Es gehört zu den „must-have“ der Weltreisenden. Man muss es gesehen haben – das Taj Mahal in Agra (Indien). Stellen Sie sich vor, Sie planen eine Reise dorthin. Also keinen Ausflug zum nächsten Supermarkt und keinen Besuch ihres besten Freundes im Nachbarort.

Wie würden Sie vorgehen?

Weltenbummler

Es gibt sie, die sogenannten Weltenbummler, die einfach so auf Reisen gehen. Sie trampen mit dem nächstbesten Auto, welches zufällig in die Richtung fährt, in die sie gerade gehen. Sie fahren mit dem nächsten Zug, der in den Bahnhof einfährt oder fliegen einfach mit dem Flieger los, der als nächster in Richtung Süden düst. Zwischendurch halten Sie mal hier und mal dort an, um zu sehen, ob Sie vielleicht bleiben oder doch lieber weiterfahren sollten. Um die Kosten machen Sie sich wenig Gedanken. Ist das Geld alle, kehren Sie um oder hoffen auf den Zufall, unerwartet zu Geld zu kommen. Ob und wann Sie das eigentliche Ziel erreichen, ist nicht so wichtig. Der Weg ist ihr Ziel. Und so irren Sie herum und machen allerlei Erfahrungen – gute als auch schlechte.

Ich bewundere solche Menschen, ihren Mut - einfach etwas zu wagen, ihr Streben nach Neuem - ohne ein wirkliches Ziel zu haben, ihr Fernweh - ohne zu wissen wohin, ihr Gottvertrauen, dass alles schon irgendwie gut gehen wird.

Der Finanzbummler

Genau diese Menschen gibt es auch (zu häufig) im Bereich der privaten Finanzen. Auch hier wissen alle, dass Sie etwas tun müssen/sollten, um heute für morgen vorzusorgen. Die Politik, die Medien und vor allem die Banken und Versicherungen predigen es jeden Tag. Spare heute, dann hast du für morgen. Denn die Rentenlücke ist da und wird immer größer. Wir brauchen also gar nicht überlegen, welche finanziellen Ziele wir haben (sollen). Ziel (Sorge) Nr. 1 – das Taj Mahal der Finanzwelt - wird uns vorgegeben und ist die Altersvorsorge. Das Ziel ist für viele jedoch so diffus und in weiter Ferne, so dass ihnen einfach die Vorstellungskraft fehlt, wie sie dieses Vorhaben anpacken sollen. Vielen Bürgern fehlt die finanzielle Grundbildung. Für Sie ist Geld zu abstrakt, als dass es sich lohnt, sich damit intensiv zu beschäftigen. Wie der Weltenbummler auch, fangen sie einfach irgendwann irgendwie an und probieren viele Dinge aus. Wenn ich Mandanten frage, warum sie damals gerade dieses Finanzprodukt erworben haben, erhalte ich oft die Antwort: „Das hat mir mein Berater empfohlen. Er meint, dass es gut ist.“. So wie der Wurm dem Fisch und nicht dem Angler schmecken muss, so sollte das Produkt zum Kunden passen und nicht dem Verkäufer gefallen.

Das Geschäft mit der Angst

Banken und Versicherungen kommen die Angst um den wohlverdienten Lebensabend und die Unwissenheit der Bürger sehr gelegen. Mit Angst kann man wunderbare Geschäfte machen. Da spielen auch Kosten keine so große Rolle. Hauptsache, der Kunde hat das Gefühl, etwas getan zu haben.

Finanzprodukte funktionieren meist langfristig und sind damit häufig sehr abstrakt für den Kunden. Wer heute für sich keine Ziele formulieren kann, hat sich bisher keine Gedanken über seine Zukunft gemacht. Er ist damit sehr empfänglich für „Wegelagerer“, die ihm ständig erzählen wollen, was er auf dem Weg nach „Nirgendwo“ so alles braucht.

Hier kommt die Private Finanzplanung ins Spiel

Definition Finanzplanung

Bei der privaten Finanz- und Vermögensplanung („Financial Planning“) ist eine umfassende und ganzheitliche Betrachtung sämtlicher finanziellen Aspekte des „Unternehmens“ Privathaushalt.

Sie ist ein systematischer Prozess, der dem Privathaushalt helfen soll, finanzielle Ziele zu konkretisieren und unter Berücksichtigung der finanziellen, rechtlichen, persönlichen und familiären Ausgangslage sowie externer Rahmenbedingungen optimal zu erreichen. Teils werden zusätzlich auch vertiefende Segmente wie Estate-Planning (Erbschaftsplanung) u. ä. angeboten.

Finanzplanung – der Routenplaner für die privaten Finanzen

Eine Finanzplanung kann man mit einem Routenplaner vergleichen. Für den Weg zum nächsten Supermarkt werden Sie ihn wohl nicht benötigen. Doch bei einer weiten Reise ist er ein angenehmer Helfer, um möglichst entspannt, ohne Umwege und schnell zum Ziel zu gelangen.

Um diesen Helfer jedoch optimal nutzen zu können, müssen Sie ihn – wie auch bei einer Finanzplanung – mit einem Ziel und den entsprechenden Rahmenbedingungen füttern. Wollen Sie den schnellsten, kürzesten oder gar den ökonomischsten Weg fahren? Bevorzugen Sie das Fahrrad, Auto, Bahn, Schiff oder Flugzeug? Kommt es Ihnen bei der Reise auf Flexibilität, Individualität, Sicherheit oder Bequemlichkeit an? Welche Kombination ist genau für Sie die richtige?

Der Routenplaner wird Ihnen die mathematisch und statistisch optimalste Strecke und die dafür geeigneten Fortbewegungsmittel empfehlen. Ob Sie diese wirklich nutzen (wollen), entscheiden Sie jedoch ganz alleine. Auch die beste Statistik hat ihre Grenzen. So kann der Routenplaner Sie genauso wenig vor Staus schützen wie vor unvorhergesehenen Verkehrssituationen, Streiks oder Pannen. Ob Sie Ihr Ziel in der prognostizierten Zeit erreichen, hängt von der Qualität der Routenplanung und insbesondere von den jeweiligen Verkehrs-, Straßen- und Wetterbedingungen und anderen nicht immer kalkulierbaren Faktoren ab.

Der Routenplaner dient somit „nur“ als nützliche Orientierung, um Alternativen abzuwägen und Sie auch dann zum Ziel zu führen, wenn der eigentlich geplante Weg – warum auch immer – gerade nicht oder nur bedingt befahrbar ist.

Finanzplanung lohnt sich nicht?

Es geht um Millionen

Laut Statistik lag das Durchschnittseinkommen eines sozialversicherungspflichtigen Angestellten in Deutschland 2013 bei ca. 34.000 EUR. Bei einem Arbeitsleben von 40 Jahren errechnet sich daraus ein Bruttoeinkommen von 1,4 Millionen Euro. Unterstellt man eine jährliche Lohnsteigerung von 1%, werden daraus 1,7 Mio. EUR bei 2% gar über 2 Mio. EUR. Dieses Einkommen gilt es jetzt so zu verteilen, dass ein möglichst gleichbleibender Lebensstandard gewährleistet werden kann.

Da ein verdienter Euro im Leben nur einmal ausgegeben werden kann, stellt sich hier schon die Frage – wofür? Sicher. Ein Großteil davon (Steuern und Abgaben) entzieht sich Ihrem Einfluss. Doch für den Rest sind Sie verantwortlich.

Gerade Menschen mit Einkommen unter dem statistischen Durchschnitt benötigen eine fundierte Finanzplanung, da sich hier finanzielle Fehlentscheidungen sehr nachhaltig auswirken und nicht so leicht korrigiert werden können.

Liquiditätsplanung geht vor Finanzplanung

Die Liquiditätsplanung ist ein Teil der Finanzplanung und dient dazu, die Zahlungsfähigkeit zu erhalten. Nur wenn diese nachhaltig gewährleistet ist, macht es Sinn, eine zukunftsorientierte Finanzplanung zu beginnen.

Wer regelmäßig und für längere Zeit seinen Dispo in Anspruch nimmt bzw. nehmen muss, wer regelmäßig Konsumgüter auf Kredit kauft, sollte vorerst nicht über seine Altersvorsorge nachdenken, sondern seine Einnahmesituation mit seinem Ausgabeverhalten abgleichen. Stehen nach der Befriedigung der Grundbedürfnisse (Miete, Ernährung, Kleidung …) und dem Aufbau von Notreserven keine weiteren Mittel zur Verfügung, sollten keine Altersvorsorgeprodukte abgeschlossen werden, egal wie stark sie auch staatlich gefördert und politisch als auch medial gefordert werden. Die Wahrscheinlichkeit eines finanziellen Scheiterns wäre vorprogrammiert.

Grenzen der Privaten Finanzplanung

Kein Leben ist so stetig und planbar, kein Ereignis und keine Annahme so kalkulierbar, als dass es in einer Finanzplanung zu 100% erfasst werden könnte.

Ein Leben kann man nicht in Zahlen fassen.

Dennoch ist eine Finanzplanung sinnvoll. Sie gibt Orientierung, Halt und rationelle Hilfestellung in einem immer unstetigeren Leben, in denen Menschen von allen Seiten durch gezielte Emotionen zu finanziellen Entscheidungen verleitet werden, deren Tragweite sie oft nicht überschauen.

Ein Finanzplan ist nur so aussagekräftig und vollständig wie das Zahlenmaterial, welches für die Erstellung verwendet wurde. Rückkaufswerte von Versicherungen und der Wert von Sachvermögen unterliegen normalen Wert- und Kursschwankungen. Insbesondere können Veränderung im Einnahmen- und Ausgabenbereich, in der Inflationsrate und in der Preissteigerung zu weit reichenden Verschiebungen in der Liquiditäts- und Vermögensentwicklung führen.

Die Private Finanzplanung ist somit ein dynamischer Prozess. Mindestens alle zwei Jahre sollte die Finanzplanung auf den Prüfstand gestellt und aktualisiert werden. Jede in der Vergangenheit umgesetzte finanzielle Entscheidung sollte regelmäßig hinterfragt und zukunftsorientiert neu bewertet werden.

Es wird sie immer geben.

Die Weltenbummler, die einfach mal so losreisen. Die Gläubigen, die stets daran glauben, dass alles schon irgendwie funktionieren und jemand sie im Notfall auffangen wird. Die (Selbst-)Zweifler, die alles in Frage stellen, die niemandem glauben und lieber nichts unternehmen, als möglicherweise einen Fehler zu machen.

Finanzplanung ist letztendlich der Versuch, die eigene Lebensphilosophie und Erwartung mit der Realität in Einklang zu bringen und finanzielle Ziele gezielt und kontrolliert in Angriff zu nehmen.

Sie sollte Basis für jede in die Zukunft gerichtete finanzielle Entscheidung sein.

Vielleicht stellt sich sogar heraus, dass das Taj Mahal gar nicht Ihr Ziel ist oder sein kann/darf, Sie gar andere Träume haben, die viel wichtiger für Sie sind?

Eine gut gemachte Finanzplanung kostet Geld. Keine Finanzplanung kann jedoch Ihr Vermögen und im schlimmsten Fall Ihre Träume kosten.

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