In den ersten beiden Teilen dieser Reihe wurden das Zentralbankgeld und das Münzregal behandelt. Dieser dritte Teil beschäftigt sich mit den sogenannten Sichteinlagen, auch Giral-, Banken- oder Buchgeld genannt. Bitte lesen Sie zur Auffrischung die ersten beiden Artikel noch einmal, bevor Sie mit diesem beginnen.

Es gibt ein großes Rätsel in der Welt des Geldes und in der Fachwelt Streit um die korrekte Lösung dieses Rätsels. Es geht um das Rätsel der Geldschöpfung, also um die Frage, ob Geschäftsbanken wirklich Geld schöpfen können und ob es sich bei den sogenannten Sichteinlagen, die auch als Banken-, Giral- oder Buchgeld bezeichnet werden, tatsächlich um Geld handelt. Sie werden es nicht glauben, aber kaum jemand versteht heute wirklich, wie dieses „Geld“ entsteht. Selbst in den Hörsälen an den Universitäten wird die technische Entwicklung der letzten vierzig Jahre im Computer- und IT-Bereich, - die entscheidenden Einfluss auf die Kreditgeldschöpfung der Geschäftsbanken hatte - weitestgehend nicht berücksichtigt.

Um diese Frage zu beantworten und das Rätsel zu lösen, benötigen wir zunächst klare Definitionen. Geld ist nicht gleich Geld, - genau wie im Fußball mit dem Wort „Tor“ einerseits zwei Pfosten, Latte und das Tornetz gemeint sein können, andererseits aber auch ein Treffer mit dem Ball in den Kasten des Gegners als „Tor“ bezeichnet wird.

Laut Definition umfasst die Geldmenge M1 das Bargeld und die Sichteinlagen. Sichteinlagen sind Bankguthaben, die für bargeldlose Zahlungen verwendet oder täglich in Bargeld umgewandelt werden können.

Sicher haben Sie auch schon einmal den Satz gehört, jemand habe viel Geld auf der Bank liegen. Natürlich entbehrt diese Aussage jeder Grundlage. Im Gegenteil, - die Banken sind bestrebt, ihre Bargeldbestände immer möglichst gering zu halten. Nicht umsonst müssen größere Bargeldabhebungen 1-2 Tage vor Auszahlung vom Kunden angekündigt (beantragt) werden. Überschüssige Banknoten werden bis auf den nötigen Kassenbestand für Bargeldauszahlungen auf das Zentralbankkonto eingezahlt, um es auf dem Geld-(Interbanken)markt über Nacht gegen Zins an andere Geldinstitute, die Zentralbankgeld benötigen zu verleihen. Überschüssiges Münzgeld wird an die Zentralbank verkauft. (siehe Teil 2)

Sollte sich Ihr Girokonto erfreulicher Weise im Plus befinden, haben Sie also kein Geld auf der Bank liegen, sondern lediglich einen Anspruch auf Auszahlung von Zentralbankgeld in Form von Geldscheinen und/oder staatlichem Münzgeld gegenüber dem Kreditinstitut. Um eine klare Abgrenzung zum Bargeld zu schaffen, werde ich deshalb für die Synonyme Sichtguthaben, Giral-, Banken- und Buchgeld nur noch die Abkürzung AaAvBAR (Anspruch auf Auszahlung von Bargeld) verwenden.

Wie schöpfen Geschäftsbanken AaAvBAR?

Banken sind Wirtschaftsbetriebe, die Dienstleistungen rund ums Geld erbringen. Sie nehmen fremde Gelder an und leiten diese Mittel in Form von Darlehen an die Wirtschaft weiter.“

Aus: „Geld und Geldpolitik“

Deutsche Bundesbank

Liest man die obigen Sätze, so könnte man meinen, dass für die Vergabe eines Kredites eine vorherige Einzahlung erforderlich sei. Kurzum: eine Bank kann nur Geld verleihen, wenn irgendjemand zuvor eine Einzahlung getätigt, also gespart hat.

Schauen wir uns an, was in der Praxis wirklich passiert. Nehmen wir einmal an, Sie möchten ein schönes Häuschen mit Swimming Pool kaufen, das, - sagen wir einmal € 500.000,- kostet. Da Sie leider so viel Geld zurzeit nicht flüssig haben, brauchen Sie eine Bank, die es Ihnen leiht. Irgendwann sitzen Sie dann in Ihrem besten Anzug vor einem Bankangestellten und da Sie sehr seriös wirken,- und das neue Haus, den Swimming Pool und die Eigentumswohnung Ihrer Mutter als Sicherheit anbieten können, wird Ihr Kreditwunsch bewilligt. Die Bank richtet ein Kreditkonto ein und belastet es mit € 500.000,-. Gleichzeitig erfolgt eine zweite Buchung auf Ihr Girokonto und auf diesem erscheinen € 500.000,- als Guthaben. Die Bank hat nun Ihnen gegenüber einen Anspruch auf Rückzahlung des Kredites zuzüglich vereinbarten Zinsen (meistens über sehr viele Jahre). Sie haben gegenüber der Bank einen Anspruch auf Auszahlung von € 500.000,- Bargeld. Nun ist es in der heutigen Zeit so, dass kaum noch jemand von diesem Anspruch auf Auszahlung Gebrauch macht. Sie überweisen das Geld auf das Konto des Hausverkäufers (oder des Notars, der es dann an den Hausverkäufer weiterleitet) und schon bald können Sie das Umzugsunternehmen mit dem Transport Ihrer Möbel beauftragen und ihre Badehose bereit legen.

Was ist hier passiert? Die Bank hat durch zwei einfache elektronische Buchungen zwar kein neues Zentralbankgeld geschaffen, doch trotzdem können Sie mit Hilfe des neu geschaffenen Sichtguthabens auf Ihrem Girokonto in ein schönes neues Häuschen umziehen. Durch die einfache Verlängerung der Bankbilanz wurde ein AaAvBAR geschaffen, mit dem genauso bezahlt werden kann wie mit Bargeld.

Schaut man sich nun die Bankbilanz an, so könnte man meinen, dass das Kreditinstitut nur das Geld verliehen hat, was auf dem Girokonto des Kunden eingezahlt „war“. Der Trick an der ganzen Sache ist aber, dass dieses Geld erst durch die Vergabe des Kredites auf diesem Konto als Guthaben erschien. Es ist also mitnichten so, dass heute noch für die Vergabe von Krediten Ersparnisse erforderlich sind! Die Zeitabfolge von Kreditvergabe und Erscheinen des Sichtguthabens ist von entscheidender Bedeutung.

Überweisen Sie nun dem Hausverkäufer die € 500.000,- auf sein Girokonto, so entsteht wiederum der Eindruck, dass dieses Geld aus einer Bareinzahlung stammt. Doch es handelt sich weiterhin, um einen AaAvBAR, der durch die Kreditvergabe einer Bank geschaffen wurde. Nun haben wir in Teil 1 dieser Reihe gelernt, dass Zentralbankgeld immer die Überweisungen zwischen Banken begleiten muss.

Man könnte jetzt einwenden, dass durch die Vergabe eines Kredites auch neues Zentralbankgeld (ZBG) geschaffen werden muss, da ZBG jede Überweisung begleitet. Doch in der Praxis ist es so, dass alle Banken etwa im Gleichschritt Kredite vergeben. Und wenn Sie € 500.000,- für Ihr Swimming-Pool-Häuschen an die Bank des Hausverkäufers überweisen, gibt es auch Überweisungen in die Gegenrichtung. Am Ende des Tages zählt nur der Saldo, und der gleicht sich im gesamten Bankensystem zum größten Teil aus.

Natürlich freuen sich Kreditinstitute über jede Bargeldeinzahlung und Überweisung, die Sie bekommen, denn das stärkt ihre Mindestreserve und vergrößert ihr Guthaben an Zentralbankgeld auf ihrem Zentralbankkonto (BLZ). Für die Kreditvergabe ist aber eine vorherige Einzahlung, Kundeneinlage oder Ersparnis nicht nötig. Reicht die gesetzlich vorgeschriebene Mindestreserve (z. Zt. 2% bei kurzfristigen Einlagen bis 2 Jahre / 0 % (!) bei Einlagen mit Laufzeit/Kündigungsfrist über 2 Jahre) nicht aus, so können sich Banken das fehlende Zentralbankgeld (in Zeiten, in denen Banken sich gegenseitig trauen) auf dem Geld-(Interbanken)markt besorgen oder bei der Zentralbank ein (teureres) Übernachtdarlehen (Tender) in Anspruch nehmen.

Fazit

Es gibt keinen Zweifel: Geschäftsbanken können kein Zentralbankgeld in Form von Banknoten oder staatlichem Münzgeld schöpfen oder prägen. Sie können jedoch mit Hilfe des elektronischen Zahlungsverkehrs, - der in den letzten Jahrzehnten nicht umsonst so stark weiterentwickelt wurde - ein Derivat schaffen, das in Form von Ansprüchen auf Auszahlung von Bargeld (AaAvBAR) genauso zur Zahlung verwendet werden kann, wie das gesetzliche Zahlungsmittel Zentralbankgeld. Durch den immer weiter vorangetriebenen elektronischen Zahlungsverkehr und die Zurückdrängung der Bargeldnutzung mussten Kreditinstitute in den letzten Jahrzehnten immer weniger Vorsorge für Bargeldabhebungen treffen.

Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass die vielen Milliarden Euro an Zentralbankgeld, die an die Banken verteilt wurden, direkt in Form von Krediten an die Wirtschaft weiter gereicht werden können (siehe Teil 1). Sie dienen lediglich dazu, die Mindestreserve der Banken zu stärken und ermöglichen der Bank Eigengeschäfte wie z.B. Aktien- und Anleihekäufe.

Voraussetzung für einen Kredit sind weder Bereitstellung von ZBG, noch Ersparnisse, noch Kundeneinlagen. Entscheidend für die Kreditvergabe sind die Sicherheiten, die für den Kredit hinterlegt werden können. Rechnet die Bank in unserem Beispiel damit, dass Ihre neue Swimming-Pool-Villa und die Eigentumswohnung Ihrer Frau Mutter in den nächsten Jahren an Wert verlieren könnte, wird sie den Teufel tun und Ihnen den Kauf ermöglichen. Sind nicht genug Sicherheiten vorhanden, gibt es auch keinen Kredit. Aus diesem Grund werden Sie auch niemals im Rahmen eines Kreditvergabegesprächs auf einen Bankberater treffen, der während des Gespräches im Computer nachschaut, ob die Bank überhaupt über genügend Zentralbankgeld verfügt, um Ihnen den Kredit gewähren zu können. Natürlich haben die Banken in den letzten Jahren auch für dieses Problem eine Lösung gefunden, was bekannter Maßen gründlich in die Hose ging: Es waren diese wunderbaren „innovativen „Finanzprodukte“, die es den Banken ermöglichten, unsichere Kredite an andere Marktteilnehmer weiter zu verkaufen.

Vorschlag für die G20-Teilnehmerstaaten

Der eigentliche Skandal an diesem System besteht darin, das private Banken mit einfachen Buchungen und einem selbstgeschöpften Geldderivat Zinszahlungen einfordern können, ohne in irgendeiner Weise produktiv zu sein. Durch die Kreditvergabe und den daraus folgenden Zins und Zinseszinsmechanismus schöpfen Privatbanken einen großen Teil der volkswirtschaftlichen Leistung ab. Normalerweise müssten diese Gewinne an die Bürger (den Staat) zurückgeführt werden, doch dieses Geld wird nicht an die Allgemeinheit ausgeschüttet, sondern akkumuliert sich in der Hand der wenigen Aktienbesitzer.  Zusätzlich erfordert der Zinseszinsmechanismus eine ständige, neue Kreditausweitung, um die Zinsen für die Altkredite bedienen zu können, was zwangsläufig im Zusammenbruch des Systems enden muss.

Um dieses Problem nachhaltig zu lösen, muss als erstes das Recht zur Geldschöpfung an eine staatliche Institution zurückgegeben werden. Die Gewaltenteilung Legislative, Judikative und Exekutive muss ergänzt werden durch eine Monetative.

Anstatt ihre Zeit mit albernen Diskussionen um Eigenkapitalvorschriften und Manager-Boni zu vergeuden, sollten sich die G20-Teilnehmerstaaten einmal mit dem Kernproblem, nämlich der Geldschöpfung durch Privatbanken und die aus dieser Geldschöpfung resultierenden Zinseszinsproblematik (1) eingehend beschäftigen.

Doch ich bin mir gar nicht sicher, ob unsere Politiker diese Problematik überhaupt als Problem erkennen.

Vielleicht ist es aber auch so, dass sie das Problem gar nicht sehen wollen...

...oder dürfen sie es womöglich gar nicht erkennen und problematisieren?

Was meinen Sie?

(1) Das Zinseszinsproblem lässt sich nur mit Hilfe eines völlig neuen, umlaufgesichertem Geldsystem lösen. Bitte lesen Sie dazu meine Reihe „Alternativen zum Fiat-Money-System“ auf www.cashkurs.com

Fortsetzung folgt ...  

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