Liebe Cashkurs-Community,

heute darf ich Ihnen wieder einen neuen Cashkurs-Autor vorstellen. Einige unter Ihnen kennen ihn vielleicht bereits. Dr. Eike Wenzel ist Leiter des Instituts für Trend und Zukunftsforschung (ITZ) und erarbeitet für unseren Börsenbrief Cashkurs-Trends die Zukunftsstudien.In Zusammenarbeit mit Gallup hat das ITZ zwölf Zukunftstrends für die Bankenbranche ausgearbeitet. Brauchen wir im 21. Jahrhundert überhaupt noch Banken? Wie verändert sich unser Umgang mit Geld. Wie sieht die Filiale der Zukunft aus? Diese und weitere Fragen beantwortet Herr Dr. Wenzel in seinem ersten Beitrag für Cashkurs.

Anbei finden Sie die ausführliche Ergebniszusammenfassung der Studie.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen,

Ihr Dirk Müller

 

Zukunft der Banken, Zukunft des Geldes: Wie wir in den kommenden Jahren mit unserem Geld umgehen werden

Die Banken sind nicht mehr Herr im eigenen Haus – und das ist auch gut so. Die Welt dreht sich – auch nach dem Offenbarungseid der Banken – weiter. 2,5 Milliarden Menschen auf dieser Welt verfügen über kein Bankkonto. Und sie werden auch wahrscheinlich keines mehr anlegen lassen, denn es gibt ja das Internet, Mobiltelefone. Schon 2015 wird die Hälfte der Online-Kommunikation über Mobilgeräte laufen. In Afrika ist das Handy schon heute Kontoersatz und Nabelschnur zu den globalen Märkten. Wer braucht da noch einen gelangweilten Schalterbeamten, der beharrlich Kontoführungsgebühren absaugt?

 

Mittlerweile besteht ein breiter Konsens darüber, dass Gesellschaft und Finanzmärkte, Finanzwirtschaft und Realwirtschaft, Banken und Kunden auf neue Weise zusammenwachsen müssen. Und als gäbe es nicht genügend Reformbedarf  bei den Geldhäusern, stellen Kunden und globale Gesellschaft die grundlegende Sinnfrage: Was wird aus unserem Geld, und brauchen wir in Zukunft überhaupt noch Banken? Wir haben in unserer Studie die wichtigsten Einflussfaktoren zusammengetragen, die das schwer gebeutelte Bankenwesen in den nächsten Jahren verändern werden. Zwölf Trends sind dabei herausgekommen. Die wichtigsten Entwicklungen lassen sich auf eine zentrale Thesen zuspitzen: Die Alleinstellung der Banken bröckelt an vielen Stellen, ihr Glaubwürdigkeitskredit ist aufgebraucht, beschleunigte sozioökonomische Veränderungsprozesse haben die Statik der Geldhäuser ins Wanken gebracht.

 

Wie lautet die zentrale Diagnose? Den Banken (und in gewisser Weise auch dem gesamten Finanzmarkt) ist die Mitte der Konsumenten abhanden gekommen. Nach den konfektionierten Durchschnittskunden, wie er noch in den 1980er und 1990er Jahren mehrheitlich anzutreffen war, kommt jetzt der multimedial vernetzte Kunde. Sein Hauptcharakteristikum: niedrige Loyalität und hohe Skepsis bei gleichzeitig steil wachsenden Ansprüchen. Der Bankenkunde von morgen fordert die komplette Neugestaltung der Käufer- und Verkäuferrollen – so wie es eBay und Facebook tun. Der Bankenkunde von morgen verlangt Transparenz, Augenhöhe und die kollaborative Entwicklung und Nutzung von Produkten. Flotte Sprüche wie „die Bank an Ihrer Seite“, „Lebens Sie einfach, wir kümmern uns um die Details“ etc. werden von den Konsumenten von morgen eingefordert.

 

Wie die Bankkunden von morgen aussehen und woher sie kommen

Unablässig angekündigte „Service-Offensiven“ bringen den „Banken-User“ von morgen dagegen längst nicht mehr in Wallung. Die abgebrühten Kunden in der westlichen Welt verlangen Wealthcare statt Service-Gerede. Und das heißt:  den Kunden in seinen konkreten Lebenssituationen genauer zu verstehen. Werte und Wünsche wandeln sich in immer kürzeren Zeiträumen. Die Bank der Zukunft muss Lebenslagen, veränderte Freizeitgewohnheiten und die räumlich und zeitlich entgrenzte Arbeitswelt besser verstehen, statt dem kritischen Verbraucher Jahrzehnte alte Zielgruppenmodelle schablonenhaft überzustülpen.

 

Der potenzielle neue Kunde kommt natürlich auch aus den BRIC-Staaten und anderen ehemaligen Schwellenländern. Hier wird gar nicht erst über Servicequalität und Filialensterben diskutiert. Hier regieren Online- und Mobilbanking. Laut Datamonitor (Juni 2010) sagen beispielsweise 60 Prozent der im Internet befragten Brasilianer, dass Mobilebanking wichtig oder sehr wichtig sei, 73 Prozent äußern, das Internetbanking wichtig oder sehr wichtig sei. Zum Vergleich: In Frankreich halten nur 16 Prozent der Internetnutzer mobiles Banking für wichtig. Ähnliche Zahlen lassen sich für Japan, Australien und Großbritannien finden. Das banale Mobiltelefon fordert die Geldinstitute mit ihrem Filialnetz heraus.

 

Bankenzukunft und der Megatrend Mobilität

Ein enorm wichtiger Einflussfaktor ist natürlich die Revolution der Socialmedia und die Herausforderung Facebook. Doch nach unserer Beobachtung wichtiger noch: die mobile Datenkommunikation, die Filiale in der Hosentasche des Kunden. Hier kommen die großen Innovationen aus den so genannten Emerging Markets. Hier wird tatsächlich die radikale Frage gestellt: Wofür brauchen wir eigentlich noch Banken. M-PESA, ein simples Banking-Werkzeug, das in Kenia von Konsumenten und Kleinunternehmen eingesetzt wird, erlaubt einfache Geldtransfers von Handy zu Handy. 60 Prozent der erwachsenen Bevölkerung nutzt mittlerweile M-PESA. Innovationen im Bankengewerbe kommen aus den Schwellenländern und werden in den nächsten Jahren auch die „reifen“ Märkte in Nordamerika und Europa erobern. M-PAISA ist ein nachgebauter Zwilling von Vodafone und kommt seit 2008 im Afghanistan zum Einsatz.

 

Angriffe aus angrenzenden Branchen

Der Banken-Mythos bröckelt noch von einer weiteren Seite. Der Handel erweitert die Kampfzone und dringt in die Bankingsphäre ein. Wir bekommen mittlerweile Geld an der Tankstelle oder bei REWE an der Supermarktkasse. Wie Shell auf dem deutschen Markt, so verstärkt beispielsweise auch die österreichische Tankstellenkette OMV in einer Kooperation mit dem Anbieter Western Union ihre Bankgeschäfte. Zielgruppe sind vor allem in Österreich lebende Migranten, die bei OMV Bargeld in die Heimat schicken können. Tesco, das drittgrößte Einzelhandelsunternehmen der Welt, greift in Großbritannien die Highstreet-Banken an und macht bereits sieben Prozent seines Gesamtumsatzes mit Bankgeschäften. Tesco hat begriffen, was wir in der Konsumforschung One-Stop-Shopping nennen: Man erreicht die flüchtigen Bankkunden zukünftig am besten dort, wo sie sich gerne aufhalten: mitten im Leben, beim Einkaufen, aber nicht in muffigen Hinterzimmern von Kleinstfilialen. 

 

Banking als ethischer Konsum

„Gutmenschenbanken“ werden in der Nische bleiben. Deren softes, auf ethischen Investments basierendes Wachstumskonzept macht diese Positionierung plausibel. Trotzdem boomt das Segment. Die Bochumer GLS-Bank wurde 1974 gegründet. Heute ist sie eines der wenigen deutschen Kreditinstitute, das voll auf Nachhaltigkeit und Verantwortungsbewusstsein der Kunden setzt. Ihren Investitionsfokus richtet die GLS nicht auf die bedingungslose Gewinnmaximierung, sondern auf die Unterstützung sozialer, kultureller und ökologischer Vorhaben. Inzwischen finanziert die GLS rund 4.000 zukunftsweisende Initiativen. Neben der GLS Bank sind die Umwelt-Bank und die Ethik-Bank am Markt erfolgreich. Zusammengerechnet addiert sich die Bilanzsumme der drei alternativen Geldhäuser auf etwa 2,2 Milliarden Euro, Marktführer ist zurzeit die Umweltbank.

 

Geldgeschäfte mit Freunden

Auch das P2P-Banking, Kredite von „Freunden“, Fans und Wohlgesonnenen aus dem Internet, wird auf absehbare Zeit die Banking-Welt nicht aus den Angeln heben.  Aber erste Geschäftsmodelle aus dieser Richtung erweisen sich als durchaus lebenstüchtig. Der Prosper-Marketplace (www.prosper.com) aus den USA ist eine auktionsbasierte P2P-Bankingplattform mit bereits weit über einer Million Mitgliedern. Das Unternehmen mit Sitz in San Francisco bezeichnet sich als weltgrößter P2P-Marktplatz und wurde 2006 gestartet. Mittlerweile hat Prosper über 213 Millionen US-Dollar an Krediten vermittelt. Prosper ermöglicht, dass Privatleute gegenseitig investieren. Kredite werden zwischen 2.000 und 25.000 Dollar vergeben, Kreditgeber können sehr kleine Beträge (z.B. 25 Dollar) investieren. Die „Verbandelung“ der Partner erfolgt direkt auf der Plattform. Hinter Prosper stehen mehrere Risikokapitalgeber und Investoren aus der Technologiebranche. In Deutschland ist smava ein mittlerweile angesehener Kreditmarktplatz, der seit dem Start 2007 Kredite in Höhe von insgesamt 37 Millionen Euro abgewickelt hat. Die Finanzzeitschrift EURO kürte smava zum Testsieger der deutschen Kreditportale, auch die Stiftung Warentest bewertet das Vertrauensportal positiv.

 

Technologienutzung muss gründlich überdacht werden

Eine weitere wichtige Erkenntnis aus der Studie. Die Banken müssen ihre Technologiefixierung aufgeben. Genauer gesagt: sie sollten sich von dem Gedanken verabschieden, dass über bankeninterne technologische Neuerungen noch ein einziger signifikanter Kundenvorteil zu erzielen ist. Die technologischen Trends kommen zukünftig von außen, vom Konsumenten selbst (Socialmedia, Internet, Community) und diktieren den Geldhäusern die Agenda. Zukunft heißt auch: Technologie wird einfacher, minimaler, aber auch disruptiver. Das heißt: simple technologische Neuerungen wie die Verbreitung von Mobiltelefonen verändert den Umgang der Menschen auf dieser Welt mit ihrem Ersparten auf fundamentale Weise. Die State Bank of India (SBI) demonstriert, wie neue Digitaltechnologie den Kunden effizient und situationsadäquat abholt. Die indischen Banker reisen mit Mobiltelefonen durchs Land, buchen das Ersparte ein und nehmen das Geld im Köfferchen mit zurück in die Zentrale. Das klingt primitiv, aber ohne diese mobile „Methode“ ließen sich in Indien rund 100.000 Dörfer überhaupt nicht erreichen. Was die Banken hierzulande daraus lernen können? Zukunftstechnologie besteht nicht (nur) in Großrechneranlagen und stummen Bankautomaten, sondern in kundennahen Kommunikationsmodellen. Einfach, günstig, kundennah – wer es jetzt nicht begreift, wird bald ein böses Erwachen erleben.