Gemeinhin wird zwischen gemeinnütziger und profitorientierter Tätigkeit unterschieden. Die Arbeit in einer Hilfsorganisation oder das Engagement einer Stiftung ist gemeinnützig, die Anstellung in einem Unternehmen oder selbstständiges Wirtschaften können sich jedoch nicht mit dem aufwertenden Wort der Gemeinnützigkeit schmücken. Völlig zu Unrecht, wie ich finde.

Das Schaffen von Werten

Zwar ist es richtig, dass die Motivlage bei einer gemeinnützigen Tätigkeit eine andere ist als bei einer privatwirtschaftlichen - der gemeinnützig tätige Mensch zielt ja schließlich nicht auf eigenen finanziellen Profit ab, der privatwirtschaftliche hingegen schon - aber daraus folgt nicht, dass eine privatwirtschaftliche Tätigkeit keinen gesellschaftlichen Nutzen hat.

Ein Beispiel: Jemand arbeitet bei einem Startup-Unternehmen, um seine eigenen Lebenshaltungskosten bezahlen zu können und  auch um ein bisschen mehr zu haben, mit dem er machen kann was er will. Das Motiv ist eindeutig selbstbezogen. Genau wie das des Startup-Unternehmers selbst. Natürlich haben beide auch Spaß an der Sache und wollen eventuell sogar etwas bewegen.

Aber "für lau“ täten sie es nicht, sie wollen durchaus was verdienen. Trotzdem schaffen beide einen Wert für alle. Denn die Kunden des Startup-Unternehmen zahlen freiwillig Geld für dessen Produkte. Also ist die Tätigkeit des Unternehmens diesen Kunden etwas wert. Den Wert bekommen sie zwar nicht geschenkt, aber sie erhalten zweifelsohne mehr, als sie abgeben, denn sonst würden sie den Handel nicht machen.

Wenn ich ein Buch für 20 Euro kaufe, nehme ich an, dass der Nutzen daraus für mich höher ist als der Nutzen der 20 Euro (somit auch höher als der Nutzen vieler anderer Güter, die ich für 20 Euro kaufen könnte). Aus meiner persönlichen Sicht zum Zeitpunkt des Kaufs ist das so. (Hinterher ändert sich dann die Wertvorstellung- manche Bücher enttäuschen, manche übertreffen die Erwartung bei weitem und ich hätte sogar 100 Euro dafür gezahlt.)

Zurück zu dem Beispiel mit den Produkten des Startup-Unternehmens. Auch hier zahlen die Kunden freiwillig Geld und erwarten einen höheren Nutzen als sie weggeben. Dadurch erfahren sie einen Wert. Da die Kunden Fremde sind, also keine Familienmitglieder oder ähnliches, sind sie "gemein". Das Tätigsein im Unternehmen war gemeinnützig.

Es kann natürlich sein, dass das Produkt nicht den Erwartungen entspricht - und aus der Sicht der Kunden weniger Wert ist als zum Beispiel 20 Euro. Dann wird  kein Kunde mehr kaufen und das Unternehmen untergehen. War es dann gemeinnützig?

Ja, sofern die Absicht bestand für Kunden einen echten Mehrwert zu schaffen. Und dass diese Absicht bestand, ist wahrscheinlich, erklärt sie sich doch aus den egoistischen Motiven der Akteure. Diese wollten ja Profit machen. Das geht auf Dauer nur, wenn man für Kunden einen Wert schafft.

Bis auf betrügerische Unternehmungen sind also alle Unternehmen, für die Kunden freiwillig zahlen und auch alle Mitarbeiter dieser Unternehmen gemeinnützig tätig.

Nur Unfairen, kriminellen oder kurzsichtigen Handlungen fehlt die Gemeinnützigkeit

Die Abgrenzungen zu nicht profitorientierten Tätigkeiten ist dennoch sinnvoll, weil die Einen ja eigenen Profit UND Gemeinnutz schaffen, während die Anderen auf diesen Eigennutz zugunsten eines noch größeren Gemeinnutzes völlig verzichten. Zumindest die Absicht besteht. (Aber es gibt einen Nachteil: Der Gemeinnutz lässt sich nicht messen, so wenig, dass es fraglich sein kann, ob überhaupt ein Gemeinnutz entsteht. Beispielsweise ist es Ansichtssache, ob bestimmte politische Parteien und bestimmte religiöse Organisationen einen Gemeinnutzen haben - im Regelfall haben sie ihn oder man kann ihn annehmen, aber messen kann man ihn nicht.)

Es geht hier aber nicht um den moralischen Wert der gemeinnützigen Tätigkeiten (diesen können wir getrost als hoch einstufen), sondern um den angeblich fehlenden moralischen Wert des persönlichen Profitstrebens.

Das Streben nach privatem Profit ist zwar weniger moralisch als das vermeintliche Opfern dieses Profites zugunsten der Gemeinheit, aber es ist dennoch, wie gezeigt wurde,  nicht unmoralisch, sondern im Gegenteil nützlich.

Die  Grundidee dazu stammt von Adam Smith, seines Zeichens Moralphilosoph und nebenbei Gründer der Volkswirtschaftslehre. Schon vor zwei Jahrhunderten lehrte er, dass persönliches Profitstreben zu einem Nutzen für alle führt. Trotzdem ist der Irrtum, es handle sich beim Profitstreben um eine moralisch verwerfliche Sache, noch weit verbreitet.

Ich hoffe ich konnte diesem Irrtum hier überzeugend begegnen, denn je mehr Menschen ungeniert nach persönlichem Profit streben, desto besser für alle. Vorausgesetzt sie gehen dabei fair und besonnen vor und halten sich an die Gesetze. Denn unfaire, kriminelle oder kurzsichtige Handlungen führen leider doch zum Schaden.

Sie nutzen niemandem - oft nicht einmal dem, der sie verübt. Aber eben weil sie so sind wie sie sind, nicht weil sie auf Profit ausgerichtet sind. Es kommt also auf die Art und Weise an. Wenn ich mich in dieser Wirtschaft umschaue sind 95% der persönlichen Profite gemeinnützig und fair.

Gegenbeispiel gefällig? Das geht immer. Ich habe kürzlich den Fehler gemacht, mir auf Mallorca von hier aus im Internet ein Mietauto zu reservieren - und zu bezahlen. Vor Ort haben wir nach 2 Stunden Wartezeit  immer noch kein Auto gehabt und hätten wir es bekommen, wäre es wegen unzähliger Extra-gebühren viel teurer als vorbezahlt gewesen.

Ich musste ein weiteres Auto anmieten und habe so letztlich zwei bezahlt. Hätte ich mir zuvor die negativen Bewertungen des Vermittlers durchgelesen, wäre das nicht passiert. Aber auch hier gab es früher tausende andere Bewertungen, so dass insgesamt vier Sterne da standen. Die letzten 60 Kommentare waren aber alle durchweg extrem negativ. Offenbar hat das Unternehmen mit Absicht (kurzfristige weltweite Abzocke) oder in völliger Umnachtung gehandelt. Jedenfalls wird es so nicht lange bestehen.

Von diesen und ähnlichen Ausnahmen hoher Dummheit oder Gemeinheit abgesehen, läuft es in der Wirtschaft moralisch rund - solange es einen guten gesetzlichen Rahmen gibt, ist Profitstreben gemeinnützig.