Man hört und liest es allerorten: Wir sollen kaufen und konsumieren, möglichst viel und von Jahr zu Jahr mehr. Das sei gut für die Wirtschaft! Mit Shopping tut man was für die Gesellschaft. Wer hingegen spart, oder noch schlimmer, sein Geld hortet, der verhält sich, meint man schon, geradezu amoralisch. Aber stimmt das?  Nein, ganz und gar nicht. Es ist sogar genau umgekehrt. Auch in Griechenland.

(Dieser Artikel ergänzt den Artikel zum Mindestlohn und ist inhaltlich der zweite Teil einer dreiteiligen Serie "Wirtschaftspolitik". Um die Mindestlohn-Diskussion besser zu verstehen, hilft ein Blick Hinter die Kulissen des Konsums) 

Dass Konsum gut für "die Wirtschaft" sei: Wir werden es vermutlich bald wieder hören. Denn in Krisen wird dieses Märchen besonders häufig erzählt. Einfache Zusammenhänge geben Halt in unsicheren Zeiten. Zum Beispiel nach dem 11. September 2001. Da sah man im Fernsehen Gören, die demonstrativ mit der Kreditkarte des Vaters shoppen gingen und so etwas sagten wie: "Wir retten jetzt die Nation". Auch hierzulande, nach dem Ausbruch der Finanzkrise, war ein sinnfreies Programm zur Belebung des Konsums die "Rettung": Die Abwrackprämie. Wer in Krisen einkauft, so der Tenor, darf sich doppelt gut fühlen, nicht nur weil er sich etwas kauft, sondern auch, weil er der Welt etwas Gutes tut. So einfach ist es, sozial zu sein.

Stimmt das etwa nicht? Es ist doch richtig, dass, wenn Leute einkaufen, die Produzenten mehr Geld bekommen.  Davon können sie Löhne und Gehälter zahlen, sogar neue Maschinen kaufen, was die Wirtschaft wieder weiter belebt. Die Autohersteller zum Beispiel ordern dann mehr bei ihren Zulieferern, die Zulieferer bei ihren Zulieferern und immer so weiter. Jeder hat dann mehr - so die Logik.

Leider ist die Welt so einfach nicht. Wäre es so, könnte man einfach in Krisenzeiten die Geldhähne öffnen und mit "Konjunkturprogrammen" die Wirtschaft beleben. Dass dem nicht so ist, also dass so etwas langfristig eben nicht funktioniert, zeigt das Beispiel Japan seit 20 Jahren und leider auch die EU.

Griechenland

..Dann wären auch Griechenlands Probleme tatsächlich vom deutschen Spardiktat verursacht. Die ohnehin verfehlte, kaum wirklich verantwortliche "Rettungspolitik" wäre dann reiner Schwachsinn, denn Griechenland bräuchte dann nur zu konsumieren, und es wüchse die Wirtschaft, und alles wäre wieder gut…

Viele glauben das sicher. Wenn etwas schief läuft, ist es leicht, zu sagen, die Handelnden machten alles falsch, obwohl sie nur vielleicht nur manches von vielem falsch machen. Man müsste Griechenland konsumieren lassen hört man wieder. Aber nein, so einfach ist es nicht. Und so verfehlt die versuchte Griechenland-"Rettung" ist, im Kern zielt sie auf das richtige (Reformen) - auch wenn es sich derzeit so auch nicht erreichen lässt. Denn Griechenland hat in Wahrheit zu viel konsumiert - früher. Die Krise ist zwar keine Folge des Konsums, aber der viel zu hohe vergangene Konsum hat die Schulden verursacht, ohne die Griechenland jetzt zumindest weniger Probleme hätte, oder?

Was Konsum eigentlich ist

Konsum ist ganz einfach alles das, was keine Investition ist. Und Investition ist das, was die Produktionsbasis vergrößert oder verbessert, was also zukünftige Einkünfte vergrößert.

Eine Wirtschaft produziert nicht wegen irgendwelcher Geldmengen oder Staatsausgaben mehr, sondern kann nur dann real wachsen (mehr Güter und Leistungen produzieren), wenn entweder mehr oder bessere Arbeit geleistet wird und/oder mehr Kapital eingesetzt wird. Denn ein Bauarbeiter mit Bagger leistet mehr als ein Bauarbeiter ohne Bagger. Und zwei Bauarbeiter mit zwei Bagger leisten mehr als ein Bauarbeiter ohne Bagger aber mit Stasi-Spitzel, der seine Gespräche abhört.

Konsum ist einfach der Teil der von der Wirtschaft hergestellten Güter und Leistungen, die nicht die Produktionsbasis vergrößern, sondern einfach - eben ohne Nutzen für die Wirtschaft - verbraucht werden.

Die Wirtschaft kann schlichtweg nur so viel produzieren, wie an Faktoren Arbeit und Kapital "hineingesteckt" werden. Die Nachfrage kann auch nur so hoch sein, wie die Produktion von Gütern und Dienstleistungen ist. - Die Bedürfnisse sind ohnehin fast unbegrenzt. Wer führe nicht gern einen Porsche, wer hätte nicht gern ein Ferienhaus, wer liest nicht gern einen neuen Roman, wer lehnte eine neue Küche oder ein zweites Paar Schuhe ab?

Natürlich, es gibt noch Importe, Exporte, Staatausgaben und so weiter. Aber auch das lässt sich unter Investition und Konsum zusammenfassen. Diese Größen sind für das Verständnis des Zusammenhangs von Konsum und Wirtschaft vernachlässigbar.  Wenn ein Land (wie Deutschland) mehr exportiert als importiert, dann konsumiert es weniger, als es herstellt und umgekehrt. In diesem Fall kann es sinnvoll (und eventuell sogar gerecht) sein, mehr zu konsumieren. Aber das ändert nichts daran, dass nur so viel konsumiert werden kann, wie auch hergestellt wurde, und sich durch eine künstliche "Ankurbelung" des Konsums langfristig nichts erreichen lässt.

Partielle Begünstigung

- Im Gegenteil. Durch Konsum werden die konsumnahen Industriezweige (z.B. Handel, Konsumgüterproduzenten) durchaus gefördert. Aber, und das ist der Punkt, die konsumfernen Wirtschaftszweige gleichzeitig gebremst. Denn Geld das für Konsum ausgegeben wird, fehlt den Investitionen. In der Summe ändert sich der Output nicht.

Kurzfristig vs. Langfristig

Nochmals im Gegenteil: der Output in den Folgejahren sinkt dann sogar, weil eben mehr konsumiert und folglich weniger investiert wurde, unter den Wert, der mit andersherum höheren Investitionen möglich wäre. Kurzfristig überdeckt der angekurbelte Konsum in der Krise die Fehlallokationen des Kapitals, die zuvor gemacht wurden (und packt die Verantwortlichen in Watte), langfristig vergrößert er das Problem in dem er die notwendigen Bereinigungen aufschiebt und die Güter- und Leistungsströme mehr in die Richtung des kurzfristigen Verbrauchs zieht und damit von langfristig sinnvollen Investitionen abzieht.

Beispiel

Ein Bäcker, der sich auf der Nordsee eine Plattform errichten lässt, um dort Brötchen zu backen und frisch an vorbeifahrende Schiffe zu verkaufen investiert. Er investiert vermutlich falsch. Das nennt man Fehlallokation. Viel Kapital ist nötig, um auf dem Grund des Meeres seine Tragpfeiler zu verankern, und am Ende kaufen die Schiffe weiter an den Häfen, anstatt ihren Kurs für frische Brötchen zu ändern. Nun könnte man natürlich argumentieren, man müsse mal mit dem Schiff zu dem Bäcker fahren und Brötchen kaufen, damit dieser seine Meeresbäckerei nicht umsonst gebaut hätte. Sonst verliert er seinarbeit und die waghelsige Bäckerei müsste abgeschrieben werden. Auch die Banken, die dem Bäcker Geld geliehen haben, verlören ihre Kredite und müssten "gerettet" werden. Da ist es doch einfacher, man kauft dem Bäcker hin und wieder Brötchen ab, oder?  Aber diese Nachfrage fehlt dann eben jenen Bäckern, die intelligent genug waren, ihre Bäckereien mit weniger Aufwand in Fußgängerzonen zu errichten. Oder den Herstellern von Solarmodulen. Oder denen von Gleisen und Brücken.

Mindestlohn

Aus diesem Grund ist auch der Mindestlohn von dieser Seite her keine langfristige Ankurbelung der Wirtschaft, sondern birgt - bei aller Notwendigkeit hier was zu tun- die Gefahr der Reduzierung des Faktors Arbeit (siehe Artikel hierzu).

Fazit

Es gibt sinvolleres, als Menschen zum Autokauf zu motivieren. Autos gibt es wahrscheinlich wirklich einfach genug in Deutschland. Was fehlt ist Bildung, Bürokratieentlastung und - Dirk Müller weist seit längerem darauf hin - Infrastruktur. Sein Argument: es ist viel sinvoller zu investieren in das, was hinterher mehr Ertrag bringt - das könne man durchaus auch kredit-finanzieren, als immer mehr für Konsum auszugeben, den man eigentlich gar nicht bezahlen kann. Der Konsum jedenfalls wurde hier gezeigt ist zwar letztlich Zweck der Wirtschaft und gut, aber er ist nicht so gut, dass man ihnbesonders ankurbeln müsste, sondern im Gegenteil ist er eher zu vermeiden.