Bei der Aussage „Die Rente ist sicher“ wird einem jeden sicherlich sofort ein Bild unseres recht lustigen, kleinen ehemaligen Bundesarbeitsministers Norbert Blüm vor dem geistigen Auge erscheinen. Damals als er im April 1986 selbst Hand anlegte und eigenhändig Litfaßsäulen mit Plakaten beklebte, die die Aufschrift trugen: „Denn eins ist sicher - die Rente!“ 

Dabei gibt es gar nicht Wenige, die seine Aussage auch heute noch als zutreffend bewerten. Bezweifelt wird dann allerdings - meistens in höchst sarkastischer Form - die Kaufkraft eben dieser Rente.

Womit wir beim Thema wären. Grundsätzlich muss man beim Begriff „Kaufkraft“ zwischen „Kaufkraft des Geldes“ und „Kaufkraft von Menschen“ unterscheiden. Die „Kaufkraft des Geldes“ bezeichnet den Punkt, wie viele Güter und Dienstleistungen man mit einer bestimmten Menge Geld kaufen und bezahlen kann. Die „Kaufkraft des Menschen“ zielt hingegen auf das Thema, wie viel sich die einzelnen Bevölkerungsschichten tatsächlich an Konsum leisten können. Das ist ein wesentlicher Unterschied, der gerade in letzter Zeit mit der Debatte um den Mindestlohn wieder in den Fokus der Politik und Bevölkerung gerückt ist. Denn was nutzt dem Einzelnen die hohe Kaufkraft einer stabilen Währung, wenn er über keine oder nur wenige Zahlungsmittel verfügt, die er ausgeben könnte? Wobei es für unsere konsumorientierte Gesellschaft eigentlich einen erstaunlichen Umstand darstellt, dass immerhin 61 Prozent der Menschen glauben, dass Geld nicht glücklich macht. Vielleicht ein Beispiel für die Weisheit der Massen.

Zurzeit läuft hier im Städtchen im regionalen Radioprogramm ein Gewinnspiel, bei dem die Hörer ihre Gehaltsabrechnungen einreichen können. Derjenige, dessen Lohnzettel gezogen wird, gewinnt ein Nettomonatseinkommen hinzu. Letzte Woche hatte ein Arzt mit einem Einkommen in Höhe von rund 4.300 Euro gewonnen, worauf innerhalb der Hörerschaft eine Diskussion losbrach, ob es moralisch zu rechtfertigen sei, dass jemand mit einem so hohen Einkommen an einem solchen Gewinnspiel teilnehmen darf. Aus meiner Sicht sei es dem Arzt vollstens gegönnt. Das Thema „Lotto nur für Arme“ halte ich schlichtweg für überflüssig und nicht zielführend innerhalb der Debatte um die Verteilung der Vermögen innerhalb unserer Gesellschaft.  

Schauen wir uns deswegen zunächst einmal an, wie sich das verfügbare Einkommen der Privathaushalte in Deutschland entwickelt hat und welche Höhe die Geldvermögen in Deutschland mittlerweile erreicht haben: 

Abb. 3: Die Statistik zeigt das verfügbare Einkommen der Privathaushalte (einschließlich privater Organisationen ohne Erwerbszweck) in Deutschland in den Jahren von 1991 bis 2011. Das „verfügbare Einkommen“ der privaten Haushalte bezeichnet die Summe der Endverbrauchsausgaben und Ersparnisse eines Haushalts (abzüglich der Veränderungen des Nettovermögens der Haushalte in Form betrieblicher Versorgungsansprüche). Es entspricht auch der Summe der Löhne und Gehälter, Einkommen aus selbstständiger Arbeit, Nettovermögenseinkommen, laufenden Nettotransfers und Sozialleistungen (ohne Sachleistungen), abzüglich Einkommen- und Vermögensteuern sowie der von Arbeitnehmern, Selbstständigen und Arbeitslosen gezahlten Beiträge zur Sozialversicherung. Als verfügbares Einkommen der privaten Haushalte bezeichnet man daher die Einkommen, die private Haushalte einnehmen und die sie für Konsum- und Sparzwecke verwenden können.

Abb. 4: Unter Geldvermögen werden die Bestandteile des Vermögens verstanden, die als Bargeld gehalten werden oder als Geldanlage bei Banken, Versicherungen und Bausparkassen sowie in Titeln des Geld- und Kapitalmarktes angelegt sind.

Obige Statistik zeigt die Summe aller in Geld bewerteten Forderungen minus der Summe aller in Geld bewerteten Verbindlichkeiten der Privathaushalte in Deutschland (inkl. privater Organisationen ohne Erwerbszweck). Es sei darauf hingewiesen, dass die privaten Haushalte Nettogläubiger sind und ihre Forderungen vor allem in Form von Spar- und Termineinlagen bei Banken, als Geldanlagen bei Versicherungen und in festverzinslichen Wertpapieren angelegt haben. Unternehmen und öffentliche Haushalte sind dagegen Nettoschuldner: Den Hauptanteil ihrer Verbindlichkeiten stellen längerfristige Bankkredite dar.

Da in unserer Gesellschaft Gespräche über das persönliche monatliche Einkommen und das Geldwesen insgesamt neben Sex und dem Tod mit einem Tabu belegt sind, verfolge ich das Gewinnspiel im Radio natürlich sehr aufmerksam und mit großem Interesse. Interessant ist, dass recht häufig Personen gewinnen, deren monatliches Nettoeinkommen rund 1.500 Euro beträgt. Rechnen wir nun einmal aus, über welche durchschnittliche monatliche Kaufkraft ein solcher Mensch verfügt. Legen wir dabei folgende Ausgaben zugrunde, die ich anhand eines fiktiven Haushaltsbuches hier einmal aufliste.

Um nun die durchschnittliche Kaufkraft zu ermitteln, müssen wir die Geldbestände betrachten, die jeweils am Tagesende im Portemonnaie verblieben sind. Addiert man diese Beträge und teilt das Ergebnis durch 30 Tage erhalten wir die durchschnittliche Kaufkraft eines Menschen, der € 1500,00 monatlich verdient und diese beinahe vollständig wieder ausgibt. Wir kommen in unserem durchaus realistischen Beispiel somit auf eine durchschnittliche Kaufkraft von € 181,40. Natürlich kann dieser Wert stark schwanken, falls man beispielsweise tatsächlich nur einmal im Monat tankt oder Lebensmittel einkauft, allerdings dürfte ein solches Konsumverhalten eher als ungewöhnlich betrachtet werden. Schließlich werden möglichst frische Lebensmittel bevorzugt und auch ist das Volumen eines Tanks begrenzt.

Nachdem ich nun öfter gehört habe, dass die sogenannten Reichen kaum über Zahlungsmittel (Geldmenge M1) verfügen sollen, sondern ihre Vermögen fast ausschließlich in Sachwerte wie Aktien, Immobilien, Edelmetalle, etc. angelegt haben [1], stellt sich die Frage, ob das wirklich stimmen kann. Betrachtet man die Geldmengen in Deutschland, so stellt man fest, dass sie seit der Währungsreform 1948 im Schnitt um etwas über 10 % jährlich angewachsen sind. Die Bevölkerungsentwicklung hinkt hier jedoch deutlich hinterher. Sie ist – unter Einschluss der Wiedervereinigung 1990 – im Schnitt um nur circa 0,765 % jährlich gewachsen. 

In den Fokus der Betrachtung möchte ich an dieser Stelle die tatsächlich vorhandenen Zahlungsmittel stellen. Man findet diese in der Geldmenge M1 wieder, in der das umlaufende Bargeld und die Sichteinlagen der Nichtbanken enthalten sind. Natürlich finden sich hier auch Geld wieder, das sich im Eigentum von Unternehmen und auch den öffentlichen Haushalten befindet. Im Falle der Unternehmen sei gesagt, dass auch dieses Geld Privatpersonen anteilsmäßig den Eigentümern zugeschlagen werden kann. Der Zahlungsmittelbesitz in öffentlicher Hand betrug Ende 2008 ca. 73 Mrd. Euro, was in etwa 1.860 Euro pro Haushalt und 886 Euro pro Kopf (Bevölkerung Deutschland 82 Millionen Menschen) entspricht. Eine Ausnahme bilden bestimmte Stiftungen, die sich selbst und keiner natürlichen Person gehören. Verteilt man die Geldmenge auf alle Einwohner Deutschlands, so sind hier natürlich auch Säuglinge, Kinder und Minderjährige enthalten. Mehr Sinn macht es deshalb die durchschnittliche Geldmenge auf die ungefähr 40 Millionen Haushalte in Deutschland zu verteilen. Allerdings ist hierbei zu berücksichtigen, dass neben Single- natürlich auch mehrköpfige Haushalte existieren. Es ist daher schlichtweg unmöglich zu 100% belastbare Ergebnisse zu errechnen, allerdings lassen auch die angenäherten Werte darauf schließen, dass die Zahlungsmittel ähnlich verteilt sind, wie die Geldvermögen insgesamt.

Im April 2010 beispielsweise betrug lt. Deutscher Bundesbank die Geldmenge M1 in Deutschland 1.264,589 Mrd. Euro (Bargeld: 192,053 Mrd. Euro / Sichteinlagen: 1.072,536 Mrd. Euro) aus der sich bei einer Anzahl von 40.076.000 Haushalten (letzter Stand 2008) folgende Verteilung ergibt:    

Zahlungsmittelmenge pro Haushalt April 2010: 31.555 Euro

Aktuell [2] liegt dieser geschätzte Durchschnittswert in Bezug auf tatsächliche Zahlungsmittel bei: 40.377,93 Euro.

Statistisch müsste also jeder Haushalt in Deutschland in diesem Moment über einen Bestand von 5.457,18 Euro an Bargeld verfügen und zudem noch auf Sichteinlagen auf Girokonten in Höhe von 34.920,75 Euro zugreifen können. Für die Geldmenge M2 ergibt sich ein Wert in Höhe von 61.258,49 €, für M3 61.983,58 €.

Es ist zu vermuten, dass nur ein sehr kleiner Anteil der Bevölkerung tatsächlich über ca. 40.000 Euro an Zahlungsmitteln direkt und sofort verfügen kann. Genauso ergibt sich daher auch eine sehr ungleiche Verteilung der Kaufkraft in der Bevölkerung.

Zum Abschluss nun noch Statistiken über die Geldmengenentwicklung in der Euro-Zone von 1997 bis heute:

Abb. 6: Die Statistik zeigt die Entwicklung der Geldmenge M1 in der Euro-Zone im Zeitraum von 1997 bis Juli 2013. Abgebildet wird jeweils der Stand am Jahres- bzw. Monatsende.

Die Geldmenge M1 setzt sich aus den Sichteinlagen der Nichtbanken sowie dem gesamten Bargeldumlauf im Euro-Währungsgebiet zusammen. Mit dem Begriff Sichteinlagen werden alle Bankguthaben beschrieben, für die keine bestimmte Laufzeit oder Kündigungsfrist vereinbart wurde. Darunter fallen in erster Linie gewöhnliche Giro- oder Tagesgeldkonten und ähnliche Produkte. Für M1 und die folgenden Geldmengenaggregate M2 und M3 gilt stets, dass das Geldmengenaggregat mit einer höheren Zahl das mit einer niedrigeren Zahl einschließt.

Abb. 7: Die Entwicklung der Geldmenge M2 in der Euro-Zone im Zeitraum von 1997 bis Juli 2013. Abgebildet wird jeweils der Stand am Jahres- bzw. Monatsende.

Die Geldmenge M2 setzt sich aus den Sichteinlagen der Nichtbanken und dem gesamten Bargeldumlauf (Geldmenge M1) sowie aus den kurzfristigen Termin- und Spareinlagen im Euro-Währungsgebiet zusammen. Kurzfristige Termin- und Spareinlagen sind Einlagen mit einer vereinbarten Laufzeit bis zu zwei Jahren und Einlagen mit einer gesetzlichen Kündigungsfrist bis zu drei Monaten.

Abb. 8: Die Entwicklung der Geldmenge M3 in der Euro-Zone im Zeitraum von 1997 bis Juli 2013. Abgebildet wird jeweils der Stand am Jahres- bzw. Monatsende.

Die Geldmenge M3 setzt sich aus den Sichteinlagen der Nichtbanken und dem gesamten Bargeldumlauf (Geldmenge M1) plus den kurzfristigen Termin- und Spareinlagen (Geldmenge M2) sowie den Anteilen an Geldmarktfonds, Repoverbindlichkeiten, Geldmarktpapieren und Bankschuldverschreibungen mit einer Laufzeit bis zu zwei Jahren zusammen.

[1] Interview mit Prof. Dr. Max Otte - "Premiere bei Cashkurs" 06.09.2013

[2] Monatsberichte Deutsche Bundesbank