Der im ersten Teil des Artikels gefallene Satz, Zweck des produktiven Kapitalvermögens sei, "Geld aus Geld" zu erzeugen, provoziert kritische Gedanken. Es gibt Kritiker des gegenwärtigen Kredit- und Geldsystems, die sich daran stoßen, dass Geld produktiv sein soll. Diese Kritiker berufen sich oft auf alternative Theoretiker der Gegenwart oder greifen auf frühere Querdenker wie Silvio Gesell zurück. In Wirklichkeit stehen sie jedoch in einer viel älteren Tradition: Schon Luther schrieb: "Geld heckt nicht wieder Geld". Zuvor stand bereits die katholische Kirche dem Zins und Geld größtenteils kritisch gegenüber. Aristoteles wertete in der Antike den Umgang mit Krediten und den Versuch, Geld aus Geld zu erzeugen als "Chrematistik" (Geldgeschäftigkeit) gegenüber der wahren Ökonomie ab.

Allen Kritikern gemein ist ein fehlendes Verständnis für die indirekte Produktivität des Geldes. Zwar ist Geld selbst nur insofern direkt produktiv, als dass sein Vorhandensein Tausch- und Verteilprozesse wesentlich erleichtert - das Fehlen von Geld würde also zu erheblichen Ineffizienzen in der Wirtschaft führen - aber indirekt steht es für reale Kapitalien, die natürlich sehr wohl produktiv sein können. Ein mehr an Geld in einer Wirtschaft insgesamt führt nicht automatisch zu mehr Wirtschaftsleistung, denn diese ist allein ein Produkt aus realen Faktoren (siehe meinen Artikel Konsum und Wirtschaft) - insofern ist eine Kreditausweitung über ein vernünftiges (der effizienten Verteilung dienendes) Maß hinaus sinnlos und mehr Geld eben nicht mehr produktiv. Indirekt und auf der Ebene einzelner Wirtschaftssubjekte ist Geld jedoch schon deshalb ein ganz realer Produktivfaktor, weil man damit Waren, Investitionsgüter und Arbeitszeit - allesamt Produktivfaktoren - kaufen kann.

Es ist sinnlos, über die notwendige Liquidität hinaus vorrätiges Geld nicht einzusetzen, sofern Möglichkeiten bestehen, sinnvolle Investitionen zu tätigen. Investitionen müssen dabei nicht direkt sein. Auch bei dem Kauf einer Aktie wird Geld in Produktivkapital umgewandelt - Allerdings steht zur gleichen Zeit eine umgekehrte Umwandlung von Produktivkapital in Geld gegenüber, nämlich durch den gleichzeitigen Verkauf des gegenüberstehenden Marktteilnehmers. Diese Möglichkeit des Verkaufs wird aber zuvor vom Verkäufer kalkuliert und somit erhöht sie (durch liquiditätsgetriebene Kapitalkostensenkung) die Bereitschaft, generell produktives Kapital zu halten. Diese Logik wollen viele kluge Menschen nicht nachvollziehen und werten daher den Handel mit Aktien und dergleichen ab. Dass viele dieser gebildeten Menschen auch andere als sachliche Gründe hatten, stelle ich in meinem 2014 erschienenen Buch "eine soziologische Analyse der Philosophie des Reichtums" und noch mehr in einem in Arbeit befindlichen Buch darüber anschaulich dar.

Der Josephspfennig

Dirk Müller erzählt gerne die Rechnung vom Josephspfennig. Diese erstaunliche Rechnung ist spätestens, seit sie 1772 von Richard Price angestellt wurde, im Umlauf. Sie lautet folgendermaßen: Wenn Joseph im Jahre Null für seinen Sohn Jesus einen Pfennig zu fünf Prozent Zinsen (unter Wiederanlageprämisse, also mit automatischen Zinseszinsen - so, wie übrigens auch der Dax berechnet wird) angelegt hätte, wie viel wäre dann das Vermögen heute Wert? Die Antwort - überlegen Sie mal… lautet? …Ja es ist eine unvorstellbare Summe. Ich habe es selbst nachgerechnet, weil ich es zuerst nicht glauben mochte: Es sind je nach Goldkurs und Währung sechzehn Milliarden. Nicht Euro oder Dollar. Nein, diese wären bereits im Mittelalter aus den Zinseszinsen des Pfennigs angesammelt worden. Nach 2000 Jahren gäbe es wovon 16 Milliarden? Was glauben Sie? … Es sind Sechzehn Milliarden Erden (Gewichte unseres Planeten) aus purem Gold!

Eine logarhithmische Skala veranschaulicht die Entwicklung über die 2000 Jahre hinweg:

Sie glauben es nicht? Denken Sie an die Geschichte vom Reiskorn und dem Schachbrett. Sie erinnern Sich: Ein Asiate wollte sich einmal von einem König etwas auszahlen lassen und erbat sich nur so viele Reiskörner, wie durch jeweilige Verdopplung entstehen, wenn für jedes Feld auf dem Schachbrett ausgehend von nur einem Reiskorn eine weitere Verdopplung vorgenommen würde. - Der König konnte sich zuerst nicht vorstellen, dass diese Rechnung für ihn teuer wird und sie schließlich überhaupt nicht bezahlen. Das ist dasselbe Prinzip wie beim Josephspfennig. Wenn die Basis der folgenden Erträge größer wird, wachsen die Erträge exponentiell und erreichen riesige Summen.

Oder nehmen Sie Warren Buffett. Der ist vom Zeitungsausträger durch Aktienrenditen zum reichsten Mann der Welt geworden - in nur 40 Jahren! Einer der (trotz  900 Seiten empfehlenswerten) Biographien über ihn heißt "Das Leben ist wie ein Schneeball" Denn ein Schneeball wird immer schneller größer, je länger Sie ihn (im Schnee) rollen.

Was sagt uns die (tatsächlich korrekte) Rechnung vom Josephspfennig? Folgendes: Wenn bei 5% Zinsen aus einem Pfennig nach 2000 Jahren so viel (der Gegenwert von 16 Milliarden Erden voll Gold) wird, so die Kritik, dann kann was am Zinseszinssystem nicht stimmen, dann ist "Geld aus Geld zu hecken" ein menschlicher Irrtum, eine Gier, die ins Verderben oder zumindest in die Krise führt. - Und die Rechnung stimmt ja.

Was die Rechnung vom Josephspfennig eigentlich sagt

Aber: Die Rechnung zeigt doch nur, wie produktiv es ist, Geld eben nicht auszugeben, sondern zu investieren. Sie zeigt auch, dass wir Menschen es nicht geschafft haben, den positiven Rückkopplungskreislauf aus Zins und Zinseszins, besser gesagt aus Kapital und Rendite, auch nur einem Pfennig hoch für uns zu nutzen. Keinem Menschen ist es gelungen, auch nur einen Pfennig über 100 Generationen hinweg zu 5% anzulegen. Stattdessen haben Kriege und überhöhter Konsum immer wieder fast restlos die Früchte unseres Kapitaleinsatzes verbraucht! …Eine ungeheure Verschwendung. Was von der produktiven Kraft unserer zu Kapital geronnenen Leistungen und den Geschenken der Natur übrig geblieben ist, sind zwar die ägyptischen Pyramiden, die Mona Lisa und das ungeheure Kapital, das heute in Unternehmen steckt. Aber dies ist nur ein winziger Bruchteil dessen, was uns Menschen möglich gewesen wäre! Zwar wären niemals 16 Milliarden Erden Gold entstanden, aber eine Welt, die noch weit produktiver wäre als heute.

Was Menschen können, wenn sie Kapital haben

Den Menschen fehlt es an Phantasie! Vor der Industrialisierung hat sich auch keiner vorstellen können, was die Menschheit in den zwei Jahrhunderten danach - als Ergebnis des Kapitalismus, aber auch der Vernetzung der forschenden und schaffenden Menschen) leisten würde: Vom Eisenbahn und Schiffsbau bis zu Flugzeugen und Raumschiffen, vom Telefon und Elektrizität bis zu Google und der Urknalltheorie. Vom Wolkenkratzer bis zu fließendem Wasser in jedem westlichen Haushalt. Der Mensch kann heute dank Computer und Robotern eine Produktivität entwickeln die kürzlich unvorstellbar war. Er kann mit einer Handvoll Unternehmen und Menschen in kurzer Zeit eine Stadt wie New York mit seinen ungeheuren Häusern, Straßen und U-Bahnen aufbauen. Aber Es hätte noch viel mehr sein können, was wir uns heute nicht vorstellen können.

Natürlich hätte die Produktivität des Kapitals abgenommen. 5% hätten auf Dauer wohl niemals erreicht werden können, eben aufgrund der zunehmend abgebauten Knappheit an Kapital. Aber soweit müssen wir erst mal kommen, dass die Welt so überkapitalisiert wäre. Heute ist die Welt trotz Kapitalismus noch immer unterkapitalisiert. Allein die vielen Menschen die nicht einmal Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. In solchen Ländern müssten nicht nur Brunnen und Schulen gebaut werden, sondern ein ganzes Organisationssystem aufgebaut werden. Vermögen ist ein knappes Gut.

Nicht ist es so, dass Zins und Zinseszins verwerflich sind, sondern im Gegenteil. Zins und gerade Zinseszins (beziehungsweise Rendite) sind eine notwendige Belohnung für denjenigen, der mal nicht verbraucht, sondern investiert. Durch diesen Anreiz haben wir seit der Industrialisierung spürbar profitieren können. Korrekturbedürftig sind nur die hohen Summen an Krediten, denen ein falsch investiertes Vermögen gegenübersteht. Die Fehlakkumulationen des Kapitals aufgrund zu vieler billiger Kredite: Diese sind schnellstens zu beseitigen. Diesen Bereinigungsprozess nennt man Kriese. - Die Krise aber wird immer weiter hinausgeschoben.

Machen Zinsen die Produkte teurer?

Vielfach ist davon die Rede, in den Produktpreisen seien erhebliche Zinskosten erhalten. Die Unternehmen holten sich, so der Gedanke, die Kosten für ihre Kredite über die höheren Preise wieder rein. Stimmt. Aber drehen Sie es wie sie wollen, wenn alle Kredite weg wären, bräuchten die Unternehmen immer noch die gleichen Maschinen, Lagerhallen und Vorräte, also (bis auf die Forderungen ) exakt das gleiche Kapital wie vorher. Es könnte zwar die Zinsen sparen, hätte aber höhere Eigenkapitalkosten. Die Produkte könnten gar nicht billiger werden. Im Gegenteil ist Eigenkapital teurer als Fremdkapital, so dass die Produkte und Leistungen eher teurer würden. (Um das zu verstehen braucht man etwas BWL, aber glauben Sie mir an dieser Stelle, es stimmt).

Spekulanten - sind Wohltäter

Sie glauben es nicht? Die bösen Spekulanten, derzeit überall verschrien, sollen Wohltäter sein? Leute die mit Nahrungsmitteln oder dem Geld anderer Leute herumzocken? Natürlich gibt es verantwortungslose Spekulanten und geldgierige Heinis, die sich nicht um Legalität und Treue scheren. Diese meine ich nicht. Aber der gewöhnliche Spekulant wie Sie und ich, nennen wir ihn den langfristigen Investor, der tut was Gutes. Denn wer sein Geld möglichst renditestark einsetzt, also damit produktives Kapital finanziert, der stellt der Gesellschaft dort Kapital hin, wo sie es am meisten braucht und tut damit, obwohl egoistisch motiviert, etwas für alle. Dieser Gedanke, dass Altruismus und Egoismus in der Marktwirtschaft vereinbar sind, stammt vom Begründer der Volkswirtschaftslehre, von dem Moralphilosophen Adam Smith.

Das gilt übrigens auch für den Sekundärmarkt, also für den Kauf von Aktien die es bereits gibt. Denn die Aktien werden gezeichnet (sogenannter Primärmarkt) weil der Zeichner beziehungsweise Käufer davon ausgehen kann, die Aktien auch wieder (jederzeit) zu verkaufen. Sonst müsste man ihm noch mehr Renditen bieten und das wäre für die Unternehmen und damit auch die Konsumenten teurer…

Mehr als 5%: Die Siegelsche Konstante

Die 5% der Josephspfennigsrechnung sind eigentlich noch zu gering angesetzt. Der Aktienmarkt erwirtschaftete in den letzten zwei Jahrhunderten im jährlichen Durchschnitt 7%. Real! (Also Inflationsbereinigt.) Das hat Jeremy Siegel für die USA herausgefunden und in seinem Buch "Stocks for the long run" bereits im Jahr 2000 dargestellt. Nun hat es seitdem keine solche Realrendite mehr gegeben. Seit 14 Jahren ist die Realrendite weit darunter. Allerdings war das auch eine ungewöhnlich schlechte Börsen-Zeit und auch wenn man die aktuell zurückliegenden 16 Jahre miteinbezieht, hat sich die "Konstante" nicht wesentlich verändert. Außerdem haben marsch/Dimson/Staunton in ihrem Buch "Thriumpf of the optimists" gezeigt, dass diese Rendite auch in vielen anderen Ländern im 20 Jahrhundert nicht ungewöhnlich gewesen ist. Es gibt außerdem Gründe anzunehmen, dass sie auch in Zukunft möglich ist. Selbst wenn sie aber nur auf 5% angesetzt werden sollte, ist das Ergebnis auf lange Sicht phänomenal, wie die obige Rechnung vom Josephspfennig zeigt.

Wie wird man reich?

Kann man diese Erkenntnisse nutzen um Geld zu verdienen, oder gar um - man kann es gar nicht mehr hören, so oft werden einem Methoden hierzu angekündigt - "reich" zu werden? Ja: Im Grunde sind zwei Faktoren für die materielle Vermögensbildung wesentlich: 

1) Der erste Faktor ist das Geld, was man einsetzt, beziehungsweise wie der Josephspfennig lehrt, das Geld, was man stehen lässt. Und das sollte, wenn möglich, erstmal alles sein. (Hätte ich bislang alle meine Renditen aus dem Aktienmarkt re-investieren können wäre ich bereits materiell reich und könnte mit einer Stiftung die Welt verändern und ein paar ausgefallene Ideen umsetzen… Ich habe aber mein Studium bzw. mein Leben finanzieren müssen und das bereue ich ganz und gar nicht).

2) Der zweite Faktor ist auf lange Sicht noch wesentlicher. Das ist die Rendite, die man auf sein produktives Kapital erhält. Hier machen schon kleinste Änderungen viel aus. Auf lange Sicht ist es ein riesiger Unterschied ob man am Aktienmarkt 6% jährlich macht oder 9%. Deshalb habe ich 14 Jahre lang ein Aktienauswahlsystem entwickelt, das ich für eines der besten der Welt halte. Dieses System soll nichts weiter als ein paar Prozent Überrendite jährlich bringen. Wenn es mir gelingt, ein paar tausend Euro inkl. Renditen stehen zu lassen, werde ich eines Tages … bitte ergänzen Sie jetzt nicht, "anfangen zu leben", nein, Leben ist nur jetzt und hier, … aber ordentliches Geld haben. Denn darum geht es beim produktiven Kapitalvermögen, Geld aus Geld zu machen.

Fazit und Handlungsempfehlung:

Geld ist indirekt sehr produktiv, wenn es richtig eingesetzt wird. Es gibt keinen Grund, produktiven Kapitaleinsatz moralisch zu verwerfen. Im Gegenteil: Investitionen sind auch gesellschaftlich sehr sinnvoll. Und: Wir wissen aus den vorigen Beiträgen dieser Serie, dass monetäres Vermögen nur ein kleiner Teil des Gesamtvermögens ist. Umso mehr kann das verbleibende monetäre Vermögen auf lange Sicht risikotoleranter angelegt werden, als man gewöhnlich meint. Dadurch entsteht ein Renditeeffekt (oder Zinseszinseffekt) der aus einem Zeitungsausträger einen reichen Mann machen kann. Durch Diversifizierung  kann und sollte das Risiko zusätzlich verkleinert werden. Unter dieser Voraussetzung kann ein erheblicher und (a) möglichst großer Teil des monetären Vermögens (b) möglichst produktiv, das heißt in wirtschaftlich sinnvollen Unternehmen und knappen Kapitalformen angelegt werden.

Beste Grüße, Ihr

Robert Velten