„Der Wert einer Sache steigt dadurch, dass sie in unseren Besitz gelangt.“ Die Aussage klingt zu schön, um wahr zu sein. Denn dann müssten wir nur etwas in unseren Besitz bringen, womit der Wert automatisch stiege, und durch den Weiterverkauf könnten wir stetig Gewinne erzielen. So sonderbar sich diese Äußerung auch anhören mag, stimmt sie – zumindest, wenn es nach unserer subjektiven Wahrnehmung geht… Wir messen Sachen, die in uns gehören einen höheren Wert bei als äquivalenten Sachen, die wir nicht unser eigen nennen. Diese seltsame Einstellung, die den Grundannahmen der klassischen Ökonomie zuwiderläuft, ist in der Wirtschaftspsychologie als Besitztums-Effekt bekannt.

Nach einer bedeutsamen Maxime der Volkswirtschaftslehre, die auf dem so genannten Coase-Theorem beruht, lässt sich der Preis eines Gegenstandes unabhängig von Eigentumsrechten bzw. Besitzverhältnissen effizient - und somit objektiv - bestimmen. Dass diese Lehrmeinung nicht zutreffend sein kann, hat der Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler erstmals 1980 experimentell bewiesen und die irrationale Verhaltensanomalie „Endowment“- bzw. Besitztums-Effekt genannt. Die Erkenntnisse des Experiments wurden häufig in Frage gestellt und kontrovers diskutiert. Doch viele weitere Versuche, die teils auch unter realen Bedingungen stattfanden, kamen alle zu gleichen Resultaten. In den letzten Jahren haben zudem diverse Beobachtungen aus der Hirnforschung die Existenzberechtigung des Besitztums-Effekts untermauert.

Ein Klassiker unter den Versuchen zu diesem Phänomen ist das „Kaffeebecher-Experiment“, das von den Wissenschaftlern Kahneman, Knetch und Thaler 1990 durchgeführt wurde. 77 Studenten an der Simon Fraser University wurden nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen unterteilt. Den Mitgliedern der ersten Gruppe, den „Verkäufern“, wurde ein Kaffeebecher mit dem Emblem der Uni gegeben, und ihnen wurde gesagt, dass sie nun Besitzer dieser Gegenstände seien. Sie wurden gefragt, zu welchem Preis sie bereit wären, den Becher zu verkaufen. Dabei wurde die Spanne zwischen 0,25 Dollar und 9,25 Dollar festgesetzt. Die Teilnehmer der zweiten Gruppe, die „Käufer“ wurden gefragt, zu welchem Preis sie willens wären, den Kaffeebecher zu kaufen. Die Probanden der dritten Gruppe, die als „Wähler“ bezeichnet wurden, durften sich zu unterschiedlichen Marktpreisen aussuchen, ob sie den Kaffeebecher oder das Geld ausgehändigt haben wollten. Die Durchschnittsergebnisse für die drei Gruppen: Die Verkäufer waren zu 7,12 Dollar bereit sich von dem Kaffeebecher zu trennen. Die Käufer wollten nicht mehr als 2,87 Dollar dafür zahlen. Die dritte Gruppe der Wähler hat sich bis 3,12 Dollar für den Becher und bei Preisen darüber für das Geld entschieden. Der Preis, zu dem der Besitzer bereit war zu verkaufen, ist mehr als doppelt so hoch ist wie der Betrag, zu dem der Interessent den Becher kaufen würde, wobei diese Relation von ungefähr 2:1 auch bei zahlreichen ähnlichen Versuchen beobachtet werden konnte.

Wie im vorangegangenen Artikel zum Dispositionseffekt beschrieben wurde, wird der Schmerz über einen erlittenen Verlust mit einer rund zweifach so hohen Intensität empfunden wie die Freude über einen Gewinn in gleicher Höhe. Diese ausgeprägte Verlustaversion ist auch ein Hauptgrund für das Zustandekommen des Besitztums-Effekt. Ein Erklärungsansatz dafür, warum wir Verluste stärker empfinden als übereinstimmend hohe Gewinne, greift auf die Evolutionstheorie zurück. Er geht davon aus, dass wir den Besitz mit einer Form von besetztem Territorium gleichsetzen. Biologische Studien zeigen, dass Tiere um die Verteidigung erheblich härter kämpfen als um die Herrschaft darüber zu erringen. Sich den Vorteilen eines gut bekannten Lebensraumes zu bedienen, bringt einen höheren Nutzen, als einen zu erobern und die Mühen ihrer Erforschung auf sich zu nehmen. Eine weitere Vermutung geht schlicht und einfach von der Annahme aus, dass der Besitz als Vorrat betrachtet wurde, der in mageren Zeiten das Überleben sichern sollte. Diese Aspekte werden als einleuchtend betrachtet, auch wenn der Grund für die Verlustaversion noch nicht stichhaltig ergründet ist. Doch eines ist sicher: Die Angst davor, unseren Besitz zu verlieren, ist tief in uns verankert. Daraus resultieren die asymmetrischen Vorstellungen über den Preis einer Sache, je nachdem, ob wir sie besitzen oder nicht.

Neben dem Besitztums- und Dispositions-Effekt gehen noch weitere Verhaltensmuster auf die Verlustaversion zurück, welche die gemeinsame Schnittmenge darstellt. In Verbindung mit dem Besitztums-Effekt ist der so genannte Status-Quo-Bias (Status-Quo-Verzerrung) ein verwandtes Phänomen. Darunter versteht man die Tendenz, alles beim Alten zu belassen oder genauer gesagt, die Neigung die Beibehaltung des gegenwärtigen Zustands einer Veränderung vorzuziehen. Der derzeitige Besitzstand stellt den Status Quo dar, der als Referenzpunkt für Handelsentscheidungen herangezogen wird. Der Verkauf eines Gutes, verringert das Portfolio der Besitztümer (und verändert somit den Status Quo) und wird daher quasi als Verlust wahrgenommen. Für die Veräußerung der Sache wird der Verkäufer zwar mit Geld entschädigt, doch weil Verluste bekanntermaßen schwerer wiegen als Gewinne konzentrieren sich die Menschen stärker darauf, was sie verlieren können, als darauf, was sie gewinnen können. Die Abneigung gegen Verluste führt damit wieder einmal zu einer irrationalen Wahrnehmungsverzerrung.

Die erklärte Absicht des oben beschriebenen Kaffeebecher-Experiments lag darin zu untersuchen, ob niedrige Handelsaktivitäten eher auf die Zurückhaltung auf der Käufer- oder der Verkäuferseite zurückzuführen sind. Dabei spielte ein stückweit auch der Hintergedanke eine Rolle, die Erkenntnisse auf das Aktienmarktverhalten übertagen zu können. Und wie damals vermutet, wirkt sich der Besitztums-Effekt tatsächlich auf den Aktienhandel aus. Denn wie bei allem anderen Hab und Gut auch, hängen die Menschen an ihren im Besitz befindlichen Aktien. Der Besitztums-Effekt kann sich bei Aktien (selbstverständlich auch bei anderen Anlageklassen) dahingehend auswirken, dass der aktuell erzielbare Marktpreis aus subjektiver Sicht als unannehmbar niedrig eingeschätzt wird. Insbesondere in Zeiten fallender Kurse steigt der Widerwille, sich von den jeweiligen Papieren zu trennen.

Es wurde festgestellt, dass Menschen dem Besitztums-Effekt unter bestimmten Voraussetzungen weniger bzw. kaum unterlegen sind. Eine wichtige Erkenntnis diesbezüglich war die Beobachtung, dass Menschen, die eine Sache kaufen bzw. besitzen, um sie alsbald weiter zu verkaufen, dem Besitztums-Effekt deutlich seltener anheimfallen. Je schneller die Umschlagsgeschwindigkeit des weiter zu veräußernden Besitzes dabei ist, desto höher die Resistenz gegenüber dem Effekt. Hier lässt sich anlagestrategisch gut ansetzen. Der Anleger sollte sich beim Kauf eines Wertpapiers von vornherein bewusst machen, dass er in erster Linie nicht einen Besitz damit erworben hat, sondern vielmehr eine zweckgebundene Investition getätigt hat. Direkt beim Kauf sollte er bereits in Blick nehmen, sich kurzerhand davon zu trennen, falls es die Situation es erfordert. Ob der Anleger nun aus Gründen des Besitztums- oder Status-Quo-Effektes zögert seine Aktie mit Verlust zu verkaufen, sollte er auch erwägen, dass ihm dadurch andere bzw. bessere Chance entgehen können. Der Anleger kann das Wissen um diese Verhaltensanomalien nutzen, indem er sich den Grund für seine Engagements von vornherein bewusst macht. Sofern nicht andere Motive (wie etwa der Erwerb von Mitspracherechten oder persönlich-ideelle Werte) eine Rolle spielen, haben Investitionen den einfachen und vor allem pragmatischen Grund Rendite zu erzielen. Der erworbene Besitz soll rational betrachtet werden und schlichtweg auf den Nutzen der Gewinnerzielung ausgerichtet sein.

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