Taiwan rückt dabei langsam, aber sicher in einen neuen Mittelpunkt. Nicht, dass es die Zone erhöhter Aufmerksamkeit jemals verlassen haben würde. Aber, nach der einvernehmlich Übertragung der Souveränität über Hongkong von der britischen Kolonialherrschaft auf das Heimatland China, wurde in der Straße von Taiwan die Konfrontation durch Zusammenarbeit zwischen Taiwan und dem Festland abgelöst.

Dort, wo sich die Werkbank der Welt befindet, im Hafengebiet von Shanghai nämlich, sind die Auswirkungen unübersehbar. Das, was industriell auf Taiwan Rang und Namen hat, fertigt in Shanghai und entlang der chinesischen Küste. Diese Entwicklung war möglich und führte nicht nur zu einem Touristenstrom über die Straße von Taiwan, weil mit der Rückübertragung von Hongkong alle beteiligten Seiten auf das chinesische Prinzip von „ein Land, zwei Systeme“ gesetzt hatten.

Das war in den Augen Pekings die einzige politische Möglichkeit, ungeklärte Fragen einer konstruktiven Lösung zuzuführen und diese nicht rumgären zu lassen. Wenn man nur an die in die taiwanesischen Felsen hineingehauenen Flugfelder zwecks Nutzung durch die Siebte US-Flotte denkt, bekommt man eine Vorstellung von der Krawall-und Konfliktdimension dieser Region.

In den Neunzigern wurden die Weichen auf Konfrontation gestellt

„Ein Land, zwei Systeme“ bedingte allerdings, das gemeinsam gefundene Dach unter der Souveränität Chinas zu respektieren. Es war gerade nicht im Mittelpunkt der hiesigen Berichterstattung in den „Bündnis-Medien“, über die lauten Rufe aus Hongkong nach Unabhängigkeit für Hongkong zu berichten.

Bis heute steht im Mittelpunkt der Berichterstattung die Führung in Peking, die den Hongkonger Bürgern die Vorteile der Vereinbarung mit London nicht gönnt und diese den Menschen abnehmen will. Der Umstand, dass mit dem Ruf nach Unabhängigkeit die Axt an die Rückgabe Hongkongs an China gelegt wurde, wurde schamhaft verschwiegen.

Dieser Ruf nach Unabhängigkeit, gesteuert nach den üblichen Modellen, traf die entspannte Lage zwischen Taipeh und Peking ins Mark und sollte das auch. Statt: „ein Land China und zwei Systeme in Festlandschina und Taiwan“ drohte mit den Rufen auf Hongkongs Straßen nach Unabhängigkeit diese Unabhängigkeit für Taiwan.

Die Rufe aus Hongkongs Straßen nach Unabhängigkeit sind der Todesstoß für „ein Land, zwei Systeme“. Mit der Weigerung der Vereinigten Staaten, in den neunziger Jahren der „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Asien“ - der späteren „Shanghai Cooperation Organisation“ - beizutreten, war die Richtung für den weiteren Weg Washingtons klar. Statt Kooperation sollte Konfrontation die Zukunft bestimmen. In Alaska werden vermutlich nur noch die Modalitäten für den „Krieg mit Stäbchen“ festgelegt.

Willy Wimmer, 11. März 2021