Diese schrillen Drohgebärden aus Washington DC, London, Berlin, Brüssel klingen fast wie das Amen in der Kirche und demonstrieren eine gewisse Hilflosigkeit des Westens im Umgang mit Russland.

Drohungen und Konsequenzen

Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen drohte Moskau mit "nie da gewesenen Maßnahmen", während Außenministerin Baerbock „harte diplomatische und wirtschaftliche“ Konsequenzen ankündigte, flankiert von der Warnung der Außenminister der G7-Staaten vor „massiven Konsequenzen bei einem „Ukraine-Einmarsch“.

Vor Superlativen soll man sich eigentlich hüten, denn sie nutzen sich zu schnell ab. Aber der Westen ist hier Opfer seines eigenen Narrativs, welches schon vor langer Zeit gesponnen wurde und die Position der US-Regierung reflektiert, wie sie seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 mehr oder weniger verfolgt wird.

Brezinskis langer Schatten auf das Verhältnis Washingtons zu Moskau

Diese Position wurde von Zbigniew Brzezinski entworfen, jenem einflussreichen US-Politikberater, der aufgrund seiner Herkunft und Biographie gegenüber Moskau höchst feindlich eingestellt war. „Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr. Es kann trotzdem nach einem imperialen Status streben, würde aber dann ein vorwiegend asiatisches Reich werden“, formulierte Brzezinski in seinem Buch „The Grand Chessboard“, welches 1997 auf Deutsch unter dem Titel “Die einzige Weltmacht“ veröffentlicht wurde.

Über sein Buch äußerte Brzezinski:

Inwieweit die USA ihre globale Vormachtstellung geltend machen können, hängt aber davon ab, wie ein weltweit engagiertes Amerika mit den komplexen Machtverhältnissen auf dem eurasischen Kontinent fertig wird – und ob es dort das Aufkommen einer dominierenden, gegnerischen Macht verhindern kann. (…)
US-amerikanische Politik sollte letzten Endes von der Vision einer besseren Welt getragen sein: der Vision, im Einklang mit langfristigen Trends sowie den fundamentalen Interessen der Menschheit eine auf wirksame Zusammenarbeit beruhende Weltgemeinschaft zu gestalten. Aber bis es soweit ist, lautet das Gebot, keinen eurasischen Herausforderer aufkommen zu lassen, der den eurasischen Kontinent unter seine Herrschaft bringen und damit auch für Amerika eine Bedrohung darstellen könnte. Ziel dieses Buches ist es deshalb, im Hinblick auf Eurasien eine umfassende und in sich geschlossene Geostrategie zu entwerfen.

Brezinski, der 2017 verstarb, war auch Ende der 1970er Jahre für die massive Aufrüstung der afghanischen Widerstandskämpfer verantwortlich, was schließlich zum Scheitern der Roten Armee am Hindukusch führte, sowie indirekt auch zur Flucht der US-Truppen eben von dort, vor einigen Monaten. Dieses Scheitern eines großangelegten strategischen Entwurfs des Westens ist auch in Bezug auf den Konflikt mit Russland um die Ukraine zu erwarten. 

Heute bemüht man sich im Westen, diese strategische Zielsetzung durch die Betonung von Menschenrechtsfragen und Demokratie-Export zu übertünchen, so als wäre Russland das einzige Land der Welt, welches nicht diesen westlichen Normen entspricht. Doch erscheinen diese Normen bei genauerem Hinsehen als fragil, denn selbst innerhalb der NATO- und EU-Staaten, noch mehr bei den Verbündeten des Westens, sind diese prekär und umstritten.

Die russische Position wird im Westen kaum reflektiert

Auffällig ist auch, dass in der öffentlichen Debatte des Westens die russische Position nur peripher reflektiert wird, wenn überhaupt.

Diese Karten verdeutlichen, inwieweit die NATO in den vergangenen 30 Jahrzehnten nach Osten erweitert wurde.

Quelle: Freiheitsliebe_de

Legt man eine russische Geschichtsperspektive zugrunde, was im Westen kaum stattfindet, stellt man fest, dass die heutige NATO-Ostgrenze (Was bei einer Mitgliedschaft der Ukraine erst recht zum Tragen käme) ungefähr den harten Konditionen des Siegfriedens von Brest-Litowks entspricht, mit dem die Armee des wilhelminischen Deutschlands die Wirren der russischen Revolution 1918 für sich zu nutzen gedachte, um dauerhaft im eurasischen Großraum Fuß zu fassen, die Ukraine und die Krim zu beherrschen, um Moskaus Einfluss permanent auszuschalten.

Ferner darf hier nicht unvergessen bleiben, dass in den vergangenen Jahrhunderten unzählige Invasoren aus dem Westen dieser Zielsetzung folgten, von den Ordensrittern, über Napoleon, Kaiser Wilhelm und die Nazis einer ähnlichen Zielsetzung folgen, so dass eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine, die vom Westen permanent aufgerüstet wird, in Moskau die Alarmlocken schrillen lässt, auch wenn alle Invasoren bisher gescheitert sind.

Es kann in diesem Zusammenhang daher nicht verwundern, dass Russland an seiner Westgrenze, wozu auch das Grenzgebiet zur Ukraine zählt, Truppen aufmarschieren lässt.

Dieses gleich als Invasions-Vorbereitung zu interpretieren, womit man die Agenda der ukrainischen Regierung übernimmt, die Grund hat von der innenpolitischen Misere und den rasant sinkenden Zustimmungsraten in der eigenen Bevölkerung abzulenken, was die Eskalation weiter vorantreibt, ist gefährlich.

„Was heißt das für mich konkret!?“

"Wir sind einem Krieg näher als je in den vergangenen Jahrzehnten" äußerte neulich der russische Historiker Dmitri Trenin in einem Interview mit der Zeit. Dieses Interview ist schon deshalb lesenswert, da es sich um die heute seltene Gelegenheit handelt, eine russische Stimme im deutschen Blätterwald zu vernehmen, die weder als vom Westen ernannter Oppositionsführer agiert, noch als Sprachrohr des Kremls.