Seit Oktober letztes Jahr ist der Ölpreis an den Terminmärkten weltweit explodiert. Die Erklärungen hierfür gehen weit auseinander. Die gängigste lautet, dass die Finanzmärkte denken, ein Krieg zwischen Israel und dem Iran, den USA und dem Iran oder ein Krieg mit allen dreien zusammen stünde kurz bevor. Ein anderes Lager ist der Meinung, dass der Preis unvermeidbar ansteigt, weil die Welt das überwunden hat, was sie als „Peak Oil“ bezeichnen – der Punkt einer imaginären Gauß’schen Glockenkurve, an welchem die Hälfte aller weltweit bekannten Ölvorkommen verbraucht sind und das restliche Öl quantitativ gesehen zunehmend abnehmen wird und damit auch der Preis steigt.

Sowohl die Theorie des aufziehenden Krieges als auch die Peak-Oil-Erklärungen sind haltlos. Genau wie bei der astronomischen Preis-Rallye im Sommer 2008, als ein Barrel Rohöl kurzzeitig für 147 US-Dollar gehandelt wurde, steigt der Ölpreis auch heute wieder, weil Hedgefonds und Großbanken wie die Citigroup, JP Morgan Chase und natürlich Goldman Sachs (immer dabei, wenn das große Geld mit kleiner Mühe dank sicherer Wetten verdient wird) spekulativen Druck auf die Terminmärkte ausüben. Hierbei erhalten sie freundliche Unterstützung derjenigen Regierungsbehörde, die mit dem Regulieren der Finanzderivate betraut ist: der Commodity Futures Trading Corporation (CFTC). 

Anmerkung der Redaktion: Eigentlich heißt es Commodity Futures Trading Commission (CFTC), es ist  also eine Kommission. Die Verwendung des Begriffs Corporation (Konzern, Gesellschaft) ist wohl als intellektueller Seitenhieb zu interpretieren…

Seit Anfang Oktober 2011, also in etwa einem halben Jahr, ist der Preis für Brent Crude Oil Futures an der Terminbörse ICE von etwas unter 100 Dollar je Barrel auf 126 Dollar gestiegen. Dies entspricht einer Steigerung von etwa 25 Prozent. 2009 gab es durchaus Preise unterhalb von 50 Dollar je Barrel zu sehen.

Die Nachfrage nach Crude Oil hingegen ist weltweit nicht angestiegen, eher sogar leicht fallend im selben Betrachtungszeitraum. Die International Energy Agency (IEA) berichtet, dass das weltweite Ölangebot in den letzten drei Monaten 2011 um 1,3 Millionen Barrel (Tagesmenge) zunahm, während sich die Nachfrage nur etwa um die Hälfte dessen erhöhte. Der Benzinverbrauch in den USA sank um acht Prozent, in Europa um 22 Prozent und sogar in China ging er zurück. Mit einer Rezession in weiten Teilen Europas, einer sich ausweitenden Rezession/Depression in den Vereinigten Staaten und einer Abkühlung in Japan hat sich die globale Ölnachfrage reduziert – dabei wird fast täglich von neuen Funden berichtet und Länder wie der Irak fahren nach Jahren des Krieges die Produktion wieder hoch. Ein kurzer Sprung bei den chinesischen Einkäufen im Januar und im Februar hatte damit zu tun, dass die Chinesen im Dezember zuvor entschieden, ihre strategischen Benzinreserven auszubauen, deshalb sollte sich diese Zahl diesen Monat auf gewohnteren Importniveaus einpendeln. Nur… woher kommt dann der hohe Ölpreis?

Öl auf Papier ist nur ein Spiel

Es macht an dieser Stelle Sinn, sich einmal kurz die Funktionsweisen der heutigen „Papier-Öl-Märkte“ anzusehen. Seit Goldman Sachs J. Aron & Co., eines der schneidigsten Handelshäuser der 80er Jahre, übernahm, hat sich der Ölhandel weg von Käufern und Verkäufern physischen Öls hin zu einer Szene bewegt, wo unregulierte Spekulation in die Preisentwicklung den Tagespreis bestimmt – Wetten auf den Preis zu einem bestimmten Datum in der Zukunft, in der Regel 30, 60 oder 90 Tage anstelle der tatsächlichen Angebot-Nachfrage-Situation des Rohstoffes.

In der jüngeren Vergangenheit hatte ein Wall-Street-freundlicher (und Wall-Street-finanzierter) Kongress mehrere Gesetze erlassen, um Banken zu helfen, die am Handel mit Ölkontrakten interessiert gewesen sind. Es war sogar ein Paragrafenwerk dabei, dass es dem Pleitekonzern Enron ermöglichte, bis zum endgültigen Kollaps des Jahres 2001 mit einem milliardenschweren Schneeballsystem davonzukommen.

Der Commodity Futures Modernization Act (CFMA) des Jahres 2000 wurde vom heutigen Finanzminister Amerikas, Tim Geithner, ausgearbeitet. Der CFMA gab im Grunde dem over-the-counter (OTC) Energiederivatehandel, also direkt zwischen zwei Finanzinstituten, völlig freie Hand, ohne jegliche Überwachung der Regierung. Dies war das Ergebnis des finanziell sehr einflussreichen Lobby-Drucks der Wall Street auf Washington. Öl und andere Energierohstoffe wurden der Regulierung entzogen, was als das „Enron-Schlupfloch“ bekannt wurde.

Als sich 2008 die öffentliche Empörung gegen die Wall-Street-Banken wegen der Verursachung der Finanzkrise entlud, erließ der Kongress schlussendlich ein Gesetz zur „Schließung des Enron-Schlupflochs“, sogar entgegen ein Veto des damaligen Präsidenten George W. Bush. Ab dem Januar 2011 wurde der CFTC die Autorität verliehen, unter dem Dodd-Frank Reformgesetz Positionslimits für Ölhändler zu erheben.

Kurioserweise wurden diese Limits bis heute von der CFTC nicht implementiert. In einem Interview sagte Senator Bernie Sanders aus Vermont kürzlich, dass die CFTC nicht „den Willen hat“, diese Limits durchzusetzen und „das Gesetz befolgen solle“. Er fügte hinzu: „Was wir tun müssen, ist, […] die Menge an Öl zu begrenzen, die ein jeweiliges Unternehmen am Ölmarkt kontrollieren kann. Die Funktion dieser Spekulanten besteht nicht darin, das Öl auch zu verbrauchen, sondern durch die Spekulation Gewinne zu erzielen: Die Preise hochtreiben und verkaufen.“ [1]

Während Herr Sanders also ein wenig Lärm machte, damit diese Schlupflöcher endlich geschlossen werden, ist der Vorsitzende der CFTC, Gary Gensler, man beachte, ein ehemaliger leitender Angestellter von, schwer zu erraten, Goldman Sachs.

Die Rolle mancher Großbanken an der Seite von Mineralölkonzernen wie BP bei der seit Herbst letztes Jahr laufenden Konstruktion einer neuen Ölpreisblase – die sich von der tatsächlichen Realität der Angebots-Nachfrage-Kalkulation echter Ölfässer abhebt – wird mittlerweile von einer Vielzahl von Quellen bemerkt.

Wird in Teil 2/2 fortgesetzt…!

Fußnoten und Verweise

[1] Morgan Korn, Oil Speculators Must Be Stopped and the CFTC “Needs to Obey the Law”: Sen. Bernie Sanders, Daily Ticker, 7. März 2012, via http://finance.yahoo.com/blogs/daily-ticker/oil-speculators-must-stopped-ctfc-needs-obey-law-182903332.html