Lesen die Schlagzeilenschreiber des Wall Street Journals eigentlich ihre eigene Zeitung? Am Wochenende des Tags der Arbeit (Labor Day) las sich die Titelschlagzeile des Journals wie folgt: „Niedriges Einkommenswachstum große Herausforderung für die Fed“. Trotz einer angeblichen Arbeitslosenquote von gerade einmal 4,4%, was Vollbeschäftigung in unserem Land suggerieren würde, kommt es in dem so wichtigen Sektor der Reallohnentwicklung zu keinem Einkommenswachstum.

Eigentlich müsste die offizielle Beschäftigungsquote doch zu Wachstum führen!?

Die Titelschlagzeile des Wall Street Journals machte korrekterweise darauf aufmerksam, dass eine Ökonomie unter Berücksichtigung des Vollbeschäftigungsfaktors deutlich wachsen müsste. Doch aus dem mangelnden Einkommenswachstum, gepaart mit einer zu niedrigen Inflation, leite sich „ein Puzzle ab, das die geldpolitischen Entscheidungen der Federal Reserve komplizieren wird“.

Auf der redaktionellen Seite selbst, unter der Überschrift „Brief an die Herausgeber“, machte Professor Tony Lima von Kaliforniens State University darauf aufmerksam, was ich meinen Lesern nunmehr seit vielen Jahren zu erklären versuche:

Jugendarbeitslosigkeit und Alters-Teilzeit

„Die Partizipationsquote zur US-Erwerbsbevölkerung verharrt auf historisch niedrigem Niveau. Ein großer Teil dieses Abschwungs lässt sich in der Altersgruppe der 18- bis 34-jährigen beobachten, während die Partizipationsquote unter der Altersgruppe der über 55-jährigen zuletzt angestiegen ist.“

Professor Lima weist darauf hin, dass es weitere Anzeichen dafür gäbe, laut der Amerikas Beschäftigungssituation unter keinem guten Stern stünde. Dazu zähle vor allem die Tatsache, dass eine immer größerer Anzahl der Arbeitssuchenden nur noch im Teilzeitsektor eine Beschäftigung findet, was mit zu niedrigen Einkommen sowie einem Mangel an sozialer Absicherung wie Gesundheitsvorsorge einherginge.

Fachkräfte angeblich händeringend gesucht

Gleich rechts neben diesem Essay findet sich im Wall Street Journal ein redaktioneller Bericht, verfasst durch jemanden, der weder die eigene Titelstory noch das Essay des Professors gelesen zu haben scheint. Denn der redaktionelle Bericht kommt wie folgt daher: „Größtes Problem, das sich zum diesjährigen Tag der Arbeit eingestellt hat, ist, dass immer mehr US-Arbeitgeber sich nicht dazu in der Lage sehen, qualifizierte Arbeitnehmer im ganzen Land einzustellen.“

Und so gelangen die redaktionellen Journalisten des Wall Street Journals zu dem Schluss, dass die Lösung für diese angebliche Knappheit an heimischen Arbeitskräften in dem jüngst durch den republikanischen Senator Ron Johnson aus dem Bundesstaat Wisconsin ins Spiel gebrachten Vorschlag, Amerikas Bundesstaaten die Erlaubnis zu erteilen, weitere 500.000 Arbeitserlaubnisse unter ausländischen Arbeitskräften zu verteilen, fußen könnte.

Widersprüche über Widersprüche

In jenen Tagen, in denen ich noch Mitherausgeber und Kolumnist des Wall Street Journals gewesen bin, wären Fragen aufgeworfen worden, die diesen redaktionellen Beitrag über den Haufen geworfen hätten. Hier ein Beispiel: Wie kann es zu einer Knappheit an Arbeitskräften kommen, wenn sich in keiner Weise ein Aufwärtsdruck auf Löhne und Gehälter in Amerikas Wirtschaft einstellen will?

An Arbeitsmärkten, die eine Knappheit an Arbeitskräften aufweisen, steigen Löhne und Gehälter, da Arbeitgeber um eine Einstellung von qualifizierten Arbeitskräften konkurrieren. Hier ein weiteres Beispiel: Besteht tatsächlich eine Knappheit an Arbeitskräften, wenn sich die Partizipationsquote an der heimischen Erwerbsbevölkerung auf einem historisch niedrigen Niveau befindet?

Wenn ausreichend Arbeitsplätze angeboten werden, steigt die Partizipationsquote an der Erwerbsbevölkerung, da mehr und mehr Menschen der Erwerbsbevölkerung angehören und hinzugerechnet werden, um ihren Jobs nachzugehen.

Die Jugend kann sich kein Leben aufbauen, die Alten von den Ersparnissen nicht leben

Ich hatte in der Vergangenheit zu einer Vielzahl von Gelegenheiten darüber berichtet, dass – auf Basis von Fed-Studien – eine immer größere Anzahl von Amerikanern im Alter zwischen 24 und 34 Jahren noch immer unter dem elterlichen Dach lebt. Von Unabhängigkeit und dem Beschreiten eines eigenen Lebenswegs kann somit keine Rede sein.

Ferner lässt sich feststellen, dass es in übergroßem Maße exakt jene Mitglieder der Altersgruppe 55+ sind, die mittlerweile Teilzeitarbeitsplätze zu Hauf ausüben. Warum ist dies so? Die Antwort auf diese Frage lautet: Teilzeitarbeitsplätze erweisen sich finanziell nicht als lukrativ genug, um eine unabhängige Lebensexistenz zu gewährleisten.

Gleichzeitig zwingt die fast über eine Dekade anhaltende Nullzinspolitik der Federal Reserve Pensionäre und Rentner dazu, abermals in die Erwerbsbevölkerung einzutreten, da deren Lebensersparnisse kaum oder keine Zinsen mehr abwerfen. Es sind mittlerweile nicht mehr nur die Industriejobs der klassischen Mittelklasse, die in überseeische Länder ausgelagert worden sind, um Arbeitskosten in der Heimat einzusparen und die Unternehmensgewinne und Dividendenauszahlungen an Aktionäre zu maximieren.

Auch qualifizierte Arbeitskräfte betroffen

Vielmehr ist längst auch schon jener Bereich des Arbeitsmarktes durch diese Entwicklung eingeholt worden,  dessen Arbeitnehmer über professionelle und qualifizierte Kenntnisse zum Verrichten ihrer Tätigkeit verfügen müssen. Dazu gehören unter anderem Softwareingenieure, Designer, Buchhalter und IT-Mitarbeiter. Vor allem in diesen Bereichen handelt es sich um Jobs, von deren Ergattern qualifiziert ausgebildete Amerikaner einst einmal die Hoffnung hegten, ihre ehedem aufgenommenen Studentenkredite zurückzubezahlen.

Wer sich den redaktionellen Beitrag des Wall Street Journals durchliest, gewinnt den Eindruck, als ob viele junge Amerikaner nicht der Erwerbsbevölkerung angehörten, weil sie abhängig von Drogen sind, eine körperliche Behinderung haben oder weil sie über eine armselige Ausbildung verfügen.

Wie dem auch sei, im ganzen Land gibt es zahlreiche Universitätsabsolventen mit einer qualifizierten Ausbildung, die sich kaum oder überhaupt nicht dazu in der Lage sehen, einen Arbeitsplatz zu finden, weil diese Jobs schlichtweg nach Übersee ausgelagert wurden. Um diese Krise zu verschärfen, pocht ein republikanischer Senator aus dem Bundestaat Wisconsin darauf,  noch mehr ausländische Arbeitskräfte in unsere Heimat zu holen und die Ausstellung von Arbeitserlaubnissen zu beschleunigen, um die US-Einkommen noch weiter zu senken.

Ausbeutung zugunsten von Boni und Dividenden

Kein Amerikaner könnte auf Basis von diesen geforderten Löhnen überleben. Eine Schande ist aus meiner Sicht, dass die redaktionellen Berichtsverfasser des Wall Street Journals solche Forderungen auch noch gutheißen!  Ausländische Arbeitskräfte, die sich auf Basis einer US-Arbeitserlaubnis im Land befinden, wird ein Drittel weniger Lohn gezahlt als heimischen Arbeitskräften.

Nicht selten leben diese ausländischen Arbeitnehmer zusammengepfercht in Gruppen in speziell dafür bereit gestellten Quartieren. Darüber hinaus verfügen sie kaum über irgendwelche Arbeitnehmerechte. Sie werden ausgebeutet, damit sich Firmenvorstände am Ende des Jahres einen noch höheren Bonus auszahlen können als im Vorjahr oder ihre Dividende an die Aktionäre in Relation zum Vorjahr nochmals anzuheben.

Oligarchie hält sich nicht an Wahlergebnisse

Ich bin selbst Zeuge dieser Entwicklungen geworden und habe darüber ausführlich in meinen Buch The Failure of Laissez Faire Capitalism (Clarity Press, 2013) berichtet. Als Trump sagte, er würde diese ins Ausland ausgelagerten Arbeitsplätze in die Heimat zurückholen, fand er auf diese Forderung ein breites Echo in der amerikanischen Öffentlichkeit.

Doch selbstverständlich wird man ihm Knüppel aller Art zwischen die Beine werfen, um diese Forderung ins Leere laufen zu lassen. Ebenso wenig wird man Trump erlauben, die bilateralen Beziehungen der USA zu Russland zu normalisieren.

Denn die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika wird nicht durch die breite amerikanische Öffentlichkeit kontrolliert. Vielmehr befindet sich unsere Regierung in den tiefen Taschen einer kleinen, jedoch finanziell mächtigen und herrschenden Oligarchie. Die Ausübung von oligarchischer Macht hält sich nicht an die Ergebnisse allgemeiner Wahlen.

Das moderne Sklaventum

Vielmehr treten die Amerikaner in eine Welt der Sklaverei ein, die ernsthafter ist als alles andere, was zuvor existierte. Ohne ausreichende Arbeitsplätze und stets abhängig von ihren Vorgesetzten, auf denen die falschen Hoffnungen beruhen, finanziell in wenig mehr nach unten durch zu reichen, erleben weite Teile der Arbeitnehmer, dass ihnen einst vollkommen normale Leistungen immer stärker gekürzt werden.

Hinzu gesellt sich die Tatsache, dass der Einzelne in der Gesellschaft über keine Stimme verfügt, von politischer Repräsentation kann im bestehenden System schon gar keine Rede sein. Amerikaner – mit Ausnahme des obersten 1 % an der Gesellschaftsspitze – entwickeln sich historisch betrachtet langsam aber sicher zu den am meisten versklavten Menschen.

Und so setzt sich die Schuldenaufnahme unter Amerikas Bevölkerung nahtlos fort, was einen immer größeren Teil dieser Bevölkerung in Schuldsklaven verwandelt. Viele unter ihnen sehen sich ohnehin schon nur noch dazu in der Lage, Minimumzahlungen in Bezug auf deren Kreditkarten zu leisten, was dazu führt, dass noch mehr Schulden aufgenommen werden.

US-Wirtschaft nachhaltig geschädigt – keine Rettung in Sicht

Die geldpolitischen Entscheidung der Federal Reserve haben die Preise an den Finanz- und Vermögensmärkten unterdessen explodieren lassen. Resultat ist, dass der Großteil unserer Bevölkerung über kaum ein frei verfügbares Einkommen mehr verfügt. All jene, die sich momentan im Besitz von Finanzvermögenswerten befinden, sind auf dem Papier wohlhabend – viele wahrscheinlich nur solange, bis sich die Bewertungen erneut an die realen Gegebenheiten anpassen werden.

Als Ökonom fällt es mir schwer, irgendeine Zeit in unserer Landesgeschichte auszumachen, in der unsere staatlichen und geldpolitischen Angelegenheiten auf eine derart desaströse Weise gehandhabt worden sind. Gleichzeitig ist der wirtschaftliche Ausblick derart gefährdet, da es kaum eine Wirtschaft in der Welt zu geben scheint, die so nachhaltig geschädigt ist wie jene der Vereinigten Staaten von Amerika.

Da frei verfügbare Einkommen sich unter immer mehr Amerikanern in Luft auflösen, während die Privatverschuldung immer schwindelerregendere Höhen erreicht, geht die kumulierte Nachfrage in die Knie, womit kaum mehr etwas übrig bleibt, was unsere Ökonomie langfristig noch ankurbeln könnte.

In der Abwärtsspirale – Vom Industrie- zum Schwellenland

Was wir über die vergangenen Jahre in den Vereinigten Staaten beobachten konnten ist ein Prozess, auf Basis dessen das erste Industrieland sich in Richtung eines Entwicklungslandes zurück entwickelt. Wer derart bereitwillig und fahrlässig dazu bereit ist, seine Industrie, das Produktionswesen per se sowie qualifizierte Arbeitsplätze aufzugeben, muss sich darüber gewiss nicht wundern.

Amerikas Arbeitnehmerschaft weist längst schon Anzeichen auf, die auf jene Arbeitnehmer in den Ländern der Dritten Welt und Schwellenländern zutreffen. Dazu gehören Niedriglöhne im heimischen Dienstleistungssektor und eine Aufgabe von hochproduktiven und gut bezahlten Arbeitsplätzen.

Ursprüngliche Antwort auf diese Entwicklung war, Ehefrauen und Töchter verstärkt in die Erwerbsbevölkerung zu integrieren, doch wie sich heute zeigt, sinken nicht selten selbst die Lebensstandards unter vielen Familien, die über zwei Ernährer verfügen. Gerade von der Universität abgehende Collegeabsolventen sehen sich in vielen Fällen einer astronomischen Verschuldung gleich zu Beginn ihres Berufslebens ausgesetzt.

Doch es gibt in Amerikas Wirtschaft viel zu wenige Arbeitsplätze, mittels denen angehende Arbeitnehmer dazu in der Lage wären, genügend Einkommen zu generieren, um die während des Studiums angehäuften Schulden abzubezahlen. Amerika befindet sich in einer sich immer schneller drehenden Spirale dieser Rückwärtsrolle.

Eine Maschinensteuer muss her – doch hierüber wird gar nicht nachgedacht

Denn Roboter übernehmen nun mehr und mehr Tätigkeiten, womit es zu einer rasanten Ausradierung von Arbeitsplätzen kommt. Immer mehr Arbeitnehmer sehen sich dadurch aus dem aktiven Wirtschaftsleben gedrängt. Doch Roboter kaufen keine Immobilien, Möbel, Ausrüstungsgüter, Fahrzeuge, Kleidung, Lebensmittel, Unterhaltungsartikel, Medienservices, usw.

Solange Roboter durch die Politik nicht mit einer Einkommenssteuer belegt werden, wird die zukünftige Finanzierung der Sozialversicherung und Gesundheitsvorsorgeprogrammen wie Medicair zusammenbrechen. Und dort angekommen, wird es weiter abwärts gehen.

Die Verbraucherausgaben reduzieren sich immer mehr stärker, womit sich die Frage danach stellt, wer die Vielzahl an tagtäglich durch Roboter produzierten Gütern und Dienstleistungen in der Zukunft eigentlich noch kaufen soll?

Dass über derart wichtige Fragen in der öffentlichen Debatte kaum oder überhaupt nicht diskutiert wird, zeigt, dass die Vereinigten Staaten von Amerika nicht von ihrem einstmals eingeschlagenen Weg der De-Industrialisierung und der Einstampfung des heimischen Produktionswesens abweichen werden. Mit allen Folgen, die diese Entwicklung nach sich ziehen wird.

Gastbeitrag für CK*Wirtschaftsfacts / © 2017 Dr. Paul Craig Roberts / Institute for Political Economy

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