Juli 1999 – Gran Canaria

„Papa, ich brauche Geld.“

„Wofür, Schatz?“

„Ich will mir ein Eis kaufen, aber alleine, ganz alleine. Keiner soll mitkommen.“

„Ok, hier sind 500 Peseten. Verliere es nicht.“

Zehn Minuten später kommt meine damals Dreijährige stolz mit einer Eistüte vom Shop an der Hotelrezeption zurück und setzt sich neben mich auf die Sonnenliege. Während sie an ihrem Eis leckt, fragt sie mich etwas, worüber ich mir bis dahin niemals überhaupt nur einen Gedanken gemacht hatte:

„Papa, wo kommt eigentlich das Geld her?“

Ehrlich gesagt, hatte ich damals nicht den blassen Schimmer einer Ahnung und antwortete vorsichtig und obwohl ich es nicht wußte: „Vom Staat, Schatz. Der Staat macht das.“

In Wirklichkeit war ich sehr erschrocken über mich selbst. Zeit seines Lebens tritt man in die Mühle, um möglichst viel von diesem seltsamen, geheimnisvollen Stoff zu ergattern. Hat man zu wenig, bekommt man Angst. Hat man genug, ist das schön. Zuviel hatten wir nie. Und doch wußte ich damals nicht, woher das Geld kommt, wer es in den Umlauf gibt und welche Prozesse es entstehen lassen. Auf deutsch gesagt: Gegenüber meiner Tochter kam ich mir vor wie ein Idiot. Mich beschlich das komische Gefühl der völligen Unwissenheit über die Realität. Ich hatte damals die widerliche Wahrnehmung, eine Marionette zu sein, an Fäden zu hängen und gezwungenermaßen an einem (Schau-)spiel teilzunehmen, dessen grundsätzliche Regeln ich nicht verstand. Ich war wütend über mich selbst, aber gleichzeitig erwachten Neugierde und Wissensdurst. 

Die Frage nach der Herkunft des Geldes ließ mich nicht mehr los und sollte mir in den folgenden Jahren (bis heute) zahlreiche neue Erkenntnisse aus vielen, vielen Büchern, schöne aber auch traurige Erlebnisse, böse Konfrontationen mit Mitmenschen und endlose Streitereien und Beschimpfungen bescheren. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Gleichzeitig möchte ich mich bei meinen Mitmenschen und vor allem bei meiner Ehefrau entschuldigen, denen ich teils fürchterlich mit meinen „Verschwörungstheorien“ über das Geld und die Realität auf den Geist gegangen bin.

Juni 2007 - Innenstadt

Es ist ein warmer Tag. Einer der wenigen in diesem schlechten, verregneten Sommer. Um 14 Uhr habe ich einen Termin in der Innenstadt und suche in der City nach einem Parkplatz. Wie gewohnt dauert die Parkplatzsuche manchmal länger als das Einkaufen selbst. Als ich langsam an einer kleinen, gut besuchten Eisdiele vorbeifahre, sehe ich direkt an der Bürgersteigkante einen Mann auf dem Boden liegen. Er liegt nicht einfach nur so da, sondern windet sich in heftigen Zuckungen. Sein schon blutender Kopf schlägt mehrfach auf das Straßenpflaster, seine Arme schlagen wild hin und her und seine Beine vollziehen rhythmische, zuckend-strampelnde Bewegungen.

Einen epileptischen Anfall hatte ich schon einmal miterlebt, als mein guter Schulfreund Ralf während der Biologiestunde einen solchen erlitt. Es war schrecklich anzusehen, und wir Schüler der 11. Klasse waren sehr schockiert, vor allem, weil alle Anwesenden einschließlich des Lehrers zunächst überhaupt nicht wußten, was zu tun war. Heute weiss ich, was zu tun ist. Ich halte sofort an. Den Wagen lasse ich einfach am Straßenrand stehen und laufe in eiligen Schritten zu dem am Boden liegenden Mann. Ich knie mich hinter ihm und halte mit beiden Händen seinen Kopf, um sicher zu stellen, dass er sich nicht noch schlimmer verletzt. Seine Zunge schaut zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor, und Speichel läuft aus seinem Mund über meine Hände. Es ist eklig und das verzehrte Gesicht des Mannes kein schöner Anblick.

Bei der Person handelt es sich um einen etwa 40-jährigen, schlanken Südeuropäer mit lockigen Haaren. Er ist mit einem dunkelgrauen Anzug bekleidet und trägt eine rote Krawatte. Der Mann sieht nicht betrunken aus und auch nicht wie jemand, der sich im Drogenrausch befindet, – auf mich wirkt er wie ein seriöser Geschäftsmann. Warum hat noch niemand diesem Menschen geholfen? Es ist erschütternd: Ein Mensch fällt auf einer belebten Einkaufsstraße zu Boden, erleidet einen epileptischen Anfall und seine Mitmenschen halten es noch nicht einmal für nötig, einen Krankenwagen zu rufen -  geschweige denn, selbst zu helfen. Mir fehlen die Worte. Ich will an dieser Stelle nicht übertreiben. Ich würde mich nicht in die Schusslinie werfen, falls ein Attentäter bei einer Veranstaltung auf Frau Merkel zielen würde. Und würde ich wirklich aktiv eingreifen, wenn eine Schlägerbande einen Wehrlosen verprügelt? Würde ich mich einmischen und riskieren selbst Opfer zu werden? Oder würde ich einfach nur aus Feigheit die Polizei rufen? Keine Ahnung, Gott sei Dank war ich bisher einer solchen Situation noch nicht ausgesetzt.

Ich fummele mein Handy aus der Innentasche meiner Jeansjacke, und während ich beruhigend auf den Mann einrede, wähle ich die Notrufnummer 112, um einen Krankenwagen anzufordern. Der Mann am anderen Ende der Leitung teilt mir mit, dass der Rettungsdienst in wenigen Minuten vor Ort sein wird und ich solange bei dem Verletzten bleiben solle.

Als ich aufgelegt habe, wird alles um mich herum ruhig. Ich höre nichts mehr, als hätte der liebe Gott den Ton abgestellt. Während ich weiter versuche, den Kopf des Mannes ruhig zu halten, schaue ich mich in meiner Umgebung um. Vor der nur fünf Meter entfernten Eisdiele sitzen acht Personen an vier Tischen. Eine etwa 60 Jahre alte, beleibte Dame schaut mich interessiert an und schiebt sich dabei eine halbe Kugel Eis in ihren rot bemalten Mund. „Guten Appetit“, denke ich beiläufig, „lass es dir schmecken!“ Ein Teenie-Pärchen tuschelt an einem der Tische miteinander, wobei sie mich und den Epileptiker mit verstohlenen Blicken beobachten. Die anderen Gäste der Eisdiele genießen weiter ihren Kaffee oder Eisbecher und schauen schnell weg, als ich in ihre Richtung gucke - fangen aber sofort wieder an zu glotzen, sobald sie sich unbeobachtet fühlen. Ein Mann, der es eilig zu haben scheint, läuft an uns vorbei. Er schaut kurz zu uns hinunter, wendet sich aber angewidert ab und setzt seinen Weg fort. Eine Frau, die einen Einkaufstrolley hinter sich herzieht bleibt kurz stehen und schüttelt verständnislos den Kopf, um dann weiterzugehen.

Ich kann es nicht glauben. Keiner der Passanten hilft. Niemand hat auch nur einen Versuch unternommen, Hilfe zu leisten, und dabei hat der Mann bestimmt schon einige Minuten vor meiner Ankunft hier gelegen. Plötzlich kommt von rechts eine blonde, schlanke Frau im Laufschritt zu uns gerannt.

„Was ist passiert?“ fragt sie, um gleich hinzuzufügen: „Ich bin Ärztin.“

„Ich denke, es ist ein epileptischer Anfall.“ antworte ich und bin froh, mit dem Verletzten nicht mehr alleine zu sein. Die Ärztin schiebt mich ein wenig zur Seite und beginnt die Augen des Mannes zu untersuchen. Nach und nach bleiben immer mehr Menschen vor, hinter und neben uns stehen und bilden einen Kreis. Der Rettungswagen trifft mit eingeschaltetem Martinshorn ein. Die Sanitäter müssen sich einen Weg durch die Menschentraube bahnen.

Ich bin entlassen und gehe zu meinem Auto zurück. Am Scheibenwischer hängt ein blaues Knöllchen, das mich darauf aufmerksam macht, dass mein Fahrzeug  im absoluten Halteverbot steht. Scheiße...

Oktober 2011

Die Finanzmärkte haben eine Pleite Griechenlands mittlerweile fest eingepreist und es stellt sich nur noch die Frage, wie lange das bestehende Finanzsystem künstlich mit immer weiteren Schulden am Dahinsiechen gehalten werden kann. Die Frage, ob uns ein Systemcrash in Kürze bevorsteht ist hinfällig und dürfte nur noch von Träumern und anderen Realitätsatheisten ernsthaft gestellt werden. 

Wie vor einiger Zeit in meinem Artikel „Betrüger am Werk

geschildert, werden sich die Bürger und Bürgerinnen jedoch keineswegs alles von der derzeit noch mächtigen Hochfinanz und deren Handlangern und Komplizen in der Politik gefallen lassen. Mittlerweile wird weltweit unter dem Motto „Occupy Wall Street und Occupy everything“ zu Protesten gegen die Finanzwelt aufgerufen. In Amerika gehen mittlerweile tausende Menschen auf die Straße und auch in Deutschland wird es am kommenden Samstag in vielen Städten zu Protestkundgebungen kommen. http://de-de.facebook.com/Occupy.Germany Ich selbst werde in Dortmund dabei sein.

http://kurier.at/wirtschaft/4305063.php

Die Menschen wachen auf! Endlich! Sie stehen auf, um sich zu wehren gegen eine Verbrecherbande, die den Planeten und 99 Prozent der Bürger ausplündert. Mich stimmt das zurzeit sehr hoffnungsvoll, obwohl die Plünderungen der Politikerbagage und dreisten Griffe in die Taschen der Bürger noch ausstehen, wenn die aufgespannten Rettungsschirme und Garantien schlagend werden und über höhere Steuern gegenfinanziert werden müssen.

Die Slowakei hat gestern in einer ersten Abstimmung gegen die Erweiterung des EFSF-Rettungsschirms gestimmt. Trotzdem scheint man sich seitens der Politik sehr Gewiss zu sein, dass die Slowaken in der zweiten Abstimmung zustimmen werden. Warum auch immer. Das Spiel geht mittlerweile im 4. Jahr der Finanzkrise in die zehnte Halbzeit. Weiter immer weiter.

Doch das bittere Ende wird kommen und wird auf der Straße entschieden werden müssen. Die Proteste der Bürger, die – gesteuert oder nicht gesteuert – zunächst in den nordafrikanischen Staaten, Spanien, Griechenland auftraten, werden sich immer mehr ausbreiten und die Hochfinanz und Politik wird machtlos sein. Gerade entsteht weltweit ein neues Bewußtsein, dass die Menschen anders als früher denken lässt. Gemeinsam wird man sich eines perfiden, hinterfotzigen Systems entledigen, alte Strukturen werden nicht nur aufgebrochen, sondern durch neue ersetzt werden. Nicht nur die Rückkehr zu den Maßanzügen der alten, herkömmlichen europäischen Währungen steht aus, - nein, zudem werden viele neue Verrechnungseinheiten in den Händen der Bürger entstehen.

Sie glauben das nicht? Warum dann, lesen gerade Sie hier auf cashkurs.com? Irgendetwas GROßES passiert gerade, nicht nur mit Ihnen, sondern weltweit! Manchmal greife ich in meine Hosentaschen und hole zwei Zettel mit einem alten jüdischen Sprichwort heraus.

Auf dem einen steht: „Du bist nicht einmal ein Staubkorn im Universum.“

Auf dem anderen:  „Nur für Dich wurde es gemacht!“

Occupy yourself!