Vladimir Putin und einige andere russische Offizielle haben damit gedroht, die Gaslieferungen in die Ukraine „bis zum Ende der Woche“ zu stoppen. Damit schüren sie Ängste einer möglichen Abschaltung für ganz Europa. Sollte sich der Westen also Sorgen über Russland machen oder nicht?

Bisher hat Russland die Gaslieferungen in die Ukraine im letzten Jahrzehnt drei Mal eingestellt (2006, 2009 und letztes Jahr als der Kreml Kiew bezichtigte, die Rechnungen nicht bezahlt zu haben). Vladimir Putin hat die Energie wieder einmal als geopolitische „Waffe“ eingesetzt. Dieses Mal als Taktik um die Ukraine zu destabilisieren.

Der derzeitige Streit kommt dadurch zustande, dass der Kreml Kiew bezichtigt, bei den geplanten Zahlungen für Gas in Rückstand gekommen zu sein und damit droht, die Versorgungen bis spätestens zum Wochenende einzustellen. Dies könnte den Gasfluss nach Europa bedrohen. Das vom ukrainischen Staat geführte Energieunternehmen Naftogaz nennt die russischen Aussagen „Erpressung“ und meldete, dass Moskau seit dem 22. Februar nur 40 Prozent der vertraglich vereinbarten Menge an Gas geliefert hat.

Weiterhin hatte Vladimir Putin erst kürzlich verlauten lassen, dass die fehlende Bereitschaft der Ukraine, die von den Rebellen kontrollierten Gebiete im Osten der Ukraine mit Gas zu versorgen, „nach Genozid riechen würde“.

Kiew sagte, man wolle nicht für in Regionen der Ukraine geliefertes Gas bezahlen, über die die ukrainische Regierung keine Kontrolle habe. Darauf antwortete der Kreml, der die Pro-Russischen Rebellen mit Truppen und Waffen versorgt, indem er die Rebellen mit eigentlich für die (gesamte) Ukraine bestimmtem Gas belieferte.

Im Gegenzug beschuldigte die Ukraine Russland, dies als einen Weg zu nutzen, um die Separatisten zu unterstützen und zu versuchen, die Ukraine dafür bezahlen zu lassen.

Seitdem das Gas einfach von den Pipelines abgesaugt werden kann, während es in die Ukraine geliefert wird, hat Russland keine Chance die Ukraine davon abzuhalten, Gas zu beziehen, ohne jedoch den gesamten Fluss nach Europa abzuschneiden.

Russland beschuldigt daher Kiew, einen unzuverlässigen Gaslieferanten für Europa darzustellen.

Wie viel Gas fließt über die Ukraine nach Europa und was passiert, falls Putin wirklich die Lieferungen nach Europa einstellt?

Russland liefert rund 150 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr nach Europa, was ungefähr ein Drittel des Bedarfs für den Kontinent darstellt. Knapp 50 Prozent dieses Gases fließt durch die Ukraine. Europa wird über drei Pipelines mit russischem Gas versorgt: Eine durch die Ukraine, eine durch Weißrussland und Polen, und die dritte, der Nord Stream, geht direkt unter dem Baltischen Meer von Nord-Russland nach Norddeutschland.

Eurostat zur Folge, ist Russland nicht nur der größte Gaslieferant für Europa (mit dem drittgrößten Gasbedarf des Kontinents), sondern auch der größte Lieferant für Rohöl (30 Prozent) und Festbrennstoffen (26 Prozent).

Auch wenn Russland wirklich die Gaslieferungen nach Europa stoppen sollte, hätte dies ungleiche Auswirkungen auf die gesamte Region, da einige der Osteuropäischen Länder weitaus mehr darauf angewiesen sind, als die Westeuropäischen Länder.

Besonders ernst ist die Situation in Finnland, Bulgarien, der Slowakei, Estland, Lettland und Litauen, die der Europäischen Kommission zur Folge fast zu 100 Prozent auf russisches Gas angewiesen sind. So sind diese Länder nicht nur im höchsten Maße auf russische Gaslieferungen angewiesen, sondern auch die Länder, die am meisten Gas verbrauchen. Im Gegensatz dazu, beziehen Dänemark, Frankreich, die Niederlanden, Rumänien und England 20 Prozent oder sogar weniger Gas von Gazprom. So kauft England zum Beispiel nur eine geringe Menge an Gas direkt von Gazprom, wobei die Lieferungen, die es von anderen europäischen Ländern bezieht, fast ausschließlich aus Russland kommen.

Frühere Spannungen zwischen Russland und der Ukraine bezüglich des Gases hatte zu Plänen für einen South Stream über Bulgarien geführt, wurde dann aber aufgrund von Einwänden der EU gestoppt. Der Kreml will nun an Stelle dessen eine Pipeline durch die Türkei bauen.

Generell, könnte es also ziemlich problematisch für die Menschen in den südöstlichen Ländern Europas werden, falls die Lieferungen mehr als ein paar Tage ausbleiben sollten, da diese, wie schon gesagt, zu einem sehr großen Anteil auf russische Gaslieferungen angewiesen sind.

Wie wahrscheinlich ist dieses Szenario überhaupt?

Die Frage, die sich stellt, ist ziemlich einfach: Sind die Aussagen des Kremls nur leere Drohungen, oder haben sie wirklich Gewicht?

Es scheint unwahrscheinlich zu sein, dass Russland die Gaslieferungen über die Ukraine tatsächlich einstellen wird. Einige Experten behaupten, dass Russland weitaus mehr auf Europa angewiesen ist, als andersherum. Eine Pipeline unter dem Baltischen Meer nach Deutschland könnte als Beweis dafür gesehen werden und bedeuten, dass es für Russland von höchster Bedeutung ist, die Gaslieferungen nach Europa ohne größere Unterbrechungen durchzuführen.

Die Drohungen des Kremls könnten auch als Antwort auf die am 25. Februar beschlossene Europäische Energie-Strategie gedeutet werden, die mehr alternative Energiequellen als Gas fordert.

Eine Sprecherin der Europäischen Kommission, Anna Kaisa Itkonen, sagte, dass Brüssel sich keine Sorgen darüber macht, dass die momentanen Spannungen zwischen Russland und der Ukraine die Gaslieferungen nach Europa beeinflussen könnten. Am Ende des Tages hätte der Streit zwischen Moskau und Kiew keine Auswirkungen auf die Lieferungen über die Ukraine nach Europa gehabt. „Im Moment sind die Gaslieferungen in die EU beständig und wir erwarten, dass die Lieferungen in die EU nicht betroffen sein werden“, sagte sie den Reportern.


Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung von www.valuewalk.com für Cashkurs übersetzt. Den Originalbeitrag finden Sie in englischer Sprache unter:

http://www.valuewalk.com/2015/03/russia-gas-threat-to-europe/