Seit den 70er Jahren und erst recht zur Rettung von Vaterland und Finanzwelt nach der Lehman-Pleite haben sich die Staaten der Welt immer gerne der Verschuldung bedient. Es war der Alkohol, der die volkswirtschaftliche Partystimmung nie sinken ließ. Dabei haben weder Amerika noch Euroland den Weg in die Ausnüchterungszelle der Betty Ford-Klinik gefunden und eigentlich auch nie richtig gesucht.

Mittlerweile allerdings haben wir eine so massive Alkoholvergiftung, bei der sogar der Drogentod droht. Wir brauchen die Entgiftung, den kalten Entzug. Im Klartext: Es geht in den nächsten langen Jahren um Ent- und nicht mehr Verschuldung.

Macht kaputt, was Euch kaputt macht?

Aber wie schafft man das? Hierzu gibt es fünf Optionen. Man kann erstens eine nachhaltige Wirtschaftspolitik betreiben. Dies tut Deutschland seit langem erfolgreich. Wir haben nie die Fehler von z.B. England gemacht, dass sich einseitig auf Finanz-, Keks- oder Royal Kitsch-Industrien zurückgezogen hat. Wir haben auf harte Ware gesetzt, deren nachhaltig positive Perspektiven sich auch dank der Emerging Markets kaum eintrüben werden. Trotzdem muss auch der Wirtschaftsriese Deutschland 2012 neue Schulden in Höhe von ca. 26 Mrd. Euro machen. Wann, wenn nicht jetzt, soll der Bundeshaushalt jemals ausgeglichen werden? Grundsätzlich hat selbst bei uns der Schuldenstand den kritischen, beherrschbaren Punkt längst überschritten.

Man kann es zweitens und drittens mit Steuererhöhungen bzw. Ausgabenkürzungen versuchen. Leider beschneidet ein Staat sich damit aber auch seiner wirtschaftlichen Auftriebskräfte, die die Bedienung der Staatsschulden ohne Aufnahme neuer Mittel erst möglich macht. Noch schlimmer, eine so gehandicapte Wirtschaft wird im Zweifelsfalle mehr Schulden für Sozialtransfers bzw. Perspektiven für die Bevölkerung aufwenden müssen.

Die vierte Möglichkeit ist der Schuldenschnitt gemäß dem Motto „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Man stelle sich hier einmal den typisch deutschen Michel vor, der zu 80 Prozent in Zinsanlagen wie Bundesschatzbriefe und Co. investiert und feststellen muss, dass seine ersparte Lebensleistung zur Sanierung des Vaterlands gesundgeschrumpft wurde. Ich denke, dann wird selbst der typischerweise wenig streitfreudige Deutsche zum Finanz-Revoluzzer. Dies ist ebenso kein sinnvoller Lösungsansatz, schon gar nicht für Politiker mit Wiederwahlambitionen.

Inflation als schlagkräftigstes Entschuldungsinstrument

Bleibt Option fünf zur Entschuldung: Weg-Inflationierung. Dabei wird das Gift der Verschuldung durch das Gegengift der Preistreibung unschädlich gemacht. Ähnlich wie in den USA ist auch eine inflationsbegünstigende Geldpolitik seitens der EZB unverkennbar. Damit kein falscher Zungenschlag aufkommt: Die EZB will grundsätzlich Preisstabilität. Aber die Prioritäten haben sich für sie geändert. Es geht um die Stabilität der euroländischen Finanzmärkte und damit den Erhalt der Eurozone. Und da muss man die Inflationsbekämpfung - wenn auch verbal anders dargestellt - schleifen lassen.

Und tatsächlich liegt mit der neuerlichen Zinssenkung der EZB auf ein Prozent der mit der offiziellen deutschen Inflation bereinigte Notenbankzins, der Realzins, bei minus 1,4 Prozent. Das ist neuer bundesrepublikanischer Negativrekord. Zum Vergleich: Während der gesamten Ägide der Deutschen Bundesbank gab es keinen einzigen Tag mit negativem Realzins.

Geldpolitisch ist damit für eine Inflationierung Tür und Tor geöffnet. Und entgegen der Äußerungen von Draghi wird die EZB nicht zögern können, wenn nötig, z.B. Italien oder Spanien durch intensive Druckbetankung, die Bedienung der Notenpresse und/oder die totale Liquidität für Banken, vom Radar der Rating-Agenturen und Finanzmärkte zu nehmen.

Insgesamt wird die Preisflut begünstigt, nicht eingedämmt.

Leben Inflationsstatistiker nur von Luft und Liebe?

Inflation ist damit das allmähliche, also süße Gift zur Entschuldung. Unabdingbare Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass die Zinsen nicht adäquat zur Inflation mitsteigen. Anderenfalls würde der Verschuldungsabbau durch vom Staat zu zahlende, höhere Renditen von Anleihen konterkariert. De facto muss die Preissteigerung möglichst über den Zinsen liegen. Dabei hilft die offizielle Inflationsmessung. Im Moment liegt diese in Deutschland bei 2,4 Prozent. Diese kann jedoch nur für diejenigen gelten, die von Luft und Liebe leben. Denn allen anderen Menschen, und nicht nur der schwäbischen Hausfrau, dämmert es schon länger, dass man zur regelmäßigen Befriedigung der Grundbedürfnisse Essen, Trinken, Heizen, Tanken, Wohnen oder sich versichern müssen, deutlich tiefer in die Tasche greifen muss.

Grundsätzlich ist unser offizieller Warenkorb zur Inflationsmessung zu wenig auf die kaufhäufigen und teuren Güter wie Lebensmittel und zu stark auf die weniger gekauften, jedoch preisstabilen z.B. IT-Produkte ausgerichtet. Warum nimmt man nicht gleich Schwarz-Weiß-Fernseher oder Volksempfänger in den Warenkorb auf?

Mit aktuell 2 Prozent für 10-jährige deutsche Staatsanleihen und damit negativen Realzinsen ist also eine Entschuldung über die Preiskeule gegeben. Irgendwie erinnert mich das an kalte Progression.

Entschuldung des Staates = Entreicherung der Gläubiger

Die Entschuldung über die Inflation geht also zu Lasten der Anleihegläubiger, die allmählich real entreichert werden. Und als Dankeschön zahlen wir auch noch Zinsabschlagsteuer. Im Gegensatz zum Anleger ist dies für den Staat zweifelsfrei ein lukratives Geschäftsmodell.

Ohnehin gilt die alte Weisheit der Rentenhändler: Anleihen kauft man, wenn die Renditen oben sind. Hinzu kommt das der deutsche Anleger über seine Lebensversicherung und seine Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung bereits in hohem Maße übergewichtig ist: In Staatsanleihen.

Die Werterhaltungsfunktion: Nie war sie so wichtig wie heute

Stattdessen nehme man die sachkapitalistischen Drei - Substanzaktien, Edelmetalle und Öl. - und erhalte einen inflationsbekämpfenden Anlagemix.

Zu Substanzaktien gehören zunächst Titel der Pharma-, Konsum und Telekommunikation mit hohen, stabilen Dividendenrenditen, die die Renditen von Bundesschatzbrief & Co. hinter sich lassen, aber auch Chemieaktien. Da die Weltwirtschaft sich auch 2012 drehen wird, sind zudem krisenerprobte, konjunkturzyklische Aktien, auch aus der zweiten Reihe sinnvoll. Dazu gehören auch Öltitel.

Und schließlich bleiben Gold und Silber, auch in Form von Minenaktien interessant. Die Werterhaltungsfunktion kommt bei ihnen besonders zum Tragen. Außerdem werden Gold- und Silberpreise künstlich subventioniert.

Kein Vermögen hat Entschuldung via Inflation verdient. Daher ist es beim Sachkapital trotz in Kauf zu nehmender Schwankungen wie mit Hessen bei einer Tour von Hamburg nach München. Es führt kein Weg daran vorbei.