Der ehemalige amerikanische Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski gilt auf dem Feld der geopolitischen Entwicklungen unter vielen Beobachtern als Visionär und Vordenker. Im Jahr 1997 veröffentlichte Brzezinski sein in der Zunft oft zitiertes Buch „Das große Schachbrett“, das die US-Außenpolitik nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit geprägt hat.

Damals führte Brzezinski aus, dass die USA als einzig verbliebene Supermacht in der Welt nach globaler Hegemonie streben müssten, um das Emporkommen eines neuen Rivalen auf internationaler Bühne mit allen Mitteln zu verhindern. Brzezinskis Blicke richteten sich dabei insbesondere auf den eurasischen Kontinent.

US-Drang zur Erlangung der Welthegemonie

Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem politischen Untergang des ehemaligen Ostblocks zeigte sich, dass die Führung der Vereinigten Staaten dem Status als einzig verbliebener Supermacht weltweit Anspruch verliehen hatten. Sich als „unentbehrliche Nation“ preisend, ist dem eigenen Streben durch Drang zur Erlangung der Welthegemonie Nachdruck verliehen worden.     

Brzezinski erwies sich in diesem Zuge nicht nur als visionärer Vordenker im Hinblick auf eine durch die USA weltweit dominierte neue Sicherheitsarchitektur nach dem Zerfall des ehemaligen Ostblocks, sondern auch als einer von deren Architekten. Brzezinski hatte früh erkannt, dass das durch den Sowjet-Kollaps sich auftuende Vakuum durch keine andere Nation in der Welt besetzt werden könnte. 

Resultat war die daraus den Vereinigten Staaten weltweit erwachsende „Full Spectrum Dominance“. Umso interessanter liest sich ein jüngst erschienener Bericht auf der Seite von The American Interest, in dem Brzezinski offen eingesteht, dass die USA es verpasst hätten, aufstrebende Rivalen rechtzeitig in die Schranken zu weisen. Brzezinski bezieht sich dabei selbstverständlich auf Russland und China.

Anspruch auf Hegemonialität der USA nicht mehr aufrecht zu erhalten

Um das höchst mögliche Maß an Stabilität und Sicherheit in der Welt weiter zu garantieren und aufrechtzuerhalten, werde Amerika in der Zukunft nicht umhinkommen als stärker mit beiden Ländern zusammenzuarbeiten. Wer die nun erreichte Stufe der Eskalation zwischen der durch die USA geführten NATO und Russland sowie den sich zuspitzenden Konflikt mit China im Südchinesischen Meer berücksichtigt, könnte auf den Gedanken kommen, dass das politische Washington die Zeichen der Zeit noch nicht verstanden zu haben scheint.

Auch in den amerikanischen Mainstream-Medien wurde Brzezinskis Essay im Angesicht der anstehenden Präsidentschaftswahlen bislang kaum mit einer Silbe erwähnt.  Umso deutlicher tritt zutage, dass einflussreiche politische Kräfte des Establishments – zu denen Brzezinski gehört – nicht länger daran glauben, dass Washington seinen Anspruch auf Hegemonialität im Nahen und Mittleren Osten sowie Asien wird aufrechterhalten können.

Auf eben jene Entwicklungen machte ich bereits im Gespräch an der Frankfurter Börse mit Helmut Reinhardt und Dirk Müller vom vergangenen November aufmerksam. Es ist ja schön, dass es im Westen unzählige Think Tanks gibt, die Strategiepapiere am laufenden Band publizieren, so meine damalige Anmerkung, doch was bringt das alles, wenn sich die globale Architektur im Angesicht eines unübersehbaren Emporstrebens von Russland und China vor unserer aller Augen vehement verändert?!!

Emporkommen und Aufstieg von China und Russland konnte nicht verhindert werden

Gefährlich werde es immer dann, so meine damalige Aussage, wenn große Player wie Russland den grünen Tisch hinter den offiziellen Kulissen verließen, um in der Zukunft eine allein an Eigeninteressen ausgerichtete und nicht mehr global koordinierte Außenpolitik zu betreiben.

Nichts anderes haben wir mit Blick auf die Ukraine, den Wiederanschluss der Halbinsel Krim an Russland sowie die strategisch-planerischen und künstlichen Inselaufschüttungen durch China im Südchinesischen Meer beobachten können. Auch Brzezinski ist dieses eigenständige und gegen die Interessen Amerikas gerichtete Handeln nicht verborgen geblieben. Lassen wir Brzezinski dazu selbst zu Wort kommen:

„Da die globale Dominanz der Vereinigten Staaten endet, muss das Land die Führung im Hinblick auf eine Neutarierung der weltweiten Machtarchitektur übernehmen. Die USA bleiben zwar weltweit die politisch, wirtschaftlich und militärisch führende Macht, doch den komplexen geopolitischen Dynamiken Rechnung tragend, sind die Vereinigten Staaten nicht mehr länger die globale Imperialmacht.“

Was hat sich seit 1997 also geändert? Laut Brzezinski habe Washington das Emporkommen und den Aufstieg von China und Russland nicht verhindern können. Andererseits präsentiere sich Europa als äußerst schwacher Kontinent. Hinzu gesellten sich Dynamiken und das Erwachen der Bevölkerungen im postkolonialen Nahen und Mittleren Osten, die sich leicht verselbständigen könnten.

Regionalkoalitionen zur Verdrängung der USA aus Eurasien?

Folgerichtig gibt sich Brzezinski am meisten besorgt in Bezug auf eine sich intensivierende Zusammenarbeit zwischen China, Russland, dem Iran, der Türkei und anderen Staaten der zentralasiatischen Region auf militärischem, politischem und wirtschaftlichem Gebiet. Vor eben jener Entwicklung warnte Brzezinski 1997 in seinem Buch „Das große Schachbrett“, in dem er voraussah, dass eine Bildung von Regionalkoalitionen darauf abzielen könnte, um die Vereinigten Staaten aus Eurasien herauszutreiben. 

Was sich in diesen Tagen beobachten lässt, ist die Tatsache, dass die rücksichtslose und unilaterale Außenpolitik der Obama-Regierung – darunter die angestrebten Regimewechsel in der Ukraine und dem nordafrikanischen Libyen – die Geschwindigkeit erhöht haben, in der sich diese gegen Amerika gerichteten Koalitionen gebildet haben. Unter dieser Prämisse stellt sich die Frage, ob die unter anderem durch Hillary Clinton angestrebte Machtverschiebung in Richtung des pazifisch-asiatischen Raums überhaupt von Erfolg gekrönt sein kann.

Ich glaube das nicht. Vielmehr zeichnet sich ab, dass die Außenpolitik und die Verhängung von Sanktionen der Vereinigten Staaten gegenüber Russland dazu führt, dass zwei ehemalige Opponenten – Russland und China – sich gegenseitig in die Arme getrieben werden. Und dies in jedem wichtigen Bereich.

Asiatisch-pazifischer Raum: Hillary Clinton pro Expansionspolitik

Im Gegensatz zu Brzezinskis Zurückrudern nach zwanzig Jahren, lässt sich in diesem Hinblick bei Hillary Clinton nichts erkennen. Clinton macht öffentlich keinen Hehl daraus, einer hegemonialen Expansionspolitik ihres Landes im pazifisch-asiatischen Raum Vorschub zu leisten. Besser wäre es, wenn Clinton den Warnungen Brzezinskis Folge leisten würde.

Deutlich wird, dass Clinton nicht dazu in der Lage zu sein scheint, die immensen Risiken bezüglich einer solchen durch die USA verfolgten Außenpolitik, welche die Vereinigten Staaten schon in absehbarer Zukunft vor einen militärischen Konflikt mit China stellen könnten, auch nur annähernd richtig einzuschätzen (lesen Sie den Gastbeitrag zum jüngsten Strategiepapier der Rand Corporation).

Eine Hoffnung bleibt: dass Hillary Clinton im November erst gar nicht Präsidentin der USA wird! Und während sich abzeichnet, dass die einst durch Francis Fukuyama vom „Ende der Geschichte“ aufgestellte These ins Leere zu laufen droht, scheint Peter Scholl-Latour posthum einmal mehr Recht zu behalten, ehedem ausführend, dass sich das amerikanische Empire im Angesicht einer verheerenden Verzettelung von Regionalkonflikten abnutzen wird.