Ein Interview mit dem CDU-Politiker, Willy Wimmer, über die anhaltenden Unruhen in Afghanistan

IRIB: Herr Wimmer, ich darf Sie ganz herzlich begrüßen, zu diesem Interview!

Wimmer: Guten Tag, Herr Shahrokny, guten Tag nach Teheran!

IRIB: Herr Wimmer, mit der Wahl des neuen afghanischen Präsidenten Ghani hoffte man, dass die Unruhen in diesem Land langsam zu Ende gehen. Aber das, was wir in letzter Zeit beobachten konnten,  widerlegt dieser Vorstellung. Wie bewerten Sie die Entwicklungen in Afghanistan?

Wimmer: Herr Shahrokny, man kann die Entwicklungen in Afghanistan nur mit großer Sorge sehen, und zwar nicht nur wegen der Anschläge, von denen die Welt jeden Tag erfährt. Man darf nicht vergessen, dass die Ursache für die heutige Entwicklung in der Weigerung der Vereinigten Staaten im Jahr 2003 und 2004 besteht, mit allen afghanischen Gruppen und Stämmen Frieden zu schließen. Der ehemalige afghanische Präsident Karsai hat es mir bei einem langen Gespräch mehrfach gesagt, dass 2004 diese Möglichkeit bestanden hätte. Ich habe jetzt auch von einem langjährigen Gesprächspartner aus Pakistan gehört, dass es die Möglichkeit auch schon vorher gegeben hätte. Die Vereinigten Staaten wollten und wollen aus ihren ganz spezifischen Gründen in Afghanistan keine gedeihliche Entwicklung haben und es ist auch eingetreten. Die Anwesenheit der internationalen Truppen, die ja immer noch da sind, hat dazu geführt, dass der Krieg fortgeführt wird, und dass dieses geschundene Land weiter geschunden wird.

IRIB: Sie sprachen eben an, dass die USA kein Interesse zeigten, mit den Gruppen und Stämmen in Afghanistan über eine Friedensregelung zu sprechen. Gibt es dafür eine Erklärung?

Wimmer: ja, die Erkenntnis ist uns jedenfalls schon nach Ende des Kalten Krieges gekommen. Man darf ja nicht verkennen, nach welchen Strukturmustern die Vereinigten Staaten sich in anderen Teilen der Welt engagieren. Sie nutzen die tatsächlichen oder möglichen Schwierigkeiten zwischen bestimmten Ländern aus, um ihre Truppen in einem solchen Spannungsgebiet zu stationieren. Das ist das Modell für die Stationierung amerikanischer Truppen in Europa gewesen und das müssen wir einfach zur Kenntnis nehmen. Wir hatten bei langen Gesprächen in Neu-Delhi Anfang oder Mitte der 93-er Jahre schon eine klare Vorstellung davon, dass die Vereinigten Staaten über kurz oder lang entweder nach Kaschmir oder nach Afghanistan gehen würden. Die Dinge sind alles so eingetreten. Man muss die Vereinigten Staaten darauf untersuchen, nach welchen Modellen und Methoden sie vorgehen. Vor diesem Hintergrund ist im Rücken Pakistans, Irans, neben China und im Zusammenhang mit den zentralasiatischen Republiken, und damit auch mit der Russischen Föderation ist ein ständiger Herd Afghanistans, der jedenfalls für die Weltöffentlichkeit den Eindruck erweckt, man müsse internationale Truppen auf Dauer stationiert haben. Das ist im amerikanischen Interesse und das wird so bleiben.

IRIB: Ist das Land am Hindukusch so reich, dass die USA dort militärisch intervenieren und investieren?

Wimmer: Also, mit Investitionen ist es so eine Sache! Wir haben im Zusammenhang mit den letzten Jahren gesehen, dass die Grundstückpreise in Kabul höher waren als  die in Washington. Das macht  natürlich deutlich, dass es mit den Investitionen Scheinblüten sind. Dann gibt es eine bemerkenswerte Erkenntnis, die auch mit dem ehemaligen deutschen Außenminister, Fischer, verbunden ist. Wir müssen uns einmal zurückerinnern, an den Zeitpunkt, bevor die Amerikaner nach Afghanistan einmarschiert sind. Das war ja die Zeit, als die Taliban unumschränkt herrschten. Die Taliban waren aufgrund des Drucks der Vereinten Nationen bereit, die gewaltige Opium-Produktion zu reduzieren. Sie haben spektakulär tausende von Opium-Behältern zerstört. Jeder konnte das sehen. Die Invasion der Amerikaner, der westlichen und internationalen Truppen hat dazu beigetragen, dass die Opium-Produktion in Afghanistan in unermesslicher Weise wieder gestiegen ist. Die westlichen Staaten haben  Erlöse aus Opium-Produkten  benutzt, um die Wirtschaft in Afghanistan angeblich nach vorne zu bringen. Das heißt, unverhohlener ist nirgendwo auf der Welt, der Erlös aus Opium-Einnahmen für die wirtschaftlichen Zwecke  so verwendet worden, wie das in Afghanistan der Fall gewesen ist. Das macht natürlich die gesamte westliche Politik in diesem Zusammenhang völlig unglaubwürdig.

IRIB: Einschließlich der Politik der Bundesrepublik Deutschland?

Wimmer: Ja, deswegen habe ich eben darauf aufmerksam gemacht, dass natürlich auch mit der Politik des eigenen Außenministers in dieser Zeit im hohen Maße verbunden waren. Wir haben unter den Taliban alles getan, um die Heroin-Produktion  so gering wie möglich zu halten. Nach dem Nato-Einmarsch in Afghanistan waren die deutschen Truppen dabei und die Vereinigten Staaten  haben – den Eindruck musste man haben –  bewusst die Erlöse aus dem Heroin-Handel genutzt, um Investitionen in Afghanistan und sonstwo auf der Welt vornehmen zu können, das heißt ein bewusstes Nutzen der Heroin-Produktion und der Erlös aus dieser Produktion ja selbstverständlich auch mit deutscher Beteiligung.

IRIB: Ist die weitere Stationierung der Bundeswehrsoldaten in Nordafghanistan die Fortsetzung der eben von Ihnen angesprochenen Politik?

Wimmer: Sie haben, Herr Shahrokny, vorhin danach gefragt, ob es strategische Gründe für die Präsenz internationaler, vor allen Dingen westlichen, Truppen in Afghanistan gibt. Ich habe eben aus meiner Sicht darauf aufmerksam gemacht, nach welchen Methoden die Vereinigten Staaten seit langer, langer Zeit vorgehen, um sich in eine strategisch wichtige Position zu bringen und in Afghanistan ist nun einmal für diese Region ein Schlüsselland, von denen ich aus die ganze Region infiltrieren kann. Und das muss man so sehen.     


Interview am 26.08.2015, bei "iran german radio"

Link: http://german.irib.ir/analysen/interviews/item/287978-interview-mit-willy-wimmer