Wir sprechen seit Monaten von den liquiditätsgetriebenen Aktienkursen, die immer neue Höhen erklimmen. Gleichzeitig ist von besonders dünnen Umsätzen an den Märkten die Rede. Am Montag hatten wir in den USA den umsatzschwächsten Tag des Jahres. Viele Fragen sich, wie das zusammen passt und ob sich das nicht ausschließt.

Hohe Liquidität müsse doch zwangsläufig hohe Umsätze bedeuten. Vor 20 Jahren wäre dieses Argument vielleicht noch korrekt gewesen, heute ist dem allerdings längst nicht so. Was heißt denn hohe Umsätze? Es bedeutet, dass viele Aktien ihren Besitzer wechseln. Vor 20 Jahren waren fast ausschließlich Investoren und sehr wenige Spekulanten in den Märkten. Das Verhältnis lag etwa bei 10 : 1. Diese Investoren waren für den Großteil der Umsätze verantwortlich. Wenn also große Adressen viel Liquidität in die Märkte gepumpt haben um Aktien zu erwerben, welche (bewogen durch die höheren Kurse) wiederum von anderen Investoren verkauft wurden, dann stiegen somit auch die Umsätze an. Soweit wäre unser Argument korrekt.

Aber wie sieht die Welt heute aus? Das Verhältnis von Investoren und Spekulanten hat sich komplett ins Gegenteil verkehrt. Auf einen Investor kommen etwa 10 Spekulanten (volumenbetrachtet). Während Investoren die Aktie kaufen und sie dann längere Zeit liegen lassen, handeln Spekulanten ständig mit diesen Papieren. Sie kaufen und verkaufen diese manchmal im Sekundenabstand. Ein und dieselbe Aktienposition wird teilweise hundertmal am Tag ge- und verkauft. Jedes Mal wird Umsatz erzeugt. Die Frage der Umsätze zeigt in der Regel nun mehr die Aktivität der Spekulanten.

Ein reduziertes Beispiel: Es gibt in einem Markt nur 2 Spekulanten und 2 Investoren. Jeder hat Aktien und Cash in Höhe von 1000 Euro zur Verfügung. Der eine Investor kauft dem anderen Investor seine Aktien für eben diese 1000 Euro ab. Umsatz: 1000 Euro. Am gleichen Handelstag handeln die beiden Spekulanten ihre Aktienposition 100-mal miteinander hin und her, da der Kurs aufgrund starker Schwankungen beispielsweise in den USA ständig wechselt.

Umsatz: 100.000 Euro. Macht zusammen 101.000 Euro Tagesumsatz.

Am nächsten Tag kommt es bei einem der Investoren zu einer Verdopplung seiner Liquidität, weil ihm die Notenbank sein Vermögen auf 2000 Euro verdoppelt hat. Er kauft seinem Kontrahenten jetzt die Aktien für 2000 Euro ab. Umsatz: 2000 Euro.

Gleichzeitig herrscht heute bei den Spekulanten Ratlosigkeit oder Urlaub oder die Aufsichtsräte haben die Zügel ein wenig angezogen und den risikoreichen Handel ein wenig eingeschränkt. Sie handeln ihre Aktienpakete jetzt nur noch 50-mal am Tag hin und her. Umsatz: 50.000 Euro. Zusammen mit der Liquiditätsschwemme bei den Investoren (immerhin ein Verdopplung der Geldmenge)  ergibt sich ein Tagesumsatz von gerade einmal 52.000 Euro.

Sie sehen, trotz einer Liquiditätsschwemme hat sich der Umsatz nahezu halbiert.

Natürlich ist das ein sehr vereinfachtes Beispiel. Es soll aber zeigen, dass die spekulativen Intradaygeschäfte der Spekulanten für das Hauptvolumen der Umsätze verantwortlich sind.

Wenn diese – aus welchen Gründen auch immer - ihre Aktivitäten reduzieren (beispielsweise aufgrund schwächeren Eigenkapitals), sinken die Umsätze drastisch. Spekulanten arbeiten oft mit dem bis zu 100-fachen ihres eigenen Geldes. Wenn jetzt Investoren, die lediglich mit ihrem eigenen Geld und nicht dem 100fachen Hebel in die Märkte gehen entsteht etwas Interessantes. Je niedriger die Umsätze der Spekulanten sind (die ja ebenfalls stark kursbeeinflussend sind), desto mehr Wirkung hat das Geld der Investoren auf die Kursentwicklung. Wenn wir von „liquiditätsgetrieben“ sprechen, dann sprechen wir von echter Liquidität der Investoren, die Geld ANLEGEN müssen/wollen. Doch selbst hier ist die Definition zu unterscheiden. In unserer obigen Erklärungswelt ist jemand der seine Aktien auch nur wenige Tage hält bereits ein "Investor". Das entspricht nicht meiner üblichen Definition, nachdem ein Investor langfristig über viele Monate oder gar Jahre investiert. Es dient hier lediglich der Vereinfachung.Je dünner die Umsätze, desto eher treiben die Gelder der Investoren die Kurse nach oben.

Sie sehen: Liquiditätsrally und dünne Umsätze sind keineswegs Widersprüche.

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