Es gibt sicher milieuspezifische Charakteristiken der Zeit-Portfoliostrukturierung. Einkommens- und Bildungsniveau könnten eine Rolle spielen. Hier zwei fiktive Beispiele für vermeintlich typische Portfolios nach Lebens-Alter:

Vor allem eine mögliche Vernachlässigung des dritten und vierten Quadranten könnte tendenziell vorkommen. Erfolgreiche berufliche Karrieren zeichnen sich nicht durch eine starke Berücksichtigung des ersten, sondern des dritten Quadranten aus. Es ist dasselbe Prinzip wie am Kapitalmarkt. Wer Zeit investiert, statt sie unmittelbar zu verbrauchen, hat die Chance seine späteren Erträge pro Zeiteinheit zu steigern. Selbiges gilt für das Leben außerhalb des Berufes. Familie, Partnerschaften und Freundschaften gedeihen langfristig besser, wenn auch in sie "investiert" wird. Man spricht ja etwas merkwürdig formuliert vom "Beziehungsaufbau". In vielen Äußerungen unserer Kultur (Religion, Kunst, Ethik, Vereine) geht es um diesen Quadranten.

Zeit-Portfolio-Optimierung

Auch ist es möglich, mit diesem Modell die Zeit bestens zu nutzen - indem man solche Tätigkeiten unterlässt, die nicht wenigstens in zwei Quadranten gleichzeitig stark sind und solche Tätigkeiten besonders bevorzugt, die sogar in allen vier Quadranten gleichzeitig Punkte sammeln. Es gibt tausende Tätigkeiten, die Genuss versprechen und zugleich sinnvoll und schön sind. Es gibt für jeden Möglichkeiten, Geld zu verdienen mit Taten, die zugleich die Kapazität erhöhen, zum Beispiel durch das Dazulernen während des Tuns, und Arbeiten, die sinnvoll sind, und so ein gutes Gefühl verschaffen.

Das sogenannte "Hobby" ist eigentlich etwas merkwürdiges. Sicher gibt es Tätigkeiten, die viel Geld kosten und Spaß machen. Es ist wunderbar Dinge zu tun, die einfach nur Spaß machen. Es gibt aber auch unzählige Möglichkeiten, die eigenen Vorlieben so zu tun, dass sie auch in den anderen Quadranten Fuß fassen können. Spaßbezogener Sport kann mit anderen zusammen gemacht werden so eventuell im vierten Quadranten angesiedelt werden. Oder man stellt sich die Frage, wie sich die eigenen Tätigkeitswünsche möglicherweise gemeinnützig anwenden lassen? Oft ist es auch möglich, wenn es denn so viel

Spaß macht, das "Hobby" auszubauen und damit Geld zu verdienen (Quadrant I), oder wenigstens eine Perspektive aufzubauen, später damit Geld zu verdienen, als Diversifizierung des Erwerbsvermögens (Quadrant III).

Das vorgestellte Modell hilft unser kostbarstes Gut zu nutzen und sinnvoll zu investieren. Wir verbringen viel Zeit damit, unser Geld sinnvoll anzulegen. Geld ist aber nur ein Spezialfall von Zeit. Denn die eigentliche Herausforderung ist es, die Zeit gut verbringen. Wer ein paar Stunden am Tag in seine Kapazitäten investiert, verdient hinterher möglicherweise mehr Geld. Wer an einer Aktie 1000 Euro verdient, aber 10 Stunden Zeit mit der Analyse verbracht hat, sollte Spaß daran gehabt haben, denn das Profil dieser Tätigkeit auf den beiden monetären Quadranten wäre dann eher schwach.

Es ist möglich, in Gelddingen erfolgreich zu sein ( etwa durch ein günstiges Verhältnis von Quadrant I zu III) und dennoch wenig Freude im Leben zu haben (weil zu wenig Zeit in Quadrant II und IV verbracht wurde). "Zeitsparer" verkennen, dass Sinn und Genuss eben auch Dimensionen der Zeit sind. Es besteht die Gefahr, alle Augenblicke zu skalieren und das Modell vordergründig zu interpretieren: Zeit selbst kann eine behindernde Vorstellung sein, wenn sie bis in jede Sekunde eingespart und optimiert werden soll. Darum soll es nicht gehen. Es geht darum, ein gesundes Verhältnis der eigenen Vermögensanlagen (Zeitverwendungsmöglichkeit) zu finden. Das Modell sollte nicht dazu führen Zeit in Schubladen zu stecken, sondern dem einzelnen Augenblick die Freiheit zu lassen, alle Dimensionen auszufüllen. Ein besonders schöner und poetischer Weg dieser Betrachtungen ist das Buch "Momo" von Michael Ende.

Zeit kaufen

Anstatt immerzu ihre Zeit für Geld zu verkaufen, denken Sie mal darüber nach, Zeit zu kaufen!

Es gibt hunderte Möglichkeiten: Zum Beispiel 1)Sie lassen für sich arbeiten. 2) Sie zahlen für ein Produkt mehr, brauchen dafür aber weniger Zeit mit der Auswahl oder Wartung zu verbringen 3) Sie kaufen großzügig solche Produkte, die ihnen helfen, Zeit zu sparen. 4) Sie zahlen Geld an Lehrkräfte, die Ihnen helfen, Kompetenzen mit weniger Zeitaufwand zu erlangen.   

Die eingesparte Zeit können sie sinnvoll einsetzen. Ihr Kassenbestand sinkt etwas, möglicherweise auch Ihr Cash-Flow. Dafür "investieren" sie die Zeit in Tätigkeiten die sie zu einem fähigeren Menschen oder zu einem besseren Vater/Sohn/Kollegen, zu einer besseren Mutter/Schwester/Freundin macht. Nach einer Zeit kommt dadurch vielleicht mehr Geld herein und sie genießen ihr Leben mehr. Es macht wenig Sinn, über die Anlage von 10 Tausend Euro nachzudenken, wenn das Zeit-Portfolio schlecht aufgestellt ist.

Wie teuer ist Zeit wirklich?

Natürlich geht es im Beruf auch um Geld. Aber ein Großteil der Motivation für meine beruflichen Tätigkeiten entspringt nicht der Ansiedelung auf dem ersten, sondern auf den übrigen Quadranten. Nehmen wir an, ich verdiene mit meinen beruflichen Tätigkeiten effektiv 100 Euro brutto die Stunde und bin völlig ausgelastet. Zudem erlebe ich alle Tätigkeiten als sinnvoll, kapazitätssteigernd und ziemlich angenehm, manchmal sogar spaßig. Jetzt könnte ich beispielsweise durch ein Gerät oder eine Dienstleistung für 300 Euro im Monat eine Stunde Zeit sparen. Wäre das zu teuer, weil eine Stunde eben nicht 300 sondern 100 Euro Wert ist? Nicht, wenn ich diese Stunde als sinnlos, spaßlos und keine Spur einkommenspotentialsteigernd empfinde. Eine Stunde meiner Zeit aus einer derartigen Tätigkeit zu befreien wäre mir sogar mehr wert als 300 Euro.

Mit Zeit rechnen

Es wäre möglich zu überschlagen, wie viel einem der Sinn oder die Kapazitätssteigerung oder auch der Spaß einer Tätigkeit wert ist. Warum sollte man diese Überlegung nicht machen? Manche Menschen wägen immer wieder ab, ob das Geld für den Urlaub, das Essen oder das Buch, das sie gerade kaufen, angemessen sind. Eine einzige Rechnerei. Da könnte man auch mal darüber nachdenken, wie viel einem eine Stunde oder der jeweilige Spaß/Sinn/Karriereschub daran wert sind. (Es gibt ja sogar den negativen Fall. Eine Tätigkeit macht keinen Spaß, Ist vielleicht sogar unmoralisch oder für die Karriere hinderlich. Diese erheblichen Kosten müssten in den Stundenlohn eingerechnet werden und lassen mache bezahlte Tätigkeiten dann sehr unattraktiv werden.) Vergleichen Sie doch einmal ihre beruflichen Tätigkeits-optionen miteinander nach diesen Gesichtspunkten, wie auf der folgenden Beispiel-Grafik:

Fazit

Wenn das alles für Sie selbstverständlich ist,  nehmen sie es als Erinnerung. Ich treffe aber jeden Tag Menschen, die einen Großteil ihrer Lebenszeit mit Arbeiten des Geldes wegen oder mit (aus ihrer Sicht) sinnlosen Genüssen verbringen. Wie viel Zeit verbringen sie mit dem Lesen von Mainstream-Nachrichten? Welche Dimensionen der Zeit erfüllt das? Können sie ihre Zeit besser nutzen? Die Autobiographie eines bedeutenden Philosophen heißt übrigens "Zeitverschwendung" (Paul Feyerabend). Dann schon lieber die eingangs erwähnte "alternative" Autobiographie "Der Weg zum Reichtum" (von Benjamin Franklin).

In diesem Sinne mit zeitgemäßen Empfehlungen

Ihr Robert Velten