Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1,0746 (05:52 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1,0735 im fernöstlichen Geschäft markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 128,09. In der Folge notiert EUR-JPY bei 137,64. EUR-CHF oszilliert bei 1,0312.

Die Finanzmärkte sind weiter überwiegend Richtung leicht erhöhter Risikobereitschaft gepolt. Auch ohne den US-Markt (Feiertag) setzte sich die technische Erholung gestern an den Aktienmärkten fort. Der Ölpreis hat an Boden gewonnen. Das hing ultimativ auch mit dem partiellen Öl-Embargo der EU gegenüber Russland zusammen. Aus China erreichten uns besser als erwartete Konjunkturdaten (siehe Datenpotpourri).

Heute beschäftigen wir uns primär mit Deutschland, da in den letzten 24 Stunden bedeutende Daten und Nachrichten bezüglich unseres Landes geliefert wurden. Da Deutschland ökonomisch (noch) eine maßgebliche Rolle im westlichen Kontinentaleuropa spielt, bedient das heutige Thema mehr als nur Deutschland.

Deutschland: Schienennetz laut DB überlastet – Generalsanierung

Die Deutsche Bahn sieht sich mit den steigenden Passagier- und Frachtzahlen überfordert. Die Nachfrage treffe auf einen Rückstau bei den Investitionen ins Netz. Es brauche ein radikales Umsteuern. Die überalterte Infrastruktur könne mit dem jetzigen Baustellen-Management nicht saniert und die nötige Erweiterung der Kapazität nicht erreicht werden. Wegen der zuletzt vom Bund deutlich erhöhten Mittel für das Netz sei Geld nicht das Problem.

Kommentar: Ein Ziel der deutschen Politik ist es, private Verkehre in den öffentlichen Raum umzulenken. Die Erkenntnisse der Deutschen Bahn implizieren, dass auf absehbare Zeit das Potenzial für diese Neuausrichtung nicht gegeben ist. Was heißt das für den Standort Deutschland? Wird er attraktiver oder unattraktiver für Investitionen (Lebensbaum)?

Deutschland: Materialmangel bremst

Der Materialmangel in der deutschen Industrie hat sich laut IFO-Institut im Mai wegen der Lockdowns in China weiter verschärft. 77,2 % (zuvor 75 %) der Firmen sind von Engpässen/Problemen bei der Beschaffung von Vorprodukten und Rohstoffen betroffen. Die Störung der Logistikketten würde die Erholung verzögern. Die Schließung von Häfen in China und die Lockdowns hätten für viele Unternehmen die Situation verschlechtert. Dadurch könnten Waren nicht produziert werden oder kämen verspätet an.

Nahezu alle Schlüsselindustrien seien von Materialengpässen betroffen. Gegenwärtig leide der Maschinenbau mit 91,5 % am stärksten. In der Autoindustrie sei der Anteil mit 89,5 % nahezu unverändert geblieben. In der Chemischen Industrie sei der Anteil der betroffenen Unternehmen mit 58,7 % geringer. Bei den Herstellern von Nahrungsmitteln hätte sich die Lage entspannt (63,7 %).

Kommentar: An dieser Stelle wird erkennbar, wie vernetzt die Welt ist. Die globale Wirtschaft weist in einer grundsätzlichen Betrachtung das höchste Maß an Komplexität in der internationalen Wirtschaftsgeschichte auf. Diese realwirtschaftliche Multilateralität wird in der Finanzwirtschaft bisher nicht gespiegelt. Dort bleibt es bei einer Dominanz des westlichen Finanzsystems bei abnehmender Tendenz, da der Westen dieses Finanzsystem für politische Ziele (Sanktionen, Enteignung) losgelöst vom internationalen Regelwerk missbraucht (u.a. WTO gelähmt). Steht Deutschland auf Seiten des Unilateralisten oder der Multilateralisten? Was passt besser zum exportseitigen Geschäftsmodell der EU und Deutschlands, das für uns von existentieller Natur ist, US-Unilateralismus oder Multilateralismus?

Deutschland: Reallöhne sinken

Die nominalen Löhne stiegen laut Statistischem Bundesamt im ersten Quartal um 4,0 % im Jahresvergleich. Gleichzeitig legten die Verbraucherpreise im selben Zeitraum mit 5,8 % kräftiger zu. Daraus ergibt sich ein realer, preisbereinigter Verdienstrückgang um 1,8 %. Dieser Kaufkraftverlust in Höhe von 1,8 % ist ein Durchschnittswert. Schauen wir genauer hin.

Die Tarifverdienste sind im ersten Quartal um durchschnittlich 4,0 % gestiegen. Darin berücksichtigt sind tarifliche Grundvergütungen und durch Tarifabschlüsse festgelegte Sonderzahlungen. Sonderzahlungen haben jedoch einen Einmaleffekt. Sollte das Inflationsthema virulent bleiben, sind die Kaufkraftverluste bei zukünftigem Ausbleiben von Sonderzahlungen höher. Nachfolgend schauen wir auf unterschiedliche Branchen und erkennen, dass der Kaufkraftverlust die Beschäftigten unterschiedlich hart trifft.

Erziehung und Unterricht: Lohnzuwachs

+5,0 %

Land- und Forstwirtschaft; Fischerei:

+4,9 %

Öffentliche Verwaltung, Verteidigung; Sozialversicherung:

+4,6 %

Tarifentwicklung im Verarbeitenden Gewerbe:

+4,8 %

Baugewerbe:

+4,7 %

Energieversorgung:

+0,7 %

Finanz- und Versicherungsdienstleistungen:

+1,3 %

Wasserversorgung und Entsorgung:

+1,9 %

Ein Fazit zur Lage Deutschlands:

Der Blick zurück offenbart eine Energiewende ohne Netz, eine Bundeswehr, die nicht verteidigungsfähig ist, Großprojekte, die nicht pünktlich und nicht dem Kostenansatz entsprechend umgesetzt wurden oder werden. Der Blick auf die Gegenwart offenbart, dass die Infrastruktur den Ansprüchen national, aber auch im internationalen Vergleich nicht entspricht. Zusätzlich steht jetzt wegen der Folgen der Pandemielage, aber auch wegen der Geopolitik die Verarmung der Gesellschaft (Reallöhne) auf der Agenda. Mehr noch droht der deutschen Wirtschaft wegen des westlichen Sanktionsregimes (Verfügbarkeit und Preislichkeit der Energie) eine massive Schleifung des industriellen Standorts. Sie sehen mich sehr besorgt!

Datenpotpourri der letzten 24 Handelsstunden:

China: NBS PMIs setzen positive Akzente

Der vom staatlichen NBS ermittelte Einkaufsmanagerindex des Verarbeitenden Gewerbes stieg per Mai von zuvor 47,4 auf 49,6 Punkte. Der Index für den Dienstleistungssektor legte von zuvor 41,9 auf 47,8 Zähler zu. In der Folge stellte sich der Composite Index auf 48,4 nach zuvor 42,7 Punkten.

An den Daten ist erkennbar, dass nach den Lockdowns sukzessive eine Normalisierung in der wirtschaftlichen Entwicklung einkehrt.

Eurozone: Stimmung in Eurozone okay, Preise weit weniger (D)

Der Economic Sentiment Index konnte sich trotz der Herausforderungen aus der Ukraine-Krise per Berichtsmonat Mai von zuvor 104,9 auf 105,0 Punkte geringfügig befestigen (Prognose 104,9, Vormonatswert 104,9).

Die Verbraucherpreise Deutschlands legten laut Erstschätzung per Berichtsmonat Mai im Monatsvergleich um 0,9 % (Prognose 0,5 %) zu. Im Jahresvergleich übersetzte sich das in eine Zunahme um 7,9 % (Prognose 7,6 %) nach zuvor 7,4 %.

Italiens Erzeugerpreise verzeichneten per April einen Anstieg in Höhe von 35,3 % im Jahresvergleich nach zuvor 36,9 %. Im Monatsvergleich ergab sich eine Zunahme um 0,2 % nach zuvor 4,0 %.

Der Index des Verbrauchervertrauens Portugals fiel per Mai von zuvor -27,30 auf -32,40 und markierte den tiefsten Wert seit Juni 2020.

Der Index des Geschäftsklimas Portugals verzeichnete per Mai einen Rückgang von zuvor 2,20 (revidiert von 2,30) auf 2,00 Zähler. Das war der niedrigste Indexstand seit Januar 2022 (1,9).

Schweiz: Frühindikator deutlich schwächer

Der KOF Indikator (Frühindikator) sank per Berichtsmonat Mai von zuvor 103,0 (revidiert von 101,7) auf 96,8 Zähler (Prognose 102,3) und erreichte den schwächsten Monatswert seit Januar 2021.

Japan: Sonne und Schatten

Die Arbeitslosenrate stellte sich per Berichtsmonat April auf 2,5 % (Prognose 2,6 %) nach zuvor 2,6 %.

Die Industrieproduktion verzeichnete per April im Jahresvergleich einen Rückgang auf Monatsbasis in Höhe von 1,3 % (Prognose -0,2 %) nach zuvor 0,3 %. Im Jahresvergleich kam es zu einem Minus in Höhe von 3,3 % nach zuvor -0,8 %.

Die Einzelhandelsumsätze stiegen per April im Jahresvergleich um 2,9 % (Prognose 2,6 %) nach zuvor 0,7 %.

Der Index des Verbrauchervertrauens stieg per Mai von zuvor 33,0 auf 34,1 Zähler.

Bauaufträge nahmen per April im Jahresvergleich um 30,5 % nach zuvor -21,2 % zu.

Neubaubeginne legten per April im Jahresvergleich um 2,2 % (Prognose 3,0 %) nach zuvor 6,0 % zu.

Südkorea: Leichte Dynamikverluste in der Industrieproduktion

Die Industrieproduktion legte per April im Jahresvergleich um 3,3 % nach zuvor 3,7 % zu.

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den USD gegenüber dem EUR favorisiert. Ein Überschreiten des Widerstandsniveaus bei 1.0870 – 1.0900 neutralisiert den positiven Bias des USD.

Viel Erfolg!


Ich freue mich, Ihnen heute an dieser Stelle den Link des gemeinsames Interviews mit Markus Koch zur Verfügung stellen zu dürfen. Ich wünsche unterhaltsame Information.

Der nächste Hellmeyer Report erscheint am Freitag. Christian Buntrock und ich sind auf Tour. Wir freuen uns auf unsere Gäste in München und Düsseldorf.