Der Kunstmarkt boomt. Zumindest wird dies wiederkehrend in Schlagzeilen behauptet. Gemeint ist ein bekanntes Phänomen: Wie auch in den meisten anderen Anlageklassen zu beobachten war, hat die Kunst seit 2009 unglaublich von den niedrigen Zinsen, der Angst vor Inflation und der Suche nach sicherer Anlage profitiert.

Einige Künstlernamen wurden identifiziert, kurzerhand zu Bluechips erklärt und haben dann eine hervorragende Entwicklung erlebt. Diese Bluechips sollen kunstgeschichtlich relevant und sehr bekannt sein, versprechen nachhaltig einen Wertzuwachs. Gerhard Richter ist ein solches Beispiel. Warum sich die allgemeine Meinung beispielsweise nicht Joseph Beuys oder Günter Fruhtrunk, um bei deutschen Namen zu bleiben, ausgesucht hat, zeigt bereits die Unschärfe oder auch das Risiko einer solchen Behauptung. Die Preise haben sich in jedem Fall für Gerhard Richter und viele andere lebende Zeitgenossen in den letzten Jahren prächtig entwickelt.

Sorgten noch in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts die sagenhaften Auktionsergebnisse für die europäischen Meister des Impressionismus und des Expressionismus für größte Aufmerksamkeit, hat sich das Interesse des Marktes in den letzten gut 15 Jahren massiv auf die Gegenwartskunst verlagert. Dies hat nicht nur etwas mit dem tatsächlich etwas ausgetrocknetem Nachschub für den Markt von interessanten Kunstwerken von Claude Monet bis Ernst Ludwig Kirchner zu tun. Vielmehr gibt es neu eine große Lust auf junge Kunst im großen Maßstab.

Das tatsächlich wichtigste Phänomen ist das neue Statusbewusstsein, welches sich als globaler Trend von Los Angeles über Dallas, New York, Doha, Dubai bis Hongkong und Shanghai überall nachweisen lässt. Kunst ist in der coolen Stadtloft oder dem schicken Landhaus ein sehr wichtiges Prestigeobjekt einer plötzlich viel breiteren Schicht geworden.

Dies ist der Grund für den boomenden Markt der Gegenwartskunst. Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass gerade der Nachschub bei dieser Kunstrichtung beinahe unendlich ist. Von Jahr zu Jahr gibt es weltweit mehr Künstler. Die Nachfrage regt die Produktion an und dürfte damit langfristig wieder die Preise zerstören.

Für die Preisentwicklung ist natürlich nicht nur die Knappheit, sondern auch die Qualität ausschlaggebend. Kunst, die Menschen tatsächlich ganz neu und tief begeistert, ist häufig für den Markt völlig unbrauchbar. Besucherrekorde verzeichneten jüngst Philippe Parreno oder Pierre Huyghe mit Ausstellungen in Paris. Ihre Kunst will erlebt werden, taugt aber nicht als Flachware für das Wohnzimmer. Wer sich selber ein Bild machen möchte, kann noch bis zum 13. Juli die Ausstellung von Pierre Huyghe im Museum Ludwig in Köln besuchen. Sehr viel Kunst, die man auch kaufen kann, gibt es wieder in Berlin seit Anfang Mai, dem Gallery Weekend zu sehen. Diese Veranstaltung hat sich zum Höhepunkt für aktuelle Kunst in Deutschland entwickelt und zieht internationale Gäste an. Aus New York kommt ein neuer Trend zur abstrakten Malerei, der nun auch Berlin erfasst. Sehr viele Galerien zeigen deshalb Malerei mit unterschiedlichster Qualität. Ein interessantes Beispiel hierfür ist der junge Künstler Jonas Maas bei Figge von Rosen Galerie. Er formt Wandobjekte zu einer Assemblage aus verschiedenen Materialien und unter Verwendung unterschiedlicher kunstgeschichtlicher Zitate.

Besuchermassen lockt  die Kunst, die nun wieder gar nicht in das Wohnzimmer passt. Die Ausstellung bei Sprüth Magers Berlin ist als eine Gesamtinstallation konzipiert, wobei sich die Galerie in einen Arbeits- und Lagerraum verwandelt. Alle ausgestellten Objekte von Peter Fischli und David Weiss (gestorben 2012) sind aus Polyurethan und somit nichts anderes als präzise Nachbauten von Gebrauchsgegenständen und Werkzeugen. Jonas Maas ist noch bis zum 21. Juni und Fischli/Weiss bis zum 30. August zu sehen.

Ein Kunstwerk zu erwerben, ist eine anspruchsvolle Angelegenheit, wenn man nach dem Kauf einen Wertzuwachs erwartet. Die heiße Empfehlung eines Bekannten für einen besonders angesagten Künstler ist dabei wenig hilfreich.  Auch eine Künstlerin persönlich zu kennen, ist keine echte Unterstützung. Ein Portfolio von jungen Talenten, die ja alle vermeintlich noch eine steile Karriere vor sich haben, ist rein spekulativ und erinnert an die Aktienblase im Jahr 2000. Welche Künstlerin oder welcher Künstler am Ende das Rennen macht, entscheidet sich meistens erst nach Jahrzehnten. Wer eine positive Performance haben möchte, muss etwas von den wahren Bluechips verstehen und antizyklisch handeln. Für alle anderen Betrachter, Liebhaber und Käufer taugt Kunst aber auch ohne Performance.