Vorübergehende oder nachhaltige Inflation - Das ist hier die Frage

Hohe Nachfrage nach Rohstoffen und ein Mangel an Vorprodukten bei gleichzeitig überstrapazierten Lieferketten sorgen für schmerzhafte Preissteigerungen. Folgerichtig steigen die Inflationserwartungen in der Eurozone weiter an.

Selbst wenn die EZB Preissteigerungsdruck nicht mehr leugnet, behalten die Notenbanker das Narrativ „vorübergehende Inflation“ dennoch bei.

Die ölfördernden Länder bestätigen diese Einschätzung. Nach der derzeit fast panischen Nachfrage erwarten sie 2022 - auch wegen abgeschlossener Lagerwiederauffüllung - eine Normalisierung. Den dann vermutlich sinkenden Ölpreisen wollen die Opec-Länder und Russland mit aktueller Produktionsausweitung keinen Vorschub leisten.

Eine ähnliche Entwicklung ist auch bei anderen Rohstoffen und Vorprodukten zu erwarten. Selbst wenn deren Preise nächstes Jahr auf dem momentan hohen Niveau blieben, wächst sich der aktuelle Preisschub im Vorjahresvergleich zunehmend aus. Grundstoffseitig ist insofern mit einer Entschleunigung der Inflation zu rechnen, was auch der EZB restriktiven Handlungsdruck abnimmt.

Auch in puncto Lieferketten sind erste Entspannungseffekte spürbar. Seitdem in Nordamerikas größtem Containerhafen in Long Beach, Kalifornien rund um die Uhr Betrieb stattfindet, löst sich an diesem logistischen Knotenpunkt der Waren-Stau auf. Auch eine Beruhigung der Frachtraten laut Baltic Dry Index deutet auf ein allmähliches Auslaufen der inflationierenden Sondereffekte durch Lieferengpässe an. Dies verringert zukünftigen Preisüberwälzungsdruck.

Tatsächlich sieht die EZB die Gefahr einer nachhaltigen Inflationierung über eine sich selbst verstärkende Spirale aus steigenden Löhnen und Verkaufspreisen nicht oder will sie nicht sehen. Mittelfristig geht sie sogar davon aus, dass ihr Inflationsziel von zwei Prozent schwerlich erreichbar ist.

Konjunkturperspektiven - Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Auch die Konjunkturschwäche in der Eurozone sorgt für geldpolitische Vorsicht. Die Beschaffungskrise führt in der Industrie zu technischen Produktionseinschränkungen. Daneben ist im Dienstleistungssektor ein Teil des Sommeraufschwungs buchstäblich verflogen, da wieder steigende Corona-Infektionen Sektoren wie Fluglinien, Tourismus und Freizeit erneut treffen. Auch die zurückgestutzte Wachstumsprognose der Bundesregierung von 3,5 auf 2,6 Prozent für 2021 bestätigt diese Konjunkturdelle.

Vor allem aufgrund eingetrübter ifo Geschäftserwartungen bewegt sich die deutsche Wirtschaft an der Schwelle zum Abschwung.

Selbst die reichliche Liquidität der EZB kommt realwirtschaftlich nicht an. Das Kreditwachstum erlahmt und befindet sich aktuell auf dem niedrigsten Niveau seit 2018.

Die Orderbücher bleiben allerdings prall gefüllt. Ab Frühjahr, wenn nach heutiger Einschätzung die technischen Reibungsverluste bei Lieferketten und Rohstoffen nachlassen, ist mit einer Konjunkturbeschleunigung zu rechen. Das Wirtschaftswachstum wird nachgeholt.

Insgesamt verliert damit die zurzeit diskutierte Stagflation als schlimmstes aller Konjunkturszenarien - galoppierende Preissteigerung bei schwachem oder gar keinem Wachstum - an Drohpotenzial.

EZB - Im Zweifel für den Angeklagten

Vor diesem Hintergrund behält die EZB ihre ultralockere Liquiditätspolitik bei. Konkrete Entscheidungen zu einer mutmaßlichen Beendigung ihres Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) verschiebt sie auf die Jahresend-Sitzung am 16. Dezember. Selbst wenn PEPP wie geplant im März 2022 enden sollte, ist im Anschluss mit einer Erhöhung konventioneller Anleihenaufkäufe (PSPP) zu rechnen. Alternativ könnte die EZB auf feste monatliche Beträge verzichten, um bei Bedarf Kreditzins drückend einzugreifen.

In Abgrenzung zum Tapering der Fed - der Drosselung von Anleihenkäufen mit dem Ziel der vollständigen Beendigung - setzt die EZB auf „Rekalibrierung“, da sie Ankäufe nicht vollständig einstellt.

Denn die Erhaltung „vorteilhafter Finanzierungskonditionen“ genießt grundsätzlich Priorität. Neben der Bekämpfung struktureller Schwächen müssen ebenso der Klimaschutz, die Infrastruktur, die Wettbewerbsfähigkeit, der europäische Zusammenhalt und die Schuldentragfähigkeit finanziert werden.

Inflationsbekämpfung á la Bundesbank hat dagegen an Bedeutung verloren. Die im Oktober auf 4,5 Prozent hochgeschnellte deutsche Inflation wird nur achselzuckend zur Kenntnis genommen. Mit dem Rücktritt von Jens Weidmann als Bundesbankpräsident ist sogar zu vermuten, dass auch noch die letzten Stabilitätsreste geopfert werden. Jede geldpolitische Restriktion wird nur homöopathischen Charakter haben.

Dabei wird Wert darauf gelegt, dass die Inflation oberhalb der Leitzinsen bzw. Anleiherenditen bleibt, um den Entschuldungseffekt nutzen zu können. Apropos Leitzinsen, Zinserhöhungen Ende des kommenden Jahres oder kurz danach, wie vom Finanzmarkt erwartet, erteilte EZB-Präsidentin Lagarde auf der Pressekonferenz nach der EZB-Sitzung eine Absage. 

Insgesamt viel Stabilitäts-Schein, aber wenig -Sein.

Aufgrund der ausbleibenden Zinswende der EZB setzen die Devisen-Terminmärkte im Trend weiterhin auf Euro-Schwäche gegenüber US-Dollar.

Marktlage - Viel Süßes und wenig Saures an den Aktienmärkten

Trotz aller Inflations-, Zins- und Konjunktursorgen entspannen sich die Aktienmärkte erkennbar.

Obwohl auf der Sitzung der Fed in der nächsten Woche wahrscheinlich das Tapering angekündigt wird, hat sich der Renditeanstieg 10-jähriger US-Staatsanleihen zuletzt beruhigt. Zinsängste bleiben angesichts des ebenso transparenten wie verhaltenen Tapering-Zeitplans begrenzt, zumal die Fed Spekulationen über schnelle Leitzinserhöhungen vehement entgegentritt.

Daher behält die US-Gewinnrendite ihren komfortablen Vorsprung gegenüber Anleiherenditen.

Positiv entpuppen sich auch die abgeschwächten Steuerpläne der US-Regierung. Im Gegenzug für ein abgespecktes Sozialprogramm in Höhe von 1,75 Bio. US-Dollar sind die Demokraten bereit, auf höhere Unternehmenssteuern zu verzichten. An einer „Reichensteuer“ für Einkommensmillionäre, die jeder ordentliche Steuerberater kompensiert, halten sie jedoch fest.

Auch die Berichtsaison liefert fundamentale Aktien-Argumente. Zahlreiche multinationale Industrieunternehmen wie BASF oder General Electric veröffentlichten solide Zahlen. Insbesondere die Geschäftsausblicke stimmen angesichts vielfach angehobener Gewinnprognosen zuversichtlich. Sinnbildlich hierfür ist die voranschreitende Umsatzerholung des Baumaschinenherstellers Caterpillar als typisch zyklischem Frühindikator der Weltkonjunktur. Wermutstropfen sind Auto-Hersteller, die noch die Chip-Krise spüren. Dagegen konnten die großen Technologieriesen bislang überzeugen.

Positiv ist nicht zuletzt, dass die US-Unternehmen ihre Aktienrückkaufprogramme fortsetzen.

Eine neue Corona-Infektionswelle in China lässt die Aktienmärkte weltwirtschaftlich kalt. Sie vertrauen auf die Null-Covid-Strategie Pekings.

Im amerikanischen Branchen-Vergleich profitieren Energie-Aktien von der Rohstoffhausse und Finanztitel von verbesserten Zinsmargen und verringerten Kreditrückstellungen. Wegen des Evergreens Digitalisierung bleiben aber auch Tech-Unternehmen gefragt, zumal sie Anlegern wegen ihrer hohen Margen auch als Inflationsschutz dienen und ohnehin keine große Zinswende fürchten müssen.

Daneben werden Aktien aus dem Bereich „Grüne Energie“ weiter Anklang finden. Sie haben ihr Tal der Tränen zuletzt hinter sich gelassen und profitieren zukünftig noch mehr vom globalen Klimaschutz.

Sentiment und Charttechnik DAX - Es wird volatiler

Der Fear & Greed Index von CNN Money ist binnen Monatsfrist von „Angst“ auf „Gier“ umgeschwenkt und spricht damit für vorübergehendes Konsolidierungspotenzial an den US-Börsen.

Laut Bank of America Global Fund Manager Survey werden auch große Kapitalsammelstellen aufgrund akuter Konjunkturskepsis vorsichtig. Auch der wirtschaftspolitische Unsicherheitsindex für Europa zeigt sich wieder aufwärtsgerichtet. Anleger müssen sich daher wieder auf mehr Kursschwankungen nach den zuletzt ruhigen Wochen einstellen.

Doch bei Schaukelbörsen bewähren sich regelmäßige Aktiensparpläne als solides Anlageinstrument.

Aus charttechnischer Sicht würde im DAX ein Anstieg über 15.619 und insbesondere 15.781 Punkte weiter steigende Kurse bis 15.792 und 15.827 ermöglichen. Kommt hingegen stärkerer Verkaufsdruck auf, steigt die Gefahr einer Zwischenkorrektur bis an die Marke bei 15.527 und 15.407.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG: https://www.roberthalver.de/Newsletter-Disclaimer-725