Wollen Sie während ihres Erwerbslebens immer ärmer werden? Wenn nicht, sollten Sie einmal über folgendes nachdenken: Selbstbestimmt investieren ist gut. Das ist Cashkurs-Lesern klar. Sich über Finanzanlagen Gedanken zu machen reicht aber nicht aus. Denn Ihr Vermögen ist vielleicht größer als sie denken …noch!

Um Vermögen am besten managen zu können, müssen vorgefasste Meinungen immer wieder überprüft werden. Das fängt schon mit dem Erwerbsvermögen an. Ist ein Lehramtsstudium tatsächlich eine sichere Sache? Oder ist es nicht vielmehr so, dass ein Lehrer, der noch nicht verbeamtet ist, durch ein in Zukunft möglicherweise stark vermindertes Stellenangebot und durch das jahrelange Versäumnis marktfähigere Leistungen anzubieten im Gegensatz zu einer trainierten Freiberuflerin ziemlich auf dem Schlauch stehen kann? Wer ist bei gleichem Einkommen sicherer aufgestellt: Der Start-Up-Unternehmer A mit zusätzlichem Mini-Job, der außerdem Samstags mit seiner Band als Straßenmusiker auftritt, oder der routinierte Vollzeit-Angestellte B mit bezahltem Urlaubsanspruch? Viele, zum Beispiel Banken bei der Kreditvergabe, würden wohl sagen: letzterer. Dabei ist dessen Erwerbsvermögen nicht nur mit einem Klumpenrisiko belastet, sondern möglicherweise auch weniger stark der fortwährenden Erprobung ausgesetzt, somit trotz festem Gehalt weniger transparent, vielleicht sogar weniger flexibel und zukunftsfähig. A hingegen scheint breiter aufgestellt und sich selbst stärker zu vertrauen. Seine Fähigkeiten behaupten sich direkt am Markt und verlangen durch diese Unmittelbarkeit eine verstärkte, fortwährende Anpassung und Weiterentwicklung. Wurde diese verstärkte Anpassung an den Markt (auch durch eine Spezialisierung im jeweiligen Teilbereich) längere Zeit "geübt" liegt m.E. ein sichereres, langfristig wahrscheinlich auch höheres Erwerbsvermögen vor. Ein Autor kann nebenbei Taxi fahren und hat sich vielleicht auf Sachbücher eines Themengebietes ebenso spezialisiert wie auf Fahrwege innerhalb einer geographischen Region. Zugegeben ein Extrem-Beispiel. Aber es macht insbesondere für Familien mit mehreren Erwerbstätigen zumindest unter Risiko-Aspekten Sinn, nicht nur die Vermögensanlagen sondern auch die Einkunftsquellen zu diversifizieren.

Wie dem auch sei: Das Vermögen der meisten Menschen besteht nicht zum Großteil aus vorhandenen monetären Werten, sondern aus der eigenen Fähigkeit. Und da das hier kein Feuilleton-Artikel ist, sondern ein Investment-Beitrag, heißt das ganz konkret: Der auf den heutigen Tag abgezinste Wert der Zahlungsströme, die eine Person in Zukunft durch ihre marktwerten Fähigkeiten generieren kann. Ein Berufseinsteiger mag zwar noch keinen Pfennig in der Tasche haben, die Aussicht auf künftiges Einkommen stellt aber ein großes Vermögen dar.

Beispielsweise hat ein 35 Jähriger gut ausgebildeter Angestellter, nennen wir ihn Dominik, noch etwa 32 Jahre Erwerbsleben vor sich. Sein Gehalt beträgt aktuell vielleicht 40 Tausend Euro netto im Jahr. Es mag etwa mit einer Rate von 3% pro Jahr ansteigen, also etwas stärker als die Inflation, wegen zunehmender Expertise. Nach 32 Jahren bekäme er dann 103 Tausend Euro netto im Jahr. Insgesamt hätte er dann insgesamt etwa 2,3 Millionen Euro netto verdient. Rechnet man diesen angenommenen Gehalts-Zahlungsstrom auf den derzeitigen Wert herunter (und wählt als Abzinsungssatz 2,5% - Inflation plus einen kleinen Risikoaufschlag) kommt ein heutiger Wert von ungefähr 1,4 Millionen Euro heraus. Das heißt das Erwerbsvermögen dieses gut ausgebildeten 35 jährigen beträgt bereits jetzt netto 1,4 Millionen Euro.

Die Frage, wie Dominik seine bisher gesparten - sagen wir 10 Tausend - Euro anlegen sollte hat also demgegenüber zunächst eine relativ geringe Relevanz (von weniger als 1%). Dies ist vielen Menschen nicht klar. Sie halten diese angesparten 10 Tausend Euro für ihr finanzielles ein und alles. Tatsächlich ist es nur ein Bruchteil des Gesamtvermögens!

 Auf Dauer ist die Frage der Anlage des Ersparten jedoch für die Entwicklung des Gesamtvermögens sehr entscheidend. Denn die 1,4 Millionen Euro sind nur ein Teil.

Und dieses Vermögen sinkt mit zunehmendem Alter. Es mag steigen durch überraschende Erfolge, durch eine überdurchschnittliche Entwicklung des Einkommens relativ zur Erwartung, aber tendenziell und im Durchschnitt schrumpft dieses Vermögen im Zeitverlauf. Mit 45 Jahren beträgt es in dem genannten Beispiel immer noch über eine Million Euro. Mit 60 beträgt es etwa noch 367 Tausend Euro. Und mit 68 ist es dann: Null.

Um auch nur knapp die Hälfte seines Gesamtvermögens (hier vereinfacht die Summe aus Erwerbsvermögen plus gespartem Privat-Vermögen wie z.B. Häuser, Aktien und Gold) zu erhalten, muss Dominik nun einerseits jährlich 15% seines Einkommens sparen (meist über 500 Euro monatlich!) und andererseits dieses Ersparte zu 5% jährlich anlegen.

Dieses gesparte Vermögen (blaue Linie in der Grafik) sichert zugleich ab vor Ausfällen im Erwerbsleben, was besonders dann sinnvoll ist, wenn alles Einkommen nur von einer einzigen Stelle abhängt und man sozusagen am Tropf hängt.

Die Rentenversicherung mag zwar (trotz der dafür sehr negativen demographischen Entwicklung) in 32 Jahren noch etwas zahlen und die Rentenansprüche somit auch einen Vermögensposten darstellen, aber dieser Posten ist nicht nur unsicher, sondern wird wegen der in Zukunft (und schon jetzt) viel zu hoch verschuldeten Staaten auf realer Basis zwangsläufig auch sehr klein sein. Nach Abzug der Inflation wird vom Rentenanspruch in Zukunft nicht viel - womöglich Harz IV- übrig sein. Schon jetzt gehören die meisten Rentner im Grunde zu den Geringverdienern.  In jedem - schon im positiven - Fall ist das Rentenvermögen am Ende des Erwerbslebens in unserer Kalkulation auf weit weniger als die Hälfte des ursprünglichen Erwerbsvermögens abzuschätzen, so dass das "sonstige" Privatvermögen bei Renteneintritt eben mindestens die andere Hälfte abdecken muss, um nicht fortwährend ärmer zu werden.

Fazit: Das  bedeutet, dass Anlagen wie Anleihen, Sparpläne, und die meisten Immobilien derzeit zu wenig Rendite abwerfen, um bei einer angemessenen Sparquote das eigene Vermögen zu erhalten.

Auf lange Sicht kommt gerade der vorsichtige Anleger nicht um eine Beimischung sehr renditestarker Anlagen - z.B. Aktien - herum, wenn er sein Vermögen erhalten will. Das gilt besonders für Personen oder Familien mit nur einer Art von vermeintlich sicherer Erwerbstätigkeit, die nur wenig positive Überraschungen bieten kann. Eine Alternative zu renditestarken Anlagen wäre nur eine gigantisch hohe Sparquote, die für viele kaum zu realisieren sein wird. Oder eben das fortwährende Ärmer-werden. Das ist eine ganz nüchterne Rechnung. Also auf lange Sicht: Rendite ist Trumpf!

Beste Investment-Grüße, Ihr

Robert Velten