Bevor Sie nun diese Behauptung als Entgleisung einer mentalen Retardierung meinerseits beurteilen, möchte ich zunächst auf die Tatsache verweisen, dass in einer jedweden arbeitsteiligen Wirtschaft kreditfinanzierte Ausgaben zwingend nötig sind, um unternehmerisches Handeln überhaupt erst zu ermöglichen. Rohstoffe, Maschinen, Dienstleistungen Dritter, sowie die Entlohnung von Arbeitskräften bedürfen bei Gründung einer Firma unvermeidbar einer Vorfinanzierung. Ein jedes Unternehmen ist als juristische Person also gezwungen, beim Start Geld aufzunehmen. Einerlei ob an der Börse, bei einer Bank oder durch den Griff in den Sparstrumpf des Gründers. Ohne kreditfinanzierte Investitionen, die natürlich langfristig Umsätze erhöhen und Gewinne maximieren sollen, funktioniert wenig bis nichts. Schulden sind also grundsätzlich nicht etwas Schlechtes, sondern – wie schon oftmals erwähnt – das buchhalterischen Pendant zu den gegensätzlichen Guthaben.

Des Weiteren sei gesagt, dass das Leitbild der „schwäbischen Hausfrau“ [3], das unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel als Idealmodell für die Eurozone und sogar für alle Volkswirtschaften der Welt vorgezeichnet hat, gesamtwirtschaftlich absolut ungeeignet ist, bestehende Probleme der weiter anwachsenden Privatguthaben und gegensätzlichen Staatsverschuldungen zu lösen.

Betrachten wir daher beispielhaft die Statistiken Griechenlands:

Um zu verstehen, warum die Staatsverschuldung seit 2009 in Griechenland weiter angestiegen ist, müssen wir uns an dieser Stelle mit der buchhalterischen Logik der gesamtwirtschaftlichen Saldenmechanik befassen, die auf simplen mathematischen Grundlagen im Sinne von 1 + 1 = 2 basiert.

Grundsätzlich gilt, dass es gesamtwirtschaftlich betrachtet nur zwei Gruppen gibt, die sich das Volkseinkommen teilen. Auf der einen Seite stehen die Privaten (Arbeitnehmer, Selbstständige und Unternehmen), auf der anderen Seite der Staat. Die Erhebung von Steuern durch den Staat wird erst möglich, wenn zuvor Umsätze und Einkommen seitens der Privaten erwirtschaftet wurden.

Es gilt des Weiteren, dass alle Ausgaben des Staates eine Erhöhung der Einnahmen auf privater Seite zur Folge haben. Spiegelbildlich betrachtet führen also Einnahmen des Staates zu Ausgaben bei den Privaten. Da Steuern nur auf Einnahmen und Umsätze der Privaten erhoben werden können, folgt auch, dass jegliche Steuereinnahmen letztendlich vom konsumierenden Endverbrauer getragen werden, der am Ende der Kette steht. [2]

Insofern haben eine Verminderung der Staatsausgaben und die Erhöhung von Steuern den gleichen Effekt: sie führen zu Einnahmeverlusten und Mehrausgaben bei den Privaten. Gesamtwirtschaftlich betrachtet ist daher die Bilanz von Ein- und Ausgaben des Staates und der Privaten immer ausgeglichen.

Das Ansteigen der Staatsverschuldung ist folglich zwangsweise mit einem Anwachsen der Geldvermögen bei den Privaten verknüpft. Tatsächlich ist die weltweite Staatsschuldenkrise also auf das Phänomen einer Ersparnisschwemme zurückzuführen, deren Grund in einem Mangel und/oder Desinteresse an Investitionsmöglichkeiten und Konsumverzicht bzw. besser Konsumsättigung bei Geldvermögenshaltern zu suchen ist.

Global führt die Sparflut der Privaten [auch durch Exportprofite und -überschüsse in einzelnen Ländern verursacht] zu einem enormen Export von Geldvermögen an die internationalen Finanzmärkte. Die Nachfrage nach vermeintlich sicheren Schuldtiteln treibt die Kurse beispielsweise deutscher Staatsanleihen in die Höhe und lässt deren Zinsen sinken, was zwar von Vorteil ist, aber natürlich nicht ausreicht, um beispielsweise die deutsche Staatsverschuldung tatsächlich abzubauen.

Kurzum – ein Abbau von Staatsschulden ist nur möglich, wenn Private a) mehr investieren und/oder b) mehr konsumieren. Das Betrachten der Staatsverschuldungen aus dem Blickwinkel einer schwäbischen Hausfrau wird daher einer wirtschaftlichen Gesamtbetrachtung nicht gerecht. Die Staatsverschuldung bedingt sich nicht aus den Einnahmen und Ausgaben eines Staates, sondern gesamtwirtschaftlich betrachtet aus der Ersparnisbildung bei den Privaten. Ein Abbau der globalen Staatsverschuldungen kann daher nur durch eine gleichzeitige Verringerung übermäßiger privater Geldvermögen erfolgen, die weltweit immer verzweifelter nach renditeträchtigen Anlagen und Zinserträgen suchen.

Fußnoten und Verweise

[1] Autor: Chris | 14.01.13

Wie immer Herr Reinhardt ein lesenswerter Artikel. Allerdings ist dies nur die eine Seite der Medaille. Wie wäre es einmal die Ausgabenseite der Länder (speziell Deutschland) näher zu betrachten? Denn der finanziell gut situierte Mittelstand lebt in der BRD keinesfalls in einem Steuerparadies. Sämtliche Steuerzahlungen kumuliert ergeben meistens, dass ca. die Hälfte der Einkommen für Steuern bezahlt werden müssen. Die BRD hat kein Einnahme sondern aus Ausgabeproblem. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich diesem Thema evtl. widmen würden. Ansonsten bleibt mir noch zu sagen Weiter so Herr Reinhardt:)

[2] Autor: quax-v-baden | 15.01.13

Meine Meinung zur Einkommenssteuer :

Jede Gehaltszahlung wird bei der Preiskalkulation einer Dienstleistung oder eines Produktes in das zu verkaufende Produkt/Dienstleistung einkalkuliert und wird vom Endverbraucher bezahlt. Damit werden die Einkommenssteuern, meiner Meinung nach, von den "Zahlungspflichtigen" nur treuhänderisch "vereinnahmt" und die Treuhänder "verweigern", wo möglich, die Weitergabe an das FA. Lange Rede kurzer Sinn: Jede Steuerzahlung ist letztendlich von einem Konsumenten - am Ende der Kette also eines echten END-Verbrauchers- zu bezahlen. Demnach zahlt meiner Meinung nach das gesamte Einkommensteueraufkommen letztendlich doch wieder nur die Masse der "echten" Endverbraucher und nicht die Unternehmer oder Angestellten. PS: Würde eine kritische Kommentierung meiner Meinung sehr schätzen!

[3] Maybritt Illner: Die schwäbische Hausfrau: Wirtschaften im Schwabenländle

[4] Die Statistik zeigt die Staatseinnahmen und Staatsausgaben in Griechenland von 2003 bis 2013. Die Angaben beziehen sich auf den Gesamtstaat und beinhalten die Einnahmen und Ausgaben des Zentralstaats, der Länder, der Gemeinden und Kommunen sowie der Sozialversicherungen. Im Jahr 2011 betrugen die Staatseinnahmen in Griechenland rund 87,9 Milliarden Euro, während sich die Staatsausgaben auf rund 107,5 Milliarden Euro beliefen.      

[5] Die Statistik zeigt die Staatsverschuldung von Griechenland von 2003 bis 2013 in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Die Angaben beziehen sich auf den Gesamtstaat und beinhalten die Schulden des Zentralstaats, der Länder, der Gemeinden und Kommunen sowie der Sozialversicherungen. Im Jahr 2011 betrug die Staatsverschuldung Griechenlands rund 165,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

[6] Die Statistik zeigt die Staatsverschuldung von Griechenland von 2003 bis 2013. Die Angaben beziehen sich auf den Gesamtstaat und beinhalten die Schulden des Zentralstaats, der Länder, der Gemeinden und Kommunen sowie der Sozialversicherungen. Im Jahr 2011 betrug die Staatsverschuldung Griechenlands rund 355,8 Milliarden Euro.