Am 24. Dezember 1947 war es nach einigen wärmeren Tagen wieder kalt geworden, und der Feuerlöschteich im Barackenlager war zugefroren. Fraglich, ob die Eisdecke trug, die zum Schlittschuhlaufen verlockte. Von einem Mitschüler hatte ich ein paar verrostete alte Schövel, die mit Riemen an den Schuhen befestigt werden mussten, gegen ein Bajonett eingetauscht, das ich im Graben hinter der Baracke gefunden hatte.
Aber mein Vater, der morgens eine kleine Tanne vom Förster geholt und sich den Teich angesehen hatte, verbot mir, die Eisfläche zu betreten. Beim Mittagessen, das nur aus zwei dünn mit Griebenschmalz bestrichenen Schnitten bestand, erzählte er von einem Vorfall während des Krieges, wohl um sein Verbot zu begründen.
Er war seinerzeit als Soldat in einer kleinen russischen Stadt am Rande eines Sees stationiert, und am Weihnachtstag wurden minus 25 Grad Celsius gemessen. Der See war so fest zugefroren, dass Autos darauf fahren konnten. Da es keine Feindberührung gab, hatten sich die Soldaten Schlittschuhe besorgt, requiriert, wie es hieß, und zwei Mannschaften gebildet, die gegeneinander Hockey spielten.
Für ein paar Stunden war der Krieg mit seinen Schrecken weit weg, und die Männer konnten sich so richtig austoben. Aber in ihrem Überschwang waren sie leichtsinnig geworden, sie hatten übersehen, dass es in Ufernähe eine Stelle gab, wo eine warme Quelle entsprang, die das Eis brüchig machte.
Es kam, wie es kommen musste: Ein Hockeyspieler war eingebrochen und drohte zu ertrinken. Als ihm einer der Kameraden zu Hilfe eilte, brach auch er ein und beide Männer ertranken – eine eher kleine Tragödie am Rande des großen Krieges, dem Millionen zum Opfer fielen.
Mir ging diese Geschichte zu Herzen, sie beschäftigte mich noch den ganzen Nachmittag. Die Schmalzschnitten waren schnell gegessen und eine Vesper gab es nicht, denn bei uns war immer noch Schmalhans Küchenmeister. Erst abends, am Heiligen Abend, sollte es eine nahrhafte Kartoffelsuppe geben, wie meine Mutter ankündigte.
Bis dahin ging ich hinaus an die frische Winterluft, und trotz der Warnung meines Vaters zog es mich unwiderstehlich an den Teich. Es dämmerte bereits, als ich einen Jungen sah, der völlig unbefangen auf der Eisfläche Schlittschuh lief. Ich wollte ihn warnen, aber da war es bereits zu spät. Das Eis gab plötzlich unter ihm nach und er versank.
Mich durchfuhr ein heftiger Schreck. Es war Rudi, ein Nachbarsjunge, der eingebrochen war, das hatte ich noch wahrgenommen. Rasch lief ich zum Teich, um zu helfen, doch von Rudi war nichts mehr zu sehen. Was konnte ich tun? Ich rief laut um Hilfe, doch niemand hörte mich.
Gerade wollte ich zurücklaufen, um meinen Vater zu holen, da tauchte Rudi zwischen den Eisschollen wieder auf. Er schnappte nach Luft, ächzte und schlug wild um sich, so dass immer mehr Eis zerbrach. Ohne lange zu überlegen, legte ich mich lang auf die Eisfläche und hielt Rudi meine Hand hin, die er ergriff und umklammerte. Es gelang mir, ihn ans Ufer zu ziehen, wo er am ganzen Leib zitternd liegen blieb. „Ist ja nochmal gut gegangen“, versuchte ich, ihn zu beruhigen. Er blickte mich aus großen Augen an, besann sich, murmelte unverständliche Worte und stand auf. Da brachte ich ihn schnell nach Hause, selber noch etwas zitterig.
Der Heilige Abend war gekommen und wir schmückten den Weihnachtsbaum mit ein paar Kerzen, Lametta und Engelshaar. Zum Abendessen gab es die versprochene Kartoffelsuppe, die köstlich schmeckte und den größten Hunger stillte. Anschließend wurden die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet, der wunderschön war, und wir packten die Geschenke aus, ohne die es zu Weihnachten auch in dieser dunklen Zeit nicht ging. Mein Vater bekam ein Paar selbstgestrickte Socken, ich das schon lange begehrte Taschenmesser und meine Mutter von meinem Vater einen schönen Wollschal, von mir einen geschnitzten Brieföffner.
Meine Mutter hatte Kamillentee zubereitet und gerade vorgeschlagen, das Weihnachtslied „Es kommt ein Schiff geladen …“ anzustimmen, da klopfte es an der Tür. „Nanu, wer kann denn das noch sein?“, wunderte sich mein Vater. Als er öffnete, stand da Rudis Mutter, Frau Hoffmann. „Ich will nicht stören“, sagte sie. „Ich möchte mich bei Ihrem Sohn dafür bedanken, dass er Rudi gerettet hat.“ Sie drückte meinem verdutzten Vater ein schweres Päckchen in die Hand, winkte mir zu und verschwand wie ein Spuk in der Dunkelheit, ehe mein Vater etwas erwidern konnte.
„Was war denn das?“, wunderte sich mein Vater. „Sag mal“, wandte er sich mir zu, „wofür will sich denn Frau Hoffman bei dir bedanken?“
Mir war das peinlich, und ich druckste herum. „Ach, ich weiß auch nicht“, stotterte ich. „Es ist nichts Besonderes, Rudi ist auf dem Feuerlöschteich ins Eis eingebrochen und ich habe ihm geholfen.“
Während wir das Päckchen von allen Seiten begutachteten, musste ich nun doch genau erzählen, was geschehen war. „Aber ich hatte dir doch verboten, das Eis zu betreten“, regte sich mein Vater auf. Aber meine Mutter beruhigte ihn und meinte: „Das war doch eine gute Tat, noch dazu am Weihnachtstag.“
„Nun gut“, lenkte mein Vater schließlich ein und wickelte den Inhalt des Päckchens aus. Zum Vorschein kam ein Huhn, gerupft und ausgenommen, bratfertig. „So eine Überraschung“, freute sich meine Mutter. „Ich hatte mir schon den Kopf zerbrochen, was wir morgen essen könnten, denn außer Kartoffeln, etwas Schmalz und einer Dose Gemüse ist nichts mehr im Haus.“ Und sie fügte lächelnd hinzu: „Vielleicht war es das Christkind, das als Frau Hoffmann zu uns gekommen ist.“
Die Eltern vermuteten, dass es sich bei dem geschenkten Huhn um das Weihnachtsessen von Hoffmanns handelte. Deswegen luden sie die Familie am nächsten Tag zu uns zum Essen ein. Hoffmanns, denen es wirtschaftlich schon etwas besser als uns ging, brachten noch einen Kuchen mit, wir hatten es warm und zu essen, wir feierten zusammen Weihnachten. Mit Rudi, der an diesem Abend sehr schweigsam war, verbindet mich seither eine bis in die Gegenwart andauernde Freundschaft.
Der Schriftsteller und Publizist Wolfgang Bittner ist Autor zahlreicher Bücher, darunter der Roman „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“, Verlag zeitgeist 2019. Siehe auch https://wolfgangbittner.de







Kommentare
Danke für die Geschichte und frohe Weihnachten!