Kundensituation und Fragestellungen

Architekt M (Jahrgang 1952) hat Rentenansprüche aus dem Architektenversorgungswerk erworben. In das Versorgungswerk zahlt er einen Monatsbeitrag von 1.265 Euro. M stellt sich im Rahmen seiner privaten Finanzplanung die Frage, ob ein vorzeitiger Abruf der Rente aus dem Versorgungswerk Sinn macht. Eine Anfrage bei der Architektenversorgung ergibt folgende Rentenalternativen:

Auch wenn es den meisten Finanzplanern und in den Fingern juckt direkt zu rechnen und Vor- und Nachteile für verschiedene Lebenserwartungen, Steuersätze und sonstige Parameter zu errechnen sollten wir uns zuvor deutlich machen, dass die Frage nach dem Sinn nicht nur mit Zahlen zu beantworten ist.

Neben der Mathematik spielen noch eine Reihe weiterer Aspekte eine Rolle. Diese einzelnen Bereiche dürfen keinesfalls isoliert betrachtet werden. Eine verknüpfte Betrachtung ist zwingend erforderlich.

Abhängig von der steuerlichen Situation kann das Versorgungswerk bei der Besteuerung der Erträge in der ersten Schicht günstiger sein als die Abgeltungsteuer bei freier Anlage. Andererseits kann freies Vermögen auch frei vererbt werden. Versorgungswerksrenten nicht. Und wo ist der Widerspruch zwischen finanzieller Risikobereitschaft und selbstbestimmter Geldanlage anzusiedeln?

Um das Ganze etwas einzuordnen schauen wir uns das Konstrukt Versorgungswerk zunächst an.

Entstehung und Geschichte

Das erste berufsständische Versorgungswerk in Deutschland war die Bayerische Ärzteversorgung und dieses entstand im Jahr 1923.  Eine wesentliche Motivation der Gründung war der sehr starke Verlust von Ruhestandskapital durch die Inflation nach dem ersten Weltkrieg.  Zum ersten Mal wurde damit eine soziale Sicherungseinrichtung geschaffen, die Aspekte der soziale Sicherung, Solidarität und Eigeninitiative eines Berufsstandes mit der Verbindlichkeit des öffentlichen Rechts verband.  Während der Kapitalstock vieler Freiberufler nach dem zweiten Weltkrieg erneut stark reduziert war konnte dieses Versorgungswerk auch nach dem zweiten Weltkrieg Leistungen auszahlen.

Die Rentenreform des Jahres 1957 kann als Geburtsstunde für die Verbreitung und Bedeutung der heutigen berufsständischen Versorgung gewertet werden. Den freien Berufen wurde die Mitgliedschaft in der gesetzlichen Rentenversicherung versagt, da die Personengruppe nicht als ausreichend schutzbedürftig galt. Stattdessen sollten sie ihre Alterssicherung eigenverantwortlich regeln.

Heute gibt es 89 Versorgungswerke. Die Versorgungswerke arbeiten in der Arbeitsgemeinschaft Berufsständischer Versorgungseinrichtungen e.V. (ABV) zusammen.

Rechtlicher Status, Aufsicht und Mitglieder

Versorgungswerke sind Körperschaften des öffentlichen Rechts. Sie sind rechtsfähige Verwaltungseinheiten, die bestimmte Aufgaben des Staates übernehmen und in Ausübung dieser Tätigkeit unter Aufsicht des Staates stehen.

Die Versorgungswerke unterstehen der Aufsicht der Bundesländer. Die Rechtsaufsicht wird von der Behörde/dem Ministerium, das die Aufsicht über die Kammer führt, ausgeübt. Die Versicherungsaufsicht führt die Versicherungsaufsichtsbehörde des jeweiligen Landes (Wirtschaftsministerium/Finanzministerium). Dabei orientieren sich die Länder am Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) des Bundes, etwa hinsichtlich der Kapitalanlagevorschriften.

Mitglieder in eigenständigen Versorgungswerken sind Ärzte, Apotheker, Architekten, Notare, Rechtsanwälte, Steuerberater bzw. Steuerbevollmächtigte, Tierärzte, Wirtschaftsprüfer und vereidigte Buchprüfer, Zahnärzte sowie selbstständige Ingenieure und Psychotherapeuten. Aktuell sind über 800.000 Personen Mitglied.

Die bisher dargestellten Sachverhalte sind eine Zusammenfassung bzw. Zitate von der Website der Arbeitsgemeinschaft Berufsständischer Versorgungseinrichtungen e.V.: www.abv.de. Dort finden sich sehr gut aufgearbeitete weiterführende Informationen zur Geschichte, den Organen und statistischen Daten. 

Leistungen und Finanzierungsverfahren

Der Freiberufler ist Pflichtmitglied. Er schuldet dem Versorgungswerk Beiträge und erhält im Gegenzug Leistungsversprechen bei Berufsunfähigkeit, Tod und Altersrente. Die Leistungsfähigkeit der einzelnen Versorgungswerke ist eher heterogen. Daher empfiehlt sich ein Blick in die Satzung und die konkreten Dokumente des jeweiligen Versorgungswerks. Es gibt zwei Finanzierungsverfahren:

1. Offenes Deckungsplanverfahren
2. Modifizierte Anwartschaftsdeckung

Aktuell dominiert das offene Deckungsplanverfahren. Dieses kombiniert Elemente des Kapitaldeckungsverfahrens mit dem Umlageverfahren.

Eine Kurzbeschreibung der Verfahren finden Sie unter diesem Link: http://www.abv.de/finanzierung.html

Grundsätzlich kann eine Kapitalsammelstelle natürlich nicht dauerhaft mehr auszahlen, als sie durch ihre Kapitalanlagen verdient bzw. durch aktuelle und zukünftig erwartete Beiträge einnimmt. Dementsprechend wirken sich die steigende Lebenserwartung, eine verändernde Altersstruktur und die historisch niedrigen Kapitalmarktrenditen natürlich auch auf Versorgungswerke aus.

Die aktuellen Rundschreiben einiger Versorgungswerke bzgl. notwendiger Anpassungen in den Finanzierungsverfahren sind auf diese Ursachen zurückzuführen.  

Kapitalanlagestruktur der Versorgungswerke

Obwohl für alle der gleiche Grundsatz von Sicherheit, Rentabilität und Sicherheit gilt ist die konkrete Ausgestaltung der Kapitalanlagen doch unterschiedlich. Auf konsolidierter Ebene ergibt sich dieses Bild.

Quelle: http://www.abv.de/nachhaltige-geldanlage.html

Es ergibt sich eine Verteilung von ca. 70 Prozent Geldwerten (Schuldscheine, Anleihen, Renten) zu 30 Prozent Sachwerten (Aktien und Immobilien). Auf Basis der aktuellen Kapitalmarktrenditen für festverzinsliche Wertpapiere ist für die nächsten Jahre nur ein relativ niedriger Ertrag zu erwarten.

Es ist also davon auszugehen, dass das Risiko in den nächsten Jahren erhöht wird. Dies wird oberflächlich an einer Erhöhung der Immobilien- und Aktienquote erkennbar sein. Unterschwellig könnte aber die Akzeptanz von geringerer Kreditqualität und einer Laufzeitverlängerung bedeutend stärkere Auswirkungen haben. Durch die angesprochenen Änderungen in den Finanzierungsverfahren wird auch bilanziell Luft für die veränderte Risikomentalität geschaffen.

Beispielhafte Themen für diesen konkreten Fall

Plausibilisierung der gelieferten Daten

Wenn der Mandant über die nächsten fünf Jahre die Summe von 75.600 Euro (1265 Euro*60 Monate) einzahlt, dann wird ihm eine Rentendifferenz von monatlich 625 Euro (Differenz Rentenbeginn 62 zu 67) zugesagt. Der Zahlungsstrom von Ein- und Auszahlung ergibt bei einer Lebenserwartung von 92 Jahren eine Rendite von über 7 Prozent. Diese Rendite ist im aktuellen Umfeld mit einer rentenlastigen Anlagestrategie mathematisch nicht erzielbar. Wie kommt das Versorgungswerk auf diese Zahlen und wie nachhaltig belastbar sind diese aufgrund der niedrigen Zinsen und der demographischen Entwicklungen? Oder kann das Versorgungswerk deswegen anders als ein klassischer Kapitalanleger kalkulieren, da via Umlageverfahrensanteil Beiträge der jüngeren Generation für die Rente der älteren Generation verwendet werden können?

Erwartungen des Kunden an Zinsen und Inflation

Die Ausrichtung des Versorgungswerks ist übermäßig stark auf Geldwerte gerichtet. Wie paßt dies zu den sonstigen Kapitalanlagen des Kunden? Welche Meinung hat er zu Inflation und Schuldenkrise? Inwieweit ist der Charme einer gemanagten Verpackung wichtiger als die Selbstbestimmung (und auch das Leben mit den Konsequenzen bei Fehlentscheidungen!) bei der Auswahl der Vermögensklassen?

Lohnt sich der vorgezogene Rentenbezug?

Im vorliegenden Fall führt eine unverzinste Anlage der ab dem 62. Lebensjahr erhaltenen Renten und der ersparten Nettoaufwendungen in das Versorgungswerk zu einem Kapitalstock der die monatliche Nettorentendifferenz vom 67. bis zum 92. Lebensjahr decken kann und dann noch ein Restkapital von 12.000 Euro aufweist.  Ist damit dem Langlebigkeitsrisiko genüge getan?

Fazit

Es sind verschiedene Dimensionen zu berücksichtigen, um die Ziele und die Fakten so abzugleichen, dass eine vernünftige Diskussions- und Entscheidungsbasis geschaffen werden kann.

Für die ausführliche Berechnung dieses Musterfalls senden Sie bitte eine e-mail mit dem Betreff „Versorgungswerk“ an die info(at)ypos-vm(dot)de. Sie werden dann weitere Informationen erhalten.