Hier geht es zum ersten Teil

Seit Oktober letztes Jahr ist der Ölpreis an den Terminmärkten weltweit explodiert. Die Erklärungen hierfür gehen weit auseinander. Die gängigste lautet, dass die Finanzmärkte denken, ein Krieg zwischen Israel und dem Iran, den USA und dem Iran oder ein Krieg mit allen dreien zusammen stünde kurz bevor. Ein anderes Lager ist der Meinung, dass der Preis unvermeidbar ansteigt, weil die Welt das überwunden hat, was sie als „Peak Oil“ bezeichnen – der Punkt einer imaginären Gauß’schen Glockenkurve, an welchem die Hälfte aller weltweit bekannten Ölvorkommen verbraucht sind und das restliche Öl quantitativ gesehen zunehmend abnehmen wird und damit auch der Preis steigt.

Teil 2: In Wahrheit nichts als ein Spielkasino

Gegenwärtige Schätzungen reichen dahin, dass Spekulanten – also Terminmarkthändler wie Banken und Hedgefonds, die kein Interesse an einer physischen Lieferung, sondern nur an Gewinnen auf dem Papier haben – heute in etwa 80 Prozent der Energierohstoff-Terminmärkte kontrollieren. Vor etwa einem Jahrzehnt lag dieser Anteil noch bei 30 Prozent. CFTC-Chef Gary Gensler – vielleicht um den Anschein der Glaubwürdigkeit zu wahren, während seine Behörde das Kongressmandat ignorierte – erklärte letztes Jahr im Hinblick auf die Ölmärkte, dass „hohe Zuströme spekulativer Gelder eine selbsterfüllende Prophezeiung kreieren, welche die Rohstoffpreise nach oben ziehen.“ [2]

Anfang März sagte der kuwaitische Ölminister Hani Hussein in einem vom Staatsfernsehen ausgestrahlten Interview: „Gemäß der Theorie von Angebot und Nachfrage sind die heutigen Preise für Öl nicht gerechtfertigt.“ [3]

Michael Greenberger, Finanzexperte an der University of Maryland School of Law und ein ehemaliger CFTC-Aufseher, der den Versuch unternahm, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Folgen der politischen Entscheidungen zu lenken, welche überbordende Spekulation und Manipulation der Energiepreise seitens der Banken und Fonds erlaubten, gab kürzlich folgendes zu Protokoll: „Es gibt 50 Studien, die zeigen, dass Spekulation einen immensen Aufpreis im Öl zur Folge hat, aber irgendwie ist das noch nicht bis zur öffentlichen Wahrnehmung durchgesickert.“ Er sagte außerdem: „Wenn der Markt einmal von Spekulanten dominiert wird, dann bleibt in Wahrheit nichts als ein Spielkasino.“ [4]

Das Ergebnis einer nachgiebigen (amerikanischen) staatlichen Regulierung der Ölmärkte schuf ideale Bedingungen, wodurch eine Handvoll strategischer Banken und Finanzinstitutionen – interessanterweise dieselben, die auch den Welthandel der Ölderivate dominieren und zudem dieselben, welche die Anteile der wichtigen Ölbörse ICE Futures in London besitzen – in der Lage ist, große kurzfristige Bewegungen in denjenigen Preisen herbeizuführen, die wir jeden Tag für Öl, Benzin oder unzählige weitere petrochemische Produkte bezahlen.

Wir befinden uns gerade inmitten einer solchen Bewegung. Diese wurde durch die säbelrasselnde Rhetorik Israels gegenüber dem iranischen Atomprogramm nur noch verschärft. Lassen Sie mich hier grundsätzlich meine feste Überzeugung dahingehend zu Protokoll bringen, dass weder Israel noch Washington in einen direkten Krieg gegen den Iran treten werden. Aber das Ergebnis dieser Rhetorik ist die Schaffung einer Idealkulisse für eine massive spekulative Rallye im Ölpreis. Manche Analysten gehen von einem Ölpreis von etwa 150 US-Dollar im Sommer aus.

Hillary Clinton sorgte kürzlich dafür, dass der Ölpreis im Zuge der Ängste um einen Iran-Krieg seinen Höhenflug noch Monate fortsetzen wird, indem sie im Atomstreit ein neues Ultimatum à la „bis Ende des Jahres – oder sonst…!“ verhängte. Kurioserweise besteht einer der tatsächlichen Preistreiber der gegenwärtigen Ölpreisblase  in den Wirtschaftssanktionen, welche die Obama Administration kürzlich auf Öl-Transaktionen der Iranischen Notenbank verhängte.

Indem Japan, Südkorea und die EU unter Druck gesetzt wurden, iranisches Öl unter der Androhungen von Strafaktionen nicht mehr zu importieren, hat Washington, wie berichtet wird, in den letzten Wochen einen großen Sturz auf der (iranischen) Angebotsseite der weltweiten Ölmärkte herbeigeführt, was den Derivate-Spielchen an der Wall Street einen regelrechten Turboantrieb verpasste.

In einem jüngst erschienenen Op-Ed der Londoner Financial Times hatten Ian Bremmer und David Gordon von der Eurasia Group folgende Zeilen verfasst: „Der weltweiten Ölnachfrage zu viel iranisches Öl zu entziehen könnte neue Höchstpreise herbeiführen, welche die Erholung der Wirtschaft bremsen und genauso im Iran finanziellen Schaden anrichten. Vielleicht sind dadurch Sanktionen erstmalig ‚zu erfolgreich‘ – und tun den Sanktionierten wie den Sanktionierenden gleichermaßen weh.“

Bloomberg zufolge liefert der Iran momentan pro Tag 300.000 bis 400.000 Barrel weniger als seine gewöhnlichen 2,5 Millionen Barrel. Vor Kurzem stand in einem Bericht der amerikanischen Energie-Informationsbehörde („US Energy Information Administration“), dass ein beträchtlicher Teil iranischen Öls deswegen nicht exportiert würde, weil Versicherer keine Policen für die Lieferungen ausstellen. [5]

Der Tatbestand einer überbordenden und unregulierten Ölderivate-Spekulation von einigen wenigen Großbanken ist keine Neuheit. Ein Bericht des ständigen Unterausschusses des Senats für Untersuchungen über „Die Rolle der Marktspekulation in den steigenden Öl- und Gaspreisen“ kam schon im Juni 2006 zu folgendem Schluss: „Es gibt substantielle Beweise, welche das Fazit zuließen, dass die große Menge der Spekulation in den gegenwärtigen Märkten zu einer signifikanten Erhöhung der Preise beigetragen hat.“

Dieser Bericht wies zudem darauf hin, dass die CFTC mit dem Kongressmandat ausgestattet wurde, um an den Terminmärkten für eine Preisbildung zu sorgen, die eher die Gesetze von Angebot und Nachfrage anstatt manipulativer Praktiken oder exzessiver Spekulation widerspiegeln. Im US Commodity Exchange Act (CEA) steht:

„Exzessive Spekulation mit einem beliebigen Rohstoff in Form von Verkaufskontrakten mit dem Ziel künftiger Auslieferung … welche plötzliche oder unangemessene Fluktuationen oder unberechtigte Veränderungen im Preis eines solchen Rohstoffes auslösen, bedeutet eine unzulässige und unnötige Beeinträchtigung des zwischenstaatlichen Handels mit dem entsprechenden Rohstoff.“ [6]

Weiterhin weist der CEA die CFTC dazu an, Handelslimits einzuführen, „wo die Erkenntnisse der Commission es für notwendig erachten, derartige Beeinträchtigungen zu reduzieren, zu beseitigen oder zu verhindern.“ [7]

Wo ist denn die CFTC jetzt, da wir solche Limits benötigen? Wie Senator Sanders korrekt bemerkte, scheint die CFTC das Gesetz zum Wohle ihrer Freunde bei Goldman Sachs und an der Wall Street zu ignorieren, welche den Handel an den Erdöl-Terminmärkten dominieren.

In exakt dem Moment, wo klar wird, dass die Obama Administration einen Krieg mit dem Iran zu verhindern wusste, indem verschiedene diplomatische Kanäle geöffnet wurden – und dass Natanjahu die Kriegsdrohungen lediglich dazu benutzt, seine taktische Position zum Kuhhandel gegenüber einer Regierung Obama, die er verachtet, auszubauen – wird der Ölpreis unweigerlich wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Bis es jedoch so weit ist, werden sich die zentralen Öl-Derivate-Insider jeden Tag auf dem Weg zur Bank schlapp lachen.

Fußnoten und Verweise

[2] Morgan Korn, Oil Speculators Must Be Stopped and the CFTC “Needs to Obey the Law”: Sen. Bernie Sanders, Daily Ticker, 7. März 2012, via http://finance.yahoo.com/blogs/daily-ticker/oil-speculators-must-stopped-ctfc-needs-obey-law-182903332.html

[3] UpstreamOnline, Kuwait's oil minister believes current world oil prices are not justified, adding that the Gulf state's current production rate will not affect its level of strategic reserves, 12. März 2012, via http://www.upstreamonline.com/live/article1236944.ece

[4] Peter S. Goodman, Behind Gas Price Increases, Obama's Failure To Crack Down On Speculators, The Huffington Post, 15. März 2012, via http://www.huffingtonpost.com/peter-s-goodman/gas-price-increase_b_1346035.html

[5] Steve Levine, Obama administration brushes off oil price impact of Iran sanctions, Foreign Policy, 8. März 2012, via http://oilandglory.foreignpolicy.com/posts/2012/03/08/obama_administration_brushes_off_oil_price_impact_of_iran_sanctions

[6] F. William Engdahl, ‘Perhaps 60% of today’s oil price is pure speculation’, Global Research, 2. Mai 2008, via http://www.globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=8878.

[7] Ibid.