Bislang blieb fast gänzlich unerwähnt, dass aus dem jüngsten Sitzungsprotokoll der US-Notenbank Federal Reserve hervorgeht, welchen Pfad die Vereinigten Staaten in Bezug auf ihre Geldpolitik zukünftig einschlagen könnten. Während sich an den Finanzmärkten die Debatten über eine mögliche Reduzierung der amerikanischen Bondankäufe fortsetzen, fällt fast gänzlich unter den Tisch, dass es in den USA schon sehr bald zu negativen Einlagezinsen kommen könnte. Die Geschäftsbanken warnen die Fed davor und teilen vorsorglich schon einmal mit, dass alle Konteninhaber ab diesem Zeitpunkt mit einem Strafzins belegt würden.

Ich bin aus wiederholt erklärten Gründen zwar persönlich nicht der Ansicht, dass es allzu bald dazu kommen wird. Im Gegenteil könnte ich mir im Angesicht der an den US-Kreditmärkten insgesamt ausstehenden Schulden in Höhe von fast $60 Billionen viel eher vorstellen, dass es im nächsten Jahr gar zu einer Expansion von QE kommen dürfte. Aus dem jüngst publizierten Fed-Protokoll lässt sich entnehmen, dass eine mögliche Reduzierung der Bondankäufe durch andere Maßnahmen flankiert werden könnte, die sich ihrer Natur gemäß als noch viel gefährlicher erweisen dürften.

Denn es wird augenscheinlich mit dem fatalen Gedanken gespielt, den Geschäftsbanken ihren Einlagezinssatz zu reduzieren, den sie erhalten, wenn sie ihre Überschussreserven auf Konten der Federal Reserve parken. Selbst ein Negativzins wird keineswegs mehr ausgeschlossen. In der Vergangenheit wies ich wiederholt darauf hin, warum ich kein Theorieanhänger des Ausbruchs einer Hyperinflation bin (solange kein vorheriger Schuldenbust erfolgt ist). Dazu gehört vor allem der Aspekt, dass die Fed und andere Zentralbanken zwar elektronisch Kapital erzeugen können, jedoch keinerlei Einfluss darauf ausüben, was die Geschäftsbanken mit diesem Kapital letztendlich machen.

Natürlich erhofften sich Bernanke & Co. ein weiteres Mal einen Kreditboom zu befeuern. Diesen Erwartungen haben finanziell angeschlagene Geschäftsbanken, die in den letzten sechs Jahren gänzlich mit sich selbst und sich fortsetzenden Bilanzschrumpfungen beschäftigt waren, jedoch einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Zum anderen bleibt im aktuellen Wirtschaftsumfeld die Kreditnachfrage aus, da die bereits bis über beide Ohren verschuldeten Privatverbraucher weiterhin mit ihrem Schuldenabbau beschäftigt sind. Dazu braucht man sich spiegelbildlich nur die Entwicklung der Überschussreserven im US-Bankensystem anzuschauen, die in den letzten Jahren förmlich durch die Decke schossen.

Sollte die Federal Reserve nun tatsächlich dazu übergehen, den heimischen Geschäftsbanken einen Strafzins für bei ihr gehaltene Einlagen zu berappen, wird dieser Schuss wohl ziemlich laut nach hinten losgehen. Denn wie die Financial Times vor zwei Tagen berichtete, warnen führende Geschäftsbanken in den USA die Zentralbank vor einem solchen Schritt. Sollte es dennoch dazu kommen, würden Finanzinstitute sofort damit beginnen, diese Kosten an ihre Depot- und Konteninhaber weiterzugeben. Übersetzt heißt das Folgendes: wenn Sie selbst oder ein Unternehmen über Einlagen bei einer amerikanischen Bank verfügen, erhalten Sie ab diesem Zeitpunkt keine Zinsen mehr auf ihre Anlagen, sondern die Banken stellen Ihnen das Parken auf Bankkonten auch noch in Rechnung.

Man muss sich vorstellen, welche Auswirkungen ein solcher Schritt auf die Psyche von Konteninhabern und Unternehmen haben würde, die in den letzten Jahren schon durch die Nullzinspolitik der Zentralbank geschröpft wurden. Plötzlich könnten Bank Runs wieder auf der Tagesordnung stehen, weil Sparer und sonstige Konteninhaber keinen Sinn mehr darin erkennen, überhaupt noch Geld bei einer Bank liegen zu haben. Das gesamte System würde über Nacht auf den Kopf gestellt. Nun, über ähnliche Maßnahmen wird ja auch im Euroraum bereits seit mehr als einem Jahr diskutiert. Erst kürzlich warnte EZB-Direktor Jörg Asmussen, dass weitere „radikale Maßnahmen“ nötig werden könnten, zu denen unter anderem auch eine Einführung von Negativzinsen gehörten.

Laut FT erklärten zwei der fünf größten Banken in den USA, dass sie im Falle der Einführung eines Strafzinses auf die bei insgesamt über $2,4 Billionen liegenden Überschussreserven bezahlen müssten, den Konteninhabern ans Leder gehen würden, indem sie diese Kosten einfach weiterreichten. Begründet wurde diese Haltung mit den eigenen Kosten der Banken, die ihnen auf Basis des Angebots einer Kontoführung entstünden. Sollten Negativzinsen zur Realität werden, bliebe den Instituten in den USA nichts anderes übrig, als Konteninhabern eine Gebühr auf ihre Einlagen zu berechnen. Hinzu käme, dass Negativzinsen die Margen der Banken deutlich beeinträchtigen würden.

In der Zukunft müssten die Institute aus diesem Grund ihr Kapital verstärkt in den Ankauf von hochriskanten Vermögenswerten stecken, um eine zufriedenstellende Rendite zu erwirtschaften. Einer der zitierten Vorstände erklärte, dass Banken in den USA ihre Kreditvergabe an kleine und mittelgroße Unternehmen aufgrund solcher Maßnahmen nicht expandieren würden. Denn – wie bereits weiter oben ausgeführt – gäbe es dazu nicht einmal eine ausreichende Kreditnachfrage. Wenn eines immer deutlicher wird, dann, dass QE aus Sicht der Realwirtschaft ein absoluter Rohrkrepierer ist!