„Bedenke den Tod“: Wer das sagt, fordert dich auf, die Freiheit zu bedenken. Wer sterben gelernt hat, hat verlernt, ein Knecht zu sein.
Seneca, Briefe an Lucilius 26,10
Stellen wir uns vor, heute wäre der letzte Tag unseres Lebens. Wer stünde an unserem Bett, und was würden diese Menschen über uns denken? Was Menschen in diesem Moment tatsächlich bewegt, weicht oft deutlich von dem ab, was wir erwarten, solange das Ende noch fern scheint.
Der Arzt und Neurobiologe Dr. Christopher Kerr begleitet seit rund 30 Jahren als Hospizarzt Menschen, die nicht mehr geheilt werden können. Etwa 1.500 von ihnen hat er kurz vor ihrem Tod befragt und ihre Antworten in zahlreichen Studien ausgewertet. Seine Befunde beruhen damit nicht auf dem Rückblick eines Einzelnen, sondern auf dem, was viele Sterbende übereinstimmend berichten. Seinen Beobachtungen folgend, gehen wir einer Frage nach, die uns alle angeht: Was erkennen Sterbende über das gute Leben, und wie können wir dieses Wissen nutzen, solange wir noch frei über unsere Zeit verfügen?
Was am Ende wirklich zählt
Auf die Arbeit im Hospiz war Kerr anfangs nicht vorbereitet, denn im Medizinstudium hatte er gelernt, den Tod zu bekämpfen, nicht aber, Sterbende zu begleiten. Erst die Pflegekräfte zeigten ihm, dass es darauf ankommt, wie die Patienten selbst ihre Lage erleben. In einer von Fachkollegen begutachteten Studie fragte er deshalb Sterbende, was ihnen in ihren letzten Tagen wichtig ist, und verglich die Antworten mit den Erwartungen von Medizinstudierenden. Am wichtigsten ist vielen, niemandem zur Last zu fallen und Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. Danach folgen eine gute Schmerzbehandlung und der innere Frieden mit Gott beziehungsweise mit etwas Größerem.
Die Studierenden hatten erwartet, dass Sterbende nach dem Sinn ihres Lebens fragen und alte Konflikte lösen wollen. Beides landet weit hinten. Auch Bedauern bringen Sterbende kaum von sich aus zur Sprache. Auf Nachfrage nennen sie zwar etwas, das sie bedauern, so wie jeder eine Lieblingsfarbe nennen kann, doch im Vordergrund steht es kaum. Bewahren wollen sie, was sie ausmacht: ihre Familie, ihr Zuhause und ihren inneren Frieden. Kerr beschreibt das Sterben als eine Zeit großer Ehrlichkeit, in der alles Aufgesetzte wegfällt.
Praxistipp: Greifen Sie die Vorstellung vom Anfang auf und gehen Sie Ihre vergangene Woche durch: Wie viel Zeit haben Sie in Leistung, Geld und Beförderungen investiert, und wie viel in die Menschen, die Sie an Ihrem Sterbebett sehen möchten?
Beziehungen als Maßstab
Im Sterben ändern sich Kerr zufolge nicht die Werte; Sterbende sehen nur deutlicher, was auch vorher schon galt. Die Glücksforschung kommt entsprechend zum selben Ergebnis: Glückliche Menschen finden Sinn eher darin, etwas für andere zu tun. Was uns wirklich glücklich macht, schätzen wir dagegen oft falsch ein. Die Freude über eine Beförderung oder eine teure Handtasche verfliegt, und wir laufen wie im Hamsterrad dem nächsten Ziel hinterher. Auf Dauer erfüllen uns Zugehörigkeit, Verbundenheit und Sinn. Von unserer besten Seite zeigen wir uns nach Kerr deshalb nie durch eine Leistung, sondern dann, wenn wir als Kind, Geschwister oder Freund für andere da sind.
Menschen sind aufeinander angewiesen, und am deutlichsten zeigt sich das, wenn sie verletzlich sind. Sterbende werden selbstlos: Erst hoffen sie auf Heilung, dann auf Zeit mit der Familie und zuletzt vor allem darauf, dass es den Menschen gut geht, die weiterleben. Am friedlichsten gehen nach Kerrs Erfahrung jene, die Liebe geschenkt und erfahren haben, ganz gleich, wie schlicht ihr Leben verlaufen ist. Wie es ohne Liebe ist, schildert er am Beispiel einer Frau, die als Kind ins Heim kam, von ihren Eltern nach seinen Worten nie geliebt und später von Männern ausgenutzt wurde. Als sie auf einem Bildschirm sah, wie sich ein Paar küsste, sagte sie, das habe sie nie verstanden. Kerr beschreibt ihren Sterbeprozess als „leer und voller Bedauern“, und sie starb allein. Kurz vor ihrem Tod hatte sie aber einen Traum, der sie tröstete: Darin kam ein Mann zu ihr, der sie einst heiraten wollte und vor dem sie sich aus Selbstschutz zurückgezogen hatte, und sagte ihr, dass er sie wirklich geliebt habe. So wurde selbst ihr, wie Kerr es ausdrückt, am Ende eine Form von Liebe gezeigt, die sie beruhigte.
Praxistipp: Erinnern Sie sich an Momente, in denen Sie sich von Ihrer besten Seite gezeigt haben, und prüfen Sie, ob es dabei um eine Leistung ging oder darum, für andere da zu sein. Wenn Sie das nächste Mal über Ihr Vermächtnis nachdenken, stellen Sie sich außerdem eine einfachere und zugleich anspruchsvollere Frage: Werden Ihre Kinder einmal sagen, dass Sie ein guter Mensch waren und ihnen Grundsätze mitgegeben haben, mit denen auch sie gut leben können? Und nehmen Sie sich bewusst Zeit, die gemeinsamen Momente mit Ihren Liebsten auszukosten, denn eben dieses bewusste Genießen zählt die Glücksforschung zu dem, was auf Dauer glücklich macht.
Gut leben, solange es geht
Ein möglichst langes Leben gilt vielen als selbstverständliches Ziel, und die derzeit viel diskutierte Longevity-Bewegung (von englisch longevity, Langlebigkeit) will das Leben so weit wie möglich verlängern; manche ihrer Anhänger zielen sogar auf effektive Unsterblichkeit. Die Erfahrung am Sterbebett spricht gegen diese Gewichtung. Kein Patient hat Kerr je gesagt, er wolle möglichst lange leben; Sterbende wollen so gut leben wie möglich, solange es unter der Bedingung geht. Bedenkt man, dass viele Menschen rund ein Jahrzehnt ihres Lebens in schlechter Gesundheit verbringen – und krank zu sein ist harte Arbeit, für einen selbst wie für die Angehörigen – ist das sehr gut nachvollziehbar.
Kerrs Rat lautet deshalb, sich am Maßstab der Sterbenden zu orientieren und auf ein gutes Leben zu achten statt auf seine Dauer. Wie ein solches gutes Leben aussehen kann, zeigt er am Beispiel der sogenannten Blauen Zonen (Blue Zones), Regionen, in denen Menschen bis ins hohe Alter aktiv und gesellig leben. Eine alte Frau dort, etwa in Japan oder Italien, steigt morgens nicht ins Eisbad und misst auch kein Kreatin ab; sie lebt einfach gut: Sie bewegt sich, isst mehr Pflanzliches und pflegt ihre Kontakte, und zum Abschalten nimmt sie sich Zeit im Gebet, bei der Meditation oder mit Musik.
Gut zu leben heißt für Kerr auch, im Augenblick zu leben. Er selbst lernte das erst, als eine weit fortgeschrittene Krebserkrankung seine lebenslange Rastlosigkeit abrupt beendete. Während er sich über Monate auf seinem Hof erholte, erschienen ihm eines Tages die Weiden, die er Jahrzehnte zuvor gepflanzt hatte, schöner als alles, was er je gesehen hatte – obwohl nicht die Bäume sich verändert hatten, sondern er selbst. Ähnliches beschreibt Viktor Frankl, der den Holocaust überlebte: Sogar unter diesen Bedingungen tiefster Verzweiflung liefen Häftlinge hinaus, um gemeinsam einen Sonnenuntergang zu bewundern. Zu erreichen oder zu leisten gab es für sie dort nichts, und doch erlebten sie Schönheit. Für Kerr zeigt das Beispiel, dass wir Schönheit und Sinn nicht durch unser Tun finden, sondern durch die Art, wie wir etwas erleben.
Praxistipp: Fragen Sie bei Ihren Gewohnheiten weniger, ob sie Ihr Leben verlängern, als vielmehr, ob sie Ihnen helfen, gut zu leben. Die Menschen in den Blauen Zonen zeigen, wie wenig es dafür braucht. Nehmen Sie sich außerdem regelmäßig Zeit, in der Sie nichts leisten müssen und einfach wahrnehmen, was um Sie herum ist, so wie Kerr bei seinen Weiden.
Die Angst vor dem Sterben verlieren
Etwa jeder Zweite fürchtet sich vor dem Sterben, weil er es sich lang und qualvoll vorstellt. Nach Kerr ist das der größte Irrtum: Sterben ist bei Weitem weniger schmerzhaft als befürchtet, fast jeder Schmerz lässt sich lindern, und auch dass Sterbende aufhören zu essen und zu trinken, tut ihnen nicht weh. Kerr vergleicht das Sterben mit Jalousien, die langsam heruntergelassen werden: Man tut immer weniger, schläft mehr, und die meisten Menschen sterben schließlich im Schlaf. Dass so wenige das wissen, liegt vor allem daran, dass Ärzte selten offen darüber sprechen.
Fast 90 Prozent der Sterbenden haben in ihren letzten Wochen intensive Träume oder Visionen. Mit Verwirrtheit haben diese nichts zu tun, denn die Betroffenen erinnern sich klar daran und empfinden sie als tröstlich. Meist begegnen sie darin verstorbenen Menschen, die sie bedingungslos geliebt haben. Ob die Sterbenden gläubig sind oder nicht, verändert diese Erlebnisse nach Kerrs Daten nicht, auch wenn sich viele in ihren letzten Tagen den großen Fragen zuwenden. Kerr hält die Erlebnisse für mehr als bloße Vorgänge im Gehirn; ob sie auf ein Leben nach dem Tod deuten, lässt er offen. Seine Beobachtungen stammen aus der Erfahrung am Sterbebett und verstehen sich nicht als Ersatz für religiöse Antworten auf die Frage, was nach dem Tod kommt; diese bleibt dem Glauben und der eigenen Überzeugung jedes Einzelnen überlassen. Am meisten fürchten Menschen nach Kerrs Beobachtung, allein zu sein. Und mehr noch als den eigenen Tod fürchten sie, einen geliebten Menschen zu verlieren.
Praxistipp: Erhält jemand in Ihrer Familie eine schwere Diagnose, fragen Sie die Ärzte von sich aus, was auf den Kranken zukommt und wann. Ein ehrliches Gespräch nimmt keine Hoffnung, es gibt dem Betroffenen die Möglichkeit, über seine verbleibende Zeit selbst zu bestimmen. Erzählt ein Sterbender, er sei Verstorbenen begegnet, tun Sie das nicht als bloßen Traum ab: Für ihn ist es wirklich geschehen. Auch Ihnen selbst kann das helfen, denn Angehörige, die solche Momente miterleben, verarbeiten ihre Trauer nach Kerrs Studien messbar anders.
Versöhnung und Abschied nicht aufschieben
Wie man lebt, so stirbt man, sagt Kerr. Wer anderen Unrecht getan hat, ringt manchmal noch in den letzten Tagen um Frieden. Dwayne, der lange auf der Straße gelebt und anderen geschadet hatte, wurde zwölf Tage vor seinem Tod von Albträumen über seine Vergangenheit gequält. Er ließ seine Tochter rufen, hielt sie zum ersten Mal in ihrem Leben minutenlang im Arm, sagte ihr, dass er sie liebe, und bat sie um Verzeihung. Die Tochter vergab ihm und blieb von da an jede Nacht bei ihm. Dwayne starb friedlich.
Ebenso wichtig ist Ehrlichkeit. Ein Drittel der Patienten stirbt innerhalb von sieben Tagen nach der Aufnahme ins Hospiz. Viele von ihnen haben erst dann erfahren, wie es um sie steht, und so bleibt kaum Zeit für Gespräche und gemeinsame Stunden. Wichtig ist Sterbenden auch, dass ihre Behandlungswünsche befolgt werden und ihre Finanzen geordnet sind. Was Sterbenden und Angehörigen gleichermaßen hilft, fasst Kerr so zusammen: den Tod annehmen, da sein und offen miteinander reden. Die Trauer vergeht nie ganz, doch vieles von dem Verstorbenen lebt weiter, etwa darin, wie man selbst die Welt sieht. Kerr zitiert dazu eine Redewendung, die er für treffend hält: Man solle die Trauer in der einen Hand halten und die Dankbarkeit in der anderen und an beidem wachsen. Die Trauer werde dabei nicht verleugnet, doch wer lerne, dankbar zu sein, finde darin Frieden.
Praxistipp: Sprechen Sie in Ihrer Familie offen darüber, wie Sie sterben möchten, halten Sie Ihre Behandlungswünsche fest und ordnen Sie Ihre Finanzen. Was Dwayne erst am Ende gelang, können Sie heute tun: Suchen Sie die Versöhnung, solange noch Zeit ist.
„Was bedeutet das konkret für mich?“
Wer so leben möchte, dass er eines Tages gut sterben kann, sollte vor allem gut lieben. Das eigene Ende zu bedenken hilft, zu erkennen, was zählt, und das Leben danach auszurichten; darin liegt die Freiheit, von der Seneca spricht. Die Sorgen um Beruf, Ersparnisse und Frieden müssen Sie dafür nicht beiseiteschieben, sie sollten nur nicht Ihren ganzen Alltag bestimmen. Ansetzen können und sollten Sie schon jetzt: Prüfen Sie, wie viel Zeit Sie mit den Menschen verbringen, die Sie am Ende an Ihrem Bett sehen möchten. Sprechen Sie mit Ihrer Familie über Ihre Wünsche für das Lebensende, und gehen Sie auf jemanden zu, mit dem Sie sich versöhnen möchten. Wo Ihr Alltag nicht zu dem passt, was am Ende auch für Sie zählen wird, steuern Sie um, solange Sie noch frei über Ihre Zeit verfügen.
Hintergrund
Der Artikel beruht auf einem Gespräch mit dem Hospizarzt Dr. Christopher Kerr im Podcast „The Diary of a CEO“.







Kommentare
Demut wünsche ich jenen, die heute glauben die Welt retten zu müssen und die versuchen, unser aller Leben zu bestimmen.
Mehr Licht, wünschte sich Goethe am Ende – in aller Bescheidenheit.
Grüß ironalex