Es wird wohl kaum ein Zufall gewesen sein, dass der chinesische Präsident Xi Jinping 2013 die Initiative der Neuen Seidenstraße erstmals an der Nazarbayev-Universität in Astana der Weltöffentlichkeit vorstellte. Das geostrategisch sehr bedeutende Land - und vor allem die Kapitale - ist als zentraler Knotenpunkt im Rahmen der Neuen Seidenstraße prädestiniert. Um die Vormachtstellung in Eurasien bemühen sich die USA, die Großmächte China und Russland, die Türkei sowie die EU nach Kräften.

Vom Zelt zur Pyramide

Origineller- und praktischerweise bedeutet Astana übersetzt einfach nur Hauptstadt. Der Ort, der vorher Akmolinsk und während der Sowjetzeit Zelinograd hieß, wurde 1997 mit seinen damals rund 280.000 Einwohnern zur Hauptstadt auserkoren und trat an die Stelle von Almaty. Milliarden an Petrodollars investierte der Präsident Nursultan Nasarbajew, der seit 1991 an der Spitze Kasachstans steht, in den Aufbau der neuen Vorzeigestadt. Mittlerweile zählt sie fast 900.000 Einwohner. „Stararchitekten wie Lord Norman Foster, Kisho Kurokawa, Frank Gehry oder Manfredi Nicoletti haben sich hier nach Lust und Laune in ihrer Kreativität ausgetobt“, so beschrieb es die Kuratorin des Nationalmuseums. Der Stadtkern ist stark von futuristischem Baustil geprägt.

Das Wahrzeichen der Stadt ist der „Baiterek-Turm“, der mit seiner goldenen Kugel wie ein überdimensionaler Fußballpokal aussieht. Hier kommen Touristen aus dem ganzen Land angereist, um die Hand in den goldenen Handabdruck des Präsidenten zu legen und sich etwas zu wünschen. Von der Kugel aus ist die ganze Stadt zu überblicken. So ist auch direkt der Präsidentenpalast zu sehen, wenn die Hand auf dem Abdruck liegt. Er erinnert an das Weiße Haus und ist in der Tat ist es an das Vorbild in den USA angelehnt. Nicht nur das erinnert an die US-Hauptstadt; aus der Luftperspektive betrachtet, wird ersichtlich, dass sie ebenso wie Washington als eine geplante Stadt klare Linienführungen aufweist.

Das „Khan Shatyr Entertainment Center“ ist das größte Zelt der Welt und umfasst die Fläche von etwa 14 Fußballfeldern. Die Außenansicht soll an die traditionsreiche Nomandenkultur Kasachstans erinnern, doch das Innenleben ist ein komplett anderes – „das königliche Zelt“ ist ein riesiges Einkaufs- und Unterhaltungszentrum. Etwa 180 Geschäfte befinden sich in dem Konsumtempel, der genauso gut in jeder westlichen Metropole stehen könnte. Seichtes instrumentales Schnulzengedudel, das die Zeltgäste permanent aus den Lautsprechern berieselt, scheint sie schon in einen fast hypnotischen Zustand zu versetzen. Fastfood-Ketten, Shops mit Luxusartikeln und Entertainment, wo man nur hinsieht. Auf der obersten Ebene befindet sich ein künstlicher Strand mit Spa- und Wellnessbereich. Der Sand wurde eigens aus Dubai importiert, und die Palmen aus Malaysia. Die 29 bis 35 Grad Celsius, die hier fortwährend gegeben sind, stellen eine Besonderheit für die Binnenlandbewohner dar, deren Hauptstadt mit Minusgraden weit unter 40 als die kälteste der Welt gilt.

Auf einer Linie mit dem Khan Shatyr, dem Baiterek-Turm und dem Präsidentenpalast liegt auch die „Pyramide des Friedens und der Eintracht“. Das 77 Meter hohe Gebäude wurde eigens als Tagungsort für den „Kongress der Oberhäupter der Welt und der traditionellen Religionen“ gegründet und 2006 eröffnet. Seit 2003 findet der Kongress alle drei Jahre statt. Das Land Kasachstan, das 131 Ethnien beinhaltet, wurde auf dem ersten Kongress in der Pyramide als Modell für Multikulturalität bezeichnet. Hochrangige Persönlichkeiten aus Weltpolitik und Religion, wie etwa der ehemalige UN-Generalsekretär Ban-Ki-Moon im Jahr 2015, waren anwesend. Es erweckt den Anschein, als hätte Präsident Nazarbayev sich nichts Geringeres vorgenommen als die großen Konfliktparteien des Planeten zusammenzubringen und den Weltfrieden einzuleiten.

Astana-isierung der Geopolitik

Seit dem Verfall der Sowjetunion ist Nazarbayev unangefochtener Herrscher über das Zentrum Eurasiens. Das Land hat sich früh entschieden, sich am Regionalen zu orientieren. Zusammen mit China, Russland sowie den zentralasiatischen Staaten Tadschikistan und Kirgisistan hat Kasachstan 1996 das Staatenbündnis namens „Shanghai Five“ gegründet. 2001 ist ihnen Usbekistan beigetreten, und die Allianz wurde in „Shanghai Cooperation Organization“ (SCO) umbenannt. Es geht dabei um die Kooperation in politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten sowie in Sicherheitsfragen. Im Juni sind der SCO Pakistan und Indien als Vollmitglieder beigetreten, womit die Organisation nun 40 Prozent der Weltbevölkerung repräsentiert.

In den Fokus der Weltmedien geriet die kasachische Hauptstadt vor allem, als dort im Januar die erste Runde der sog. „Astana-Gespräche“ stattfand. Russland, die Türkei und der Iran waren federführend und haben ebenso in den folgenden Gesprächsrunden die Schaffung von Schutzzonen in Syrien vereinbart. Übrigens ist der Iran, der gegenwärtig einen Beobachterstatus im SCO innehat, ein Anwärter für die Vollmitgliedschaft. Im Dezember 2016 gab es bereits indirekte Versammlungen in der Stadt, die von allen Parteien als neutraler Boden akzeptiert wurde. Es wurde von einer „Astana-isation“ bzw. „Astana-isierung“ der Genfer-Gespräche geredet, die im Rahmen der Vereinten Nationen bereits vorher geführt wurden. Der Termin für die fünfte Runde der Verhandlungen ist der 30. und 31. Oktober.

Das neue große Spiel

Der als „Great Game“ oder das „Große Spiel“ bezeichnete Konflikt zwischen Russland und dem Britischen Empire geht auf den Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Dabei ging es um die Vorherrschaft in Zentralasien. 1904 formulierte der britische Geograph Halford Mackinder, der als Urvater der Geopolitik gilt, in seinem Aufsatz die „Herzland-Theorie“. Vereinfacht gesagt, lautet die Quintessenz, dass die Welt von der Macht beherrscht wird, die Zentralasien beherrscht. Mit der Gründung der Sowjetunion ca. 100 Jahre später hatte Russland das Spiel erst einmal für sich entschieden. Nach dem Zerfall der Union 1991 hat die neue Version des Großen Spiels - „The New Great Game“ - begonnen. Auf das Bestreben verschiedener Hauptakteure, die darauf aus sind möglichst viel an Einfluss auf Kasachstan auszuüben, wird im Folgenden eingegangen.

Seidenstraßenstrategie

Einer der ersten Staaten, der Kasachstan nach seiner Unabhängigkeit diplomatisch anerkannt hat, war die USA. Zbigniew Brzezinski, der von 1977 bis 1981 Nationaler Sicherheitsberater unter Präsident Jimmy Carter war, verfasste 1997 das Buch mit dem Titel „The Grand Chessboard“. In der deutschen Auflage wurde es nicht wortwörtlich mit „Das große Schachbrett“ übersetzt, sondern „Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ genannt. Der dieses Jahr verstorbene Geostratege, hat die US-Außenpolitik der letzten Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt, wobei er in der Tradition Mackinders handelte. Insbesondere mit Osteuropa und Zentralasien die „Mitte des Schachbretts“ zu besetzen, war ein Hauptplan von ihm.

Schon mehrere Jahre vor der Vorstellung der Neuen Seidenstraße seitens China entwickelten die USA eine eigene Seidenstraßenstrategie. Der US-Kongress verabschiedete 1999 den „Silk Road Strategy Act“ (Seidenstraßen-Strategie-Gesetz), welches 2003 ergänzt wurde. Diese Strategie geht auf die Carter-Doktrin von 1980 ein, die im Kern an Brzezinskis Ideologie anknüpft. Im Jahr 2006 wurde es in einer zweiten Sitzung erweitert, worin nun auch der Schutz der US-Interessen in Zentralasien benannt wurde. Darunter fallen nicht zuletzt wirtschaftliche Ziele, wie bspw. hinsichtlich des Energie-Giganten Chevron, der seit 1993 im Land aktiv ist. Der Megakonzern ist der größte private Produzent und hält wichtige Anteile in zwei der größten Ölfelder des Landes. Eines davon ist Tengiz, wo mit 37 Mrd. US-Dollar das bisher größte Investment durch einen Energiekonzern in dieser Dekade getätigt wurde.

In den letzten Jahren war es im Gespräch, dass US-Stützpunkte in zentralasiatischen Ländern aufgebaut werden sollten. In Kasachstan und Kirgisistan ist es nicht dazu gekommen. Nach dem 11. September erlaubte Usbekistan der US-Luftwaffe eine Logistikbasis zu errichten, aber auf starken Druck durch Russland und China, der im Rahmen der SCO ausgeübt wurde, haben die USA das Land missmutig verlassen. Die SCO wird manchmal als „NATO des Ostens“ bezeichnet, doch sind die militärischen Verbindungen nicht so ausgeprägt als dass so ein Vergleich gerechtfertigt wäre. In der Verhinderung der Errichtung von US-Stützpunkten hat sich das Bündnis als wirksam herausgestellt.

Russische Speerspitze und eurasische Bündnisse

Ein reines Militärbündnis in der Region um Osteuropa und Zentralasien hingegen, das von Russland angeführt wird, ist die CSTO (Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit). 1992 wurde es von Russland und den postsowjetischen GUS-Staaten Kasachstan, Armenien, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan gegründet. Letztgenannter Staat ist mittlerweile ausgetreten, 1994 war Weißrussland beigetreten. Es ist in der Drogenbekämpfung auch zur Kooperation mit den USA und europäischen Ländern gekommen.

Die tendenziell zunehmend schlechteren Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Russland wird der CSTO zuspielen. Vor zwei Jahren unternahm die Organisation zusammen mit der chinesischen Armee und dem potenziellen Beitrittskandidaten Iran Manöver und hob hervor, dass sie im Kampf gegen den Terror fest zusammenstünden. Von manchen Experten wurde dies jedoch als ein Bündnis gegen eine Vormachtstellung der USA interpretiert. China stößt in letzter Zeit Gedanken an, dass eine neue Militärallianz gegründet werden sollte, die prinzipiell aus den Staaten der SCO- und CSTO-Mitgliedern besteht. Besser gesagt, aus Schnittmengen, wobei z.B. der Iran mit seinem SCO-Beobachterstatus eingebunden werden könnte. Den Erzrivalen und das SCO-Vollmitglied Indien würde Peking nicht darin einbinden wollen.

Im Jahr 1994 schlug Nursultan Nazarbayev während einer Rede an der staatlichen Universität Moskaus erstmals eine eurasische Union vor. Er sprach dabei von einem wirtschaftlichen, politischen, militärischen und kulturellen Bündnis. Gut zwei Monate nachdem Russland im Zuge der Krimkrise vom Westen mit Sanktionen belegt wurde, forcierte Putin die Gründung der Eurasischen Wirtschaftsunion, die am 29. Mai 2014 von Russland, Kasachstan und Weißrussland unterzeichnet wurde. Im Oktober 2014 trat Armenien bei und im August 2015 Kirgisistan. Teilweise ist die mit „EAEU“ abgekürzte Union an die Wirtschaftspolitik der EU angelehnt.

Freundschaft durch Gott

Die Kooperation zwischen Kasachstan und Russland ist traditionell aus den Zeiten der Sowjetrepublik erwachsen und dauern seitdem fort. Als Nazarbayev 2005 im Kreml zu Besuch war, sprach er davon, dass seine Freundschaft mit Putin gottgegeben sei. Darauf, den mächtigen russischen Bären nicht zu verärgern, ist er stets bedacht. In diesem Hinblick kommt zudem die gesellschaftliche Komponente hinzu. Zu Zeiten der UdSSR bestanden zwei Drittel der Bevölkerung aus Russen. Mittlerweile bestehen zwei Drittel aus Kasachen, der Anteil ethnischer Russen, die vor allem im Norden entlang der Grenze und im Zentrum Kasachstans leben, liegt bei ca. 20 Prozent. Viele sind ausgewandert, weil sie aufkeimenden Nationalismus, Islamismus, Diskriminierung oder anderweitige Benachteiligungen befürchteten. Immer mehr Kasachen vom Lande kommen nach Astana, genauso die sog. „Oralman“ bzw. „Rückkehrer“, die während der Sowjetzeit nach Usbekistan, nach China, in die Mongolei geflohen waren oder als Minderheit in Kirgisistan, Afghanistan, Pakistan oder dem Iran lebten.

Ein kasachischer Ministerialbeamter (der auf keinen Fall in seiner Funktion oder mit seinem Namen genannt werden wollte...) sagte, dass es in Astana nur kasachische Beamte gäbe, die loyal zur Regierung stünden. Sie sprächen nicht Russisch, was auch unter Kasachen die dominierende Alltagssprache ist, sondern Kasachisch miteinander. Er behauptete, dass „Hauptstadt“ an diesem Ort gegründet wurde, um die Russen im Lande besser kontrollieren zu können. Unter einer solchen Atmosphäre wäre die massenhafte Auswanderung der russischen Bevölkerung in den letzten zehn Jahren nachvollziehbar. Unter den Kasachen hingegen ist die Befürchtung gegeben, dass prorussisch-separatistische aufkeimen könnten – wie in der Ukraine. Für Nazarbayev ist es eine permanente Gratwanderung, eine Balance zwischen den Kasachen und Russen im Land herzustellen.

Turkic Council & SCO

Aziz Bhurkanov, Assistenzprofessor an der Nazarbayev-Universität und Experte für Eurasische Studien, hat sich für ein Gespräch zur Verfügung gestellt. Auf die Frage, wie stark der Einfluss der Türkei auf Kasachstan sei, antwortete er, dass das wirtschaftliche Engagement der Türkei im Vergleich zu den USA, China und Russland im Verhältnis deutlich geringer sei. Aber auf dem akademischen und kulturellen Gebiet sei die Zusammenarbeit sehr weitreichend.

Die Zusammenarbeit in diesen Bereichen gehört zu den Zielen des 2009 gegründeten „Turkic Council“, dem Kasachstan, die Türkei, Kirgisistan und Aserbaidschan angehören. Die Kooperation zwischen den turksprachigen Ländern soll mithilfe der Organisation vorangetrieben werden. In diesem Rahmen liegt ein Schwerpunkt auf der Medienkooperation. Erdogan beruft sich auf gemeinsame Wurzeln in ihren Kulturen, wenn er wie so häufig in letzter Zeit in zentralasiatischen Staaten unterwegs ist und betont diese auf den Pressekonferenzen. Sie werden alle live vom türkischen Staatssender TRT-Türk übertragen. Der türkische Präsident verfolgt die Strategie der Soft-Power bzw. der Noopolitik, um Kasachstan auf seine Seite zu ziehen.

Was politische und wirtschaftliche Beziehungen in Richtung SCO angeht, haben Erdogan und Nazarbayev oft darüber gesprochen. Die Türkei hat eine Dialogpartnerschaft in der SCO inne. Nazarbayev sagte, er würde es begrüßen, die Türkei als Vollmitglied zu sehen. Seit letztem Jahr setzt sich der kasachische Präsident immer direkter für die Aufnahme der Türkei in die Organisation ein. Das würde mit hoher Wahrscheinlichkeit eine konsequente Abkehr von der EU und womöglich sogar von der NATO bedeuten. Schon 2013 sagte Erdogan zu Putin, die Türkei würde der EU Lebewohl sagen, wenn sie in die SCO einträte. Die Organisation sei besser und viel mächtiger. Außerdem gäbe es gemeinsame Werte, die sie teilten. Wenn die SCO sie wolle, würden sie Mitglied werden.

Neue Seidenstraße auf Schienen

China engagiert sich in Kasachstan, was zu den rohstoffreichsten der Welt gehört, mit zahlreichen Infrastrukturprojekten. Der Bau von Logistikzentren, Straßenprojekten und insbesondere von Eisenbahnverbindungen wird mitunter durch die 100 Milliarden US-Dollar schwere Investitionsbank AIIB (Asiatische Infrastrukturinvestmentbank) mit Sitz in Peking finanziert. Die Entwicklungsbank wurde von China als Konkurrenz zur Weltbank und zum IWF initiiert und spielt für Investitionen in die Neue Seidenstraße eine gewichtige Rolle. Zu den Aktionären gehört neben anderen zentralasiatischen Staaten Kasachstan, das Aktien für ca. 730 Mio. US-Dollar erworben sowie die Bankstatuten unterschrieben hat. Insgesamt sind 56 Mitgliedsländer beteiligt.

Wie in vorherigen Reiseberichten zur Neuen Seidenstraße schon beschrieben wurde, sind Eisenbahnlinien als Transportwege nach Europa, wo die EU wichtigster Handelspartner Chinas ist, von besonderer Bedeutung. In Bezug auf Schnelligkeit, Ladekapazität und Preis-Leistungs-Verhältnis bieten sie viele Vorteile. China hat sich in der Eisenbahnbranche bewährt und erstklassige Schnellzugverbindungen im eigenen Land geschaffen. Die Schienennetze sind ein essenzieller Teil der Neuen Seidenstraße, und Kasachstan fungiert dabei als Brücke zwischen China und Europa. Ein Megaprojekt ist ein sog. Trockenhafen in Khorgos, einer chinesischen Grenzstadt zu Kasachstan. Trockenhäfen sind Eisenbahnknotenpunkte, die direkte und effektive Schienenanbindung an Seehäfen bilden sollen. Der „Dry Port“ in Khorgos ist der größte der Welt.

Digitale Seidenstraße

Nachdem die Neue Seidenstraße ursprünglich in den Teil über den Landweg und in die Maritime Seidenstraße zu See aufgeteilt wurde, stellte China im März 2015 die „Digitale Seidenstraße“ vor, die manchmal auch als „Informations-Seidenstraße“ bezeichnet wird. Als grundlegender Part ist damit die Telekommunikations-Infrastruktur gemeint, wie bspw. das Verlegen von Glasfaserkabeln.

Ein weiterer Punkt der Digitalen Seidenstraße sind Smart-Cities, um das urbane Leben für die Bewohner zu verbessern. Dazu gehören z.B. der auf digitaler Vernetzung beruhende Smart-Traffic, um den Verkehrsfluss effizienter zu gestalten. Zudem werden Technologien verwendet, um die Städte umweltfreundlicher und sozialer zu machen. Der Punkt E-Commerce, der Handel über das Internet, sollte vor allem die chinesische Ali Baba Group Holding interessieren, die die größte Online-Handelsplattform Chinas und der Welt bildet.

Der Aufbau der Digitalen Seidenstraße findet nicht nur auf der Erde statt. Um Navigationssysteme oder Telekommunikationsnetze zu betreiben, sind Satelliten notwendig. Damit entsteht eine neue Stufe der Seidenstraße, nämlich die „space-based silk road“, die „weltraumbasierte Seidenstraße“. Die Technologieaffinität Kasachstans geht auf den Weltraumbahnhof in Baikonur, dem Kosmodrom zurück. Von hier aus startete der erste Satellit sowie der erste Mensch der Geschichte für die UdSSR ins Weltall. Russland hat den Weltraumstandort bis 2050 gepachtet. Mit Kasachstan, das mit KazKosmos eine eigene Weltraumbehörde gegründet hat, arbeiten sie zusammen mit China im Rahmen der SCO zusammen.

Als wir mit Aziz Burkhanov durch den Hauptgang der Nazarbayev-Universität entlang gehen, sind die verschiedenen Fakultäten links und rechts übersichtlich angeordnet. Dort ist u.a. „Robotics and Mechatronics“, „Computer Science“, „Physics“ oder „Engineering“ zu lesen. „Von den über 50 angestellten Professoren kommen fast alle aus renommierten Unis im Westen, bis auf diejenigen, die kasachische Sprache, kasachische Geschichte u.Ä. lehren.“, erklärt er. Die Nazarbayev-Millionen, auch wenn sie nicht direkt aus dem eigenen Milliarden-Vermögen stammen sollten, werden hier anscheinend in kluge Köpfe investiert. Die ausländischen Studenten jedoch kommen nicht aus dem Westen, sondern vorwiegend aus den zentralasiatischen Staaten Tadschikistan, Kirgisistan, Usbekistan und Turkmenistan. Unter ihnen nimmt Kasachstan eine Technologieführerschaft ein. Hier reift das Wissenskapital, das im Rahmen der Informations-Seidenstraße in den jeweiligen zentralasiatischen Ländern Anwendung finden wird.

Fazit

Die futuristischen und prestigeträchtigen Gebäude in Astana sollten den Fortschritt des Landes repräsentieren. Nazarbayev spricht davon, dass das 21. Jahrhundert ein goldenes Zeitalter für Kasachstan werden würde. Die Potenziale dafür sind zumindest gegeben. Das Land ist zentrales Brückenland zwischen China und Europa, besitzt immense Rohstoffvorkommen und mit der Neuen Seidenstraße bieten sich viele ökonomische Entwicklungsmöglichkeiten.

In dem Machtkampf um Eurasien, der zwischen den USA, Russland, China, der Türkei und in geringem Maße auch der EU herrscht, scheint Kasachstan klar positioniert. Die Beziehungen zur SCO, zur EAEU und zur CSTO bestehen seit den 90ern und sind seitdem gewachsen. Ihre eigene Seidenstraßenstrategie umzusetzen, ist für die USA unter diesen Vorzeichen sehr schwierig. Immer mehr gerät Kasachstan in die Einflusssphäre Chinas, da das Land im Rahmen der Neuen Seidenstraße wirtschaftlich abhängiger wird. China tätigt Milliarden an Investitionen und bindet Länder nicht zuletzt durch Kreditvergaben an sich.

Die Soft-Power-Maßnahmen Erdogans werden womöglich mittel- bis langfristig eine Wirkung entwickeln, die sich politisch oder wirtschaftlich nutzen lässt. Doch die Milliardendeals, die vor allem mit China eingegangen werden, sind handfester und wiegen schwerer.

Astana hat 2017 die EXPO ausgetragen. Das Motto lautete „Future Energy“. Seitdem werden einige Straßenlampen in der Stadt mit Solarzellen oder vertikalen Windrädern betrieben. Aber das sind keine neuen Ansätze für revolutionäre Zukunftstechnologien. Einige Universitäten investieren zwar in gutes Lehrpersonal, aber die Technologieparks in den USA sind haushoch überlegen und entwickeln sich in rasantem Tempo weiter. Der Bereich jedoch, in dem Kasachstan in Sachen Hightech auftrumpfen könnte, sind die Weltraumtechnologien. Da diese weitreichende Verbindungen zu Militärtechnologien aufweisen, ist das ein weiterer Grund, warum Kasachstan durch die Kooperation mit Russland und auch China noch stärker an die dominierenden SCO-Schwergewichte gebunden bleiben wird.

1999 schloss Kasachstan mit der EU ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen. Im Dezember 2015 reiste die EU-Außenbeauftragte Frederica Mogherini nach Astana, um ein erweitertes Abkommen zu unterzeichnen, das das alte ersetzt. Wenn Kasachstan sich trotz all dieser Abhängigkeiten, die viel eher für ein Verbleiben in der SCO sprechen, sich gen Westen wenden sollte, könnte dem Land ein ähnliches Schicksal wie der Ukraine drohen. Vielleicht ist das sogar der wichtigste Grund für Nazarbayev, sich nicht von seinem gottgegeben Freund Putin und Chinas künftigen Milliardeninvestitionen für die Errichtung der Neuen Seidenstraße zu lösen.