Eine rapide voranschreitende Technologieentwicklung bietet einen Ausweg, wie deren Protagonisten sich sicher sind. Die Befürworter pochen darauf, dass Automatisierung, Roboterisierung und Künstliche Intelligenz (KI) unser ökonomisches System schon bald in weitaus produktivere Sphären katapultieren werden.

Diese Vordenker zeigen sich überzeugt, dass dem globalen Bruttoinlandsprodukt auf diese Weise bis zum Jahr 2030 zusätzliche $16 Billionen hinzugefügt werden. Darüber hinaus sehen deren aktuelle Prognosen einen Abbau von 40 bis 50 Prozent aller Mitarbeiter weltweit aufgrund einer voranschreitenden Automatisierung im Zeitraum der nächsten 15 bis 20 Jahre vor.

Dieser gewaltige Mitarbeiterabbau beschränkt sich nicht auf das LKW- und Speditionswesen, das Taxigewerbe oder das Produktions- und Konstruktionswesen. Auch Büroarbeitsplätze im Rechtswesen, dem Finanzwesen, dem Gesundheitswesen und dem Bilanzwesen müssen unter Berücksichtigung dieser Prognose miteinbezogen werden.

Was wird aus Rechtsanwälten und vielen anderen bislang angesehenen Berufszweigen? Wir sind weniger stark davon überzeugt, dass die Automatisierung mit einer derart hohen Geschwindigkeit wie derzeit prognostiziert voranschreiten wird. Doch lassen wir für diesen Moment einmal alle Annahmen und Vermutungen beiseite, um uns der entscheidenden Frage zuzuwenden.

Was wird geschehen, wenn die Gehirne von Robotern und Maschinen erst einmal so weit fortgeschritten sein werden, um alle durch Menschen verrichtete Arbeit ausführen zu können? Der Ökonom Joseph Schumpeter (1883–1950) machte in diesem Sinne den Begriff der „kreativen Zerstörung“ in der breiten Öffentlichkeit bekannt.

Aus Sicht Schumpeters handelte es sich im Fall des Kapitalismus um einen immerwährenden Sturm der kreativen Zerstörung. Der Kapitalismus fegt alles Traditionelle und Ineffiziente hinfort. Es wird Platz gemacht für Neues und Verbessertes. Aufgrund des immerwährenden Sturms des Kapitalismus leben die heutigen Leibeigenen ein besseres Leben als Könige in der Vergangenheit.

Der für das Cato Institute arbeitende Ökonom Richard Rahn erklärt die Dinge wie folgt:

Der durchschnittliche Niedrigeinkommensamerikaner, der $25.000 pro Jahr verdient, lebt in einem Heim, das mit Klimaanlage, einem Farbfernsehgerät und einem Geschirrspüler ausgestattet ist, verfügt darüber hinaus über ein eigenes Fahrzeug und nimmt aufgrund des immensen Lebensmittelangebots mehr Kalorien zu sich, als er sollte. Louis XIV. lebte hingegen in permanenter Angst an Pocken und vielen anderen Krankheiten zu sterben, die sich heutzutage leichterdings durch eine Verabreichung von Antibiotika heilen lassen. Sein Schloss in Versailles umfasste 700 Räume ohne eine einzige Toilette, was dazu führte, dass er nur sehr selten badete. Es gab in diesem Palast auch keine Zentralheizung oder Klimaanlagen.

Allein hierin spiegelt sich der Fortschritt. Alles nur deshalb, weil der immerwährende und kreative Sturm des Kapitalismus alles andere hinfort fegte. Die augenscheinlichen Vorteile des Kapitalismus führen dazu, warum sich die meisten Beobachter immerfort auf dessen „kreative“ Seite fokussieren. Doch wie verhält es sich mit der nicht minder wichtigen Seite der „Zerstörung“?

Innovation und Technologiefortschritte haben es Menschen stets ermöglicht, neue Quellen der produktiven Beschäftigung zu erschließen. Im 19. Jahrhundert lebende Bauern wurden im 20. Jahrhundert zu klassischen Fabrikarbeitern. Im 21. Jahrhundert entwickelten sich diese Menschen zu Computerprogrammierern weiter. Doch ein omnipotenter Roboter würde sehr wahrscheinlich das Ende der menschlichen Beschäftigung einläuten.

Ein Roboter-Wüstling, der eine Niete selbständig zu fixieren weiß, ist eine Sache. Doch ein genialer Roboter, das alles tun kann, wozu sich auch ein Mensch – unter Umständen gar noch besser als dieser – in der Lage sieht, ist eine andere Sache. Ein solcher Roboter würde die Fähigkeit und Geschicklichkeit von Menschen auf jene Weise übertreffen, wie der Mensch das Tier auf der Weide übertrifft.

Ein Aristoteles, da Vinci oder Einstein würden daneben wie Einfaltspinsel aussehen. Welche Fähigkeiten könnte der Mensch über seine Gott gegebenen Fähigkeiten hinaus entwickeln? Ein Roboter mit einem IQ von 900 würde den antiken Denkern gewiss in nichts nachstehen, meinen Sie. Doch ein solcher Roboter wüsste noch immer keine Schönheit oder Ästhetik zu schätzen. Ein Roboter könnte sie auch nicht zum Ausdruck bringen.

Der Roboter verfügt zwar über ein Gehirn - aber über keine Seele. Das Reich der Kunst wird also allein Metier des Menschen bleiben. Nun, stellen Sie sich einmal Aiva vor... Im Fall von Aiva handelt es sich um einen computergestützten Komponisten. Programmierer stopften Aiva mit Stücken von Bach, Beethoven, Mozart und anderen Stars der klassischen Musik voll.

Basierend auf den verabreichten Stücken schaffte es Aiva, sich das Komponieren von eigenen Musikstücken selbst beizubringen. Aivas komponierte Musikstücke lassen sich in keiner Weise von menschlich komponierten (und professionellen) Musikstücken unterscheiden. Aivas komponierte Stücke wurden inzwischen als Soundtracks für Kinofilme, Werbeclips und Computerspiele verwendet.

Wird der nächste Mozart ein Computer sein? Nicht einmal die älteste Profession der Welt sieht sich dazu in der Lage, sich dem Wettbewerb durch Roboter zu entziehen. Lassen wir es hiermit gut sein.

Ferner bringt Schumpeters kreativ-zerstörerischer Sturm die soziale Gliederung zum Einsturz. Denn der Kapitalismus fegt alteingesessene Traditionen hinweg. Der Kapitalismus entwurzelt ganze Kommunen. Menschen werden im kapitalistischen Sog der immerwährenden sozialen und technologischen Veränderungen verschlungen.

Innerhalb von nur einer Generation wurde die jahrhundertealte Bauerngemeinschaft zu einer Fabrikarbeiterschaft am Fließband im Einklang mit der Stechuhr gemacht. Eine Generation später gehen in den westlichen Fabriken die Produktionslichter aus, da der Prozess der kreativen Zerstörung die angestammten Arbeitsplätze nach China auslagert…oder nach Vietnam….oder dorthin, wo Arbeitskräfte am billigsten sind.

Amerikaner müssen sich diesem Prozess hingegen anpassen, um mit ihren Familien dort hinzuziehen, wo die Jobs sind, wodurch sich die Bande des kommunalen Zusammenlebens auflöst. Fortschrittliche Technologie macht die heutigen Arbeitsplätze von morgen obsolet. Nicht alle sehen sich dazu in der Lage, sich permanent an diese Prozesse anzupassen.

Viele können nicht mehr folgen, gehen bankrott und verarmen. Ist es erst einmal so weit, ist es nahezu eine Unmöglichkeit, wieder zum Rest aufzuschließen. Der stetige Strom des Fortschritts reißt nicht ab, wie es nun einmal seinem Naturell entspricht. Und ja, es muss so sein. Lehnen Sie Fortschritt ab?

Sollte dem so sein, müssen Sie den Erfinder des Rads für einen kolossalen Schurken halten. Wer der Gerechtigkeit genüge tun wollte, müsste Ford gewünscht haben, selbst unter eines seiner Autos zu geraten, während Franklin in einem elektrischen Stuhl geröstet worden wäre. Wir haben eine andere Ansicht, mit allem Respekt.

Doch lassen Sie uns abschließend zumindest erkennen, dass der stets anhaltende Strom des Fortschritts hin und wieder auch die Menschlichkeit mit sich hinfort reißt. Nicht jede Veränderung entspricht einem Fortschritt.

Ihr,
Brian Maher

Gastbeitrag für CK*Wirtschaftsfacts / © 2019 Brian Maher / The Daily Reckoning / Agora Publishing