scheinen auf dieses eine Ziel ausgerichtet zu sein.

Ihnen kommt Nairobis Konflikt mit Al-Shaabab nicht ungelegen, verspricht man sich von den vermeintlichen „Muslim-Brüdern“ im angrenzenden Somalia doch Unterstützung im Kampf für die Forderungen nach Unabhängigkeit und der angestrebten Schaffung eines eigenen Küstenstaates.

Wie mein britischer Freund David, der bei den Vereinten Nationen in Nairobi tätig ist, und dessen Großvater damals noch in der britischen Kolonialregierung aktiv war, mir gegenüber erklärt, solle ich mich besser nicht über den wachsenden Unmut unter den Küstenmuslimen wundern. Gerade in den letzten Monaten hätten die Handlanger Nairobis mit teils sehr harter Hand an der Küste agiert.

Nicht nur, dass einzelne und lokal ansässige Führer der Küstenmuslime gezielt durch Sniper der Armee und Spezialkommandos der Polizei eliminiert und aus dem Weg geräumt worden sein sollen.

Hinzu käme, dass es im Angesicht von sich häufenden Zusammenstößen und Krawallen auf den Straßen in einer Reihe von Vierteln von Mombasa zwischen einer durch wirtschaftliches Elend und Armut radikalisierten Jugend und Polizeikräften schon zu manchen Massakern gekommen sei, die seitens offizieller Stellen gern unter den Teppich gekehrt würden.

Die Fronten haben sich deutlich verhärtet, seitdem Polizeikräfte auf alles eindreschen, was ihnen vor die gehärteten Knüppel kommt. Doch nicht nur das. Mancherorts sollen sich die Polizeikräfte einer Flut von Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben, die in einem Zusammentreiben von aufbegehrenden, jugendlichen Steinewerfern, die mehrheitlich den Muslimforderungen anhängen, gegipfelt sein sollen.

Es ist an der Küste geradezu ein offenes Geheimnis, das einige dieser jugendlichen und am Rande der Gesellschaft stehenden Gruppen ohne große Vorwarnungen im Trommelfeuer der polizeilichen Maschinegewehre in irgendwelchen dunklen Hinterhöfen zusammengeschossen wurden, um an diesem Tag ihr letztes Lüftlein auszuhauchen.

Nun, auf beiden Seiten häuft sich natürlich auch die Propaganda, wobei Afrikabeflissene gewiss über die notwendige Vorstellungskraft verfügen, um diese Vorkommnisse nicht nur als lapidare Gerüchte abzutun. Wer auf einen reichhaltigen Erfahrungsschatz und Beobachtungen vor Ort zurückgreifen kann, weiß, dass es stets besser ist, hierzulande auf alle möglichen Vorkommnisse vorbereitet zu sein.

Im Angesicht dieses Statements möchte ich mich jedoch keineswegs den sensationshaschenden und reißerischen Berichterstattungen in europäischen Medien anschließen. Warum auch? Häufen sich nicht auch auf dem alten Kontinent die politisch oder gesellschaftlich motivierten Anschläge aller Art, in deren Zuge ebenfalls immer wieder Todesopfer zu beklagen sind??!

Für Europa und die USA sollte gelten, nicht mit dem Finger auf andere in der Welt zu zeigen, wenn man selbst im Glashaus sitzt! Der besagte Stein ist in diesen unruhigen Zeiten ziemlich schnell geworfen, wenn man einmal Ereignisse wie diejenigen in Ferguson im Bundesstaat Missouri ins Kalkül zieht. Und Glas splittert schnell.

Wie dem auch sei, nicht nur eingeweihte Kreise, sondern auch ein großer Teil der lokalen Bevölkerung – egal ob Christen oder Muslime – vermuten hinter der Berichterstattung in den westlichen Medien auch den Versuch einer Durchsetzung von knallharten geopolitischen Interessen unter westlichen Regierungen.

Hierzulande wird schon längst nicht mehr als Verschwörungstheorie abgetan, was im Sinne einer vollkommen ausufernden „political correctness“ in Europa in Bausch und Boden gestampft würde. Ganz offen wird hier vor Ort diskutiert, dass Europas Regierungen im Schlepptau von deren Schutzmacht USA doch vor allem das Interesse verfolgten, Staatspräsident Uhuru Kenyatta und dessen Intimus William Ruto endlich vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu zerren. Ich berichtete darüber unter anderem in den folgenden Berichten:

Selbst in kenianischen Tageszeitungen steht in diesen Tagen zuweilen zu lesen, dass doch gerade die US-Regierung sich mit solcherlei Forderungen stärker zurücknehmen sollte, wenn aus dem Ausland nicht irgendwann die Gegenforderung laut werden solle, auch George W. Bush und einige von dessen ehemaligen Kabinettsmitgliedern aufgrund von nachweislicher Folter, begangener Kriegsverbrechen & Co. vor eben jenes niederländische Strafgericht zu zitieren.

Auch der alte Distriktdoktor Mungi äußert sich in einer ähnlichen Weise. Welches Leid haben wir als Volk schon ertragen müssen, wenn unsere politische Führung sich weigerte, nach der Pfeife der westlichen Welt zu tanzen, so seine rhetorische Frage. Darauf werde ich unter anderem im dritten Teil dieser Berichtesreihe eingehen.

Eine Fortsetzung folgt im zweiten Teil dieser Berichtsreihe