Aktuelle Schätzungen im Hinblick auf neuerliche Kapitallücken unter den „Too-big-to-fail“ Banken weisen derzeit deutliche Diskrepanzen auf. Die höchste Schätzung erreicht knapp $1 Billion. Egal, wie hoch der Betrag letztendlich ausfällt, es stellt sich die Frage, welche Vorteile sich die Aufsichtsbehörden aus ihren von Zeit zu Zeit vorgenommenen „Stresstests“ an den Großbanken eigentlich versprechen? Zumal die in deren Kreditbüchern und Anlageportfolien schlummernden Risiken aufgrund einer anhaltenden Auslagerung von Kreditrisiken in so genannte Conduits – die mehrheitlich in Offshore-Zentralen lokalisiert sind –, sowie einer markanten Verwässerung der Bilanzierungspflichten kaum noch einschätzbar sind.

Aufsichtsbehörden in den USA halten die „Too-big-to-fail“ Banken dazu an, ihre gehaltenen Staatsanleihepositionen zu erhöhen, um sich gegen potenzielle Verluste aus alternativen Anlageklassen abzusichern, falls es erneut zu einem Bankenkollaps kommen sollte. Nun, ist es nicht höchst sonderbar, wie sehr sich die Aufsichtsbehörden in letzter Zeit um ein solches Ereignis zu sorgen scheinen?

Ich habe in den vergangenen Tagen nicht von ungefähr verstärkt über die so genannten „Too-big-to-fail“ Banken berichtet. Wofür werden eigentlich diese allmonatlich stattfindenden „Stresstests“ gemacht? Da heißt es dann – wie zuletzt in den USA –, dass 29 der 30 größten Institute den jüngsten Stresstest mit Bravour bestanden hätten. Hinter den Kulissen kommt es dann jedoch wiederholt zu Warnungen und neuen Auflagen für eben jene Banken, um sich gegen einen möglichen Kollaps bestmöglich abzusichern.

„Too-big-to-fail” Banken weisen Eigenkapitallücken von knapp $900 Milliarden auf

Aktuelle Schätzungen zu neuen Kapitallücken unter den größten Geldhäusern der Welt gehen derzeit weit auseinander. So berichtete das Analysehaus AllianceBernstein vor Kurzem, dass die „Too-big-to-fail” Banken Eigenkapitallücken von knapp $900 Milliarden aufwiesen. Bei Barclays Bank – einem direkt betroffenen Institut – sieht man dies ein wenig anders, da man laut eigener Berechnungen „nur“ auf einen kumulierten Betrag von knapp $250 Milliarden kommt.

Nun, wie dem auch sei. Nicht nur, dass die Kreditrisiken unter den größten Banken der Welt aufgrund einer seit 2009 anhaltenden Verwässerung der Bilanzierungspflichten ohnehin nicht mehr einschätzbar sind. Wie würde die Lage eigentlich aussehen, falls die betroffenen Banken ihre gehaltenen Vermögenswerte ab sofort wieder auf Basis eines Bewertungsansatzes nach „mark-to-market“ bilanzieren müssten? Wäre nicht davon auszugehen, dass man sich mit jeder Art von „Stresstest“ den Hintern abwischen könnte, und dass wir nicht sofort wieder eine Finanzkrise nach Art der Jahre 2008/2009 zu beklagen hätten?

Die aktuellen Schätzungen gehen auch deshalb so weit auseinander, weil die Vorschläge des im Schweizerischen Basel ansässigen Financial Stability Board verschiedene Möglichkeiten anführen, welche Eigenkapitalbeträge „Too-big-to-fail“ Banken in Relation zu ihren gehaltenen Risikovermögenswerten vorhalten müssen. Diese gehaltenen Risikopositionen sollen sich laut verschiedener Aufsichtsbehörden momentan auf mehr als $20 Billionen belaufen (!). 

Egal, welchen Prozentsatz man zugrundelegt. In Relation zu den im Raum stehenden $20 Billionen handelt es sich um enorme Summen, die Großbanken zukünftig in Form von Eigenkapital oder in Form von als „sicher“ geltenden Anlagepositionen (wie US-Staatsanleihen, he, he...) hinterlegen müssten. Beim Financial Stability Board verfolgt man wohl das Ziel, den potenziellen Schaden, den der neuerliche Kollaps einer Großbank in der Welt anrichten würde, so gut wie möglich einzudämmen.

Neuer Regeländerungsentwurf für Großbanken

Um dieses Ziel zu erreichen, hält man die Großbanken zurzeit wohl dazu an, die eigenen Portfolien mit Schuldpapieren wie US-Staatsanleihen voll zu stopfen, die nicht nur liquide genug, sondern auch dazu angetan wären, einen taumelnden Kreditgeber zu rekapitalisieren. Immerhin müsste eine Großbank unter den aktuell gültigen Regularien Insolvenz anmelden, um bevorrechtigten Anleihehaltern Verluste zu bescheren. Ein solches Ereignis fürchten die Aufsichtsbehörden wie der Teufel das Weihwasser, da der dadurch entstehende Schaden in Bezug auf das globale Finanzsystem und der damit einhergehende Vertrauensverlust unter Investoren enorm wären.

Zu eben jenem Ereignis kam es im Fall des Zusammenbruchs der US-Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008. Das Financial Stability Board wird seine neu ausgearbeiteten Regularien im kommenden Monat im Rahmen des anstehenden G20-Gipfels im australischen Brisbane präsentieren. Der nun auf dem Tisch liegende Regeländerungsentwurf sieht vor, dass die größten Banken der Welt Eigenkapital oder in als sicher angesehene Schuldpapiere in Höhe von bis zu 20% in Relation zu deren gehaltenen Risikovermögenswerten vorhalten oder investieren müssen. Eine gewaltige Summe!

Aktuelle Pläne sehen vor, diese Summe noch zu vergrößern, indem diese Banken zur Bildung eines zusätzlichen Kapitalpuffers von 5% in Relation zu deren gehaltenen Risikovermögenswerten verpflichtet werden sollen. Laut dem Analysehaus AllianceBernstein seien mit diesen vorgesehenen Regeländerungen ein enormer Umschichtungsprozess verbunden. Könnte es sich hierbei auch um einen der Gründe handeln, warum amerikanische Großbanken sich zurzeit mit US-Staatsanleihen voll saugen (ich berichtete)?

Dramatische Kapitallücke vorraus

Trotz all dieser Beobachtung hieß es in einer Mitteilung von AllianceBernstein, dass es zu einer dramatischen Kapitallücke unter den weltgrößten Banken kommen würde, falls diese Regeländerungen demnächst verabschiedet werden sollten. Falls Großbanken zukünftig 20% in als „sicher“ geltenden Vermögenswerten vorhalten müssten, beliefe sich die entstehende Kapitallücke zum aktuellen Zeitpunkt auf rund $900 Milliarden. Berücksichtigt man dann noch den ins Age gefassten Kapitalpuffer, würde sich dieser Betrag schon auf etwa $1 Billion belaufen.

Laut dieser Berechnungen müssten allein Institute wie JPMorgan und Wells Fargo zusammen fast $130 Milliarden umschichten. Auf spanische Großbanken kämen ähnliche Beträge zu. Andere Analysten kommen zu dem Ergebnis, dass allein unter Europas Großbanken eine Kapitallücke von knapp 500 Milliarden Euro entstünde, falls es zu einer Verabschiedung der 25%-Schwelle kommen sollte. Viele Banken werden aus diesem Grund nicht umhin kommen, eine wahre Flut an bevorrechtigten Anleihen zu emittieren. Es bleibt mit Blick auf die aktuelle Situation im globalen Bankensektor abzuwarten, ob es genügend Investoren geben wird, die sich auf ein solches Abenteuer einlassen würden!